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Zustand der Indianer in staatlichen Reservaten in New York

Symbolbild eines Indianerhäuptlings

"Im Ganzen genommen befinden sich ungefähr 150.000 Indianer in Reservationen und 130.000 derselben sind bereits in der glücklichen Lage, unabhängig dazustehen und sich selbst ernähren zu können. Im Staat New York befinden sich die Überreste der einst so mächtigen Six Nations, die auf acht Reservationen untergebracht sind. Ihre 31 Schulen, von denen 27 vom betreffenden Staat und die anderen von religiösen Gesellschaften unterhalten werden, werden von über 1.200 Kindern besucht. Von 27 daselbst wirkenden Lehrern sind 9 Vollblutindianer, die durch teilweise Unterstützung ihres Staates eine gründliche Ausbildung für ihren Beruf genossen haben. Die von ihnen geleiteten Schulen werden von den indianischen Kindern auffallend bevorzugt. Die größte jener Schulen, welche mit dem Thomas'schen Waisenhaus auf der Cattaraugas-Reservation in Verbindung steht, wird nur von indianischen Lehrern geleitet und können sich ihre Leistungen mit denen einer amerikanischen Landschule vorteilhaft messen. Das Thomas'sche Institut für arme und verwaiste Indianerkinder, das durchschnittlich 90 Schüler beherbergt, wurde von dem Baltimorer Quäker Philip Thomas gegründet und ist eine der nützlichsten Anstalten derart. Die dortigen Schülerinnen erhalten außer dem gewöhnlichen Schulunterricht auch Unterricht in allen häuslichen Arbeiten. Die Knaben werden in den Stunden, die ihnen die Schule frei lässt, auf der Farm und in den Werkstätten beschäftigt. Im Jahr 1876 hatten jene Knaben 26 Acker mit Besenholz bepflanzt und die daraus verfertigten Besen wurden für 880 Dollar verkauft.


Jene Reservation ist von ungefähr 5.000, meistens dem Stamm der Senecas angehörenden Indianern bewohnt und, wie der jährliche Zensus deutlich beweist, so nimmt die Bevölkerungszahl in einem gewöhnlichen Maß zu. Das Land ist gemeinschaftliches Eigentum jenes Stammes. Doch schwebt leider wie ein Damoklesschwert das sogenannte Praemtions-Recht der Ogden-Landkompanie über dieser und noch zwei anderen Reservationen, nämlich der Allegany und der Cornplanter Reservation, wodurch verhindert wird, dass die Senecas ihr Land einzelnen Familien als individuelles Eigentum überlassen können. Dass dieser Umstand der Vervollkommnung ihrer sozialen Zustände, wie ihrem Fortschritt in der Zivilisation hinderlich ist, ist eine stereotype Klage der dortigen Agenten, ohne dass man übrigens bis jetzt ernstlich darauf bedacht war, die nötige Abhilfe zu schaffen.


Auf jener Reservation hält auch der nach den Gesetzen New Yorks inkorporierte landwirtschaftliche Verein der Irokesen seine jährlichen, mehrere Tage dauernden Feste ab. Die Feldprodukte, die sie daselbst zur Ausstellung bringen, ernten und verdienen das höchste Lob. Auch wurde daselbst einst eine von den leitenden Geistern der Six Nations organisierte Temperenz-Versammlung abgehalten, bei welcher Gelegenheit vier einheimische Musikkorps spielten und großen Enthusiasmus hervorriefen. Die Indianer kamen in großer Anzahl und füllten die dortige, sehr geräumige Presbyterianer Kirche bis auf den letzten Platz. Aus den Verhandlungen ging deutlich hervor, dass man Ernst machte, sich mit vereinten Kräften gegen das verderbliche Feuerwasser zu schützen. Die Folge war, dass sich auf allen Reservationen Temperenz-Vereine bildeten und sich die Agenten williger zeigten, jene Leute, welche dem Gesetz zuwider Spirituosen verkauften, gerichtlich zu verfolgen.


Die auf der Allegany- und Cattaraugas-Reservation wohnenden Indianer, welche zusammen den offiziellen Namen „Seneca Nation of Indians“ führen, haben eine selbstständige, demokratische Regierung und wählen jährlich ihren Präsidenten, Schatzmeister, Schreiber und sonstige Beamte durch Abstimmung.


Die Cornplanter-Reservation, welche am Allegheny-Fluss, Warren County, Pennsylvania, liegt und 761 Acker sehr guten Landes enthält, wurde vom Staat Pennsylvania dem Häuptling Cornplanter und dessen Nachkommen geschenkt, weil derselbe durch seinen Einfluss am Ende des vorigen Jahrhunderts die Six Nations abgehalten hatte, sich dem damaligen Indianeraufstand anzuschließen. Jene Reservation, die von 80 Personen bewohnt ist, befindet sich in äußerst blühendem Zustand. Jede Familie besitzt ein Stück Land als unantastbares Eigentum, ein Umstand, der nicht wenig zur Hebung des Wohlstandes und zur Beförderung der Industrie beigetragen hat.


Auch die Tonawanda-Reservation, in den Countys Erie, Genessee und Niagara des Staates New York liegend, gewährt im Allgemeinen einen günstigen Eindruck. Doch ist der Fortschritt in den verschiedenen Industriezweigen ein langsamer, und zwar hauptsächlich deshalb, weil niemand aus dem vorhin angegebenen Grund Land als unabhängiges Eigentum besitzen kann. Jene Reservation besteht aus etwa 7.000 Ackern, auf welchen rund 600 Personen wohnen. Die dortigen Indianer erhalten mehr Jahrgelder als irgendein anderer Stamm der New Yorker Agentur. Sie besitzen drei Tagesschulen (day-schools), die ganz erfreulich besucht werden.


Die Tuscaroras, die früher, als sie noch in North Carolina wohnten, sehr kriegslustig waren, vereinigten sich nach manchen schweren Schicksalsschlägen im Jahr 1722 mit den aus Mohawks, Senecas, Onondagas, Oneidas und Cayugas bestehenden Irokesen und gründeten 1780 in der Nähe der Niagarafälle eine Niederlassung, auf der sie sich erfolgreich dem Ackerbau widmeten. Gegenwärtig besitzen sie über 6.000 Acker Land und zählen rund 400 Seelen. Schon 1831 errichtete einer ihrer Häuptlinge ein Schulhaus auf dieser Reservation und seit jener Zeit legen sie großen Wert auf einen guten Schulunterricht. Die Tuscaroras sind im Ganzen genommen fleißige und sparsame Leute. Ihre Farmen, Ackerbaugeräte und Feldprodukte halten einen günstigen Vergleich mit denen ihrer weißen Nachbarn aus.


Die Reservation der Onondagas, die aus den Dörfern Fayette und Onondaga besteht und sich ungefähr sieben Meilen von Syracuse befindet, ist 6.100 Acker groß, von denen der größte Teil an weiße Farmer vermietet ist. Die Nähe einer großen Stadt hat unstreitig die moralische Entwicklung der Indianer gehemmt und viele zu Tagedieben und noch Schlimmerem gemacht. Die Häuptlinge ermahnen zwar ihre Leute, das Land anstatt zu vermieten selbst zu bebauen und ihre Kinder regelmäßig in die Schule zu schicken, aber diese Worte fallen leider zu oft auf felsigen Boden. Die Methodisten und Episkopalen haben sich ihres Seelenheils und des Unterrichts der Jugend angenommen. Auch unterhält außerdem der Staat eine öffentliche Schule daselbst, sodass es also wenigstens nicht an der nötigen Gelegenheit fehlt, die Kinder im Sinn der Zivilisation erziehen zu können.


Die gegen 250 Seelen zählenden Oneidas bekennen sich zur bischöflichen Methodistenkirche und haben einen Eingeborenen zum Prediger. Sie sind ausgezeichnete Farmer.


Die sogenannten Saint-Regis-Indianer, welche Nachkommen der Mohawks sind, wohnen teils auf kanadischem, teils auf New Yorker Boden und bekennen sich größtenteils zur katholischen Religion. Das Dorf Saint Regis besteht aus 100 Loghäusern und hat eine ziemlich regelmäßig besuchte Schule. Die amerikanische Abteilung steht unter Leitung dreier jährlich erwählter Häuptlinge, deren Hauptrecht darin besteht, jedem Indianer ein unbebautes Stück Land auf zehn Jahre vermieten zu dürfen.


Alles in allem sind die Indianer der New Yorker Agentur gesittete und fleißige Leute, die auch zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges bewiesen, dass sie zuverlässige und treue Anhänger einer ungeteilten Union waren. Der letzte Mord, der bei ihnen vorkam, fand 1873 auf der Tonawanda-Reservation statt. Es stellte sich bei der Untersuchung heraus, dass alle dabei Beteiligten im Rausch gehandelt hatten. Alle Schulberichte jener Agentur stimmen darin überein, dass die indianischen Kinder schnell lernen und begreifen und dass sie die von amerikanischen Lehrern geleiteten Schulen unregelmäßiger als die von Leuten ihrer Nationalität geführten besuchen. Fernerhin zeigt der jährliche Zensus, dass man wegen ihres Aussterbens nicht besorgt zu sein braucht, denn sie vermehren sich ebenso schnell wie die Weißen."

 

Textquelle: Mythologie und Zivilisation der nordamerikanischen Indianer

Quelle Symbolbild: "By Track and Trail. A journey through Canada", 1891, London.


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