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Die Armbrust Teil 3

Die bedeutendste Änderung, in der sich der italienische Schnepper von anderen unterscheidet, ist durch die krumme Form der Säule zwischen Nuss und Bogen zu erblicken, zweifelsohne dazu dienend, die Linke vor dem Schnellen der Sehne zu schützen. Der Querschnitt der Säule ist gering und wird gegen das Ende zu noch geringer, wo sie mit einem gedrehten Kopf abschließt. Der Abzugmechanismus besteht in zwei Hebeln; der vordere, ein zweiarmiger, an welchem der Haken für die Sehne befindlich ist, wird rückwärts niedergedrückt und am hinteren Ende durch ein Häkchen gehalten, welches das vordere Ende eines Winkelhebels bildet, der mit der Abzugstange in Verbindung ist. Wird diese nach aufwärts gedrückt, so schlägt der vordere, vom Häkchen befreite Hebel durch die Kraft der Sehne nach aufwärts und letztere verlässt den Haken. Besehnung und Zielvorrichtung sind die gleichen, wie bei der spanischen Balläster. Diese italienischen Schnepper waren in der zweiten Hälfte des 16. und am Anfang des 17. Jahrhunderts für die Feldjagd eine äußerst beliebte Fernwaffe. In den Blättern des Johann Stradan, namentlich in der Serie „Venatio“, gestochen von Raphael Sadeler, und jener von 1578, welche Cosmus von Medici gewidmet und von Philipp Galle gestochen ist, finden sich derartige Schnepper oft und genauestens abgebildet.

 

Eine besondere Art von Schneppern, die vielfach als „deutsche“ bezeichnet werden, werden in nicht geringer Zahl auch in Italien, besonders in Brescia, erzeugt und von dort in den Handel gebracht.

 

Fig. 499. Krappe zum Spannen einer Balläster mit Gürtelhaken. Um 1580.

 Fig. 499. Krappe zum Spannen einer Balläster mit Gürtelhaken. Um 1580.

 

Sie unterscheiden sich von allen sonstigen Armbrustgattungen dadurch, dass auch die Säule aus Eisen gefertigt ist. Am rückwärtigen Ende befindet sich ein breites Backenstück aus Holz. Derlei Schnepper finden sich in allen Größen von jener einer gewöhnlichen Armbrust bis zur kleinsten Dimension von nur 35 cm Säulenlänge herab, wie sie bei Armbrüsten üblich war, die auf der Jagd zu Pferd geführt wurden. (Fig. 500.) Sie führen gemeiniglich den Säulenhebel nach Art der spanischen, denen sie auch augenscheinlich nachgebildet sind. Eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit diesen deutschen Schneppern hat eine Gattung italienischer Schnepper am Ende des 16. Jahrhunderts. Auch diese besitzen eiserne Säulen, welche aber wie die vorbeschriebenen abgebogen sind und runde, hölzerne Backenstücke besitzen; die meisten aber führen keine Säulenhebel, sondern werden mit der Hand oder dem Krappen gespannt.

 

Um 1530 erscheinen in Italien winzig kleine Armbrüste, welche man unter den Kleidern trug. Sie wurden von den Regierungen mit strengen Verboten belegt. Der Senat von Venedig setzte auf ihren Besitz 1542 schwere Strafe. Schöne Exemplare dieser Art bewahrt das Museo civico (Correr) in Venedig.

 

Fig. 500. Kleiner deutscher Schnepper aus Eisen mit hölzernem Kolben. Die Besehnung ist original. Waffensammlung im Stift Klosterneuenburg.

 Fig. 500. Kleiner deutscher Schnepper aus Eisen mit hölzernem Kolben. Die Besehnung ist original. Waffensammlung im Stift Klosterneuenburg.

 

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts, wo die Überzeugung von dem Wert der Feuerwaffe auch für den Jagdzweck mächtiger wird, kommen Balläster in Aufnahme, welche mit Feuerrohren in Verbindung sind, in Italien balestrino-pistola genannt. Es sind hier im Allgemeinen zwei verschiedene konstruktive Systeme zu unterscheiden. Besitzt die Balläster den Säulenhebel oberhalb der Säule, dann ist das Feuerrohr unterhalb derselben und das Radschloss an der rechten Seite, im entgegengesetzten Fall oberhalb mit dem Radschloss an der linken Seite.

 

Die erstere Gattung bringt unter anderem Meyrick; sie ist die verbreitetste und darum auch bekanntere, von der letzteren, weit seltener vorkommenden bringen wir ein Beispiel in einer reich gezierten deutschen Balläster mit Kugelschale von ca. 1580 aus der Waffensammlung des kaiserlichen Hauses in Wien. Fig. 501 zeigt uns die Ansicht der Balläster mit ihren schön gezeichneten Elfenbeineinlagen in der aus Birnholz gefertigten Säule und der äußeren Form ihrer mechanischen Ausstattung. Fig. 502 erklärt uns in geometrischer Projektion den Radmechanismus des Feuergewehres und teils auch den Spannmechanismus des Stahlbogens. Durch das Zurückschlagen des Hebels F wird die Stange q vorgetrieben und entweder die obere Platte mit der Nuss bis zur Schale vorgeschoben oder nur das Zahnrad h gespannt; sodann wird der Hebel wieder geschlossen und damit auch die Nuss e in die Spannung zurückgezogen. Der Hahn d, welcher beim Nichtgebrauch seitwärts zu drehen ist, führt hier bereits einen Schlag auf das gleichzeitig rotierende Rad. Beim Abzug des Feuerrohres drückt das Züngel r auf den Hebel p, dieser löst eine Schlagfeder und damit auch den Hebel R, wodurch das Zahnrad wieder zurückrotiert. (Fig. 503.) Das Feuerrohr ist beim Nichtgebrauch durch eine Schraube n zu schließen.

 

Fig. 501. Balläster in Verbindung mit einem Feuerrohr. Deutsche, vielleicht augsburgische Arbeit. Um 1580. Aus dem Besitz des Erzherzogs Ferdinand von Tirol. Fig. 502 Spann- und Abzugmechanismus für den Bogen und Abfeuerung für das Rohr der in Fig. 501 da

 Fig. 501. Balläster in Verbindung mit einem Feuerrohr. Deutsche, vielleicht augsburgische Arbeit. Um 1580. Aus dem Besitz des Erzherzogs Ferdinand von Tirol.

 Fig. 502. Spann- und Abzugmechanismus für den Bogen und Abfeuerung für das Rohr der in Fig. 501 dargestellten Balläster mit Schießvorrichtung.

 

Unter den Geschossen der Armbrüste, den Bolzen, Hauspfeilen, französisch Carreaux, Dondaines, Garrots, Traits, Bougons, Matras, Pilettes etc., unterscheidet man die für den Krieg von den für die Jagd bestimmten. Jene sind einfach und meist von roher Fertigung, doch immer mit sorgfältiger Beachtung der Gewichts- und Schwerpunktsverhältnisse; diese, in der Regel von besserem Material, feinerer Ausführung, erscheinen in einer Unzahl der verschiedensten Formen.

 

Der Bolzen besteht aus der Spitze, dem sogenannten Eisen, dem Schaft oder Zain; die Schäfte sind mit oder ohne „Federn“ ausgestattet. Die Form und Schwere des Bolzens beruhte immer auf einer sorgfältigen Berechnung. Die Zainlänge war abhängig von der Aufzugsdimension der Armbrust, das Gewicht von der Kraft des Bogens. Für die Tragweite des Bolzens war die richtige Lage des Schwerpunktes ein wichtiges Erfordernis. Bei kurzen Bolzen bis zu 35 cm Zainlänge liegt der Schwerpunkt in der Regel genau am Ende des ersten Drittels von der Spitze gerechnet, bei längeren gewöhnlich am Ende des ersten Viertels. Der Schwerpunkt wurde an jedem Stück geprüft und durch Beschneiden des hinteren Zainendes angepasst. Man wird die meisten Bolzen für den Kriegsgebrauch am rückwärtigen Ende zugeschnitten antreffen. Gemeine Bolzen besitzen gewöhnlich roh zugeschmiedete Eisen von vierseitigem Querschnitt, die entweder mit der Dille am Zain sitzen oder im Dorn des letzteren eingelassen sind. In diesem Fall ist der Zain oberhalb mit starkem Faden gebunden, um ein Aussprengen desselben durch den Dorn zu verhindern. (Fig. 504 a und b.)

 

Fig. 503. Die in Fig. 501 dargestellte Balläster in isometrischer Projektion mit geöffnetem Säulenhebel und gespanntem Hahn.

 Fig. 503. Die in Fig. 501 dargestellte Balläster in isometrischer Projektion mit geöffnetem Säulenhebel und gespanntem Hahn.

 

Fig. 504. Gemeine Armbrustbolzen für den Feldgebrauch. a. Gemeiner Hauspfeil mit gerade laufenden hölzernen Federn mit 33,5 cm langem Zain b. Gemeiner Hauspfeil mit am Dorn aufsitzendem Eisen ohne Federn mit 35 cm langem Zain. Tirolisch. 15. Jahrhundert.

 Fig. 504. Gemeine Armbrustbolzen für den Feldgebrauch. a. Gemeiner Hauspfeil mit gerade laufenden hölzernen Federn mit 33,5 cm langem Zain b. Gemeiner Hauspfeil mit am Dorn aufsitzendem Eisen ohne Federn mit 35 cm langem Zain. Tirolisch. 15. Jahrhundert.

 Fig. 505. Brandbolzen, a. Brandbolzen mit hölzernen bemalten Federn und bärtiger Spitze. 15. Jahrhundert. b. Brandbolzen nach einer Zeichnung in den Zeugbüchern Kaiser Maximilians I. mit einseitig bärtiger Spitze.

 

Über den Nutzen einer Befiederung waren die Ansichten zu jeder Zeit geteilt; man findet darum häufig nichtbefiederte Bolzen, ja sehr schwere haben in der Regel keine „Federn“. Das Material, aus welchem die Federn gefertigt wurden, war verschieden; bei gemeinen Stücken für den Krieg bestanden sie aus rohen Holzspänen. In der Schweiz und in Tirol war Leder sehr beliebt. In Frankreich Pergament, desselben Stoffes bedienten sich in den Hussitenkriegen auch die Böhmen. Für die Jagd pflegten Vornehme Bolzen mit Befiederungen aus dünnen Plättchen aus Elfenbein oder auch aus Posen von Schwanenfedern zu verwenden.

 

Die Richtung der Federn war entweder geradelaufend oder im „Drall“, das ist in einem Winkel bis zu etwa 1,5 Grad zur Zainrichtung. Durch die schiefe Richtung der Federn zum Schaft entstand eine drehende, bohrende Bewegung im Flug, welche bei Stichbolzen die Treffsicherheit erhöhte. Die Franzosen, die derart gestaltete Bolzen schon im 14. Jahrhundert anwendeten, nennen sie viretons.

 

Eine besondere Gattung unter den Bolzen für den Gebrauch im Krieg bildeten die Brandpfeile (flèches incendiaires, falariques). Sie waren mit Brandballen ausgerüstet und besaßen Spitzen mit Widerhaken (têtes barbelées), um das Haftenbleiben an dem anzuzündenden Gegenstand zu sichern. (Fig. 505 a und b.)

 

Fig. 506. Bolzenformen für die Jagd. a. Spitzbolzen ohne Befiederung. 16. Jahrhundert. b. Spitzbolzen mit Spur von Befiederung aus Schwanenfedern im Drall. 16. Jahrhundert. c. Spitzbolzen, ähnlich dem vorigen. 16. Jahrhundert. d. Kronbolzen, ohne Befieder

 Fig. 506. Bolzenformen für die Jagd. a. Spitzbolzen ohne Befiederung. 16. Jahrhundert. b. Spitzbolzen mit Spur von Befiederung aus Schwanenfedern im Drall. 16. Jahrhundert. c. Spitzbolzen, ähnlich dem vorigen. 16. Jahrhundert. d. Kronbolzen, ohne Befiederung. 15. Jahrhundert. e. Schneidbolzen, mailändisch. Ende des 15. Jahrhunderts.

 

Fig. 507. Formen von Bolzeneisen. a. Stichbolzeneisen. b. Großes bärtiges Eisen. c. Schneidebolzeneisen. d. Gabelbolzeneisen. Königliches Zeughaus in Berlin.

 Fig. 507. Formen von Bolzeneisen. a. Stichbolzeneisen. b. Großes bärtiges Eisen. c. Schneidebolzeneisen. d. Gabelbolzeneisen. Königliches Zeughaus in Berlin.

 

Waren für den Krieg die Formen für die Bolzen im Allgemeinen wenig unterschieden, so war für den Gebrauch auf der Jagd gerade das Gegenteil der Fall. Je nach der Größe und Gattung des Wildes kommen hier die mannigfaltigsten Spitzeneisenformen vor. Ihrer Gestalt nach unterscheiden wir Stichbolzen (Fig. 506 a, 507 a) mit spitzigen Eisen, leichte für größeres Federwild, schwere und scharfe ausschließlich für Haarwild und zur Bärenjagd.

 

Bolzenspitzen mit Widerhaken (Fig. 507 b) kamen bei Brandpfeilen, sonst aber selbst im frühen Mittelalter für Krieg und Jagd wenig in Verwendung. Man führte sie in Spanien, wo sie durch die Mauren in die christlichen Heere gekommen waren; auch in England wurden zahlreichere bärtige Spitzen ausgegraben, sonst kommen derlei Formen gemeiniglich nur bei Bogenpfeilen vor. Schlag- oder Prellbolzen (matras) mit ganz flachen, platten oder abgerundeten Eisen waren dazu bestimmt, das Wild statt es zu töten, bloß zu betäuben, damit das kostbare Fell nicht verletzt und, falls das Wild nicht zusammenbrach, der kostbaren Bolzen nicht verloren wurde. Daraus ergibt sich schon ihre Verwendung für kleineres Haarwild1. Eine Abart der Prellbolzen bildeten die Kronbolzen. (Fig. 506 d.) Diese meist sehr schweren Geschosse dienten vorzugsweise auf der Jagd nach Adlern und Geiern. Gabelbolzen (Fig. 507 d), welche wir wiederholt im Theuerdank dargestellt finden, waren ihrer kräftigen Wirkung wegen auf der Gemsjagd beliebt; ihr Flug aber war unsicher, da sie sich nicht selten überschlugen. Endlich erwähnen wir noch der Schneidebolzen (Fig. 506 e). Solche mit breiten, halbmondförmigen Eisen, mads (Fig. 507 c) genannt, verwendete man bei der Jagd auf Hochwild, leichte Schneidebolzen vorzugsweise auf der Enten- („Antvogel“-) Jagd, da sie im Flug nur ein ganz geringes Geräusch erzeugten. Schließlich wäre zu bemerken, dass einige Arten feinerer Jagdbolzen zunächst der Spitze kleine eiserne Warzen besitzen, die als Absehkorn beim Zielen dienten. (Fig. 506 b und c.)

 

Die Behältnisse für die Bolzen, „Köcher“, wurden, wenn auch nicht selten aus Metall, doch der größten Mehrzahl nach aus Holz gefertigt und mit Leder oder Haut überzogen. In Deutschland war es Sitte, wie die Schilde an der oberen Seite, auch die Köcher mit Pelzwerk zu überziehen; derlei Köcher werden „Rauchköcher“ benannt. Die älteste bis jetzt bekannte Form eines Köchers erblickt man in einem Basrelief des 4. Jahrhunderts (Fig. 480). Wie man daraus erkennen kann, haben sich die Formen in den späteren Jahrhunderten im Allgemeinen nur unwesentlich geändert. Die für dieses Gerät charakteristischsten Formen bringen wir in nebenstehenden Figuren. (Fig. 508, 509, 510.)

 

1Kurze Bolzen mit dicken, birnformigen Spitzen verwendete man in den Schützengesellschaften beim sogenannten Papagei- oder Vogelschießen.

 

Fig. 508. Gemeiner Bolzenköcher aus gepresstem Leder. Nach Viollet-le-Duc. Fig. 509. Gemeiner Bolzenköcher aus Holz, mit Schweinshaut überzogen und mit gepresstem Kalbsleder besetzt. 15. Jahrhundert. Fig. 510. Bolzenköcher für die Jagd aus Holz, mit Schwe

 Fig. 508. Gemeiner Bolzenköcher aus gepresstem Leder. Nach Viollet-le-Duc.

 Fig. 509. Gemeiner Bolzenköcher aus Holz, mit Schweinshaut überzogen und mit gepresstem Kalbsleder besetzt. 15. Jahrhundert.

 Fig. 510. Bolzenköcher für die Jagd aus Holz, mit Schweinshaut überzogen. Der Deckel und der Besatz sind aus Leder, mit Gürtelriemen. 15. Jahrhundert.


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Quelle: Wendelin Boeheims "Handbuch der Waffenkunde".


Artikel: Der Geißfußspanner für die Armbrust. Lesen


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