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Handwaffen mit Schießvorrichtungen

Nahezu alle Handwaffenformen, ja, überhaupt alle Handwaffen kommen etwa von der Mitte des 16. Jahrhunderts an zuweilen in Verbindung mit Schießvorrichtungen vor. Bei Stangenwaffen findet sich selten nur eine an solchen angebracht, weit häufiger deren zwei an den entgegengesetzten Seiten der Spießblätter. Die Wahrnehmung, dass derlei kombinierte Waffen fast ausnahmslos reich verziert erscheinen, beweist, dass dieselben im Krieg selbst keine oder nur vereinzelt Anwendung gefunden haben und dass wir in ihnen nur Trabantenwaffen vor Augen haben. Bei einem Hoflager mussten derlei Ausrüstungen zweifelsohne von großem Vorteil für den Wachtdienst sein, da der Mann damit nicht nur eine ausgiebige Stoß-, beziehungsweise Hiebwaffe besaß, sondern auch in der Lage war, durch einen abgefeuerten Schuss zu verletzen und die Gefahr rasch zur Kenntnis zu bringen. Am Beginn des 17. Jahrhunderts verschwinden diese kombinierten Trabantenwaffen fast plötzlich. (Fig. 452, 453.) Bald nach der Einführung des Radschlosses erscheinen auch die Schweinspieße mit Schießvorrichtungen ausgestattet. Hier hatten die letzteren eine besondere fachliche Bestimmung und derlei Waffen erhalten sich auch noch bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts. (Fig. 454.)

Fig. 450. Spieß mit Springklinge und einfacher Schießvorrichtung. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Deutsch. Fig. 451. Trabantenhelmbarte mit doppelter Schießvorrichtung. Reich in Schwarzätzung geziert. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Deutsch.

Fig. 452. Spieß mit Springklinge und einfacher Schießvorrichtung. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Deutsch.

Fig. 453. Trabantenhelmbarte mit doppelter Schießvorrichtung. Reich in Schwarzätzung geziert. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Deutsch.

 

Fig. 454. Schweinspieß mit doppelter Schießvorrichtung. Das breite Spießblatt ist reich geschnitten und vergoldet. Mitte 17. Jahrhundert. Fig. 45. Reiterschwert mit Parierring, einfachem Faustschutzbügel und einfacher Schießvorrichtung. Fassung aus gebläu

Fig. 454. Schweinspieß mit doppelter Schießvorrichtung. Das breite Spießblatt ist reich geschnitten und vergoldet. Mitte 17. Jahrhundert.

Fig. 455. Reiterschwert mit Parierring, einfachem Faustschutzbügel und einfacher Schießvorrichtung. Fassung aus gebläutem Eisen. Erste Hälfte 16. Jahrhundert.

 

Fig. 456. Haudegen. Der Griff aus geschnittenem Eisen ist reich vergoldet. An der in Schwarzätzung gezierten Klinge findet sich eine einfache Schießvorrichtung. Mitte 16. Jahrhundert. Königliches Historisches Museum in Dresden.

Fig. 456. Haudegen. Der Griff aus geschnittenem Eisen ist reich vergoldet. An der in Schwarzätzung gezierten Klinge findet sich eine einfache Schießvorrichtung. Mitte 16. Jahrhundert. Königliches Historisches Museum in Dresden.

 

Bei Trabantenspießen, Partisanen, Helmbarten etc. finden sich die Schießvorrichtungen paarweise an den Flachseiten der Klinge angeordnet. Zwei in der Regel nicht über 20 cm lange Läufe sind auf entsprechend hohen Stegen in der rückwärtigen Hälfte der Spießklinge angeschweißt, welch letztere statt gerippt zumeist in der Mitte rinnenartig gebildet ist, um den Flug des Geschosses nicht zu hindern. Die Radschlösser befinden sich entweder an den beiden Seiten oder zunächst hinter dem Lauf. Die Abfeuerung geschieht mittels eines längs des Schaftes in einer verdeckten Nut laufenden Drahtes vom letzten Drittel des Schaftes aus.

Fig. 457. Streithacke mit Schießvorrichtung italienischer Form. Der Stiel bildet den Lauf, dessen Spitze beim Gebrauch abzuschrauben ist. Alle Eisenteile sind reich in Schwarzätzung geziert. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Königliches Historisches Museum i

Fig. 457. Streithacke mit Schießvorrichtung italienischer Form. Der Stiel bildet den Lauf, dessen Spitze beim Gebrauch abzuschrauben ist. Alle Eisenteile sind reich in Schwarzätzung geziert. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Königliches Historisches Museum in Dresden.

Fig. 458. Streithacke italienischer Form mit Schießvorrichtung. Der Stiel, an der Mündung abschraubbar, dient als Lauf. Alle Eisenteile der Hacke sind in Schwarzätzung geziert. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Königliches Historisches Museum in Dresden.

 

Fig. 459. Kleine Reiterhacke, sogenanntes „Schießhackel“ mit einfacher Schießvorrichtung. Der faustrohrähnliche Schaft ist in Bein eingelegt. Russisch-polnisch. 16. Jahrhundert, zweite Hälfte. Kais. Waffenmuseum in Zarskoë-Selo. Fig. 460. Streitkolben mit

Fig. 459. Kleine Reiterhacke, sogenanntes „Schießhackel“ mit einfacher Schießvorrichtung. Der faustrohrähnliche Schaft ist in Bein eingelegt. Russisch-polnisch. 16. Jahrhundert, zweite Hälfte. Kais. Waffenmuseum in Zarskoë-Selo.

Fig. 460. Streitkolben mit vierfacher Schießvorrichtung, sogenannter „Weihwassersprenger“. Der Schaft wie der Kolben sind aus Holz mit rohen Einlagen in Bein geziert. Letzterer besitzt eiserne Beschläge mit Stacheln. Wenn der obere Deckel des Kolbens durch einen Federdruck geöffnet wird, zeigen sich vier Feuerrohre, welche, am unteren Kolbenende von Schubern gedeckt, ihre Zündungs- und Entladungsvorrichtungen besitzen. Englisch? 16. Jahrhundert, Ende.

 

Nicht selten ist auch mit der Schießvorrichtung ein Springklingensystem in Verbindung, welches jedoch immer einen für sich wirkenden Mechanismus besitzt, der gleichfalls vom letzten Drittel des Schaftes aus gehandhabt wird.

 

Glefen und Cousen besitzen in der Regel nur eine einfache Schießvorrichtung. Der Lauf befindet sich hier am Rücken der Klinge und ist aus diesem Grund zuweilen auch etwas länger; das Radschloss steht dann gewöhnlich an der rechten Klingenseite.

 

Über Schießvorrichtungen an Schwertern und Haudegen haben wir am betreffenden Ort gesprochen, wir fügen hier nur gelegentlich einige Beispiele an. (Fig. 455, 456.)

 

Ebenso wie bei Stangenwaffen und Hiebwaffen erscheinen Schießvorrichtungen an Schlagwaffen des 16. und 17. Jahrhunderts, besonders häufig bei Streithacken. Wir bringen hier einige Beispiele von solchen. (Fig. 457, 458, 459.)

 

Eine eigene Form von Waffen ist der sogenannte Weihwassersprenger, ein hölzerner Streitkolben, in dessen innen hohl gebildetem Kolbenteil mehrere Feuerrohre sich befinden, welche vom Schaft aus abgefeuert werden. Seinen Ursprung scheint er in England gefunden zu haben, wenigstens kommen solche Waffen meist in englischen Sammlungen, sehr wenige in Frankreich und Deutschland vor. Die ältesten gehören der Mitte des 16. Jahrhunderts an. (Fig. 460.)


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Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".

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