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Der gefangene König

Nach dem Tode des deutschen Kaisers Heinrich VII. von Luxemburg konnten sich die Kurfürsten in der Wahl eines neuen Reichsoberhauptes nicht einigen. Ein Teil wählte den Herzog Friedrich, den Schönen, von Österreich, der als Friedrich III. zum König der Deutschen (1314) in Bonn gekrönt wurde. Ein anderer Teil gab die Wahlstimme dem Herzog Ludwig von Bayern, wonach ganz Deutschland in zwei Parteien gespalten wurde, was einen achtjährigen Krieg zur Folge hatte.


Die entscheidende Schlacht wurde am 28. September 1322 bei Mühldorf in Bayern geliefert, welche ungemein blutig war und über zehn Stunden lang dauerte.


Zehn Stunden lang waren die Söhne Österreichs im Vorteil, ohne der Hilfstruppen zu bedürfen, welche der Herzog Leopold seinem königlichen Bruder Friedrich III. hätte zuführen sollen. Endlich aber neigte sich infolge einer Kriegslist der Sieg auf Bayerns Seite. Es hatte sich nämlich der Burggraf von Nürnberg, Ludwigs getreuer Anhänger, österreichische Fahnen und Feldzeichen anfertigen lassen, brach mit seinen Rotten plötzlich aus dem Hinterhalt hervor und machte die Österreicher glauben, Herzog Leopold eile herbei und werde den Sieg vollenden. Durch diese Überlistung geriet das getäuschte Heer Friedrichs in Unordnung, er selbst wurde gefangen und in Fesseln auf die Festung Trausnitz, in der Oberpfalz, abgeführt.


Hier soll sich der gefangene König unter der strengen Bewachung im dunklen Verlies am liebsten mit dem Schnitzen von Bogen und Pfeilen beschäftigt und davon endlich klasterhohe Stöße verfertigt haben. Inzwischen hat Herzog Leopold, an dem man seit dem Unglückstage bei Mühldorf kein Lächeln mehr bemerkte, fortwährend Krieg mit dem König Ludwig geführt und ihn zu zwingen gesucht, dass er seinen Bruder in Freiheit setze.


Eines Tages kam ein Studiosus der Theologie, der für des Haus Habsburg leidenschaftlich schwärmte, in das Feldlager des Herzogs und teilte ihm mit, dass er einen Plan entworfen habe, durch dessen Ausführung er seinen königlichen Bruder Friedrich ohne allen Schaden und in der kürzesten Zeit aus dem Gefängnis zu befreien hoffe.


Man hielt ihn, schreibt ein Chronist, seines schwarzen Anzuges und der Kühnheit seines Unternehmens wegen, für einen Schwarz-künstlers. Nichtsdestoweniger gab ihm der Herzog Leopold, der weniger von dem finsteren Aberglauben seiner Zeit befangen war, die Erlaubnis, seinen verwegenen Entschluss auszuführen. Der Studiosus begab sich nach der Feste Trausnitz.


Wir wissen es nicht, wie es der Waghals angestellt hat, dass er zur Zeit der Mitternacht - vermutlich mittels Leitern - vor dem Fenster Friedrichs erschien und ihn aufforderte, dass er ihm folge, da er ihn zu seinem Bruder führen wolle. Das Unternehmen scheiterte aber, denn auch der König hielt ihn für den bösen Geist und weigerte sich standhaft, sich ihm anzuvertrauen.


Endlich wurde Ludwig der Bayer durch den Herzog Leopold so sehr in die Enge getrieben, dass er seinen Gegner frei ließ, wonach er sich mit ihm derart befreundete, dass sie wie zwei Brüder lebten, stets Arm in Arm gingen, zusammen an einer Tafel speisten und sogar in einem Bett schliefen.


Textquelle: Zeitspiegel: Eine chronologische Ährenlese aus der österreichischen Völker- und Staaten-Geschichte. Zur Belehrung und Erheiterung für die reifere Jugend von Joseph Alois Moshamer 1866

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