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Als sich ein Bürgermeister "aufopferte"

Der Bürgermeister Vorlauf


Als der edle Herzog Wilhelm, der Freundliche, im Jahr 1406 in Folge eines Sturzes vom Pferde seinen Tod fand, brach eine gar traurige Zeit über Österreichs Länder herein.


Der Herzog Leopold IV., der Prächtige genannt, welcher die österreichischen Vorlande verwaltete, entzweite sich mit seinem Bruder Ernst, dem Eisernen, vornehmlich wegen der Vormundschaft über ihren unmündigen Vetter Albrecht V., den Sohn des Herzogs Albrecht IV. von Österreich. In Folge dieses unglückseligen Zwistes, welcher sich der Hauptstadt Wien und dem ganzen Land mitteilte, entstanden zwei feindliche Parteien, die nicht müde wurden, sich gegenseitig zu verfolgen und zu befehden.


Am 7. Juli 1408 war für Wien ein Tag des Schreckens und Entsetzens angebrochen. Herzog Leopold IV., der gegen diejenigen Wiener Bürger, die es mit seinem Bruder Ernst hielten und sich seinen Anordnungen widersetzten, finstere Rache brütete, ließ sechs derselben gewaltsam ergreifen und auf dem Schweinemarkt (Bürgerspitalsplatz) öffentlich enthaupten. Die unschuldigen Todesopfer waren: Der Bürgermeister Konrad Vorlauf, ein achtungsvoller Biedermann, die Ratsherren Rudolf Angerfelder, Johann Rock, Konrad Rampersdorfer, Heinrich Schoul, Leopold Moßbrunner und der reiche Kürschnermeister Stichel.


Als der Scharfrichter den alten Rampersdorfer (Hormayer nenn den Anderfelder) zuerst vornehmen wollte, trat der großherzige Bürgermeister hervor und sprach:


"Ich bin euer aller Ratgeber und Anführer für das Recht Albrechts, unseres rechtmäßigen Herrn, und unserer lieben Stadt gewesen. Hätte zwar nicht gemeint, durch Erfüllung meiner Pflicht den Tod zu verdienen, allein, da es mit uns doch so weit gekommen, will auch euer Vorläufer in der Tat, wie dem Namen nach sein."


Somit setzte er sich auf den schwarz bedeckten Stuhl. Dem Henker traten die Tränen in die Augen; er ließ das Schwert sinken. Da sprach Vorlauf wieder:


"Was zagest du denn? Ich verzeihe dir diesen Schwertstreich, den ich unschuldig leide und bitte dich allein, dass du ihn männlich vollziehst."


Über diese Tat wurde Leopold IV. vom ganzen Land, von den bayrischen Herzögen, vom König Sigmund von Ungarn angefeindet und befehdet. Ernst eilte herbei, die Ermordeten zu rächen. Endlich gelang es (1409) dem weisen Bischof Georg von Trient zwischen den zwei Brüdern Frieden zu stiften.

 

Textquelle: Zeitspiegel: Eine chronologische Ährenlese aus der österreichischen Völker- und Staaten-Geschichte. Zur Belehrung und Erheiterung für die reifere Jugend von Joseph Alois Moshamer 1866
Bildquelle: Geschichte der Stadt Wien. Wien, 1872

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