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Die Streitaxt

Unter den Funden der Stein-, der ältesten Bronzeperiode bildet die Streitaxt (franz. hache d’armes, engl. battle-axe, pole-axe, ital. azza, span. hacha de armas, lat. acha, polaxis, rasticucium, bipennis) einen so häufig vor Augen tretenden und bemerkenswerten Gegenstand, dass wir deren Alter am weitesten in die prähistorische Zeit rücken können. Wo wir aber ihre Spur finden, da weisen die Umstände in den meisten Fällen darauf hin, dass sie bei den nordischen Völkern zuerst Verwendung im Krieg gefunden hat. Schon auf der Trajanssäule erblicken wir die Streitaxt in den Händen der fechtenden Barbaren und in den ältesten Gräbern aus der Zeit der Merowinger, wie u. a. jenen von Parfondeval (Dep. de l’Eaulne) fand sich fast ausnahmslos neben dem Scramasax die Franziska, jene kurzstielige, unserer gemeinen Holzhaueraxt ähnliche Waffe, die schon im 5. Jahrhundert unter den Galliern zur Nationalwaffe geworden war, wie uns schon Sidonius Apollinaris und Procopius von Caesarea berichten.

 

Von diesen unanfechtbaren Zeugen abgesehen finden wir sie in Abbildungen aus dem frühen Mittelalter bis ins 11. Jahrhundert dargestellt. In dem oft erwähnten Teppich von Bayeux erscheint sie in einer so vollständigen Deutlichkeit als Waffe des englischen Fußvolkes, dass wir selbst die Kampfweise daraus zu entnehmen imstande sind. (Fig. 434.) War unter den Merowingern die kleine Streitaxt, Franziska, eine Wurfwaffe, welche 10—12 m vom Feind entfernt in dessen Reihen flog, so erscheint hier die langstielige Axt mit konvexer Beilschneide als Hiebwaffe, mit der das Fußvolk zuerst in die feindliche Front eindrang. Nach dem mit den Äxten bewirkten Einbruch folgten erst die schildtragenden Streiter, um mit den langen Wurfspießen und Schwertern den Erfolg zu vermehren. (Fig. 435.)

 

Ist die Streitaxt ihrem Ursprung nach eine Waffe des Fußvolkes gewesen, so führte die unzureichende Wirkung des Spießes und des Reiterschwertes auf den immer widerstandsfähiger werdenden Harnisch allmählich dahin, dass auch die Reiterei sich derselben bediente. Diese Umwandlung in der Bewaffnung wird schon im 1. Kreuzzug bemerkbar und es ist nicht unmöglich, dass das Vorbild hierzu von den Orientalen gegeben worden ist, unter welchen wir schon sehr früh die Reiteraxt antreffen.

Fig. 434. Englischer Fußkämpfer mit der Streitaxt. Aus dem Teppich von Bayeux. Ende 11. Jahrhundert.

Fig. 434. Englischer Fußkämpfer mit der Streitaxt. Aus dem Teppich von Bayeux. Ende 11. Jahrhundert.

 

Eine ausschlaggebende Bedeutung hat aber die Streitaxt nur als Waffe des Fußvolkes und bei den Völkern des Nordens erhalten. Es spricht sich dieses schon in den eigenartigen Formen aus, die bei bestimmten Völkern auftreten, so die Lochaberaxt bei dem schottischen Bergvolk (Fig. 436), die dänische, schwedische, die Schweizer-Axt, jene der Polen und Russen etc. Gerade zu jenem Zeitpunkt, als man anfing, dem gemeinen Spieß eine erweiterte Verwendung durch Beigabe von Beil und Haken zu geben und denselben zur Helmbarte gestaltete, am Beginn des 13. Jahrhunderts, begann man auch die Streitaxt am Rücken mit einem hammerartigen Ansatz, einem spitzigen Stachel oder einem schnabelförmigen Haken zu versehen; am Ende des 14. Jahrhunderts fügte man eine Stoßklinge hinzu. In dieser Art verschmelzen sich die Formen, sodass es manchmal schwierig ist, die Waffe nach ihrer Form zu rubrizieren, weil sie dem einen wie dem anderen Formenbereich mit fast gleicher Berechtigung zuzuweisen ist. So ist die Streitaxt, welche in Flandern am Ende des 13. Jahrhunderts vom Fußvolk geführt wurde und die der Söldnerwitz „Godendag“ benannte, eine Bezeichnung, die sicher auf eine niederdeutsche Herkunft schließen lässt, eine Waffe, die in ihrer Form nahe an die Helmbarte streift, wenngleich wir sie ihrer Beilform und ihres Gebrauches halber unter die Streitäxte reihen müssen. (Fig. 437a und b)

Fig. 435. Angreifende englische Fußkämpfer mit Streitaxt und Wurfspießen. Aus dem Teppich von Bayeux. Ende 11. Jahrhundert.

Fig. 435. Angreifende englische Fußkämpfer mit Streitaxt und Wurfspießen. Aus dem Teppich von Bayeux. Ende 11. Jahrhundert.

 

Diese Form, jedoch stets ohne Stoßklingen, findet man im 15. und 16. Jahrhundert bei allen Nationen des Nordens von Schweden bis nach Russland verbreitet. (Fig. 438 und 439.) Solche Streitäxte führten ebenso die Trabanten der schwedischen Reichsstatthalter Sture und des Königs Gustav Wasa, wie wir an den Fresken der Grabkapelle des letzteren in der Kathedrale zu Uppsala sehen. Sie waren auch bis ans Ende des 17. Jahrhunderts die Waffe der Strelitzen, bei welchen sie den Namen Berdiche führten, ein vermutlich von dem deutschen Worte Barte abgeleiteter Ausdruck. (Fig. 440.) In einer besonderen, der türkischen ähnlichen Form des Beiles wird die Streitaxt in Ungarn zur persönlichen Sicherheit des einzelnen Bürgers geführt und es ist dort seit Jahrhunderten Sitte geworden, zu Pferde ein „gereisiges Beil“ (Griesbeil: Buzogány, im Türkischen Bozdoghân) am Sattel hängend zu tragen, zu Fuß aber ein solches als Stock zu benutzen.

Fig. 436. Lochaberaxt. 15. Jahrhundert. Ehemalige Sammlung Meyrick. Fig. 437a und b. Godendags nach der gereimten Beschreibung in dem Fechtbuch des Guillaume Guiart von 1298. Nach einer Zeichnung von Viollet-le-Duc.

Fig. 436. Lochaberaxt. 15. Jahrhundert. Ehemalige Sammlung Meyrick.

Fig. 437a und b. Godendags nach der gereimten Beschreibung in dem Fechtbuch des Guillaume Guiart von 1298. Nach einer Zeichnung von Viollet-le-Duc.

 

Streitäxte mit reich geätzten Beilen führten auch die ungarischen Trabanten des Königs Ferdinand I. um 1530 (Fig. 441) und auch Karl III. von Spanien, nachmals Kaiser Karl VI., besaß in Spanien eine ungarische Leibwache, welche mit Streitbeilen mit reichen Silberbeschlägen bewaffnet war. Die schwere, mit zwei Händen zu führende Axt wurde von den Reitern im Mittelalter nur in besonderen Fällen und nie allgemein geführt. Ein vereinzeltes Beispiel findet sich in einer Miniatur der Nationalbibliothek zu Paris von ca. 1250: Le Roman de la table ronde.

Fig. 438 und 439. Leichte Streitäxte für Fußknechte. 16. Jahrhundert. Russisch. Kaiserliches Waffenmuseum zu Zarskoë-Selo.

Fig. 438 und 439. Leichte Streitäxte für Fußknechte. 16. Jahrhundert. Russisch. Kaiserliches Waffenmuseum zu Zarskoë-Selo.

 

Fig. 440. Schwere Trabanten-Streitaxt (berdiche) mit 70 cm langem Beil. Ende 15. Jahrhundert. Kaiserliches Waffenmuseum zu Zarskoë-Selo. Fig. 441. Streithacke (gereisiges Beil) der ungarischen Trabanten Ferdinands I. mit dem habsburgischen Wappen und dem

Fig. 440. Schwere Trabanten-Streitaxt (berdiche) mit 70 cm langem Beil. Ende 15. Jahrhundert. Kaiserliches Waffenmuseum zu Zarskoë-Selo.

Fig. 441. Streithacke (gereisiges Beil) der ungarischen Trabanten Ferdinands I. mit dem habsburgischen Wappen und dem Vließorden in Schwarzätzung geziert. Deutsche, vielleicht Augsburger Arbeit. Um 1530. Im Besitz der Stadtgemeinde Mährisch-Neustadt.

 

Im 15. Jahrhundert führten eben sowohl die schwer geharnischten adligen Reiter, wie deren reisige Knechte, später die deutschen Kürisser und die französischen Gens d’armes eine Art Beil, deren Form darauf berechnet war, zunächst den Harnisch des Gegners zu zertrümmern, weshalb sie keine scharfe Schneide hatten, sondern bei ansehnlicher Stärke und Schwere keilartig gebildet waren. Diese Streitäxte besaßen kurze, meist nicht viel über 60 cm lange Stiele und wurden an starken Riemen über den Sattel hängend geführt. (Fig. 442.) Vornehme bedienten sich statt der Äxte lieber der Streithämmer.

Fig. 442. Deutsche Streithacke der Kürisser unter Maximilian I. Um 1500. Der Stiel wurde im 16. Jahrhundert erneuert.

Fig. 442. Deutsche Streithacke der Kürisser unter Maximilian I. Um 1500. Der Stiel wurde im 16. Jahrhundert erneuert.

 

Fig. 443. Streithacke der Trabanten des Kurfürsten August I. von Sachsen (1553—1586). Beil und Handgriff aus Eisen sind in Schwarzätzung, ersteres mit dem kursächsischen und dem dänischen Wappen geziert. Stiellänge 73 cm. Königliches Historisches Museum i

Fig. 443. Streithacke der Trabanten des Kurfürsten August I. von Sachsen (1553—1586). Beil und Handgriff aus Eisen sind in Schwarzätzung, ersteres mit dem kursächsischen und dem dänischen Wappen geziert. Stiellänge 73 cm. Königliches Historisches Museum in Dresden.

Fig. 444. Polnische Streithacke mit sogenanntem „bärtigen“ Beil und rohen Verzierungen auf der Klinge. Der 83 cm lange Stiel besitzt einen silbernen Handgriff mit Afterkugel italienischer Form. Anfang 17. Jahrhundert. Königliches Historisches Museum in Dresden.

 

Fig. 445. Streithacke des Ruprecht von der Pfalz (gest. 1504) von italienischer Form, jedoch deutscher Arbeit. Das Beil ist sternförmig durchbrochen. Sämtliche Eisenteile sind mit figuralen Verzierungen in Goldschmelz auf gebläutem Grund geziert. Der Hand

Fig. 445. Streithacke des Ruprecht von der Pfalz (gest. 1504) von italienischer Form, jedoch deutscher Arbeit. Das Beil ist sternförmig durchbrochen. Sämtliche Eisenteile sind mit figuralen Verzierungen in Goldschmelz auf gebläutem Grund geziert. Der Handgriff besitzt einen Überzug aus Leder. Um 1500.

Fig. 446. Italienische Streithacke mit Gürtelhaken in Silber tauschiert und mit figuralen Emblemen in Goldätzung ausgestattet. Um 1530.

 

Der Streitkolben aber, im Orient weit allgemeiner im Gebrauch, bildete im Abendland ein besonderes Würdezeichen. (Fig. 443 und 444.)

 

Italienische Reiteräxte sind vom 14. Jahrhundert an schmal und leicht; die meisten besitzen metallene Schäfte und als charakteristisches Merkmal am Mitteleisen einen Haken, da sie dort nicht am Sattelbogen, sondern am Gürtel getragen wurden. Italienische Äxte besitzen häufig eigene, mit Handschutzscheiben ausgestattete Handgriffe. (Fig. 445 und 446.)

 

Es ist bemerkenswert, dass wir schon am Beginn des 13. Jahrhunderts die Beile mit breiter Verstählung antreffen, ein Umstand, der bei den langen Beilschneiden der Lochaber- wie der schwedischen und russischen Äxte einen Begriff von der hohen Ausbildung des Waffenschmiedhandwerks gibt.

 

Am verbreitetsten unter dem Fußvolk in Frankreich, Deutschland und der Schweiz war jene breite Streitaxt, deren Beil am unteren Ende der Verstärkung wegen entweder mittels einer Schnürung oder mittelst Schrauben mit dem Schaft in Verbindung stand. Der Schaft selbst ist gewöhnlich mit zwei Ringen ausgestattet, an die ein Riemen geschnallt wurde. Auf dem Marsch trug sie der Mann am Rücken. Das Bestreben, die Wucht des Hiebes zu verstärken, führte im 14. Jahrhundert schon zu einer bedeutenden Verlängerung der Schäfte; dadurch und durch Beigabe von Stoßklinge und Haken wird das Streitbeil zu einer Art Helmbarte. Solcher langschäftiger Streitäxte bedienten sich selbst Personen des Ritterstandes im Kampf zu Fuß. Eine sehr interessante Waffe der Art bewahrt die reiche Sammlung W. H. Riggs; sie findet sich abgebildet in Viollet-le-Duc, Dictionnaire du mobilier français, VI. Band, pag. 17. Sie besitzt statt des Hakens einen Hammer mit diamantierter Schlagfläche und darauf die Spottinschrift: „de bon . (Fig. 447.) In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sehen wir auch bei dieser Waffe die Absicht auftauchen, durch Beigabe eines Feuerrohres eine Fernwirkung zu erzielen. Derlei Streitäxte mit Schießvorrichtungen wurden um 1570 zahlreich in Nürnberg und in Brescia erzeugt, sie sind meist von reicher künstlerischer Ausstattung in Ätzung und Tausia. Es ist dies überhaupt jene Periode, in welcher die Waffen in reicherer Verzierung auftreten. Abgesehen von der Ausstattung der Klingen werden auch die Schäfte mit reichen Stoffen und Netzwerk überzogen und mit feiner Gold- und Seidenpassamenterie besetzt. Eine besondere Gattung von Äxten, halb Waffe, halb Zeichen des Handwerks, bilden die Bergmannsbarten, deren Form auf die polnischen Streitäxte zurückzuführen ist; sie werden noch zur Stunde von den Bergleuten bei festlichen Aufzügen getragen. Außer Schweden, Dänemark, Polen, Ungarn und Russland gehört auch Sachsen zu den Ländern, in denen bis ans Ende des 16. Jahrhunderts die Streithacke als Trabantenwaffe geführt wird.

Fig. 447. Streithacke für Fußknechte mit Stoßklinge und Hammer mit diamantierter Schlagfläche, dazwischen eine Inschrift. Anfang 15. Jahrhundert. Sammlung W. H. Riggs. Nach Viollet-le-Duc.  Fig. 448. Streitaxt des Sultans der Mameluken in Ägypten Muhammed

Fig. 447. Streithacke für Fußknechte mit Stoßklinge und Hammer mit diamantierter Schlagfläche, dazwischen eine Inschrift. Anfang 15. Jahrhundert. Sammlung W. H. Riggs. Nach Viollet-le-Duc.

Fig. 448. Streitaxt des Sultans der Mameluken in Ägypten Muhammed Ben Kaitbai (gest. 1499). Das Beil mit Schellenringen zeigt in durchbrochener Arbeit eine kufische Inschrift mit dem Namen des Eigentümers. Sowohl das Beil als der hohle eiserne Schaft sind in Goldtausia geziert.

 

Im Orient ist das Streitbeil (Teber-zèn) zweifelsohne weit vor Mohammed geführt worden. Das Beil erscheint entweder in Form eines Halbmondes mit fast kreisrunder, konvexer Beilschneide, mit konkaven Seitenwänden oder mit vollständig geradelaufendem Oberrand, sehr selten aber unterhalb abgekappt (bärtig), sondern fast immer spitzig zulaufend. Vornehme führten Äxte mit Schellen geziert, um in der Schlacht Aufmerksamkeit zu erregen. Wir bringen von beiden charakteristischen Formen Exemplare, welche von hervorragenden historischen Personen herrühren. (Fig. 448 und 449.) Unterbefehlshaber der türkischen Reiterei führten im 17. Jahrhundert Streitäxte mit zwei- oder dreifachen Beilen, die fast jenen auf den antiken Darstellungen der Amazonenkämpfe gleichen, aber in zwei verschiedenen Formen vorkommen; die aus drei Beilen bestehenden erscheinen öfter mit Tausia geziert, weshalb zu vermuten ist, dass sie höheren Truppenführern angehörten. (Fig. 450.)

 

Ein altmexikanisches Streitbeil sehen wir in der folgenden Figur (Fig. 451.)

Fig. 449. Streitaxt des letzten Sultans der Mameluken in Ägypten Tuman Bai (getötet 1517). Das Beil zeigt in geschnittener Arbeit eine Hasenjagd zu Pferde. Alle Eisenteile sind in Goldtausia geziert. Kaiserliches Waffensammlung in Zarskoë-Selo. Fig. 450.

Fig. 449. Streitaxt des letzten Sultans der Mameluken in Ägypten Tuman Bai (getötet 1517). Das Beil zeigt in geschnittener Arbeit eine Hasenjagd zu Pferde. Alle Eisenteile sind in Goldtausia geziert. Kaiserliches Waffensammlung in Zarskoë-Selo.

Fig. 450. Arabisches Doppelbeil mit Stoßklinge. Ende 17. Jahrhundert. Kaiserliches und königliches Heeresmuseum in Wien.

Fig. 451. Streitbeil aus Syenit Montezumas II., Inkas von Mexiko (getötet 1520). Das Beil ist mit feinen Wollfäden an den langen Holzstiel befestigt.

 



Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".

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