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Geisteskrankheit Werwolfssucht (Lykanthropie) im Mittelalter

Auszug aus dem Buch: Über die Werwölfe und Tierverwandlungen im Mittelalter - Ein Beitrag zur Geschichte der Psychologie

 

In fieberhaften Krankheiten wird die Sensibilität oft in der Weise verändert, dass die Kranken sich über den Raum, den ihre Glieder einnehmen, täuschen. Ihr Körper kommt ihnen zu groß oder zu klein vor oder einzelne Gliedmaßen recken und dehnen sich ins Unendliche oder schrumpfen zu sehr kleinen Teilen zusammen. Es ist bei Typhuserkrankungen nichts Seltenes, überhaupt bei vielen Zuständen, wo das Nervensystem besonders angegriffen ist, dass sie sich vorübergehend nicht zu ihren Gliedmaßen bekennen wollen, dass sie meinen, es lägen zwei Personen im Bett und sich nur für die eine halten oder dass sie sich halbiert vorkommen. Dieselben Erscheinungen kommen in der Rekonvaleszenz nach erschöpfenden Krankheiten vor, obwohl seltener. Es können diese Täuschungen sowohl von einer gesteigerten als auch verminderten Empfindlichkeit der peripherischen sensiblen Nerven herrühren, doch scheint in einzelnen Fällen keines von beiden stattzufinden, sondern eine ganz eigentümliche Affektion des Gemeingefühls vorhanden zu sein.


So habe ich eine Kranke beobachtet, welche von jeher sehr sensibel, reizbar und schwächlich, durch viele Geburten sehr heruntergekommen, schon früher mehrmals geisteskrank, das eine Mal nach dem Wochenbett, infolge eines Wortwechsels mit einer Nachbarin so außer sich geraten war, dass sie sich mit einem Rasiermesser einen tiefen, aber ungefährlichen Schnitt in den Hals beigebracht hatte. Sie fieberte mehrere Wochen lebhaft, hatte heftige Delirien, die Wunde heilte langsam und nach 3 Wochen trat eine reichliche Abszessbildung und Zellgewebevereiterung an den Händen und Vorderarmen ein. Das erste Zeichen ihres wiederkehrenden Bewusstseins waren Klagen über den Verlust ihrer Glieder. Die Empfindlichkeit war nicht aufgehoben, sie klagte beim Verbinden jedes Mal lebhaft über den Schmerz, aber ihr Arm, ihr Hals und ihr Kopf waren fort. Mit wiederkehrender Kräftigung kehrte das Gefühl der Zugehörigkeit ihrer Glieder allmählich zurück, aber einzeln, sodass sie selbst schon darüber lachte, dass sie den auf dem Bett liegenden Arm nicht als den ihrigen hatte anerkennen wollen, aber noch besorgt war, wo ihr Hals hingekommen sei.


Eine andere Reihe von hierher gehörigen Fällen bilden die bei Hypochondrischen vorkommenden Störungen des Gemeingefühls, dass einzelne Körperteile aus anderen Stoffen bestehen, dass die Beine aus Glas sind und ähnliche Vorstellungen, die sich dann über den ganzen Körper erstrecken können und den Wahn einer ganz und gar veränderten Persönlichkeit bedingen. Ein einziges Mal habe ich bei einem Mann, einem Theologen, der stark onaniert hatte und sich immerfort mit seinen Geschlechtsteilen zu tun machte, die Einbildung beobachtet, dass er ein Weib sei oder ein Zwitter. Ich glaube, dass bei dieser Wahnvorstellung jedes Mal geschlechtliche Reizungen zugrunde liegen. Es wird übrigens dieser Wahn meist nur von Männern erzählt.


Die Entfremdung der eigenen Persönlichkeit kann noch auf andere Weise zustande kommen. Ein Monomaniakus [eine der Monomanie verfallene Person], der sich aus irgendeinem wahnsinnigen Grund für ein anderes Wesen zu halten berechtigt glaubte, suchte allmählich sein ganzes Denken, Fühlen und Wollen in diese fremde Persönlichkeit hineinzulegen. Er findet darin einen Beweis für die Richtigkeit seines Wahns, wenn diese neue, aus ihm herausgetretene und objektiv ihm gegenüberstehende Persönlichkeit sich auch mit seinem eigenen Fleisch und Blut bekleidet. Deshalb benimmt er sich, handelt so, wie es diesem eingebildeten Zustand zukommt und bemüht sich, dieselben Bedürfnisse, Begierden und Empfindungen sich einzureden. Je mehr er dies versucht, desto lebendiger und fester wird ihm die innere Wahrheit.


Je nach dem sonstigen Wesen der Kranken und der durch andere Verhältnisse begründeten Eigentümlichkeit des Wahns bewegen sich diese Metamorphosen in glänzenden oder düsteren Bildern so wie sich auch die Qualität der umgewandelten neuen Gestalt zuweilen auf den ursprünglich ergriffenen Teil zurückführen lässt. Nähert sich der Kranke dem Blödsinn, d. h. mindert sich die Energie seiner geistigen Kraft, so verschwindet auch die Zähigkeit, mit der er an einer Metamorphose festhielt und bei der Unfähigkeit, sich in einem phantastischen Zustand scharf einzuengen und abzugrenzen, wechseln die Rollen und die Personen, die er spielt, wechselt das Gefühl, das ihn in die oder jene Verwandlung hineintreibt. Ich habe mehrmals in diesen Zuständen einen Übergang in der Weise beobachtet, dass der Kranke zuletzt bei leblosen Gegenständen anlangte, dass er früher Prinz oder Christus etc., überhaupt in einer Rolle, mit der notwendig das Gefühl der Herrschaft, der Kraft verbunden sein musste, allmählich versteinerte, sich unendlich alt vorkam, zu einer Statue wurde, zu Porzellan, zu einem hölzernen Ding.

Wolfrudelangriff in der Bretagne

Ein Mädchen, die an dementia paralytica [Kinderlähmung] zugrunde ging, lag viele Monate an einem ungeheuren, jauchenden Dekubitus [Wundliegegeschwür] ehe sie starb. Ihr Bewusstsein war eine vollkommene tabula rasa geworden. Wenn man sie bei ihrem Namen anredete, so wollte sie nichts von der Person wissen, weil die lange gestorben sei, aber in den letzten Wochen war fast die einzige geistige Äußerung, dass sie auf das abscheuliche Schwein schimpfte, das da im Bett läge und das man totmachen müsse. Es war offenbar das Gefühl des Ekels vor ihrem eigenen Schmutz und Unrat, das sich in diesen Schimpfworten Luft machte und ihr die Vorstellung eines Schweins aufnötigte.


Dies sind, soweit ich übersehen kann, die pathologischen Zustände, welche häufig die Möglichkeit für den Wahn einer Umwandlung in ein anderes Objekt in sich schließen. Der Dualismus des Bewusstseins, als welcher uns dieser Wahn entgegentritt, ist auch im gesunden Leben vorhanden. Nicht bloß im Traum, auch im Wachen können wir uns so lebendig in einen anderen Zustand, in eine andere Persönlichkeit hinan phantasieren, dass wir uns selbst verloren zu haben scheinen.


Wir kommen wieder zu uns selbst, der Kranke bleibt das, was er gedacht. Nur vorübergehend will ich, weil dies zu weit abführen würde, an jenes Doppelleben erinnern, wie es in Ekstasen, in somnambulen Zuständen [Schlafwandeln] vorkommt, wie es in der tiefen Versunkenheit in die Kontemplation des Göttlichen, wovon uns der Orient und namentlich Indien wunderbare Geheimnisse erzählt, den Menschen fortzureißen scheint in eine übersinnliche, unfassbare Welt, die nur an der Hand des Glaubens zu beschreiten ist. Wir bedürfen für unseren vorliegenden Zweck der Erörterung dieser Zustände und Erscheinungen nicht, die indes einer naturwissenschaftlichen Betrachtung sehr wohl fähig und bei der Menge von Vorurteilen, die sich an sie knüpfen, immer noch bedürftig sind. Ohne jenem in dem Streben nach Übersinnlichkeit verschwimmenden Doppelleben nachzugehen, bleiben wir vorläufig am Boden haften, zufrieden damit, wenn wir die Möglichkeit für den Gedanken einer Verwandlung überhaupt gefunden haben.


Dass bei manchen Lykanthropen eine perverse Sensation der peripherischen Hautnerven dagewesen sei, also eine Annäherung an die bei Hypochondrischen beobachteten Erscheinungen, darauf scheinen mir die Angaben von dem Wachsen der Haare zu deuten und jener mehrfach gebrauchte Ausdruck versipellis [sich verwandelnd], dass die borstige Haut nach innen gekehrt sei. Wie der Wahn an eine Tierverwandlung, und zwar in einen Wolf, sich gebildet habe, scheint zunächst darin seine Erklärung zu finden, dass die meisten Lykanthropen Hirten waren. Menschen, die im Freien lebten, mit Tieren viel verkehrten, wochenlang von menschlichem Verkehr abgeschlossen waren.


Der Wolf war zudem dasjenige Raubtier, welches ihrer Einbildungskraft am häufigsten vorschwebte, weil sie am meisten damit zu kämpfen hatten. Es ist auch wahrscheinlich, dass, wenn das Gespenst des Werwolfes sich im Einzelnen als Krankheit erhob, die Gegend von Wölfen besonders beunruhigt worden war und manche Mordtat, welche die Kranken sich selbst zuschrieben oder die ihnen von fanatischen Richtern aufgebürdet wurde, nur von Wölfen begangen worden war. Der Wahn, ein Wolf zu sein, ist ferner nur der Ausdruck der Verwilderung des Gemütes, das sich in dem entsprechenden Ausdruck eines wilden Tieres hineindichtet, ebenso bei der spontan entstehenden Lykanthropie, wie bei der, die nur ein Zweig der Dämonomanie ist. Der vom Teufel Besessene muss sich für das böse, unheimliche Wesen, das über ihn und in ihm Herr geworden ist, einen Ausdruck suchen. Aus dieser Vorstellung geht dann auch die Notwendigkeit hervor, dem wilden Tier nachzuahmen, in den Wäldern umherzuschweifen und Tiere und Menschen anzufallen und zu zerfleischen und von ihrem Fleisch zu zehren. Zuweilen scheint bloß der Hunger das trabende Moment gewesen zu sein.


Es existieren Beispiele genug, wo Menschen durch Hunger zu dieser grauenhaften Entäußerung ihrer Menschlichkeit gekommen sind, doch erscheint dieser zugleich in den raffiniertesten sinnlichen Genüssen.


Unter den seltsamen Gelüsten der Schwangeren wird auch ihrer Gier nach Menschenfleisch Erwähnung getan. So erzählt schon Schenk (observ. medic. lib. IV. de gravidis) mehrere derartige Fälle. Eine Schwangere sah einen Bäckergesellen, der auf seiner entblößten Schulter Brod forttrug. Sie wurde von solcher Gier nach seiner Schulter ergriffen, dass sie fortan jede Speise verschmähte, bis ihr Mann dem Gesellen Geld gab, sich beißen lassen. Aber er hielt nur zwei Bisse aus. Die Frau gebar dreimal Zwillinge, zweimal lebend, das dritte Mal tot. Eine andere aus der Nähe von Andernach am Rhein tötete ihren sonst heißgeliebten Mann, verzehrte die eine Hälfte des Körpers und salzte die andere ein, dann aber kehrte ihr das Bewusstsein ihrer Tat zurück und sie gestand sie selbst ihren Freunden. Um das Jahr 1553 schnitt eine Frau ihrem Mann mit einem Messer den Hals ab und nagte dann mit ihren Zähnen von dem noch warmen Leichnam den rechten Arm ab und verzehrte die Luftröhre. Den übrigen Teil des Kadavers salzte sie ein, nachdem sie die Eingeweide und den Kopf losgetrennt und weggeworfen hatte. Kurz darauf gebar sie drei Kinder. Aber die Tat gesteht sie erst dann, als man dem Vater die Geburt der Kinder mitteilen will. Im Sommer 1845 erzählten die Zeitungen aus Griechenland von einer schwangeren Frau, welche ihren sonst geliebten Mann ermordet, um seine gebratene Leber verzehren zu können.


Prochaska (adnotat. acad. fascic. III.) behandelt zuerst die von Schenk erzählten Beispiele, dann berichtet er von einer gewissen Elisabeth aus Mailand, welche kleine Knaben durch Liebkosungen an sich zu locken suchte, sie dann tötete und eingesalzen verzehrte und von einem anderen Menschenfresser, wie er sagt, aus der neuesten Zeit. Indes gibt er zu dürftige Notizen, als dass aus ihnen etwas über die Natur der Fälle zu entnehmen wäre. Marc (Die Geisteskrankheiten in Beziehung zur Rechtspflege bearbeitet von Ideler. Berlin 1844. Bd. II, S. 84) berichtet nach Reisseisen von einem Fall im Unterelsaß, wo die eigene Mutter ihr fünfzehn Monate altes Kind, als der Vater, ein armer Tagelöhner, sich entfernt hatte, tötet, ihm einen Schenkel abtrennt und in Weißkohl kocht, selbst einen Teil davon verzehrt und den Rest für ihren Mann zum Essen aufhebt. Die Leute waren zwar sehr arm und in großer Not, hatten aber als die Frau den Mord beging, noch Lebensmittel genug in ihrer Behausung. Die Frau zeigte zwar später im Gefängnis Zeichen einer geistigen Störung, aber selbst Fodéré war anfangs zweifelhaft, wie er den Fall auffassen und unter welche Rubrik von Geisteskrankheit er ihn zu bringen habe. Noch grauenhafter wegen der längeren Dauer der Gier nach Menschenfleisch ist eine Tatsache, die von der Vossischen Zeitung aus dem westlichen Galizien vom Mai 1849 mitgeteilt wird.

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