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Das Faustrohr und die Pistole

Wir haben bereits früher erwähnt, dass das kurzläufige Faustrohr, die spätere Pistole, aus den Knallbüchsen des 14. Jahrhunderts hervorgegangen ist, die die Reiter, auf dem Sattelbogen von einer Gabel gestützt, abfeuerten. Diese Knallbüchsen besaßen rückwärts einen stangenartigen Fortsatz, welcher beim Anschlag an die Brustplatte angestemmt wurde. Aus diesen plumpen und schweren Büchsen entstanden, nachdem es gelungen war, die Laufstärke zu ermäßigen, die Petrinals, welche zwar noch immer an die Brust angestemmt werden mussten, doch keiner Gabelstütze mehr bedurften. Diese Petrinals besitzen schon einen Holzschaft, welcher geradelaufend als ein Fortsatz des Laufes anzusehen ist und zur Verstärkung dicht mit Nägeln besetzt wurde. Sie wurden mit der Lunte abgeschossen, was für den Reiter ungemein schwierig und selbst gefährlich war. Um 1530 erscheinen in Deutschland die ersten Faustrohre, welche mit der ausgestreckten Hand abgefeuert werden. Ihr erstes Auftreten hatte eine nicht unbedeutende Umwandlung in der Bewaffnung des Reisigen zur Folge. Das Faustrohr erwies sich nämlich als eine ganz vorzügliche Waffe für den Nahkampf, es machte die Schlagwaffen, wie Kolben, Hämmer und Streithaken, entbehrlich, weshalb diese auch allgemach aus der Reiterei verschwanden. Nur in den orientalischen Ländern, in Ungarn, Polen und Russland etc., deren Bewohner mit ungemeiner Zähigkeit an den überlieferten kriegerischen Einrichtungen hingen, blieb die Schlagwaffe noch bis über das 17. Jahrhundert hinaus im Gebrauch. In den Heeren Süd- und Westeuropas aber legten die Führer und Rottmeister ihre Kolben und Hämmer ab, die in letzter Zeit ohnehin nur noch die Bedeutung von Würdezeichen hatten. Dafür erhielt nun jeder reisige Mann zwei Faustrohre, welche am vorderen Sattelbogen in Halftern geführt wurden. Diese Faustrohre hatten eine ungleiche Länge, das kürzere, gewöhnlich Fäustling oder Puffer genannt, war nur für ganz geringe Distanzen brauchbar; es diente auch nur im Handgemenge, wo es nicht selten auch nach Entladung den Dienst eines Streitkolbens verrichtete. Das längere, das eigentliche Faustrohr, konnte auf 50—80 Schritte eine ansehnliche Wirkung ausüben. Bei dieser Waffe erwies sich das Radschloss als ungemein vorteilhaft, da der Reiter sich zum Abfeuern nur einer Hand zu bedienen brauchte.

 

Die ältesten Faustrohre mit Radschlössern bildeten sich, was die Form des Schaftes betrifft, aus den petrinals heraus; sie haben einen noch geraden oder nur wenig nach abwärts gesenkten Kolben (Handgriff), an dessen Ende eine kugelförmige Verstärkung, die sogenannte Afterkugel, sich befindet. Gegen 1560 senkt sich der Handgriff an deutschen Faustrohren immer mehr nach abwärts, sodass dieser mit der Laufrichtung einen Winkel von 50—60° bildet. (Fig. 562) Von Spanien aus kamen um 1550 Handgriffformen in Aufnahme, welche geschweift gebildet und nach rückwärts schmal zugeschnitten sind. Die Italiener bildeten ihre Formen den Deutschen ähnlich, nur ist der Handgriff weit länger und schlanker, geradelaufend und endet mit einer eiförmigen Afterkugel oder mit geschweifter Verstärkung. (Fig. 563.) Ähnliche Formen werden von 1580 an vielfach auch in Deutschland und den Niederlanden erzeugt. Zielvorrichtungen finden sich sehr selten, ebenso gezogene Läufe. Sehr früh begegnet man der Sperrvorrichtung an den Radschlössern. Das Bestreben, die Arbeit des Ladens möglichst zu erleichtern, hatte schon um 1540 dahin geführt, Faustrohre mit Hinterladeeinrichtung zu fertigen. Die ältesten bekannten beruhen auf dem System der auszuhebenden Kammer mit seitlichem Scharnierverschluss. Um 1560 kamen sehr zierliche Doppelfaustrohre oder Doppelfauster in Gebrauch. Die ersten gelangen aus Italien nach Deutschland. Die Läufe stehen getrennt übereinander und berühren sich an den Mündungen; an jeder Seite befindet sich ein Radschloss, der Handgriff läuft gerade, sodass das Faustrohr für den zweiten Schuss nur gewendet zu werden braucht. (Fig. 564.) Um 1580, wenn nicht schon früher, kommen die ersten Revolver-Faustrohre in Aufnahme, die meisten sind mit sechsschüssiger Trommel ausgestattet. Welcher Nation die sinnreiche Erfindung zuzuschreiben ist, kann nicht angegeben werden; die dem Verfasser vor Augen gekommenen besitzen zwar italienische Formen in der Schäftung, sind aber durchweg von deutscher Hand, viele in Nürnberg gefertigt. (Fig. 565.)

 

Fig. 562. Kurzes Faustrohr, sogenannter „Puffer“, mit in Bein eingelegtem deutschen Schaft, mit Afterkugel. Nürnberger Arbeit, mit dem Zeichen der Traube. Um 1560. Fig. 563. Langes Faustrohr mit dreifachem Radschloss; die Räder sind gedeckt, die vordere R

Fig. 562. Kurzes Faustrohr, sogenannter „Puffer“, mit in Bein eingelegtem deutschen Schaft, mit Afterkugel. Nürnberger Arbeit, mit dem Zeichen der Traube. Um 1560.

Fig. 563. Langes Faustrohr mit dreifachem Radschloss; die Räder sind gedeckt, die vordere Radsperre ist geöffnet dargestellt. Der Schaft von Nussholz ist unterhalb mit graviertem Elfenbein belegt. Italienisch, vermutlich brescianisch, ohne Zeichen. Um 1560.

Fig. 564. Doppelfaustrohr mit übereinanderstehenden, 51 cm langen Läufen und zwei Radschlössern, der Schaft ist reich mit Elfenbein und Perlmutter eingelegt. Italienisch. Um 1570.

 

Fig. 565. Revolverfaustrohr mit Radschloss und sechsschüssiger Trommel. Letztere ist mit durchbrochenen Messingauflagen geziert, in welchen der böhmische Löwe dargestellt ist. Deutsch. Um 1590. Fig. 566. Reiterpistole mit geschnittenem Lauf und Schloss un

Fig. 565. Revolverfaustrohr mit Radschloss und sechsschüssiger Trommel. Letztere ist mit durchbrochenen Messingauflagen geziert, in welchen der böhmische Löwe dargestellt ist. Deutsch. Um 1590.

Fig. 566. Reiterpistole mit geschnittenem Lauf und Schloss und mit Silber eingelegtem Schaft. Arbeit von La Marre in Paris. Um 1730.

 

Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges verändert sich die Schaftform des Faustrohres dadurch, dass die Afterkugel verschwindet, der Handgriff etwas geschwungen gebildet wird und in einer mäßigen, mit Metall beschlagenen Verstärkung endet. Von etwa 1650 an machen sich französische Einflüsse in der Formengebung immer stärker geltend, ihnen verdankt die gegenwärtige Form ihre Entstehung und von jener Zeit wird auch der Name Pistole immer häufiger und schließlich allgemein. Dass der Name von Pistoja herrühre, ist ebenso wenig begründet als die Herleitung des Wortes Bajonett von Bajonne1. Der Spanier bezeichnet mit pistoresa, wahrscheinlich von piston hergeleitet, jede kurze, handsame Waffe, so auch den kurzen Dolch, der Italiener mit pistolesa einen kurzen Säbel. Es dürfte sich sonach, wie so häufig in den Bezeichnungen von Waffen, der Name von einem Vergleich mit einem anderen ähnlichen Gegenstand herleiten.

 

Im 18. Jahrhundert scheiden sich nach dem Gebrauchszweck drei Pistolengattungen ab: die Reiterpistole (Fig. 566) für das Feld mit langem Lauf und kleinem Kaliber, die Jagdpistole mit großem Kaliber, zuweilen auch mit Trombonlauf für Schrotladung, weiters die Scheibenpistole mit kleinem Kaliber, Stechschloss und nicht selten auch gezogenem Lauf. Die Duellpistole besitzt in der Regel die Form der Reiterpistole. In dieser Periode erscheinen die Doppelpistolen, die ersten werden in Frankreich erzeugt. Die Vorteile des Flintenschlosses wurden für die Pistole rasch ausgenutzt und auch die Hahnsperre sehen wir häufig angewendet. Speziellen Bedürfnissen dienten die kleinen Pistolen, Terzerole, pistolese genannt, endlich die sogenannten Taschenpuffer, welche nur mehr als eine Art Spielzeug anzusehen sind. Das Flintenschloss gestattete bei Pistolen nicht nur die Anwendung von Wendersystemen mit drei bis vier Läufen, sondern auch das Revolversystem.

 

Das Faustrohr wurde unmittelbar nach seiner Einführung zur Lieblingswaffe des adligen Reiters, der ein Paar derselben stets bei seinen Ritten mit sich führte. Die gewöhnlichen Faustrohre wurden, wie noch heute, am vorderen Sattelbogen in Halftern geführt, die meist mit Samt überzogen waren. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden diese Halftern mit großen Überschlägen (Taschen) versehen, welche mit Emblemen, Namenszügen etc. geziert und mit Fransen besetzt wurden. Lange Faustrohre, die in ihrer Größe eine Übergangsform zur Arkebuse und zum Karabiner darstellen, wurden auch auf der rechten Seite am rückwärtigen Sattelbogen in schweren Halftern geführt.

 

Als Reiterwaffe des Adligen wurde das Faustrohr schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein beliebter Gegenstand künstlerischer Auszierung und es haben darin die Deutschen durch ihre außerordentlich feinen und schönen Elfenbeineinlagen, die Italiener durch ihre prächtigen Eisenschnitte sowie durch ihre wunderbaren Dekorationen in Tausia sich einen Namen zu machen gewusst.

 

Im 18. Jahrhundert, der Periode des Flintenschlosses, tritt die Schaftdekoration mehr in den Hintergrund, dafür werden Läufe und Schlösser sowie die Beschläge mit Vorliebe verziert und wir treffen da auf ausgezeichnete Schnittarbeiten, wie auch auf Gravierungen, die sich in manchen Fällen als Kunstwerke darstellen. Die Gold- und Schwarzätzung, die einst einer so großen Beliebtheit sich erfreute, wird immer seltener und verschwindet endlich ganz. Die Schäfte erhalten nur noch selten Metalleinlagen oder sind in seichter Ausführung geschnitzt; im Übrigen wurden sie in der natürlichen Holzfarbe belassen oder dunkel gebeizt.

 

In den orientalischen Ländern wird die Pistole im 16. Jahrhundert nur von den Vornehmsten geführt, allgemeiner kommt sie erst im 17. Jahrhundert in Aufnahme, kommt aber dann zu so hohem Wert, dass sie mit dem Handschar der unzertrennliche Begleiter jedes Mannes wird. Im Orient ist die Pistole nicht wie in den westlichen Ländern ein Gegenstand der Pferdeausrüstung, sie wird nie in Halftern, sondern stets im Gürtel des Mannes getragen. Die Rohre sind ungemein dünn und von kleinem Kaliber, die meist europäischen Schlösser klein, die Schäftung ist in den meisten Fällen mit Metall beschlagen und oft mit edlen Steinen geziert. Nur die älteren orientalischen Pistolen zeichnen sich durch Kunstwert aus, die neueren sind zwar reich, ja überladen, in ihrer stilistischen Behandlung lassen sie jedoch viel zu wünschen übrig.

 

1Man muss im Allgemeinen die landläufigen Herleitungen der Bezeichnungen im Waffenwesen mit Vorsicht aufnehmen. Nahezu alle laufen auf Lautähnlichkeiten hinaus, die im Übrigen jeder historischen Grundlage entbehren.

 


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Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".


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