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Die Helmbarte

Der Name dieser sinnreichsten Stangenwaffe ist von Helm (Halm, Stange, Stiel) und Barte (Beil) herzuleiten. Als deutschen Ursprungs wird in fremden Sprachen ihr Name durchwegs verstümmelt. Sie heißt franz. hallebarde, engl. halbert, lat. hellemparta, ital. allabarda. Erst im 16. und 17. Jahrhundert wurde durch Rückübersetzung die alte Benennung in Hellebarte verunstaltet.

 

Nach den Forschungen, welche Quirin von Leitner1 über den Ursprung der Helmbarten angestellt hat, findet schon im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts in der mittelhochdeutschen gereimten Erzählung: „Herzog Ernst“ die Helmbarte Erwähnung und in „Ludwig dem Kreuzfahrer“, also zu Anfang des 14. Jahrhunderts wird sie genau beschrieben In ausgesprochenster Form führten sie schon die Schweizer bei Morgarten 1315 wie bei Sempach 1386.

 

Diese Waffe ist somit zu einer Zeit entstanden, als man schon begann, die einzelne Teile der Rüstung im Krieg durch etwas größere Platten zu verstärken. Es zeigt sich auch hier das fortgesetzte Streben, dem neuen defensiven mit dem entsprechenden offensiven Mittel zu begegnen. Denn war Stich und Hieb des Schwertes nicht imstande, dem Plattenharnisch wirksam zu begegnen, so vermochte das wohl der wuchtige Schlag eines Beiles mit langem Stiel.

 

Die ältesten Helmbarten, welche wir kennen und welche sich teils noch in Originalien erhalten haben, teils in Bildwerken vor Augen liegen, besitzen noch die auf das Trennen und Zertrümmern der Harnischteile berechnete kräftige Form. So sehen wir eine Helmbarte in der Hand eines Gendarmen aus der Zeit König Johanns I. (1350—1364) in einem Basrelief der Kirche St. Leu in Paris, welche statt des Hakens mit einem Hammer versehen ist. (Fig. 390.) Allmählich aber, wahrscheinlich infolge der Verbesserung der Handfeuerwaffe, erleiden die Helmbarten Umänderungen, welche erkennen lassen, dass ihre ursprüngliche Bestimmung in den Hintergrund getreten ist und dass ihr Hauptwert nur noch in ihrer Eigenschaft als Stoßwaffe liegt, wobei der sogenannte Haken als eine zuweilen vorteilhafte Beigabe erscheinen mochte.

 

1Quirin Leitner, Die Waffensammlung des österreichischen Kaiserhauses im k. u. k. Artillerie-Museum in Wien. Wien 1866—1870.

Fig. 390. Kriegsmann mit Helmbarte aus der Zeit König Johanns I. in einem Basrelief der Kirche St. Leu in Paris. 14. Jahrhundert. Nach Jacquemin. Hellebarde

Fig. 390. Kriegsmann mit Helmbarte aus der Zeit König Johanns I. in einem Basrelief der Kirche St. Leu in Paris. 14. Jahrhundert. Nach Jacquemin.

 

Tatsächlich bildet in der Regel die Beilform und die Form und Richtung der Beilschneide das sicherste Anzeichen des Alters dieser Waffe. Ohne uns mit langen Beschreibungen aufzuhalten, weisen wir auf die hier folgenden, nach dem Alter gereihten Abbildungen, nach welchen die allmähliche Umwandlung der Form bis ins 17. Jahrhundert deutlich zu ersehen ist. (Fig. 391a bis l.)

 

Die Helmbarte in ihrer ältesten und ursprünglichen Form ist, wie erwähnt, deutschen Ursprungs. Sie bildete im 14. und 15. Jahrhundert die gemeine Waffe des Fußknechts. Erst mit der Umänderung der Bewaffnung am Ende des 15. Jahrhunderts, als der Landsknecht den langen Spieß erhielt, führten sie nur bestimmte, in der Führung erprobte Kriegsleute und Unteroffiziere; so war sie für lange Zeit die Waffe des „Weibels“.

Fig. 391. Die deutsche Helmbarte in ihrer Formentwicklung vom 15. Jahrhundert.  A. Deutsche Helmbarte um 1480.  B. Tirolische Helmbarte, bezeichnet 1490.  C. Helmbarte aus der Zeit Maximilians I. Um 1500. Hellebarde

Fig. 391. Die deutsche Helmbarte in ihrer Formentwicklung vom 15. Jahrhundert.

A. Deutsche Helmbarte um 1480.

B. Tirolische Helmbarte, bezeichnet 1490.

 C. Helmbarte aus der Zeit Maximilians I. Um 1500.

Während die Helmbarte sich durch das ganze 16. Jahrhundert im Gebrauch erhält, verschwindet sie im 17. Jahrhundert nahezu vollständig aus den Heeren. Im 18. Jahrhundert führte der Unteroffizier der Infanterie eine kleinere Helmbarte, das sogenannte „Unteroffizierskurzgewehr“.

 

In Italien und Frankreich wurde unter der Bezeichnung Helmbarte (hallebarde, allabarda) eine Stangenwaffe geführt, welche der deutschen Form sehr unähnlich ist, also eigentlich kaum in diese Gattung zu reihen wäre. Derlei Formen werden demnach gemeiniglich durch die Bezeichnung Deutsche oder Italienische Helmbarte unterschieden.

Fig. 391.  D. Helmbarte aus der Zeit Maximilians I. Um 1510.  E. Bayrische Helmbarte. Um 1515. Hellebarden

 Fig. 391. D. Helmbarte aus der Zeit Maximilians I. Um 1510.

E. Bayrische Helmbarte. Um 1515.

 

Unabhängig von ihrer Verwendung im Krieg erscheint die Helmbarte als Waffe der Leibgarden der Regenten, am deutschen Hof der „Trabanten“. So finden wir sie bereits in einem Holzschnitt des von Hieronymus Formschneider herausgegebenen Werkes von 1539, welches den Zug gegen die Türken 1532 beschreibt. Hier erscheint sie bei der Heerschau, welche Karl V. über die Reichstruppen hielt.

 

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts waren die Schweizer am französischen Hof mit Helmbarten ausgerüstet.

Fig. 391.  F. Geätzte Trabantenhelmbarte aus der Zeit Ferdinands I. mit dem Reichsadler, den Buchstaben K. F. (Kaiser Ferdinand) und der Jahreszahl 1563.  G. Gemeine Helmbarte aus der Zeit Ferdinands I.  H. Geätzte Helmbarte eines Weibels um 1570.Hellebar

 Fig. 391. F. Geätzte Trabantenhelmbarte aus der Zeit Ferdinands I. mit dem Reichsadler, den Buchstaben K. F. (Kaiser Ferdinand) und der Jahreszahl 1563.

G. Gemeine Helmbarte aus der Zeit Ferdinands I.

H. Geätzte Helmbarte eines Weibels um 1570.

 

Wie die deutsche Helmbarte im Verlauf der Zeit für ihre ursprüngliche Bestimmung immer untauglicher wird, so erhalten die Beile und Haken unter dem Einfluss der Kunstströmung in der Renaissanceepoche ideale, barocke Formen. Am Ende des 16. Jahrhunderts erscheinen die Spießklingen pfriemenartig und in übertriebenen Längen, während die übrigen Klingenteile ganz zusammenschrumpfen.

Fig. 391.  I. Geätzte Helmbarte, niederländisch. Ende des 16. Jahrhunderts. Sammlung Neyt. Nach Vanvinkeroy, L’art à l’exposition de Bruxelles.  K. Geätzte Trabantenhelmbarte mit dem Namenszug Kaiser Ferdinands II. und mit dessen Wahlspruch: „Legitime cer

 Fig. 391. I. Geätzte Helmbarte, niederländisch. Ende des 16. Jahrhunderts. Sammlung Neyt. Nach Vanvinkeroy, L’art à l’exposition de Bruxelles.

K. Geätzte Trabantenhelmbarte mit dem Namenszug Kaiser Ferdinands II. und mit dessen Wahlspruch: „Legitime certantibus“. 17. Jahrhundert.

L. Geätzte Trabantenhelmbarte aus der Zeit Kaiser Leopolds I. 1660.

 

Einige charakteristische Proben, darunter auch Nachahmungen deutscher Formen aus italienischen Werkstätten, bringen wir in nebenstehenden Figuren 392a—i. Helmbarten deutscher Form mit durchbrochenen Beilen und Haken wurden im Friaulschen in Seravalle und in Brescia gefertigt, die meisten kamen aber aus den Niederlanden, vorzüglich aus Lüttich und Antwerpen.

Fig. 392. Deutsche Helmbartenformen.  A. Helmbarte mit durchbrochenem Beil und Haken, sogenannte „niederländische Helmbarte“. Ende 16. Jahrhundert.  B. Helmbarte mit durchbrochenem Beil und Haken und langer Stoßklinge. Niederländisch. Anfang 17. Jahrhunde

Fig. 392. Deutsche Helmbartenformen.

 A. Helmbarte mit durchbrochenem Beil und Haken, sogenannte „niederländische Helmbarte“. Ende 16. Jahrhundert.

 B. Helmbarte mit durchbrochenem Beil und Haken und langer Stoßklinge. Niederländisch. Anfang 17. Jahrhundert.

 

C. Helmbarte mit durchlöchertem Beil und Haken. Niederländisch. Anfang 17. Jahrhundert. Sammlung Van Zuylen. Nach Vanvinkeroy.  D. Helmbarte mit durchbrochenem Beil und Haken und originaler Quaste (Aufputz). 17. Jahrhundert. Sammlung Delpier. Nach Vanvink

C. Helmbarte mit durchlöchertem Beil und Haken. Niederländisch. Anfang 17. Jahrhundert. Sammlung Van Zuylen. Nach Vanvinkeroy.

D. Helmbarte mit durchbrochenem Beil und Haken und originaler Quaste (Aufputz). 17. Jahrhundert. Sammlung Delpier. Nach Vanvinkeroy.

 

Die italienische Helmbarte hatte ungeachtet ihrer der deutschen ganz unähnlichen Form, wie aus der in beistehenden Figuren 393a—e gegebenen Entwicklung zu ersehen ist, mit der deutschen doch eine und dieselbe Urform gemein, sie hatte im Verlauf sich nur anders herausgestaltet. Wir sehen sie schon in dem Flügelaltar des Nicolo Semitecolo aus der Mitte des 14. Jahrhunderts in der Akademie zu Venedig (S. I, 20) mit aller Deutlichkeit abgebildet. Im 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist sie in Italien, Frankreich und der Schweiz die allgemeine Waffe des Fußknechts. Ihre Bestimmung war, mit Spitze und Haken die vom Harnisch unbedeckten Körperteile des Mannes zu verletzen, mit dem sichelförmigen Klingenansatz aber den Gegner an sich zu ziehen.

E. Helmbarte deutscher Form, aber italienischer Arbeit. 17. Jahrhundert.  F. Helmbarte mit gabelförmiger Stoßklinge und Hammer Italienisch. 17. Jahrhundert.  G. Helmbarte mit Beil und Haken von barocken Formen. Italienisch. 17. Jahrhundert.

 E. Helmbarte deutscher Form, aber italienischer Arbeit. 17. Jahrhundert.

 F. Helmbarte mit gabelförmiger Stoßklinge und Hammer Italienisch. 17. Jahrhundert.

 G. Helmbarte mit Beil und Haken von barocken Formen. Italienisch. 17. Jahrhundert.

 

H. Geätzte Helmbarte der Patrizierfamilie Welser. 17. Jahrhundert.  I. Geätzte Helmbarte mit doppeltem Beil. Die Klinge besteht aus drei Teilen. 17. Jahrhundert.

H. Geätzte Helmbarte der Patrizierfamilie Welser. 17. Jahrhundert.

I. Geätzte Helmbarte mit doppeltem Beil. Die Klinge besteht aus drei Teilen. 17. Jahrhundert.

 

Fig. 393. Formenentwicklung der italienischen Helmbarte.  A. Italienische Helmbarte aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Ehemalige Sammlung L. Meyrick.  B. Italienische Trabantenhelmbarte vom Ende des 15. Jahrhunderts. Ehemalige Sammlung L. Meyrick. C. Ita

Fig. 393. Formenentwicklung der italienischen Helmbarte.

A. Italienische Helmbarte aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Ehemalige Sammlung L. Meyrick.

B. Italienische Trabantenhelmbarte vom Ende des 15. Jahrhunderts. Ehemalige Sammlung L. Meyrick. C. Italienische Helmbarte aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

 

D. Italienische Helmbarte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.

D. Italienische Helmbarte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.

 

E. Italienische Helmbarte vom Ende des 15. Jahrhunderts. Sie trägt die alte Mailänder Marke, den „Skorpion“. Sammlung von W. H. Riggs. Nach Viollet-le-Duc.

E. Italienische Helmbarte vom Ende des 15. Jahrhunderts. Sie trägt die alte Mailänder Marke, den „Skorpion“. Sammlung von W. H. Riggs. Nach Viollet-le-Duc.

 

Die Italiener liebten lange Schäfte an ihren Stangenwaffen; so ist die durchschnittliche Länge der Schäfte an italienischen Helmbarten 2,14 m.

 

Spezialformen ersehen wir in den Figuren 394 und 395, erstere ist deutscher, letztere italienischer Herkunft, beide sind nur Umbildungen von älteren Formen.

Fig. 394. Deutsche Helmbarte mit sichelförmiger Klinge, Ende 16. Jahrhundert. Fürstl. Hohenzollern-Museum zu Sigmaringen.  Fig. 395. Schweizerische Helmbarte mit der Stoßklinge am Beil. Übergangsform von der Helmbarte zur Streitaxt. Anfang 16. Jahrhundert

 Fig. 394. Deutsche Helmbarte mit sichelförmiger Klinge, Ende 16. Jahrhundert. Fürstl. Hohenzollern-Museum zu Sigmaringen.

 Fig. 395. Schweizerische Helmbarte mit der Stoßklinge am Beil. Übergangsform von der Helmbarte zur Streitaxt. Anfang 16. Jahrhundert. Landeszeughaus zu Graz.

 


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Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".

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