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Die Harnischbrust Teil 1

So wie der Plattenharnisch nur allgemach und dadurch sich herauszubilden begann, dass anfänglich nur einzelne Teile des Körpers durch geschlagenes und aufgenietetes Eisenblech verstärkt wurden, ebenso bildete sich der wichtigste Teil desselben, die Brust, aus einzelnen Verstärkungsplatten, welche über den Lentner geschnallt oder an diesen genietet wurden. Aber mit der mittelst einfacher Nieten bewirkten Überkleidung eines Lederwamses durch größere oder kleinere Platten aus Eisen oder anderem Metall ist der Plattenharnisch noch keineswegs entstanden. Bei derlei überkleideten Lentnern waren die Eisenplatten musivisch aneinandergefügt und jede Streckbewegung öffnete die Zwischenspalten, in welche die Schneide jeder Hiebwaffe eindringen konnte. Erst durch die scharf von der früheren sich unterscheidende Art der Deckung durch nach auf- oder abwärts sich übergreifende schienenartige Eisenplatten, durch das sogenannte Geschübe, erwuchs der eigentliche Plattenharnisch und damit dessen wichtigster Bestandteil, die Harnischbrust. Nun übernahm die Eisenschiene selbst die Aufgabe, die früher dem mit Eisenplatten benähten Lederkleid zugeteilt war. Die Verbindung der einzelnen Platten untereinander erfolgte, wie erwähnt, im Inneren durch breite Streifen aus Alaunleder, sogenannte Geschübeleder, welche von innen an die Schienen genietet waren und infolge ihrer Elastizität und Geschmeidigkeit eine verhältnismäßig freie Körperbewegung zulässig machten. Betrachten wir das neue Geschübesystem, welches eigentlich den Plattenharnisch charakterisiert, so scheint es, als hätten die Plattner des 15. Jahrhunderts ihr Vorbild dafür in der Natur gesucht und gefunden. Es ist dasselbe System der Deckung, welches wir in den Krebstieren finden. Dass diese Ähnlichkeit auch den alten Meistern im Bewusstsein lag, beweist, dass man geschobene Bruststücke allgemein Krebse benannte.

 

In Italien begann man um 1380 den unteren Brustteil des Lentners durch eine Platte zu verstärken, welche an der Brustmitte bis zum Hals reichte. Um 1430, als man hier und da versuchte, die Harnischbrüste ganz aus Platten zu fertigen, bestanden diese zum wenigsten aus zwei Teilen, welche mittelst Riemen und Schnalle miteinander in Verbindung standen. Später bildete der untere Teil mit dem oberen ein Geschübe. Harnischbrüste aus einem Stück waren um 1430 selbst in Italien, dem Land der Erfindung und Entwicklung des Plattenharnisches, noch eine große Seltenheit. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Lentner häufig durch horizontal laufende, auf das Leder genietete 10 bis 12 cm breite Blechschienen verstärkt, die aber nicht nachbarlich übereinander griffen und somit ein „Geschübe“ bildeten, sondern Rand an Rand gesetzt erscheinen.

 

Die Form des Bruststückes, dessen Schnitt und Ausbauchung bildet ein sicheres Merkmal für dessen Alter, in sorgfältigerer Beobachtung selbst für dessen Erzeugungsort. So wie die ersten an den Lentner angelegten Verstärkungsstücke der Form desselben sich genau anschmiegen mussten, ebenso hatten die ersten Plattenbruststücke die Form der Brust des Lentners. Um 1430 wird die Brust kugelförmig ausgebaucht, weil man der Kugelform die größte Widerstandskraft beimaß. Die ältesten Brust- und Rückenstücke, etwa um 1450, besitzen zuweilen übermäßig große Armausschnitte, und zwar aus der Ursache, weil es damals Sitte war, statt des übrigens zurzeit längst bekannten Armzeuges sich weiter Ärmel zu bedienen, welche mit Wolle fest ausgestopft waren. Solche gepolsterten Ärmel wurden in Italien und Frankreich häufig getragen; sie verschwinden erst um 1480.

 

Der untere Teil der geschifteten Brust, an welchen sich die Bauchreifen schließen, erhielt im 15. Jahrhundert den Namen Bruech, vermutlich eine Verstümmelung des französischen braconnière, hergeleitet von dem lateinischen broccae, italienisch brache, was Panzerhosen bedeutet. Als die geschifteten Bruststücke um 1490 verschwanden, wurde der Name auf ein Verstärkungsstück des unteren Brustteiles übertragen. Um dieselbe Zeit erscheint in Italien und Burgund das Bruststück schlanker gebildet und scharf gegen die Weichen geschnitten, und es zeigte sich schon damals über der Mitte der Brust ein schwacher Grat. Derlei Bruststücke, welche übrigens nicht allgemein und meist nur in Verbindung mit dem Bart und der Schallern getragen wurden, besaßen eine schöne und elegante Form. Man bezeichnet sie eigentlich als gotische, man sollte sie aber eher florentinische Bruststücke nennen, denn ihre Form war der florentinischen Tracht entlehnt. Bis in diese Zeit finden wir die Bruststücke noch allenthalben geschiftet, erst um 1490 verbreitet sich der untere Schiftteil allgemach nach aufwärts, sodass der obere endlich ganz wegfällt. Der Oberrand ist anfänglich wenig aufgeworfen und leicht konkav, zuweilen sogar etwas spitz ausgeschnitten. (Fig. 87.) In dieser Form erscheinen die Bruststücke bis etwa 1500, um welche Zeit, nicht ohne Einflussnahme Maximilians I., sie eine Umbildung erleiden. Dieselben werden nun kurz, kugelförmig, mit horizontal laufendem, zuweilen übertrieben stark aufgeworfenem Oberrand und unterhalb eckig ausgeschnittenen Armausschnitten, welche nun zum ersten Mal ein bewegliches Geschübe erhalten, um den Arm freier gebrauchen zu können. Diese Geschübe in den Armausschnitten, welche federartig wirken, benennt man bewegliche Einsätze. Fast gleichzeitig mit den glatten Kugelbrüsten treten die von Maximilian I. angegebenen gerippten oder geriffelten Harnischbrüste auf, von welchen wir noch später sprechen werden.

Geschiftetes Bruststück von einem Harnisch des venezianischen Feldherrn Bartolomeo Colleoni (ca. 1399—1475). Italienisch, um 1470.

Fig. 87. Geschiftetes Bruststück von einem Harnisch des venezianischen Feldherrn Bartolomeo Colleoni (ca. 1399—1475). Italienisch, um 1470.

 

Man nennt sie Maximilianische, irrtümlich auch mailändische. (Fig. 88.) Von 1520 an bildeten die in Italien dienenden Landsknechte die Harnischbrüste nach ihrem eigenen bizarren Geschmack um, und so übertrieben die Mode erschien, sie war nicht ganz ohne Berechnung entstanden. Das Bruststück wurde nämlich in der Mitte immer weiter vorgetrieben, sodass sich um 1530 allmählich eine scharfe Spitze bildete. Eine derlei spitze Auftreibung hieß Tapul, von dem italienischen „tappo“, der Zapfen. Die Landsknechte erachteten diese Form darum für vorteilhaft, weil ihrer Ansicht nach jeder Hieb und jede Kugel von den schräg gerichteten sphärischen Wänden abgleiten musste. Diese Form erhielt sich bis um das Jahr 1546. (Fig. 89.)

Fig. 88. Brust mit Kragen, Bauchreifen und geschobenen Beintaschen von einem (geriffelten) Maximiliansharnisch des Ruprecht von der Pfalz (gest. 1504). Deutsche Arbeit um 1500.

 Fig. 88. Brust mit Kragen, Bauchreifen und geschobenen Beintaschen von einem (geriffelten) Maximiliansharnisch des Ruprecht von der Pfalz (gest. 1504). Deutsche Arbeit um 1500.

 

In ritterlichen Kreisen wurde diese Mode einer übermütigen Soldateska nicht bis zur Übertreibung mitgemacht. Man findet um 1520 an ritterlichen Harnischen, auch der Landsknechtführer die Bruststücke ohne ausgesprochenen Tapul, wohl aber merkt man gegen 1530, dass sich die Brust stetig verlängert, dass sich in der Brustmitte allgemach ein Grat bildet und dass die Brust in leichtem Bogen stärker vorgetrieben ist. Der anfänglich horizontal laufende Oberrand wird im Verlauf der Zeit, da er nun wieder mehr an den Hals hinaufreicht, diesem entsprechend immer mehr konkav ausgeschnitten. (Fig. 90.) So erscheinen noch um 1550 Bruststücke der hervorragendsten Meister.

Halber Landsknechtharnisch bestehend aus Kragen, Achseln mit Brechrändern und rechtsseitiger Schwebescheibe, Armzeug mit großen Ellenbogenkacheln, Brust mit spitz vorstrebendem Tapul, Bauchreifen und Beintaschen. Das Bruststück ist mit figuralem Ätzwerk

 Fig. 89 Halber Landsknechtharnisch bestehend aus Kragen, Achseln mit Brechrändern und rechtsseitiger Schwebescheibe, Armzeug mit großen Ellenbogenkacheln, Brust mit spitz vorstrebendem Tapul, Bauchreifen und Beintaschen. Das Bruststück ist mit figuralem Ätzwerk geziert. Deutsche Arbeit um 1540.

 

Von 1550 ab rückt diese Auftreibung allgemach nach abwärts, sodass sie um 1570 etwa gerade am unteren Rand anlangt. Man nennt derlei Formen Gansbäuche1. (Fig. 91.) Bei italienischen Bruststücken um 1570 ist der Gansbauch so übertrieben gebildet, dass das Bruststück, unterhalb spitzig geschnitten, zapfenartig verläuft. Um 1600 wird das Bruststück wieder allgemach insofern kürzer, als sein Unterrand immer weiter nach aufwärts rückt. Es behält aber anfänglich die Form des Gansbauches noch bei, der sogar noch entschiedener dadurch sich ausspricht, als sich am Unterrand ein Zäpfchen bildet.

 

1 Der Italiener machte sich über diese bizarre Form durch seinen pulcinello lustig, dem er die schneidige, herabhängende Brust, aber auch den Höcker verleiht, wodurch er dem Huhn (pulcino) ähnlich wurde.

Brust mit Kragen, Bauchreifen und geschobenen Beintaschen mit in goldgeätzten Zügen und figuralen Darstellungen. Der Rüsthaken ist in das Bruststück zurückzuschieben. Von einem Harnisch Kaiser Karls V. den derselbe 1546 vor Ingolstadt getragen hatte. Deut

 Fig. 90. Brust mit Kragen, Bauchreifen und geschobenen Beintaschen mit in goldgeätzten Zügen und figuralen Darstellungen. Der Rüsthaken ist in das Bruststück zurückzuschieben. Von einem Harnisch Kaiser Karls V. den derselbe 1546 vor Ingolstadt getragen hatte. Deutsche Arbeit von 1543.

 

Um 1620 verschwindet der Gansbauch, die Brust mit schwachem Grat wird nun so kurz, dass sie kaum bis ans Ende des Brustblattes reicht. Der Halsausschnitt ist sehr tief, und um 1650 wird das Bruststück mit dem Rückenstück nicht mehr auf der Schulter verschnallt, sondern von diesem reichen zwei mit Metallschuppen besetzte Bänder nach vorwärts, die an den Seiten der Brust in Kloben eingehakt werden. Diese kurzen Brüste, welche aber demungeachtet zuweilen ein enormes Gewicht besaßen, erhalten sich bis in die Rokokoperiode. Da werden sie plötzlich länger, behalten aber die Einrichtung ihrer Befestigung mittelst Schuppenbänder. Bruststücke der Kürassiere um 1750 reichten bis über die Schulter hinauf, um sie leichter und sicherer zu tragen.

Fig. 91. Brust mit Gansbauch, Kragen und Beintaschen mit Schwarzätzung geziert von einem Feldharnisch. Deutsche Arbeit um 1560.

 Fig. 91. Brust mit Gansbauch, Kragen und Beintaschen mit Schwarzätzung geziert von einem Feldharnisch. Deutsche Arbeit um 1560.

 

In den folgenden Figuren ersehen wir die Formenwandlungen der Bruststücke von 1450 bis 1640 (Fig. 92 bis 99).

 

Schon um 1400 kommen uns italienische Harnischbrüste vor Augen, welche aus horizontal angeordneten, nach aufwärts geschobenen Schienen bestehen. Diese Anwendung gestattete allerdings dem Träger mehr Bewegungsfreiheit, aber immer auf Kosten der Sicherheit desselben, da geschobene Bruststücke geringere Widerstandskraft besitzen. Vermutlich aus dieser Ursache kamen solche Bruststücke nicht allgemein in Aufnahme, erst um 1520 werden für leichte Reiter geschobene Bruststücke sehr beliebt.

Fassbrust, geschoben mit Bauchreifen und Beintaschen. Italienisch um 1450. 93 Gotische Brust geschoben, mit Bauchreifen, Ansteckbart und Schallern. Deutsch um 1480.

 Fig. 92. Fassbrust, geschoben mit Bauchreifen und Beintaschen. Italienisch um 1450.

 Fig. 93. Gotische Brust geschoben, mit Bauchreifen, Ansteckbart und Schallern. Deutsch um 1480.

 

 Man nannte sie, wenn auch in Italien oder Deutschland erzeugt, ungarische, weil sie dortselbst am häufigsten getragen wurden. Ist das Bruststück in seiner ganzen Fläche geschoben, so heißt es ein „ganzer Krebs“ (Fig. 100). Finden sich aber an der unteren Seite nur einige Geschübe, 3 oder 4, so nennt man das Bruststück „halber Krebs“ (Fig. 90). Beim ganzen Krebs ist der Kragen immer in Verbindung mit der Brust, d. h. die Geschübe setzen sich bis an den Kragenrand fort.

Kugelbrust mit Bauchreifen, Beintaschen und Latz. Deutsch um 1510. Fig. 95. Tapulbrust, mit Bauchreifen, Beintaschen und Latz. Deutsch um 1540.

 Fig. 94. Kugelbrust mit Bauchreifen, Beintaschen und Latz. Deutsch um 1510.

 Fig. 95. Tapulbrust, mit Bauchreifen, Beintaschen und Latz. Deutsch um 1540.

 

Der Umstand, dass die Harnischbrust in heißer Jahreszeit unerträglich wurde, führte schon am Beginn des 16. Jahrhunderts zu allerlei Versuchen, diesem Übelstande zu begegnen. Man versuchte die Bruststücke und auch andere Harnischteile zu durchlöchern, damit verloren sie aber die Sicherheit gegen den Stich. Da geriet man auf ein anderes Mittel der Abhilfe, das wenigstens auf dem Marsche Erleichterung gewährte. Unter den leichten Reitern Italiens tritt nämlich um 1560 eine besondere Einrichtung der Harnischbrüste auf, welche gestattet, dieselben nach Art eines Wamses vorn zu öffnen.

Fig. 96. Brust mit Bauchreifen, Beintaschen und Latz. Deutsch 1547. Fig. 97. Brust mit Gansbauch, Kragen und Beintaschen. Der Kragen ist stark in die Höhe gezogen. Italienisch um 1570.

Fig. 96. Brust mit Bauchreifen, Beintaschen und Latz. Deutsch 1547.

 Fig. 97. Brust mit Gansbauch, Kragen und Beintaschen. Der Kragen ist stark in die Höhe gezogen. Italienisch um 1570.

 

An dem Harnischrücken wurde hierzu an jeder Seite die Hälfte eines Bruststückes derart befestigt, dass sich beide in Scharnieren bewegen und angezogen vorn an der Brust mittelst Häkchen geschlossen wurden (Fig. 101).

 

Sie treten bis 1580 auch bei deutschen Reitertruppen auf. Diese Einrichtung war keine neue Erfindung, sondern ein Zurückgreifen auf die Konstruktion des Lentners, der ja gleichfalls vorn an der Brust geschlossen wurde, wie wir später ersehen werden.

 

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Teil 2 des Kapitels: Die Harnischbrust

 

Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".

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