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Der Streithammer, Faust- und Reiterhammer.

Der Hammer ist die älteste deutsche Waffe, die frühesten Volkssagen legen ihn in die Faust der vornehmsten Gottheit. Im Laufe der Jahrhunderte lernte der Germane von benachbarten Völkern andere kunstreicher gefertigte Waffen kennen und gebrauchen; der Hammer aber wurde nie vollständig abgelegt. Im Gegenteil, er gelangte im Mittelalter erneuert zu ausgedehnter Anwendung. Die Deutschen namentlich führten ihn bis ins 11. Jahrhundert, seine allgemeinere Einführung besonders in der Reiterei fällt jedoch erst ins 13. Jahrhundert. Vertraute der Reiter bisher nur auf Schwert und Spieß, der Fußknecht auf Bogen, Armbrust, Spieß und Schwert, so erwiesen sich diese Waffen gegen einen wohlgerüsteten Gegner doch als unzureichend; der Schlag aber eines schweren Hammers, eines Kolbens, einer Axt musste nicht allein einen Haubert, einen Lentner und selbst einen Plattenharnisch zertrümmern, er konnte den Körper des Gegners bei guter Führung auch bis zur Kampfunfähigkeit erschüttern. So ähnlich der Hammer mit dem Kolben in Form und Gebrauch auch erscheinen mag, so hat er doch darin einen Vorzug, dass er schwerer ist, mehr Vorgewicht besitzt und bei guter, kräftiger Führung immer wirksamer als jener ist.

 

Für den Fußknecht wurde der Streithammer (marteau d’armes, maillotin, cassetête, engl. polehammer, lat. molleus, ital. martello, span. hachuela de mano, martillo) vom 14. Jahrhundert an umso nötiger, je mehr die Anwendung von Eisenplatten zum Schutz des Körpers allgemeiner wurde. Ja diese Waffe gelangte unter bestimmten Korporationen zu einer besonderen Beliebtheit. So führten die Pariser Bürger während des Aufruhrs 1381 schlägelförmige Hämmer aus Blei an langen Holzstielen (mailles) und machten sich damit sehr gefürchtet. (Fig. 428.) Bekannt ist der schon seit 1367 bestehende Schläglerbund der schwäbischen Ritterschaft, der sogenannten Martinsvögel, dessen Zweck war, sich gegen den Kaiser und die Reichsstädte zur Wehr zu setzen. In ihren Reihen erscheint der Hammer zuerst als Reiterwaffe.

 

Die ältesten von den Fußknechten geführten Streithämmer entsprachen der oben bemerkten Absicht allerdings noch wenig; das Hammereisen, der Stachel waren zu kurz. Doch fügte man bald ein Spießeisen dazu und versah sie an den Seiten mit Spitzen. So erschienen schon die französischen Fußknechte um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit solch verbesserten Streithämmern (picois) bewaffnet. (Fig. 429.)

Fig. 428. Gemeiner Kriegsschlägel aus Blei mit eisernen Schaftfedern und ca. 150 cm langem Stiel aus Holz. Französisch, aus einem Titus Livius der Nationalbibliothek in Paris von ca. 1395. Nach Viollet-le-Duc. Fig. 429. Streithammer (picois). Französisch.

Fig. 428. Gemeiner Kriegsschlägel aus Blei mit eisernen Schaftfedern und ca. 150 cm langem Stiel aus Holz. Französisch, aus einem Titus Livius der Nationalbibliothek in Paris von ca. 1395. Nach Viollet-le-Duc.

Fig. 429. Streithammer (picois). Französisch. Aus einem Titus Livius der Nationalbibliothek in Paris von ca. 1350. Nach Viollet-le-Duc.

Fig. 430. Luzerner Hammer mit Schnabel und Spießeisen. Ende 14. Jahrhundert. Nach Müller-Mothes, Arch. Lexikon.

 

Fast zu gleicher Zeit treten im Fußvolk verschiedene Formen von Streithämmern auf, welche ermessen lassen, wie angelegentlich man sich mit der Verbesserung derselben befasste. Zunächst ging man davon ab, sie aus Blei zu fertigen, da dies im Gebrauch seine Form veränderte; man machte sie aus Eisen und gab dem Hammer eine Gestalt und Gliederung der Art, dass ihn der Mann im Gefecht auch dauernd gebrauchen konnte. In dieser Umbildung erscheint er auch an der Stangenwaffe, zunächst an Helmbarten, deren Brauchbarkeit dadurch verstärkt wurde.

Fig. 431. Streithammer (Papagei) mit eisernem Stiel und äußerst feinen mattierten Verzierungen. Italienisch. Um 1560. Fig. 432. Fausthammer eines Rottmeisters eines Kürisser-Regimentes unter Maximilian I., mit 48 cm langem Stachel und 115 cm langem Holzst

Fig. 431. Streithammer (Papagei) mit eisernem Stiel und äußerst feinen mattierten Verzierungen. Italienisch. Um 1560.

Fig. 432. Fausthammer eines Rottmeisters eines Kürisser-Regimentes unter Maximilian I., mit 48 cm langem Stachel und 115 cm langem Holzstiel mit Faustriemen. Deutsch. Um 1510.

 

So entstehen die sogenannten Luzerner Hämmer, auch Falkenschnäbel genannt, eine nur vom Fußvolk gebrauchte Waffe mit langem Schaft und von etwa 14 Kilogramm Gewicht. (Fig. 430.) Die Sorge um Verbesserung der Wirkung der Schlagwaffen erklärt sich durch die immer mehr sich vervollständigenden Plattenharnische gegen Mitte des 14. Jahrhunderts.

 

Dieselbe Absicht führte den Reiter freilich erst später dahin, sich im Gefecht eines kurzstieligen Hammers zu bedienen. Der Adel wehrte sich lange gegen die missachtete Waffe der Städtebürger, der Pfeffersäcke und der rohen Bauern; aber die Notwendigkeit ließ keine Wahl und zwang ihn dazu, sich mit ihr zu befreunden. So kam es, dass schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts der Streithammer, nun Faust- oder Reiterhammer (marteau d’armes de cavalier, engl. horsman-hammer) genannt, von der Reiterei allenthalben geführt wurde. Die Deutschen und Franzosen führten ihn am Sattelknopf, die Italiener trugen ihn am Gürtel; ihre Fausthämmer sind deshalb durchweg mit Gürtelhaken ausgestattet. Gewisse Formen dieser Fausthämmer führten wegen der Ähnlichkeit des Hammereisens mit einem Vogelschnabel den Namen Papagei. (Fig. 431.) In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird es Sitte, die Fausthämmer zu Pferde derart in der Rechten zu tragen, dass der untere Teil des Stieles auf dem Rand des Unterdiechlings aufruhte und das Hammereisen als Handgriff diente. In den Kürisserregimentern Maximilians I. trugen die Rottmeister Fausthämmer mit übermäßig langen Stacheln, zugleich als Waffe und Würdenzeichen. Dieser Gebrauch erhielt sich bis in die ersten Jahre der Regierung Ferdinands I. (Fig. 432.) In den italienischen Reiterregimentern wurden von jedem Mann bis zum Obersten hinauf im 16. Jahrhundert kleine Fausthämmer mit eisernen Stielen geführt, welche an den Gürteln getragen wurden. (Fig. 433.) Einer besonderen Eigenheit müssen wir noch erwähnen, der im 15. Jahrhundert auftretenden Sitte, die Schlagfläche des Hammers mit diamantförmigen Spitzen und verschiedenartigen Figuren, ja selbst Monogrammen auszustatten. Entstanden in der Absicht, den Schlag gefährlicher zu machen, führte die Sitte zur plumpen Renommisterei mit der Begründung, die Hand des Helden an den Leichen der Gefallenen wiederzuerkennen. Mit der allgemeineren Einführung der Faustrohre kam der Fausthammer allenthalben außer Gebrauch. Vereinzelt kommt er noch im 17. Jahrhundert bei den ungarischen Truppen vor, wo er sich noch bis zur Einführung des Bajonetts erhält. Er erscheint in dieser Zeit und bis zuletzt als eine Art Gehstock (Czákan) und diente in Ungarn häufig als Waffe auf Reisen zur Abwehr gegen räuberische Überfälle.

Fig. 433. Kleiner Reiterhammer des Herzogs von Urbino, Francesco Maria von Rovere-Montefeltre (1491—1538) aus Eisen. Italienisch. Um 1580.

Fig. 433. Kleiner Reiterhammer des Herzogs von Urbino, Francesco Maria von Rovere-Montefeltre (1491—1538) aus Eisen. Italienisch. Um 1580.

 


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Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".

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