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Grausame Mordgeschichte vom 16. August 1768

Mordprozess an dem Elternmörder Petrus Franciscus von Gravier 1768 in Paris

Grausame Mordgeschichte vom Dienstag, dem 16. August 1768
So sich 1772 in Paris zugetragen, von einem Kaufmannssohn,
Peter Franciscus von Gravier,
welcher seine Eltern auf eine unerhörte Weise ermordet, wie es in nachfolgender Geschichte zu vernehmen sein wird.

Honora Patrem tuum, & Matrem tuam, ut fis longgaevus super terram, quam Dominus Deus tuus dabit tibi.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lang lebst in dem Land, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.

Im 2. Buch Moses am 20. c.v. 12.

 

Dieses göttlichen Versprechens hat sich freilich verlustigt gemachet, der in Paris jüngsthin zu einem offensichtlich und warnenden Beispiel hingerichtete ruchlose Petrus Franciscus von Gravier. Dann, in der schönsten Blüte seiner Jugendtage, welche er auf 16. Jahr und 3 Monate gebracht, sammelte er schon die Früchte seines von der zarten Kindheit an frech, unartig, zaum- und zügellosem Lebens ein. Er zeigte einen verführenden Freigeist zu besitzen. Dannenhero er sich der elterlichen Zucht ungehorsam entzog, sich zu gleichen freigeistlichen Gesellen schlug, das Kleinod der edlen Zeit der mutwilligen Verschwendung, die unwiederbringliche zarte Jugend aber allen Lastern höchst strafbar aussetzte.

 

Die Eltern dieses ungeratenen Sohnes waren bemittelte Kaufleute. Peter Franz der einzige Sohn, dem die blinde Elternliebe zu ihrer beiden eigenen und ihres einzigen Sohns Untergang, durch Zulassung gefährlicher Ausschweifungen, den Weg bahnte. Dann, da er eines Tages mit seinesgleichen ausgelassenen Flüchtlingen den ganzen Tag, nach Gewohnheit, in üppigen Schlämmen und Schwärmen zubrachte, kam er des Nachts vom Wein überladen nach Haus und mit schon übel angewöhnter Ungestüme verlangte er von seiner Mutter kurzum Geld, um mit demselben zu seiner gleich bösartigen Gesellschaft zurückkehren zu können. Die bereits in dem siebenden Monat schwanger gehende Mutter widersetzte ihren Sohn, dass sie dermalen kein Geld bei sich hätte, er möchte sich zu seinem Vater, welcher sich bereits zur Ruhe begeben hätte, verfügen, sie zweifle nicht, er würde ihm Geld zu geben sich nicht weigern.

 

Peter Franz nicht mehr sein eigener Herr, sondern ein Sklave böser Reizungen, eilte als ein rasender Tiger der Bettstatt des schlafenden Vaters zu, fand denselben im ersten Schlaf ganz unempfindlich, zog sein bei sich zu tragen gewohntes Messer aus, ergriff den Vater bei den Haaren und schnitt ihm, ohne alle kindliche Empfindung über diese Höllentat zu haben, die Gurgel ab. Die Mutter, diese teuflische Untat erblickend, eilte ihren Ehemann zu retten hinzu. Allein (grauenvolle Untat), der ergrimmte nicht mehr Sohn, sondern Meuchel- und Vatermörder, stieß der hochschwangeren Mutter das von dem Blut ihres Ehemanns rauchende Mordmesser mit solcher Wut in den unteren Leib und drückte es so lange mit aller Gewalt in denselben, bis auch diese samt ihrer Leibesfrucht den Geist aufgab.


Nicht so geschwind war dieser dreifache Mord getan, als geschwind die noch von deren Eltern und unschuldigen Leibesfrucht vergossene Blut, warm besudelten Hände den Mörder den Hausgenossen und der Gerechtigkeit verrieten. Er wurde demnach ergriffen und nach Bekenntnis seiner unmenschlichen Tat durch das Rad zum Tod verdammt.

Das Todesurteil


Das der Inzichter Peter Franz von Gravier, allen seines gleichen ruchlosen Kindern zu warnenden Abscheu:

Erstlich im bloßen Hemd. Zweitens: Einen Strick um den Hals tragend aus dem Gefängnis des Gerichts gebracht. Drittens: Ihm vor Ausführung die Mörderhand abgehauen. Viertens: Mit langsamer Zerquetschung seiner Glieder, und zwar 1) Durch zwei an den Mörderarm. 2) Zwei an dem linken Arm. 3) Zwei an dem rechten Bein. 4) Zwei an dem linken Bein und Schienbein. 5) Ein auf die Nieren zu empfangene Stöße vom Leben zum Tod hingerichtet. Fünftens: Der Körper verbrannt. Sechstens: Die Asche in die Luft gestreut. Anbei siebentens: Diese schier nie erhörte Untat nebst dem Urteil, auf allerhöchst königlichen Spezial-Befehl, dem offenen Druck anvertraut und öffentlich bekannt gemacht werden sollte.


Die Moralrede


Oculum, qui fubfannat Patrem, & qui despicit partum Matris suae, effodiant eum corvi de torrentibus, & comedant eum filii aquilae. Prov. 30.

Du großes Aug der Welt, und allgemeines Licht,
Versteckt in Boy, und Flor dein goldenes Angesicht,
Lass nach der Abendsee die müden Pferde jagen,
O Sonne stürze dich mit deinem Feuerwagen.
In der Nacht und Finsternis, vollende deinen Lauf,
Vor dem gesetzten Ziel und geh nicht wieder auf!
Der Frevel ist zu groß, den Menschenkinder treiben,
Unmöglich könntest du am Himmel stehen bleiben,
Und diesen Greul besehen. Ach! Die verruchte Tat,
Deine eine freche Faust erst unternommen hat,
Lauft wider die Natur geht über alle Schranken
Und übersteigt die See der menschlichen Gedanken.
Nichts, gar nichts kommt ihr gleich. Ein ungeratener Sohn,
Das gräulichste Geschöpf, o Gott! kann sich erfrechen.
Den Vater, und zugleich die Mutter zu erstechen.
Der Bösewicht kommt nach Haus erhitzt vom Zorn und Wein,
Stürmt wie ein rasender auf seine Mutter ein,
Und fordert kurzum Geld, Geld fordert der Verruchte,
Und als er nicht sogleich erhalten, was er suchte,
Als seine Mutter sprach: Geh zu den Vater hin,
Der schon zu Bette liegt vielleicht bewegst du ihn,
Dass er dir eines gibt, ich habe dermal keines.
Springt der Verzweifelte vom Dampf des starken Weines
Wie eine Furie auf seinen Vater zu,
Der gute Vater lag in ausgestreckter Ruh,
Der arme schläft, sein Sohn ergreift ihn bei den Haaren,
Und schneidet, welch ein Herz voll teuflischer Barbaren!
Mit dem gezückten Stahl ihm Hals und Leben ab,
Und als der Mutter sich die größte Mühe gab,
Den Ehemann zu befreien von ihres Sohnes Armen,
Stößt dieses Höllenkind ohne mindestens Erbarmen
Das Werkzeug seines Grimms ihr in den Unterleib,
Und drückt so lange zu, bis das durchstochne Weib,
Samt ihrer Leibesfrucht tot sank zur Erde nieder,
Wer ist so hart, dem nicht hier beben alle Glieder?
Wer ist, der solche Tat nicht hundertmal verflucht?
O du nicht Menschensohn, nein! Grause Vespenzucht.
Wie kann es dir in Sinn den Vater zu ermorden?
Wie bist du ein Büßer an deiner Mutter worden?
Dem Vater, welcher dir nach Gott das Leben gab,
Schneid deine Mörderhand den Lebensfaden ab,
Wie deine Faust durchbohrt den Leib, der dich getragen,
Du kannst die Leibesfrucht im Mutterleib erschlagen?
Gottloser! Wie du hast diejenigen entleibt,
Von welchen sich das Blut aus deinen Adern schreibt,
Doch rase, rase nur du Auszug von Veronen,
Die Themis wird dich so, wie du verdienst, belohnen,
Denn Gottes Auge hat doch auch bei Nacht gesehen.
Du trägst auf deiner Stirn dein zeitliches Verdammen,
Du wirst ein Opfer sein des Rades und der Flammen.
Und seht! Die Rache hat schon ihren Zweck erreicht,
Der ungeratene Sohn ist durch das Rad erbleicht:
In diesen Spiegel schaut ihr ungeratenen Kinder,
Die Rache haschet euch jetzt später, jetzt geschwinder.
Wer von der Eltern Zucht sich suchet zu befrein,
Wird nach dem Bibelspruch ein Speis der Raben sein.

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