· 

Der Soldat in der deutschen Vergangenheit Teil 35

Karrikatur auf die renommistischen Spanier ca. 1700. Kupferstich. Gotha, Kupferstichkabinett.
Karrikatur auf die renommistischen Spanier ca. 1700. Kupferstich. Gotha, Kupferstichkabinett.

 

Solche Anschauungen waren das Resultat einer dreißigjährigen Soldatenherrschaft. Kaum eine Kriegszeit gibt es, deren soldatische Typen uns so wenig menschlich nahe treten. Außer den Wenigen, die finstere hinaushebt, scheint die Waffe nur den niedrigsten Herdentrieben zu folgen. Und doch haben sich Zeugnisse der urwüchsigen Kraft und Gesundheit, die dem zerschmetterten Stamme neues Grünen ermöglichte, auch aus soldatischen Kreisen erhalten. Ein solches ist das hinterlassene Werk eines alten Kriegsmannes, des Wendelin Schildknecht, der Stadt Stettin Ingenieur und Zeugmeister, Beschreibung Festungen zu bauen, 1652 erschienen. Die Arbeit, deren prächtig in roten Samt mit Goldschnitt gebundenes Widmungsexemplar für den Großen Kurfürsten noch erhalten ist, erweist sich als Niederschlag eines reichen Wissene, ist aber getreu der Versicherung seines Titels nicht allein „gründlich und ausführlich“, sondern auch „lustig und anmutig“. Ganz erstaunlich ist es, wie der Autor den trockenen Stoff durch seine behaglich-humoristische Darstellung zu beleben weiß. Kaum vermögen die technischen Auseinandersetzungen die Fülle packend anschaulicher bildlicher Ausdrücke zu fassen und unwillkürlich bedauert man, dass solche Kraft nicht einem allgemeiner verständlichen Stoff zu Gute gekommen ist. Dabei ist Schildknecht ein biederer Charakter, von Schmerz bewegt über das Unglück des Vaterlandes. Er erinnert ganz an den Wormser Anonymus, der gerade 150 Jahre vorher schrieb, nur dass er ihn an stilistischer Gewandtheit übertrifft. Berechtigt ist es freilich, wenn er bemerkt, dass er „nicht vor Klosternonnen schreibe, sondern vor kunstliebenden Soldaten“, denn seine Gleichnisse sind häufig von einer Plastik, für die uns das unbefangene Verständnis verloren gegangen ist. Er hat das Werk zur Belehrung seiner beiden Söhne verfasst, „dass ich ihnen diese hochlöbliche Kriegskunst gleich einem Claret eintröchtern möchte, welches mein Fürnehmen Gott Lob, mich nicht betrogen sondern ziemlich gelungen hat“.

 

Belagerung von Strahlsund 1628. Gleichzeitiges Kupferstich. München, Hofbibliothek.
Belagerung von Strahlsund 1628. Gleichzeitiges Kupferstich. München, Hofbibliothek.

 

In der Tat sind beide Obersten der Leibgarde des Herzogs von Mecklenburg-Güstrow und auch wegen ihrer theoretischen Kenntnisse angesehen gewesen. Doch nimmt er auf die soldatische Abneigung gegen das Bücherwissen Rücksicht, denn er empfiehlt ein für fortifikatorische Messungen konstruiertes Lineal statt der üblichen Tabellen mit den Worten: „Vor dem unverständigen Pöfelvolk lässet das Nachschlagen aus den Tabellen gar Schulfuchsig, Dintenkleckerisch und Schreiberisch, auf diesem Lineal aber mit dem Zirkel zu hantieren, stehet recht kunstreich, kavalierisch und soldatisch“. Darum ist er stolz auf die eigene vierzigjährige Kriegserfahrung. Ist er doch mit in der Schlacht am Weißen Berge gewesen, die von den Böhmen trotz vorteilhafter Stellung auf der Höhe verloren wurde: „die kaiserlichen aber marschierten mutig und trotzig zu uns herauf, wiewohl es anfangs etwas hart mit ihnen hielt, dass auch auf unserer Seite die Böhmen ihre Mäuler (ich auch) schon weit aufsperrten und Viotoriam rufen wollten. Es dauerte aber kaum eine Stund lang, da lag schon unsererseits alles, was da stund und nicht ausriß, darnieder. Hier wurde ich eigentlich gewahr, dass es nur an gutem Rat, rechter Anordnung und resolutem Befehl und nicht an Parition der damals willigen und murigen Soldaten, die bis auf den letzten Atem redlich fochten, allein mangeln täte“. Wie einst dem Wormser gelten auch ihm als die wahre Kriegsschule die Niederlande: „Wer lernen will im Wasser bauen, der mag in Holland sich umschauen. Die rechte Cathedra und Stuhl, die wahre Bau- und Kriegsschul man Niederland mag wahrlich nennen, das muß ein jedermann bekennen“.

 


Teil 36 wird nächste Woche veröffentlicht.

 

Zurück zu Teil 34

 

Quelle Bild und Text: "Der Soldat in der deutschen Vergangenheit" miteinhunertdreiundachtzig Abbildungen und Beilagen nach den Originalen aus dem 15. - 18. Jahrhundert, von Georg Liebe; Leipzig, 1899.