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Der Soldat in der deutschen Vergangenheit Teil 3

In genau formatierten Dienstbriefen wurden die Bedingungen festgesetzt, unter denen der berittene Söldner der Stadt seine Kriegstüchtigkeit zur Verfügung stellte, meist auf ein Jahr, und früh entwickelte sich ein militärisches Unternehmertum, indem ein erfahrener Kriegsmann die Anwerbung einer Anzahl Gleven, d.h. Ritter mit Knappen, übernahm. Die Dienstbriefe lassen ein recht geschäftsmäßiges Abwägen der beiderseitigen Verpflichtungen erkennen und verfehlen nicht, über das Verteilen der Beute genaue Bestimmungen zu treffen. Denn nur zu viel Gewicht wurde auf diesen Punkt bei einer Kriegsführung gelegt, die zu großen Schlägen nicht fähig, in Quälereien unerschöpflich war. Wenn die Städter ihre Warenzüge dem „Ansprengen“ der Feinde preisgeben und ihre Mitbürger „niederwerfen“ lassen mussten, so suchten sie sich durch Verwüstung der feindlichen Dörfer schadlos zu halten.

 

Fußvölker treten in den Städten, die am ehesten Fußvolk zu stellen fähig waren, erst später auf; eine der frühesten Erwähnungen ist 1376 die der in Ulms Diensten fechtenden „Knechte von der Freiheit“. Um Zuzug brauchte wer auf einen vollen Beutel pochen konnte niemals besorgt zu sein; nicht mit Unrecht rühmte der selbstbewusste Nürnberger:

 

 

Wenn man ein Anschlag übersummet

 

Bei Nacht, bei Tag, bei kalt, bei warm,

 

Und auf einer Pauken voraus brummet,

 

So flog hervor ein solcher Schwarm,

 

Achttausend Mann in einer Stund

 

Mit Büchsen, Armbrust, Spieß und Schwert!

 

Lagerszene aus dem 15. Jahrhundert. Holzschnitt aus Livius, Römische Hostorien. Mainz, Schöffer, 1505.
Lagerszene aus dem 15. Jahrhundert. Holzschnitt aus Livius, Römische Hostorien. Mainz, Schöffer, 1505.
Zweikampf zwischen zwei Soldaten. Holzschnitt aus Historie von Kaiser Karls Sohn Lothar. Straßburg, 1514.
Zweikampf zwischen zwei Soldaten. Holzschnitt aus Historie von Kaiser Karls Sohn Lothar. Straßburg, 1514.

 

Dass die Territorien noch geraume Zeit den Städten an wirtschaftlicher Kraft nachstanden, macht sich auch im langsameren Auftreten des Söldnertums geltend. Voran ging hier der Deutsche Orden, dessen eigene Kämpfer als Ritter nur Berittene sein konnten. Von ihm verbreitete sich die Benennung Trabanten fürs Fußvolk, die erst später die Bedeutung von Leibwache annahm. Es ist bezeichnend, dass die Staaten nach dem Maß ihrer Geldkräftigkeit auf die neue Organisation eingingen, Sachsen unter den ersten, Brandenburg unter den letzten. So standen verschieden geartete Elemente in den Heeren nebeneinander, so bunt zusammengewürfelt wie die Hoheitsrechte eines deutschen Fürsten, die ja auch den mannigfaltigsten Quellen entstammen.

 

Die Nachteile in disziplinarischer und taktischer Hinsicht, schon an den einzelnen Truppenkörpern bemerkbar, wuchsen mit der Größe des Heeres. Nicht zum mindesten in der anorganischen Zusammensetzung der Reichsheerfahrten wurzelt die kriegerische Ohnmacht Deutschlands im ausgehenden Mittelalter trotz dem Übermaß kriegerischer Kraft und Neigung im Volk. Wurden doch den Aufgeboten fortdauernd die veralteten Matrikeln früherer Zeiten zugrunde gelegt und erst vor dem Feind fand sich dann eine Unzahl verschieden bewaffneter und geübter Kontingente zusammen, an keinerlei Zusammenwirken gewöhnt.

 

Die ältesten Handbüchsen. Holzschnitt aus Rudimentum Noviciorum. Lübeck, Brandis, 1475.
Die ältesten Handbüchsen. Holzschnitt aus Rudimentum Noviciorum. Lübeck, Brandis, 1475.

 

Die Folge waren die schmachvollen Niederlagen vor den Hussiten, die nur vorübergehende Erfolge gegenüber den Türken, die trotz einzelner ruhmvoller Waffentaten zu einer dauernden Gefahr für das Abendland wurden. Mehr und mehr regte sich nach solchen traurigen Erfahrungen das Verlangen nach stehenden Truppen. Österreich, das von beiden Feinden bedrohte, schuf sich eine dauernde Landwehr. Die Stände des inneren Deutschlands gewöhnten sich an die Abwälzung kriegerischer Lasten auf die geübten Schultern von Söldnern und bevorzugten selbst in Fehden untereinander die Fremden, deren Kriegstüchtigkeit sie zum eigenen Schaden erfahren hatten. Sogar Scharen der ketzerischen Böhmen in Dienst zu nehmen, haben deutsche Fürsten sich nicht gescheut. Ständig tätig aber in allen deutschen Händeln waren die Schweizer. Ihnen haftete der Ruhm der Unbesiegbarkeit an, seit sie 1386, obwohl in der Minderzahl und leicht gerüstet, die schimmernden Banner der österreichischen Ritterschaft in Sempachs blutigen Staub gelegt hatten.

 

Schlacht bei Sempach 1386. Aus dem Holzschnitt von Hans Rudolf Manuel Deutsch (geboren 1525). Berlin, Kupferstichkabinett.
Schlacht bei Sempach 1386. Aus dem Holzschnitt von Hans Rudolf Manuel Deutsch (geboren 1525). Berlin, Kupferstichkabinett.

Die Tat Winkelrieds freilich hat wie so manches der historischen Rüstkammer entnommene rhetorische Paradestück der historischen Kritik nicht Stand gehalten. Wohl sind ähnliche, aus der Fechtweise der Vergangenheit erklärliche Vorgänge vorher und nachher überliefert. Bei Sempach aber unterlagen die Ritter gerade deshalb, weil sie, des ungünstigen Terrains wegen von den Rossen gestiegen, ohne Ordnung gegen die geschlossenen sie erwartenden Eidgenossen anstürmten. Diese feste Ordnung, befördert durch die in das Feld übertragenen Gliederung der heimatlichen Gemeindeverbände, war das Neue, dem man damals gleiches nicht entgegen zu stellen hatte, während ihre Vertreter um angemessenen Preis für jede Fahne zu haben waren. Da trat Ende des 15. Jahrhunderts die Organisation ins Leben, an die sich zum ersten Mal in Deutschland die Vorstellung eines wirklichen Soldatenstandes knüpft: Die Landsknechte.

Schweizer auf dem Marsch. Links Pflege Verwundeter. Aus dem Holzschnitt von H. R. Manuel Deutsch (geboren 1525). Schlacht von Sempach 1386.
Schweizer auf dem Marsch. Links Pflege Verwundeter. Aus dem Holzschnitt von H. R. Manuel Deutsch (geboren 1525). Schlacht von Sempach 1386.

Teil 4 wird nächste Woche veröffentlicht.

 

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Quelle Bild und Text: "Der Soldat in der deutschen Vergangenheit" miteinhunertdreiundachtzig Abbildungen und Beilagen nach den Originalen aus dem 15. - 18. Jahrhundert, von Georg Liebe; Leipzig, 1899.


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