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Die Fernwaffen: Die Schleuder

Die Tatsache, dass wir die Schleuder als Kriegswaffe tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung im Buch der Könige antreffen, lässt uns ihr Auftreten schon im frühesten Mittelalter begreiflich erscheinen. Die Einfachheit dieser Waffe ist ein genügender Grund, ihre Anwendung bei allen Völkern, vielleicht nur die Germanen und die Völkerschaften des Nordens ausgenommen, vorauszusetzen. Die Erwerbung von 444 Stück römischen Schleuderbleies durch das Berliner Museum 1875 gab Anlass, auch die Anwendung der Schleuder im Mittelalter einem näheren Studium zu unterziehen.

 

Die Schleuder (franz. fronde, altfranz. fonde, engl. slinger, ital. fromba, span. honda) war im Mittelalter von den Kreuzzügen an bis ins 15. Jahrhundert eine häufig angewendete Waffe, besonders der Bergbewohner Helvetiens, nicht minder der Italiener, selbst des Flachlandes. Sie war nie eine Waffe der Vornehmen, sondern stets nur der niederen Volksklassen bis zu den Zeiten der französischen Religionskriege herab.

 

In dem oft berührten Teppich von Bayeux finden wir einen Schleuderer auf der Jagd, wie er eben ein Geschoss von der Schlinge gebracht hat. Die Darstellung, so einfach sie auch gegeben ist, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. (Fig. 461.)

 

Fig. 461. Schleuderer nach einer Darstellung auf der unteren Randleiste des Teppichs von Bayeux. Ende 11. Jahrhundert.

 Fig. 461. Schleuderer nach einer Darstellung auf der unteren Randleiste des Teppichs von Bayeux. Ende 11. Jahrhundert.

 

Im 13. Jahrhundert wurde der Schleuderer gemeiniglich mit dem Namen eslingur (engl. slinger) bezeichnet. Damals stand die Schleuder als Hand- und Stockschleuder (gibet), welch letztere wir in einer Bibel des 10. Jahrhunderts in der Nationalbibliothek in Paris abgebildet antreffen, längst allgemein im französischen Heer in Anwendung. Die Stockschleuder scheint im 13. Jahrhundert vorzüglich im Seekrieg und bei Belagerungen in Anwendung gekommen zu sein. Die Handschleuder bestand aus einer einfachen Schlinge, welche in der Mitte eine hohl gebildete Schale aus Leder besaß, in welche der Stein oder das Blei gelegt wurde. (Fig. 462.)

 

Fig. 462. Handschleuder.

 Fig. 462. Handschleuder.

 

Beim Gebrauch schwang der Schleuderer die Schlinge zwei- bis dreimal rasch im Kreise herum und ließ im geeigneten Augenblick das eine Ende der Schlinge aus der Hand gleiten, wie wir aus der Figur ersehen. Beim Gebrauch der Stockschleuder musste sich im Schwung das eine Ende von einem am Ende des Stockes angebrachten Haken abheben, was nur durch besondere Geschicklichkeit erzielt werden konnte. Immerhin war die Stockschleuder in der Hand eines geübten Mannes eine fürchterliche Waffe. (Fig. 463.) Ihre unleugbaren Vorzüge wurden noch im 17. Jahrhundert erkannt, da sie häufig zum Schleudern von Handgranaten benutzt wurde. Ebenso wie Bogenschützen wurden „Schleuderer“ noch im 14. Jahrhundert bei allen Heeren geworben, die aus ihrer Kunst ein Gewerbe machten, unansehnliches und wohl auch im Äußeren herabgekommenes, dabei sehr schlecht diszipliniertes Volk. Sie begleiteten auch die Ritterschaft Kaiser Heinrichs VII. nach Italien. (Fig. 464.)

 

Im 15. Jahrhundert mehren sich die Berichte von einer Verwendung der Schleuder durch eigene, für den Zweck bestimmte Söldner. In dem zusammengerafften Heer, welches Johann von Capistran nach Belgrad führte, war sie die vorzüglichste Fernwaffe. In dem Ruf, die gewandtesten Schleuderer zu besitzen, standen die spanischen Heere, die sich für diesen Zweck der Bewohner der Balearischen Inseln bedienten. Die Leistungsfähigkeit eines balearischen oder kretischen Schleuderers war so groß, dass er auf 120 — 160 Schritte mit Sicherheit seinen Mann traf. Einige Anzeichen deuten darauf hin, dass auch Mathias Corvinus, der ja altrömische Kriegführung sorgfältigst nachahmte, in seinem Heer Schleuderer führte; so wird in der kostbaren Sammlung des Grafen Hans Wilczek ein kleines Schleuderblei bewahrt, dessen Prägung neben einem undeutlichen Wappen das Wort „Mathias“ erkennen lässt.

 

Fig. 463. Gruppen von Bewaffneten, darunter einer mit einer Armbrust, der andere mit einer Stockschleuder. Miniatur aus einem Manuskript des Matheus Paris, 13. Jahrhundert, in der Bibliothek des Benet College in Cambridge. Nach Hewitt.

 Fig. 463. Gruppen von Bewaffneten, darunter einer mit einer Armbrust, der andere mit einer Stockschleuder. Miniatur aus einem Manuskript des Matheus Paris, 13. Jahrhundert, in der Bibliothek des Benet College in Cambridge. Nach Hewitt.

 

Die Schleuderbleie des Mittelalters besitzen gleich denen des Altertums eine dattelähnliche Form, doch sind die meisten nicht gegossen, sondern aus Bleistücken zugehämmert. Wie diese tragen viele unter ihnen mehrmals übereinander geschlagene Stempel mit Inschriften, die aber nicht wie bei römischen Schleuderbleien trotzige Anrufungen an den Feind, wie: „Nimm“, „iss“, „dir“ etc., sondern meistens Namen von Personen und Städten, wie „Milano“, „Biztom“, „Hotelin“ u. a. bezeichnen (Fig. 465). Bis jetzt wurden bloß deutsche und norditalienische Schleuderbleie gefunden. In anderen Ländern ist die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand noch wenig rege. Die größte Zahl der entdeckten Schleuderbleie ist in dem Besitz des Grafen Hans Wilczek in Wien, der sie auf seinem Schloss Seebarn bewahrt; sie stammen aus Schlössern in der Nähe von Treviso.

 

Fig. 464. Schleuderer, nach einer Miniatur im Codex Balduini Trevirensis, die Romfahrt Kaiser Heinrichs VII. darstellend. Mitte 14. Jahrhundert. Nach Irmer. Fig. 465. Schleuderblei, aus Schlössern in der Umgebung von Treviso stammend. Anfang 15. Jahrhunde

 Fig. 464. Schleuderer, nach einer Miniatur im Codex Balduini Trevirensis, die Romfahrt Kaiser Heinrichs VII. darstellend. Mitte 14. Jahrhundert. Nach Irmer.

 Fig. 465. Schleuderblei, aus Schlössern in der Umgebung von Treviso stammend. Anfang 15. Jahrhundert.

 

Einen Beweis dafür, dass die Schleuder auch in den Streithaufen Kaiser Friedrichs III. in Verwendung kam, finden wir in dem Inventar des Wiener Zeughauses von 1519, in welchem als im „Zillerhof“ befindlich 32 Schleudern angeführt werden1. Sie waren zweifelsohne dort seit vielen Jahrzehnten gelagert, ohne mehr Ausrüstungsstücke zu bilden.

 

1Reichs-Finanzarchiv, Fasz. 31.


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Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".

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