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Trachten des 15. Jahrhundert Teil 1

Frauentracht aus dem 15. Jahrhundert nach der Figur eines Gemäldes auf einem Seitenaltar in der Frauenkirche zu Oberwesel am Rhein.
Frauentracht aus dem 15. Jahrhundert nach der Figur eines Gemäldes auf einem Seitenaltar in der Frauenkirche zu Oberwesel am Rhein.

 

Dieses vortreffliche Bild, wohl von einer Meisterhand aus der Mitte des genannten Jahrhunderts, stellt die vierzehn Nothelfer und eine große Unzahl von Heiligen dar, zu welchen der Donator des Bildes in einem Schiff seine Zuflucht nimmt. Unsere Figur stellt daselbst die Heilige Elisabeth, in der Tracht aus des Malers Zeit vor; sie trägt Krone, Zepter und Mantel einer Königin; die übrige Kleidung ist die gewöhnliche einer vornehmen Frau. In dieser Art trugen sich häufig Fürstinnen dieser Periode.

 

Dass die Haare umschließende Netzhäubchen ist mit länglichen Goldplättchen-Flitter behängt, welche mit besonderer Vorliebe an verschiedenartigem Frauenkopfputz vom 15. bis in das 17. Jahrhundert angebracht wurden. In letzterer Zeit machte die große goldene Flitterhaube der deutschen Reichsstädte viel Aufsehen. Höchst zierlich sind die beiden Agraffen, in verschiedener Form, an dem Mantel der Königin. Wir fügen auf beiden Seiten noch zwei ähnliche Agraffen bei, nach anderen Gemälden jener Zeit.


Frauengürtel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, aufbewahrt im Germanischen Museum zu Nürnberg.
Frauengürtel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, aufbewahrt im Germanischen Museum zu Nürnberg.
Frauengürtel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.
Frauengürtel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.

 

Derselbe befindet sich noch in dem ursprünglichen Futteral aus gepresstem Leder und besteht aus schwarzem Seidendamast, mit eingewirkten Laubornamenten. Wir geben hier die wichtigsten Teile desselben in Originalgröße.

 

Die Beschläge daran sind von Messing, graviert, teilweise vergoldet und emailliert. Der Teil mit der Schnalle zeigt die Verkündigung Mariens. Die Buchstaben darauf mit der herzförmigen Figur dürften wohl als „mon coeur avez“ zu deuten sein; ein Rebus, welcher auf französischen Kunstwerken früherer Zeit nicht selten vorkommt. Wie der ornamentierte Metallansatz an der Schnalle den Anfang des Gürtels bildet, so ist der Abschluss desselben am entgegengesetzten Ende durch einen ähnlichen Beschlag hergestellt, auf dessen Vorderseite in farbiger Emaillierung Mariens Besuch bei Elisabeth und die sich wiederholende französische Inschrift, während auf der Rückseite eine kniende männliche Figur, wohl der Heilige Joseph, zu sehen ist. Der äußere Rand dieses Endbeschlages ist durch zwei gewundene Stäbchen gebildet.

 

Diese Art von Gürtel bildeten einen Hauptbestandteil und eine besondere Charakteristik der Tracht vornehmer französischer und niederrheinischer Frauen, wie eine große Anzahl von Gemälden der van Eykschen und französischen Schule sowie viele Miniaturmalereien bekunden. Dieser Gürtel wurde horizontal um die sehr kurze Taille getragen, sodass die Schnalle gegen den rechten Arm gerichtet und der Endbeschlag nach rückwärts auf der rechten Seite herabhing.


Italienische Tracht aus dem 15. Jahrhundert, nach einer Gruppe der Freskogemälde von Pinturicchio, in einer der Seitenkapellen der Kirche St. Maria Araceli zu Rom.
Italienische Tracht aus dem 15. Jahrhundert, nach einer Gruppe der Freskogemälde von Pinturicchio, in einer der Seitenkapellen der Kirche St. Maria Araceli zu Rom.

 

Diese Gemälde stellen in einer Reihenfolge Szenen aus dem Leben des Heiligen Bernhardinus von Siena dar. Bei einer derselben erscheinen die hier gegebenen zwei Männer und drei Frauen unter dem zuschauenden Volk. (Siehe „Beschreibung der Stadt Rom“ von Platner, Bunsen etc., 3. Band, Seite 354.) Diese Gruppe zeigt uns einerseits die Verwandtschaft des Kostüms mit jenem der anderen christlichen Völker derselben Periode und ebenso das Individuelle der national-italienischen Tracht. In diesen Kostümfiguren des 15. Jahrhunderts porträtierte der Künstler mehrere seiner Zeitgenossen, deren einzelne Namen uns nicht bekannt geworden.


Italienische Tracht aus dem 15. Jahrhundert, mitgeteilt von Hofrat Ruhl in Kassel
Italienische Tracht aus dem 15. Jahrhundert, mitgeteilt von Hofrat Ruhl in Kassel

 

Italienische Tracht aus dem 15. Jahrhundert, mitgeteilt von Hofrat Ruhl in Kassel, nach einer Gruppe der Freskogemälde von Simon Memmi in der Kapelle della Nazione Spagnuola oder auch bloß Capella degli Spagnuoli im Kloster der Kirche St. Maria Novella zu Florenz, welche Kapelle die Familie Guidalotto gründete. Eines dieser Gemälde hat die triumphierende Kirche zum Gegenstand und bei diesem stellen die vier hier gegebenen Figuren, ein Jüngling und drei Jungfrauen, die vergnügt auf dem Rasen tanzende Jugend dar. Auch hier hat der Maler, wie damals selten anders vorkam, zur Ausschmückung der allegorischen, religiösen Darstellung, als Vorbilder Personen seiner Zeit und seiner Umgebung gewählt. Die Art dieser Tracht erinnert teils an die Antike, teils an den mittelalterlichen Geschmack. Das einfache lange Kleid des hier von vorne gesehenen jungen Mannes ist der Länge nach in zwei Farben geteilt, wie man es so häufig in dieser Periode sieht.


Unterschuhe und Trachten aus dem 15. Jahrhundert.
Unterschuhe und Trachten aus dem 15. Jahrhundert.
Unterschuhe und Trachten aus dem 15. Jahrhundert.
Unterschuhe und Trachten aus dem 15. Jahrhundert.

 

Unterschuhe und Trachten aus dem 15. Jahrhundert. Der Unterschuh, A von oben und B von der Seite gesehen, befindet sich mit dem Gegenstück im Germanischen Museum zu Nürnberg.

 

Diese zwei ähnlichen Arten von Unterschuhen, welche man auch Trippen nannte, trug man vom Ende des 14. bis ins 16. Jahrhundert, solange als die Schnabelschuhe im Gebrauch waren, mit welchen man ohne diese Unterschuhe oder untergelegten Sohlen nicht leicht auf der Straße oder dem unebenen Boden gehen konnte. Viele Gemälde dieser Zeit zeigen uns, wie sich Männer und Frauen dieser Unterlagen bedienten, welche aber höchst selten, wie dieses Paar, von dem wir hier den Linken darstellen, noch in Original erhalten, vorkommen. Das Hinterteil dieses Unterschuhes ist trotz des sehr dicken Leders ein wenig elastisch, der vordere zugespitzte Teil, bestimmt den Schnabel des Schuhes zu tragen, ist durch einen Beschlag aus graviertem Messing oben und auf beiden Seiten gesteift. Die Sohle besteht aus mehrfach aufeinander gesetztem braunem Leder, welches durch eingepresste Ornamente verziert ist. Zu derselben Zeit kommen auch häufig ähnliche Unterschuhe, aber aus Holz und mit zwei ziemlich hohen Absätzen vor.

 

Vorzüglich um diese eigentümliche, damals in allen christlichen Ländern verbreitete Fußbekleidung in ihrer vollen Anwendung zu zeigen, sind die Abbildungen C und D dieser Tafel beigegeben. C nach einer kolorierten Federzeichnung, mit der Jahreszahl 1480, aus dem ersten Blatt des Manuskriptes der deutschen Übersetzung des niederländischen Gedichtes, „Margarethe von Limburg“, welches sich jetzt auf der Universitätsbibliothek zu Heidelberg befindet. Diese Abbildung zeigt, wie der Übersetzer und Dichter, Johann von Soest, sein Werk dem Kurfürsten, Pfalzgrafen Philipp kniend überreicht. Der Pfalzgraf hat hier die gewöhnliche Haustracht, einen Überrock aus schwarzem Damaststoff, mit weißem Pelz besetzt, weiße Brustbekleidung mit Goldschnüren, schwarze Beinbekleidung und Schnabelschuhe. Auf dem Kopf trägt er die gewundene Sendelbinde mit goldener Agraffe. Johann von Soest trägt schwarzen Rock mit braunem Pelz besetzt. Das Buch in seiner Hand zeigt hier an seiner Decke und dem Schnitt die blauen und weißen bayrischen Wecken; dieselben sind aber an dem Original nur noch an dem Schnitt zu sehen, auf der Decke sind sie durch einen neuen Einband verdrängt.

 

D eine Dame aus dem Stammbuch der Herzöge von Sachsen, im Königlichen Staatsarchiv zu Dresden, welches wir bei Tafel 298 näher bezeichnen; diese Figur zeigt, wie Frauen solche, gleichfalls zinnoberrote Unterschuhe trugen.


Unterschuh oder Trippe aus dem 15. Jahrhundert für den rechten Fuß bestimmt.
Unterschuh oder Trippe aus dem 15. Jahrhundert für den rechten Fuß bestimmt.

 

Unterschuh oder Trippe aus dem 15. Jahrhundert im Besitz des Verfassers. Derselbe ist für den rechten Fuß bestimmt; A von oben, B von der Seite und C von unten gesehen; er ist aus Holz, mit starkem Leder überzogen, welches auf der Seite schwarz, oben und unten braun ist; um die bei A sichtbare Oberfläche läuft ringsum ein Besatz aus rotem Leder. Die Riemen, welche zur Befestigung über den Fuß liefen, sind aus schwarzem, starkem Leder; die lange Spitze, welche den Schnabel des darauf ruhenden Schuhes zu tragen hatte, ist der Haltbarkeit wegen mit einem Eisen beschlagen, das sich unten auf der Sohle bis gegen die Mitte erstreckt und auf dem Oberteil übergreift. Der Größe und Stärke nach war dieser Unterschuh wohl für einen Mann bestimmt, während jener kleinere und zierlichere, auf voriger Tafel dargestellte, einer Dame angehörte.

 

Der Unterschuh, D von der Seite und E von oben gegeben, befindet sich im Germanischen Museum zu Nürnberg. Er wurde seiner Zeit mit seinem Gegenstück hinter der Eva-Statue am Portal der Frauenkirche zu Nürnberg aufgefunden und gehörte wohl einst einer jungen Person niederen Standes. Er hat zwei Absätze, ist einfach aus Holz, ohne Lederüberzug, die beiden Riemen zum Befestigen sind auf den Seiten mit einem Blechstreifen angenagelt. Seine Kürze zeigt an, dass er nicht bestimmt war, einen übermäßig langen, darauf ruhenden Schuhschnabel zu tragen, welcher in der Regel einen Luxusgegenstand der höheren Stände bildete. Der beigefügte Maßstab gibt die Größe der beiden dargestellten Unterschuhe an.

 

In der niederdeutschen Mundart in Westfalen heißen noch jetzt die oben mit Leder versehenen Holzschuhe „Trippen“. Der Vater des berühmten Malers und Kupferstechers Heinrich Aldegrever hieß „Trippenmacher, Aldegrever genannt“ und war Bürger zu Paderborn.


Wilhelm I., Markgraf von Baden (gest. 1473), aus dem Geschlecht der Hochberg, nach einem Wandgemälde im Dom zu Konstanz.
Wilhelm I., Markgraf von Baden (gest. 1473), aus dem Geschlecht der Hochberg, nach einem Wandgemälde im Dom zu Konstanz.

 

In der Margarethen-Kapelle des Domes zu Konstanz, die von Bischof Otto III., Markgrafen von Hochberg, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erbaut ward, befindet sich das Grabmal dieses Bischofs, ein viereckiger Sarkophag in einer Mauernische, über derselben ein verzierter Spitzbogen. Auf dem Sarkophag liegt die Gestalt des Bischofs ausgestreckt mit gefalteten Banden; die Grabschrift zieht am oberen Rand herum: „Anno millesimo CCCC:….XV die mensis Novembris obiit Otto, Marchio de Hochberg, episcopus constantienis.“

 

Die hintere Mauerfläche der Nische wird von dem oben erwähnten Wandgemälde ausgefüllt, einem der trefflichsten Kunstwerke dieser Art aus dem 15. Jahrhundert. Es hatte schon damals, als wir die vorliegende Figur 1840 zeichneten, durch die Zeit vielfach gelitten, war jedoch noch frei von jeder Restauration.

 

In der Mitte des Bildes ist Christus am Kreuz, daneben Maria und Johannes und die Apostel Petrus und Paulus. Vor dem Kreuz knien der Bischof Otto III. und Markgraf Wilhelm I., etwas unter Lebensgröße.

 

Der Harnisch dieses Ritters aus blankem Stahl zeigt die Art der ersten vollständigen Plattenrüstungen, welche den ganzen Körper mit Eisen umgaben. Die Schienen daran sind noch nicht so vielfach künstlich gegliedert, wie es in den darauffolgenden Jahren geschah. Die weit ausgeschweiften Ellenbogenkacheln, wie der um den ganzen Körper laufende Schurz von Schienen sind daran charakteristisch. Bemerkenswert sind die Überlagen zum Zweck der Verstärkung auf den Schulterteilen. An der linken Schulter trägt der Ritter das kleine badische Wappenschild, über demselben eine Agraffe, an welcher die Sendelbinde, ein blau gewundenes Tuch befestigt ist, wovon wir noch später Beispiele geben.


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Quelle Bild und Text: Trachten, Kunstwerke und Gerätschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts nach gleichzeitigen Originalen (Bd. 5); Frankfurt am Main, 1884.


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