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Der Dolch

Der Dolch (franz. poignard, dague, engl. dagger, ital. pugnale, von dem lateinischen pugione herkommend), in seiner deutschen Bezeichnung von dem lateinischen dolequinus abgeleitet, ist eine Blankwaffe mit kurzer Klinge, lediglich auf den Stoß berechnet. Er kommt seit seinem ersten Auftreten, welches wir, nach den vorhandenen Funden zu urteilen, bis in die Steinzeit setzen müssen, in allen Nationen unter verschiedenen und wechselnden Bezeichnungen vor. Im Deutschen wahrscheinlich vom fränkischen daga hergeleitet unter dem Namen Degen bis ins 16. Jahrhundert. In der Erinnerung an die alten Gottesgerichte erhielt er im 14. Jahrhundert den Namen gnadgott, eine Übersetzung des italienischen misericordia. Erst im 16. Jahrhundert finden wir in Deutschland diese Waffe als „Dolch“ angesprochen.

Fig. 329. Orientalischer Panzerstecher mit Fassung aus vergoldetem Messing und mit Nephrit Steinen besetzt. Kais. Waffensammlung zu Zarskoë-Selo.

 Fig. 329. Orientalischer Panzerstecher mit Fassung aus vergoldetem Messing und mit Nephrit Steinen besetzt. Kais. Waffensammlung zu Zarskoë-Selo.

 

Unter dem Einfluss der späteren Italiener werden die dortigen Bezeichnungen teils übersetzt, teils in der fremden Bezeichnung auch in Deutschland und Frankreich üblich.

 

In den nördlichen Ländern bildete sich der Dolch aus dem gewöhnlichen Messer heraus, das sich auch für den Streit von selbst als zweckentsprechend darbot. So ist der Sax der Germanen nichts als eine Art breites Messer gewesen, das, allgemach sich verlängernd und schwerer werdend, zum Langsax und zum Scramasax gedieh, die schon den Charakter des Schwertes annahmen und ihrer Form nach auch anders gehandhabt wurden.

Fig. 330. Dolch, sogenannter „Gnadgott“, mit Griff aus schwarzem Horn. Die vierseitige, hohlgeschliffene Klinge ist mit gravierten Arabesken geziert. Die schadhafte Scheide aus gepresstem Leder besitzt zwei Besteckscheiden für ein Schnitzmesser und einen

 Fig. 330. Dolch, sogenannter „Gnadgott“, mit Griff aus schwarzem Horn. Die vierseitige, hohlgeschliffene Klinge ist mit gravierten Arabesken geziert. Die schadhafte Scheide aus gepresstem Leder besitzt zwei Besteckscheiden für ein Schnitzmesser und einen Pfriem. Deutsch. 15. Jahrhundert.

 

Fig. 331. Dolch von einem Grabstein. Deutsch. Zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Nach Eye, Kunst und Leben der Vorzeit.

 Fig. 331. Dolch von einem Grabstein. Deutsch. Zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Nach Eye, Kunst und Leben der Vorzeit.

 Fig. 332. Dolch samt Scheide von einem Grabstein im Kloster Zimmern, unweit Nördlingen. Deutsch. Ende des 13. Jahrhunderts. Nach Eye, Kunst und Leben der Vorzeit.

 

Der Dolch ist eine Waffe für den Nahkampf und seiner Wirkung nach für eine kurze, rasche Entscheidung berechnet, nicht selten wurde er unter Anwendung von Hinterlist gebraucht. Im Mittelalter erscheint er als Hilfswaffe, um den bereits durch eine andere Waffe kampfunfähig gewordenen Gegner vollends zu töten, somit das Kampfziel ganz zu erreichen. Aus dieser Bestimmung erstanden die Bezeichnungen misericordia und gnadgott für die Waffe und im Deutschen das Wort „Gnadenstoß“ für deren Gebrauch. Mit dem Dolch wurde es möglich, zwischen die Fugen des Harnisches (Hauberts, Lentners) einzudringen und selbst die Maschen des Panzerhemdes zu durchstoßen. (Fig. 330.)

 

Im Gegensatz zu allen übrigen Blankwaffen wird der Dolch in der Regel derart in der Hand geführt, dass der kleine Finger an der Parierstange oder dem Ansatz, der Daumen am Knauf liegt.

Fig. 333. Grabrelief in Bronze des Sir Nicolaus Dagworth at Blickling in der Kirche zu Norfolk. Der Dolch hängt an der rechten Seite des Dupsing. 1401. Nach Hewitt.

 Fig. 333. Grabrelief in Bronze des Sir Nicolaus Dagworth at Blickling in der Kirche zu Norfolk. Der Dolch hängt an der rechten Seite des Dupsing. 1401. Nach Hewitt.

 Fig. 334. Grabrelief in Bronze des Sir John Wylcotes in der Kirche zu Great Tew in Oxfordshire von 1410. Der Dupsing an den Bauchreifen dient als Träger des Schwertes und des Dolches. Nach Hewitt.

 

Stand der Dolch auch, wie erwähnt, von den ältesten Zeiten in den nordischen Ländern und im Orient in Gebrauch, eine systematische Verwendung desselben als bestimmtes Ausrüstungsstück erhielt er erst im 13. Jahrhundert, von welcher Zeit an zunächst die Vornehmeren, neben dem Schwert auch den Dolch führten. Von da an wird dieser eine allgemeine Kriegswaffe, während er vorher durch Jahrhunderte nur in einzelnen Fällen als solche gedient haben mochte. Er wird an der rechten Seite an einer Kette hängend getragen, welche oberhalb an der rechten Brustseite befestigt ist, um die Waffe im Handgemenge nicht zu verlieren. (Fig. 331, 332.) Nicht immer wird er mit einer Scheide getragen, besonders dann nicht, wenn die Kette am Knauf befestigt ist. Von der Zeit an, in welcher von den Feudalen jener breite Gürtel an den Lenden getragen wird, der gewissermaßen als ein Würdenzeichen ritterlichen Stammes anzusehen war, und der im Deutschen dupsing genannt wird, um 1340, wird der Dolch an diesem hängend getragen (Fig. 333, 334). Im 15. Jahrhundert tragen ihn die Ritter anfänglich an der rechten Seite der Bauchreifen, wo er an starken eisernen Ringen hängt; später an derselben Seite am Gürtel hängend. In den Städten ist es Gebrauch, den Dolch, um das Herumschlenkern desselben zu vermeiden, in Verbindung mit der üblichen Ledertasche zu tragen (Fig. 335); so in Deutschland und Burgund fast ausnahmslos. Vom 14. Jahrhundert an ist der Dolch in Italien der unzertrennliche Begleiter des Mannes, er trägt ihn an der rechten Seite oder auch vor der Mitte des Leibes an einem Riemen herabhängend. Von Spanien aus verbreitet sich am Ende des 15. Jahrhunderts der Gebrauch, den Dolch am Rücken mit dem Griff nach abwärts gerichtet zu tragen, eine Mode, die auch von den deutschen Landsknechten und den Schweizern angenommen wird.

Fig. 335. Grabbild eines Grafen in der Kathedralkirche zu Neuchâtel. Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Gestalt trägt am Dupsing die Ledertasche, hinter welcher der Dolch steckt. Nach Jacquemin.

Fig. 335. Grabbild eines Grafen in der Kathedralkirche zu Neuchâtel. Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Gestalt trägt am Dupsing die Ledertasche, hinter welcher der Dolch steckt. Nach Jacquemin.

 

Der Form der Klingen nach unterscheidet sich der lange von jenen kleinen Dolchen mit kurzen Klingen, die namentlich von Italien aus Mode werden und in Dimensionen vor Augen treten, die sie mehr als Spielzeug und Gegenstand der Koketterie erscheinen lassen, wie die Damendolche, die stiletti und fußetti. In den Querschnitten der Klingen finden sich alle denkbaren Formen; sie erscheinen eben sowohl kreisrund als drei- und vierschneidig, blattförmig mit Grat und gerippt mit Blutrinnen, Giftzügen und komplizierten Hohlschliffen. Die ältesten Dolche, welche in nordischen Ländern in der Erde gefunden werden, haben größtenteils breite, blattförmige, kolbige Klingen. (Fig. 336.) Dolche mit einschneidigen, somit messerartig geformten Klingen werden gemeiniglich Dolchmesser (couteaux) genannt. (Fig. 337, 338.) Die Kunst des Klingenschmieds hat sich an den Dolchklingen nicht minder bewährt, als an jenen der übrigen Blankwaffen. So finden wir solche mit Giftzügen von ganz außerordentlicher Feinheit in der Ausführung. Vorzugsweise war die Dolchklinge im Orient der Gegenstand einer minutiösen und kunstreichen Ausführung, die in einzelnen Fällen an das Wunderbare streift.

Fig. 336. Fränkische Dolchklinge aus Eisen, 13 cm lang. Grabfund vom Kirchberg bei Andernach. Provinzial-Museum in Bonn.

Fig. 336. Fränkische Dolchklinge aus Eisen, 13 cm lang. Grabfund vom Kirchberg bei Andernach. Provinzial-Museum in Bonn.

 

us Indien kommen die damaszierten Klingen, die bei kräftiger Textur ganz schwarz erscheinen; von da und aus Persien die in Tausia verzierten; bei diesen finden sich auch Tierfiguren in Silber und Gold mit Zuhilfenahme des Niello eingestreut. Aus Damaskus, Bagdad und von den syrischen Küsten stammen jene schönen Dolchklingen aus damasziertem Stahl mit Flachreliefs und auch aufgeschlagener Tausia an den Ansätzen, in welche zuweilen kleine Korallen gefasst sind, eine Zierart, die wir häufig auch an Handschars und Yatagans treffen. (Fig. 339, 340.) Eine staunenswerte Technik aber bekunden jene indischen Klingen, welche dem Grat entlang geschlitzt sind und in deren Schlitzöffnung eine Reihe kostbarer Perlen derart eingeschmiedet erscheinen, dass sie beiderseitig sichtbar sind. Diese wunderbare Technik findet sich auch an Säbelklingen vertreten. Wir haben die Abbildung einer solchen am betreffenden Ort gebracht. Im Okzident ist gemeiniglich nur der Dolch mit gerader Klinge im Gebrauch, nicht selten auch das einschneidige Dolchmesser, welches in Frankreich im 15. Jahrhundert von dem Fußvolk geführt wurde, davon ihr Name coustilliers stammt. Vom 15. Jahrhundert an finden wir Dolche mit geflammten Klingen. Eine besondere Verwendung hatten die Degenbrecher, welche am Beginn des 16. Jahrhunderts aus Spanien sich verbreiten. Ihre Klingen besitzen an einer Seite tiefe, zahnförmige Einschnitte. An den vorderen Enden der Zähne befinden sich kleinere bewegliche Zähne, welche zwar das Eindringen der gegnerischen Klinge in den Einschnitt, nicht aber deren Zurückziehen gestatten. (Fig. 341.) Die Dolche des 14. und 15. Jahrhunderts besitzen zumeist drei- oder vierschneidige, starke Klingen. Die Scheiden jener Zeit sind aus Elfenbein oder aus Holz gefertigt oder mit Leder überzogen, welche häufig in schönen gotischen Dessin getrieben oder gepresst sind. An vielen findet sich ein Besteck für ein kleines Messer, daneben auch wohl für einen Pfriem. Auf reichgezierte Dolche wurde im ganzen Mittelalter ein besonderer Wert gelegt. (Fig. 342, 343.) Landsknechtdolche zeigen lange, schmale aber starke Klingen. Die Griffe wie die Scheiden sind häufig, wenn auch nur roh mit Elfenbein- oder Hirschhorneinlagen geziert. (Fig. 344, 345.)

Fig. 337. Einschneidiger Dolch. Der Griff aus Bronze mit Auflagen von emailliertem Silber und der Inschrift: VICES.DVRANT. In der Seine gefunden. Anfang des 14. Jahrhunderts. Französisch. Sammlung Ressmann, nach Gay, Glossaire.

 Fig. 337. Einschneidiger Dolch. Der Griff aus Bronze mit Auflagen von emailliertem Silber und der Inschrift: VICES.DVRANT. In der Seine gefunden. Anfang des 14. Jahrhunderts. Französisch. Sammlung Ressmann, nach Gay, Glossaire.

 Fig. 338. Dolchmesser in der Fassung eines Degens. Der Griff aus Bein, geästet, besitzt am Knauf eine Scheibe und ein ähnliches Stichblatt. Die messerförmige Klinge ist am Ansatz etwas graviert und vergoldet. Zweite Hälfte 15. Jahrhundert. Fassung deutsch, Klinge italienisch.

 

Fig. 339. Türkischer Dolch mit krummer Klinge mit Fassung aus vergoldetem Silber von ungarischer Arbeit. Bez. 1543.

Fig. 339. Türkischer Dolch mit krummer Klinge mit Fassung aus vergoldetem Silber von ungarischer Arbeit. Bez. 1543.

Fig. 340. Gerader orientalischer Dolch mit Griff aus Elfenbein, das mit Türkisen und Rubinen besetzt ist. Die Klinge besitzt Giftzüge.

 

In Italien werden zuerst die kleinen Dolche getragen. Man findet solche von feinster Arbeit bereits im 14. Jahrhundert. Im 14. und 15. Jahrhundert genossen die in Bordeaux erzeugten, burgalaise oder bordelaise genannten, kleinen Dolche großen Ruf. Sie besaßen jedoch kaum andere, als die gewöhnlichen italienischen Formen. Eine eigene Art von Dolchen mit dreiseitigen Klingen, sehr langen Griffen und kreisrunden Parierringen war im 15. Jahrhundert als Sieneser bekannt. In großen Massen für den venezianischen Markt wurden die Dolche in Belluno, für den französischen in Brescia erzeugt. Aus jenem Ort gelangen die sogenannten fußetti nach Venedig, bei denen eine nummerierte Gradeinteilung auf den Klingen eingeschlagen ist. Es sind die Waffen der venezianischen Marine-Bombardiere; die Gradeinteilung soll ein Kalibermaß darstellen, ist aber nur fingiert. Durch diese Beigabe erschien die Waffe als artilleristisches Werkzeug und die Bombardiere konnten damit in Venedig, in welcher Stadt niemand bewaffnet gehen durfte, unbeanstandet paradieren. Im 16. Jahrhundert kommt in Spanien zuerst eine Fechtmethode im Zweikampf in Aufnahme, nach welcher der Fechtdegen (espada de matador) in der Rechten zum Ausfall, der Dolch aber mit der Spitze nach abwärts zur Parade geführt wird. Dolche der Art erscheinen unter dem Namen mano izquierda (linke Hand) und unterscheiden sich von anderen durch eine rappierartige Klinge, kurzen Handgriff, lange Parierstange, besonders aber durch ihren dreiseitigen, zuweilen durchbrochenen Korb an der äußeren Seite. Von der Mitte des Jahrhunderts werden sie zahlreich auch in Italien erzeugt. (Fig. 346.)

Fig. 343. Langer Dolch mit Griff und Stichblatt aus Bergkristall mit schön ziselierten Beschlägen aus vergoldetem Silber. Die geschliffene Klinge enthält Inschriften in vergoldeter Gravierung. Burgundisch um 1480.

 Fig. 341. Degenbrecher mit 12 Zähnen. Das Gefäß ist aus Eisen. Nach Meyrik. Ende 16. Jahrhundert.

Fig. 342. Dolch mit Griff und Scheide aus geschnitztem Elfenbein und mit Silberbeschlägen. Unter den Ornamenten erblickt man das Wappen der westfälischen Familie von Graes. Archiv der Stadt Coesfeld in Westfalen. Nach Hefner, Trachten etc.

 

Wie bei Stangenwaffen, so kommen auch bei Dolchen die sogenannten Springklingen in Verwendung. Von den beiden Seiten des Blattes trennen sich zwei Teile ab, welche, unterhalb in Scharnieren befestigt, durch einen Druck auf einen am Griff befindlichen Knopf, von Federkraft getrieben, nach auswärts schnellen. Der Zweck der Springklingen war, die Wunde zu erweitern. Nach vollführtem Stoß wurde an der Feder gedrückt und die Klinge in geöffnetem Zustand rasch aus der Wunde gezogen. Derlei Dolche treten schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zahlreich in Italien auf. (Fig. 347.)

Fig. 343. Langer Dolch mit Griff und Stichblatt aus Bergkristall mit schön ziselierten Beschlägen aus vergoldetem Silber. Die geschliffene Klinge enthält Inschriften in vergoldeter Gravierung. Burgundisch um 1480.

 Fig. 343. Langer Dolch mit Griff und Stichblatt aus Bergkristall mit schön ziselierten Beschlägen aus vergoldetem Silber. Die geschliffene Klinge enthält Inschriften in vergoldeter Gravierung. Burgundisch um 1480.

Fig. 344. Landsknechtdolch. Griff und Scheide mit Besteck aus Birnholz mit rohen figuralen Einlagen in Bein. Deutsch um 1540.

 

Im Orient ist der Dolch (pâlé) vom frühen Mittelalter her sowohl mit gerader, als gekrümmter Klinge in Gebrauch gewesen. Persische Dolche erscheinen in der Mehrzahl mit geraden, breiten, blattförmigen Klingen. (Fig. 348.) Der türkische Dolch besitzt eine krumme Klinge, ebenso der arabische; aus Jemen kommen auch Dolche mit geflammten Klingen. Besondere Formen zeigen die indischen und malaiischen Dolche (Kriss), welche gleichfalls in der Mehrzahl stark gekrümmte Klingen besitzen, mit Ausnahme jener, welche unter der Bezeichnung Hindu Khuttar bekannt sind und kurze, breite, fast dreieckig geformte Klingen, dabei aber gabelförmige Metallgriffe besitzen und ganz eigenartig gehandhabt werden. (Fig. 349, 350, 351).

Fig. 345. Reiterdolch mit Griff aus Eisen, langen Parierstangen und einfachem Parierring. Italienisch um 1560.

 Fig. 345. Reiterdolch mit Griff aus Eisen, langen Parierstangen und einfachem Parierring. Italienisch um 1560.

 Fig. 346. Fechtdolch, sogenannte „Linkehand“, mit Korb aus zierlich durchbrochenem Eisen. Italienisch um 1580. Siehe den zugehörigen Fechtdegen (Fig. 324).

 

Fig. 347. Dolch mit Springklinge. Der Griff ist aus geschnittenem Eisen und vergoldet. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Königl. hist. Museum in Dresden.

Fig. 347. Dolch mit Springklinge. Der Griff ist aus geschnittenem Eisen und vergoldet. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Königl. hist. Museum in Dresden.

 Fig. 348. Dolch mit Elfenbeingriff. An der gestutzten Parierstange erblickt man eine arabische Inschrift in Goldeinlage. Die geschnittene Klinge zeigt Ornamente im Flachrelief. Die Scheide aus schwarzem Samt mit getriebenen Blechbeschlägen in vergoldetem Silber. Persisch-arabisch. Sammlung des regierenden Fürsten Johann von und zu Liechtenstein.

 Fig 349. Malaiischer Kriss. Der Griff, aus Holz geschnitzt und bemalt, stellt einen sich den Bauch aufschlitzenden Menschen dar.

 

Ebenso wie bei den Schwertern finden wir auch an den Dolchen die mannigfachsten Griffformen. Die ältesten Dolche besitzen entweder gar keine oder nur kurze Parierstangen, dafür aber starke Stichblätter, erst im 14. Jahrhundert bildet man die Griffe den Schwertern ähnlich, anfänglich mit kurzen, abwärts gerichteten, später mit oft langen, geraden Parierstangen und einfachen oder doppelten Parierringen, welch letztere zuweilen irrig als Daumenringe bezeichnet werden. Aus den Maureskenstaaten kommen jene zweiflügeligen Knäufe (pommeaux à oreilles), die wir an Handschars erblicken, auch an Dolchen in Italien und Frankreich in Aufnahme, wo sie noch bis ins 16. Jahrhundert erzeugt werden. (Fig. 352.)

Fig. 350. Indischer Khuttar mit Griff aus Bronze und blattförmiger geschliffener Klinge. Kaiserl. Waffensammlung zu Zarskoë-Selo.

Fig. 350. Indischer Khuttar mit Griff aus Bronze und blattförmiger geschliffener Klinge. Kaiserl. Waffensammlung zu Zarskoë-Selo.

Fig. 351. Indischer Khuttar mit Griff aus Messing mit doppelter mit gehauenen Ornamenten verzierter Klinge. Kaiserl. Waffensammlung zu Zarskoë-Selo.

 

Es verlohnt sich der Mühe, zu beobachten, wie der Griff an orientalischen Dolchen aus den rohesten Formen heraus in gleichen Typen bis zur reichsten Ausstattung sich durchbildet und entwickelt. So der Griff am gemeinen türkischen Dolch aus einem Stück eingekerbtem Holz, der maurische aus einem Röhrenknochen, der indische aus einem Bambusrohr u. a.

Fig. 352. Dolch mit Griff in aufgeschlagener Goldtausia und zweiflügeligem Knauf (à oreilles). Klinge in Tausia, mit Inschriften geziert. Maurisch 19. Jahrhundert. Sammlung des Marquis de Villa-Secca.

Fig. 352. Dolch mit Griff in aufgeschlagener Goldtausia und zweiflügeligem Knauf (à oreilles). Klinge in Tausia, mit Inschriften geziert. Maurisch 19. Jahrhundert. Sammlung des Marquis de Villa-Secca.

 

Bei den orientalischen Dolchen haben Griffe und Scheiden gemeiniglich eine übereinstimmende oder doch einander ähnliche dekorative Ausstattung, und die von alters her hohe Entwicklung der dekorativen Kunst im Orient macht es begreiflich, dass hierzu die mannigfachsten Stoffe benutzt wurden. Zu Griffen verwendet man häufig Elfenbein oder den Zahn des Narwals, des sogenannten Einhornfisches, oder auch Rhinozeroshorn. Die Scheiden erhalten Überzüge von gewebten Stoffen, Leder, Schlangenhaut, Fischhaut, die geschliffen und ungeschliffen zur Anwendung kommt. Am häufigsten finden sich an Dolchscheiden Überzüge aus dünnem, vergoldeten Silberblech mit gepressten Ornamenten, die häufig, doch nicht immer, mit Emails geziert sind: eine alte, aus Byzanz stammende Technik. Ein ungemein häufig im Orient angewendetes Ziermittel bildet der Besatz mit Edelsteinen. Wir finden unter diesen außer anderen und weit kostbareren vorwiegend den grünlichen, orientalischen Türkis und den Granat vertreten. Bei der Beurteilung des Steinschmuckes ist zu bemerken, dass die gefassten Edelsteine im Orient mit den seltensten Ausnahmen nicht geschliffen, „gemugelt“, vorkommen. Selbst in unseren Ländern beginnt der brillantierte Schliff erst am Ende des 17. Jahrhunderts allgemeiner zu werden. Brillantierte Steine an orientalischen Objekten, vor dem 18. Jahrhundert datierend, sind daher zum mindesten als spätere Beigaben anzusehen; an europäischen Waffen treten sie nicht vor 1650 auf.

 

In den okzidentalen Ländern verliert sich der Dolch mit der Militarisierung des Heerwesens als der Taktik nicht entsprechend. Nur in der italienischen und speziell venezianischen Artillerie wird er noch im 18. Jahrhundert getragen. In der Marine bildet der Dolch noch heute einen Gegenstand der Ausrüstung als vorteilhafte Waffe im Nahkampf am Bord und in dem meist sehr kurz währenden Entergefecht. Unter den starren Lebensformen des Orients hat sich der Dolch wenigstens bei den Bewohnern und den irregulären Truppen noch bis heute erhalten; er tritt aber in neuester Zeit meist nur noch in der Form des Dolchmessers auf, das dem modernen Revolver in dem Leibgurt zugesellt erscheint. Die alten orientalischen Waffen verschwinden allgemach vor den wirksameren der Europäer, nicht lange mehr und sie gehören lediglich der Kunstgeschichte an.


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Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".

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