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Der Soldat in der deutschen Vergangenheit Teil 27

Deserteure im Dreißigjährigem Krieg. Kupferstich aus C. Richter, Soldatenleben, 1642.
Deserteure im Dreißigjährigem Krieg. Kupferstich aus C. Richter, Soldatenleben, 1642.
Schildwache im Dreißigjährigem Krieg. Kupferstich aus C. Richter, Soldatenleben.
Schildwache im Dreißigjährigem Krieg. Kupferstich aus C. Richter, Soldatenleben.

Die jetzige Auffassung des Berufs musste seine soziale Stellung herabdrücken. Hatte sich die Soldateska bisher schon aus immer niedrigeren Sichten des Volkes ergänzt, so wurde sie, je länger der Krieg raste, geradezu der Abschaum. Das bedingte wesentliche Veränderungen innerhalb des Heeres selbst. Wie die Taktik der Landsknechte auf dem geschlossenen Gewalthaufen beruhte, in den vor dem Angriff auch die Befehlshaber eintraten, so machten sich auch gesellschaftliche Unterschiede wenig bemerkbar. Die Führer bis zum Hauptmann aufwärts gingen aus den Knechten selbst durch die Wahl hervor und ihre Stellung galt nur solange das Fähnlein beisammen blieb. Jetzt machte die Unsicherheit und geringe Übung der Mannschaft eine starke Vermehrung dieser unteren Stellen nötig, und die Stellung der Offiziere begann sich schärfer abzuheben. Noch 1606 spricht ein amtliches Aktenstück von den Offizieren des Kurfürsten von Brandenburg, meint aber die Zivilbeamten, die sonst auch wohl Offizianten genannt werden. Auch nach der Beschränkung auf militärische Stellungen bleibt die Abgrenzung nach unten hin unsicher. Mit der allmählichen Klärung der Vorstellung, die nach dem Krieg vollzogen erscheint, geht Hand in Hand eine wachsende Bevorzugung des Adels. Drastisch wird das im Simplicissimus, diesem ausgezeichneten Sittenbild, geschildert. Die militärische Rangordnung erscheint dem Helden im Traum als ein Baum, auf dessen untersten Zweigen die gemeinen Soldaten sitzen, darüber die Subalternoffiziere, „die man Wamsklopfer nennt“. „Über diesen hatte des Baumes Stamm ein Absatz, welches ein glattes Stück war ohne Äste, mit wunderlichen Materialien und seltsamen Seifen der Missgunst geschmiert, also das kein Kerl, er sei denn von Adel, weder durch Mannehit, Geschicklichkeit noch Wissenschaft hinauf steigen konnte, Gott geb wie er auch klettern konnte, denn es war glätter poliert als eine marmorsteinerne Säule oder stählener Spiegel. Über demselben Ort saßen die mit den Fähnlein, deren waren teils jung und teils bei ziemlichen Jahren; die Jungen hatten ihre Vettern hinaufgehoben, die Alten aber waren zum Teil von sich selbst hinaufgestiegen, entweder auf einer silbernen Leiter, die man Schmiralia [Schmiergeld] nennt oder sonst auf einem Steg, den ihnen das Glück aus Mangel anderer gelegt hatte.“ Eine weitere Folge der Verschlechterung der Heeresergänzung war, dass den Soldaten das wichtigste Vorrecht eigner Gerichtsbarkeit genommen wurde. Im Laufe des Krieges bildeten sich anstelle des umständlichen alten Malefizgerichtes im Ringe der Knechte die modernen militärgerichtlichen Formen aus, wobei aus den einzelnen Chargenklassen gewählte Richter das Urteil sprachen. Die Vollstreckung lag für das ganze Heer in den Händen eines obersten Profoses, des sogenannten Generalgewaltigen.

Anwerbung von Salodaten im 17. Jhd. Deutschland.
Anwerbung und Ausrüstung im Anfang des 17. Jahrhundert. Kupferstich aus J. J. von Wallhausen, Defensio patriae oder Landrettung. Frankfurt 1621.

 

Schlimmer noch als die Minderwertigkeit des soldatischen Materials waren die Begleiterscheinungen in ihrem Gefolge. Denn bei der Schwierigkeit des Unterhalts und der strategischen Leitung bei der damaligen Kriegsführung konnten die Heere nur klein sein. Aber nicht nur sie galt es zu ernähren, sondern auch den Tross, der sie begleitete und oft an Zahl übertraf. Auch seine sittliche Beschaffenheit war gesunken, immer häufiger fand es der Soldat bequem, für das Zusammenleben mit einer Gefährtin nicht mehr die Hilfe des Geistlichen in Anspruch zu nehmen, um den Wechsel zu erleichtern. Wer dazu nicht Neigung oder Mittel besaß, hielt sich einen Buben zur Bedienung und – zum Stehlen. Dieses Gesindel hauptsächlich war es, das den Durchzug einer Truppe einem verheerenden Heuschreckenschwarm ähnlich machte. Und ihm nach folgten noch ärgere Gesellen, die Merodebrüder, für die das frühere periodische Gartlaufen dauernder Zustand war. Der Name stammte von dem Regiment des Grafen Merode ab, das durch Strapazen und schlechte Zucht in fast völlige Auflösung geraten war und blieb seitdem an den verlotterten Nachzüglern hängen, deren Zahl bei widrigem Geschick des Heeres ins Ungeheure anwuchs. „Man sieht sie haufenweis hinter den Hecken im Schatten oder nach ihrer Gelegenheit an der Sonne oder um ein Feuer herum liegen, Tabak rauchen, saufen und faulenzen, wenn unterdessen ein rechtschaffender Soldat beim Fähnlein Hitze, Durst, Hunger, Frost und allerlei Elend übersteht. Sie spolieren (rauben) vor, neben und hinter der Armee alles was sie antreffen, und was sie nicht genießen können verderben sie, also dass die Regimenter, wenn sie in die Quartiere oder ins Lager kommen, oft nicht einen guten Trunk Wasser finden und wenn sie alles Ernstes angehalten werden, bei der Bagage zu bleiben, so wird man oft beinahe dieselbe stärker finden als die Armee selbst ist. Sie wachen nicht, sie schanzen nicht, sie stürmen nicht und kommen auch in keine Schlachtordnung und sie ernähren sich doch.“ Nur eines Schrittes bedurfte es, auch diese schwache Verbindung mit den regulären Truppen zu lösen und völlig zum Buschkläpper und Räuber herabzusinken, wie sie seit dem Kriege die ständige Plage mancher Landschaften wurden.

 


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Quelle Bild und Text: "Der Soldat in der deutschen Vergangenheit" miteinhunertdreiundachtzig Abbildungen und Beilagen nach den Originalen aus dem 15. - 18. Jahrhundert, von Georg Liebe; Leipzig, 1899.

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