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Was der Schloss- und Festungsbau mit der Errichtung von Kathedralen gemeinsam haben

Schloss und Festungsbau Gemeinsamkeiten mit Kathedralen

So praktisch entworfen waren diese Grundrisse, d. h. so genau ihrem Zweck angepasst, dass man auch umgekehrt aus ihnen die innersten Gewohnheiten der Nutznießer herauslesen kann. Da für den durch die Chorschranken eingeschlossenen Raum etwa 10 bis 12 m Breite erforderlich waren, eine größere Spannung der Gewölbe bei den bedeutenden Höhen aber nur mit großer Gefahr und Schwierigkeit auszuführen war, so stellte man die ersten Stützenreihen naturgemäß an diese Chorschranken, ließ dann den Umgang, falls ein Kapellenkranz angeordnet ist, und weiter letzteren selbst folgen. Das war eine künstlerische Lösung, denn alle Erfordernisse waren im Grund- und Aufriss zum Ausdruck gebracht. Diese künstlerische Lösung fehlt bei Alby.


Der Grundriss von Alby entstand, wie wir schon anführten, aus Sparsamkeit, dann auch aus Gründen der Überlieferung und, wie gleich erörtert werden soll, mit Rücksicht auf die Befestigung. Die Kathedrale sollte als Festung dienen. Den Turm bildet ein riesiger Donjon ohne jede Öffnung in seinen Untergeschossen. Ebenso unzugänglich ist das Schiff. Seine Fenster sind klein und schmal, ein innerer Umgang ist zur Verteidigung angebracht. Nur ein Eingang, stark verwahrt, lässt die Andächtigen ein, und der vom bischöflichen Schloss führt durch die befestigten Sakristeien.


Kurz, wir haben es mit einem befestigten Gotteshaus der stärksten Art zu tun. Hätte man da ein basilikales System verwandt, wie sonst bei den mit Strebebögen ausgestatteten Schwesterkathedralen, dann würde dem Feind die Zerstörung eines solchen Bogens genügt haben, um den ganzen Bau zum Einsturz zu bringen. Den mittelalterlichen Baumeistern war der Schloss- und Festungsbau sehr geläufig und sie waren sich über diesen schwachen Punkt des üblichen Kathedralquerschnittes vollkommen klar. Der Baumeister von Alby wählte daher den sicheren Querschnitt, den er noch dazu aus alter Zeit vor Augen hatte. Aus ähnlichem Grund wuchsen wohl auch später in jenen Ländern, die von den hussitischen Horden zu leiden hatten, so zahlreich Hallenkirchen aus der Asche der niedergebrannten Städte empor. Denn die Basiliken hatten sich den Feuersbrünsten gegenüber als nicht sehr widerstandsfähig gezeigt. Die Strebesysteme gaben überdies, wenn man nicht über sehr wetterbeständigen Stein verfügte, fortwährend Anlass zu Erneuerungen und mit gleichem Kostenaufwand ließen sich stolzere und mächtigere Bauwerke erzielen. So erklärt sich alles abweichende und scheinbar Befremdende an der Kathedrale von Alby ungezwungen und von selbst, wenn man sie nur mit Kenntnis des Kathedralprogramms, ohne vorgefasste Ansichten und Vorurteile betrachtet.

 

Quelle: Hasak, Max: Die Predigtkirche im Mittelalter. 1893 - ISBN: 978-3-746720-07-4

Bildquellen unten: 'Homeward Bound after Thirty Years. A colonist's impressions of New Zealand, Australia, Tangier and Spain ... With ... illustrations'Reeves, Edward. London, 1892.
A Tour to Scarborough in 1803; including a Survey of the City of York. Hutton, William. London, 1817.

cathedral Sevilla Spain
Kathedrale Sevilla, Spanien
Westfront of York catethedral
Westfront der Kathedrale von York

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