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Weshalb haben Geister meistens keinen Kopf?

Volkssagen, Volksglauben über kopflose Geister - Märchen und Sagen

In diesem Blogartikel wollen wir auf den Umstand hinweisen, dass die Geschichten um kopflose Geister einen sehr geschichtlichen Hinter-grund haben. In der folgenden Erzählung aus der alten Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde, von der wir weitere interessante Artikel demnächst veröffentlichen werden, wird auf die alte Volkssage der Seelenwanderung und der untoten Geister näher eingegangen. Und nebenbei: bis heute halten sich solche Geschichten über kopflose Geister, wenn auch im Fall Hollywood im Film Sleepy Hollow etwas veralbernd dargestellt, und bringen noch immer das Publikum zum gruseln.

 

 

"Beinahe in ganz Deutschland ist der Volksglaube verbreitet, dass die Geister und gespensterhaften Wesen kopflos erscheinen. So hat der Schimmelreiter in Schwaben gar keinen Kopf oder er trägt ihn unter dem Arm (s. Meyers Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, drittes Kapitel). Ebenso tritt der Schimmelreiter in den niedersächsischen Sagen auf (s. Schambach und Müller Niedersächsische Sagen, S. 199 etc.), die auch einen anderen Mann ohne Kopf kennen (S. 202). Der wilde Jäger bei Streitbeck (Wolfs Beirische Sagen, S. 16) geht ohne Kopf um. Sehr häufig wird erzählt, dass Marksteinverrückter ohne Kopf erscheinen. Als Grund dieser Erscheinungsweise wird oft angegeben, es sei dem marksteinverrückter zur Strafe seines entdeckten Frevels der Kopf abgepflügt worden. Lässt man in Märchensagen diesen gesuchten Grund gelten, so gibt es doch noch sehr viele Sagen anderer Art, in denen das kopflose Erscheinen der Geister nicht im Geringsten motiviert erscheint. Dies zeigt sich in Tirol umso auffallender, da hierzulande wohl der Glaube, dass Geister ohne Kopf umgehen, sich vorfindet, aber in den Geistersagen diese Erscheinungsweise nicht erklärt wird.


Es frägt sich nun, warum erscheinen Geister in dieser Weiße? Die Antwort wird nicht schwer, wenn man einen Volksglauben zu Rate zieht, der sich gegenwärtig noch in einer Gegend Tirols erhalten hat. In und bei Biberwier hat das Volk die Überzeugung, dass der Kopf der Sitz der Seele und des Lebens sei. Als vor einigen Jahren ein Wildschütze [ein Wilderer] aus jener Gegend von bayrischen Jägern erschossen worden und sein Leichnam in einen schaurigen Abgrund gefallen war, zogen einige seiner Kameraden heimlich dorthin, seilten einen in die Tiefe hinunter und dieser musste dem Toten den Kopf abschneiden und heraufbringen. Der unter Lebensgefahr geholte Kopf wurde nach Biberwier gebracht und dort auf dem Gottesacker beigesetzt. Die Burschen waren nun getröstet, denn die hatten den Wahn, der Tote habe nun Ruhe, weil der Kopf, "das Haus der Seele", bestattet sei. Nimmt man diese Volksansicht zu Hilfe, so erklärt sich der Glaube an das kopflose Erscheinen der Geister nicht schwer. Das Fehlen des Kopfes bezeichnet sie als verstorbene, sie erscheinen ohne Kopf, weil die Seele und das Leben, die ihren Sitz im Kopf haben, von ihnen gewichen sind. Diese Volksansicht, dass die Seele im Kopf hause, bestätigt auch ein Märchen, das ich von einer Schweizerin hörte und dessen Inhalt ich hier kurz mitteile.


Ein armes Mädchen wurde von seiner Stiefmutter aus dem Haus gejagt. Das arme Kind ging fort und verirrte sich in einem großen Wald. Als es nachtete, sah es in der Ferne ein Licht. Das Kind folgte dem Schein, kam vor ein stolzes Haus und läutete an. Auf dies sah ein Totenkopf aus dem Fenster und sagte: "Liebes Kind, wenn du mich herauftragen willst, werde ich hinunterkugeln und die Türe aufmachen. Hinter kann ich kommen, aber nicht herauf, denn ich kann nur kugeln." Das Mädchen versprach es. Da kullerte das Totenköpflein über die Stiege hinunter und machte die Tür auf. Das Mädchen dankte, nahm das Totenköpfchen in seine Schürze und trug es ins Schloss hinauf. Da sprach das Totenköpflein: "Koche für uns beide einen Schmarren, an Eiern und Mehl fehlt es in der Küche nicht." Das Mädchen gehorchte. Während des Kochens fielen Totenbeine und allerlei Zeug aus dem Kamin. Als der Schmarren gekocht war, musste das Mädchen das Totenköpfchen auf dem Tisch stellen und siehe, auf der Seite des Köpfleins wurde der Schmarren kohlschwarz. Nach Tische sprach das Totenköpflein: "Jetzt kannst du schlafen gehen, aber aufgepasst! Um 12 Uhr wird ein Totengerippe zu dir kommen und doch aus dem Bett reißen wollen. Wenn du dich aber nicht fürchtest, kann es dir nichts anhaben." Schlag 12 Uhr kam unter fürchterlichem Lärm ein scheußliches Gerippe zum Mädchen und wollte es aus dem Bette reißen. Jedoch das Kind fürchtete sich nicht und der Lärm ging vorüber. Als es morgens erwachte, stand eine schneeweiße Jungfrau vor dem Bett und sprach: "Liebes Kind, du hast mich arme Seele erlöst. Als Lohn dafür behalte das Schloss mit allem was darin ist. Gott vergelt es dir." Bei diesen Worten flog die Jungfrau als weiße Taube davon und das Mädchen war seitdem gar reich und glücklich. In diesem Märchen erscheint eine arme Seele geradezu als Totenköpfchen. Im Köpflein allein geht hier die Seele um, die wegen Vergehen nach dem Tode noch an das Diesseits gebannt war."

 

Textquelle: Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde. Band 4. 1859, Göttingen.

Warum haben Geister keinen Kopf - kopflose

Bildquelle oben: "High Life in France under the Republic: social and satirical sketches in Paris and the Provinces", 1884, London.
Bildquelle unten: "The Ingoldsby Legends. Illustrated by Cruikshank, Leech, and Tenniel. (People's edition.)", 1881, London

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