
Der Einfall der Franzosen in Westflandern.
Die Spanier hatten nach ihrem Siege bei St. Quentin und nach dem Fall der Stadt keine größeren Unternehmungen mehr begonnen, und Heinrich II. war in der Lage gewesen, sein Heer bis zum Ende des
Jahres wieder in einen aktionsfähigen Zustand zu bringen. Der Herzog von Guise war mit der französischen Armee aus Italien zurückgekommen, hatte den Oberbefehl über die gesamten Streitkräfte
übernommen und ergriff zu Beginn des Jahres 1558 die Initiative, indem er nach einer Reihe von Scheinmanövern plötzlich vor Calais erschien, diese im Besitze der Engländer befindliche Stadt
belagerte und am 5. Januar 1558 eroberte. Durch diese Tat hatte er den Briten ihre letzte Besitzung auf französischem Boden entrissen. Er begnügte sich aber nicht mit diesem Erfolge, sondern
teilte sein Heer, dessen einer Teil unter Nevers im Ardennengebiet blieb, während Guise selbst mit dem anderen Teil durch Luxemburg zog, dort den Spaniern möglichst viel Schaden tat und im Juni
die Stadt Thionville (Diedenhofen) belagerte und eroberte.
In Calais war der General von Termes mit einer kleinen Armee zurückgeblieben und im Juni von Guise beauftragt worden, in Westflandern einzufallen, dort die wichtigsten Städte zu plündern und sich
dann mit der französischen Hauptmacht zu vereinigen, die nach der Eroberung von Thionville Luxemburg plünderte und durch die Grafschaft Namur heranzog. Ende Juni brach Termes aus Calais auf,
wandte sich zunächst nach Osten, zog an der Küste entlang, an dem Städtchen Gravelingen vorbei, nach Dünkirchen und eroberte die nur schwach besetzte Stadt beim ersten Anlauf. Von dort aus sandte
er einen Boten an König Heinrich und ließ um Auskunft bitten, ob er Dünkirchen befestigen sollte. Währenddessen unternahm er Raubzüge in die Nachbarschaft, plünderte und zerstörte das 8 km
südsüdöstlich von Dünkirchen liegende Städtchen Bergues, brandschatzte das Land in der rücksichtslosesten Weise und häufte allmählich so viel Beute an, dass es ihm geboten schien, sie unter
starker Bedeckung nach Calais bringen zu lassen. Nachdem er dies besorgt hatte, beschloss er, das Gros des Heeres unter den Generälen von Senarpont und von Villebon gegen Gravelingen zu schicken
und diese Stadt belagern zu lassen. Er selbst litt an der Gicht und wollte mit zwei Kompanien Infanterie in Dünkirchen bleiben, um die Stadt, gemäß dem vom Könige inzwischen eingetroffenen
Befehl, zu befestigen. Die beiden Generäle brachen am 10. Juli in der Richtung nach Gravelingen auf.
Egmont kommt dem Lande zu Hilfe.
Während diese Ereignisse sich abspielten, war die Kunde von den Räubereien der Franzosen bis in das spanische Hauptquartier gedrungen, und Savoyen, der selbst nicht abkömmlich war, da der Herzog
von Guise ihn beschäftigte, sandte den Grafen Egmont, den Gouverneur von Flandern, aus, um den Plündereien ein Ende zu machen. Er gab ihm eine geringe Truppenzahl mit und beauftragte ihn, sie
durch die in den flandrischen Städten stationierten Kompanien zu verstärken. Egmont zog in Eilmärschen durch das Land, nahm unterwegs die Garnisonen von Béthune, St. Omer, Aire und Bourbourg auf
und postierte sich schließlich in Gravelingen, wo er sein Heer noch durch die Kompanien des Herrn von Bignicourt verstärkte. Außerdem folgte ihm eine große Menge von Landleuten, die sich
zusammengeschart hatten, um ihr von den Franzosen geraubtes Hab und Gut wiederzuerhalten oder sich für den Verlust zu rächen.
Während Egmont in Gravelingen lag, erschien das französische Heer vor der Stadt, blieb aber außer Schussweite, da es eine so starke Besatzung nicht erwartet hatte. Villebon schickte sofort einen
Eilboten nach Dünkirchen und ließ Termes melden, dass es nicht ratsam sei, die Stadt ohne Weiteres anzugreifen. Am nächsten Tage (12. Juli) kam ein zweiter Bote zu Termes und meldete, das
spanische Heer hätte Gravelingen verlassen und, auf Schussweite vom französischen Heere entfernt, zwischen Gravelingen und der See ein befestigtes Lager bezogen. Der Marschall erkannte sofort den
Ernst der Situation, stieg trotz seiner Gicht zu Pferde, befahl den beiden in Dünkirchen zurückgebliebenen Kompanien, die Stadt zu zerstören und sich dann nach Calais zurückzuziehen, ritt an der
Küste entlang und erschien noch am selben Abend bei seinen Truppen vor Gravelingen.
Das Gelände bei Gravelingen und die Stärke der beiden Heere.
Das Städtchen Gravelingen liegt ziemlich genau auf der Hälfte der 40 km langen Strecke Calais–Dünkirchen an der Aa, 3 km von der Nordseeküste entfernt. Die Aa ist ein kleiner, heute kanalisierter
Fluss von geringer Breite und Tiefe; Ebbe und Flut beeinflussen ihren Wasserstand an der Mündung. Mit Ausnahme der unmittelbar an der Küste sich hinziehenden Dünenreihe ist das Gelände
vollständig eben. Die Küste verläuft von Calais ab von Westsüdwest nach Ostnordost ohne nennenswerte Einbuchtungen. Das Lager der beiden Heere befand sich nach übereinstimmenden
Quellennachrichten am 12. Juli zwischen Gravelingen und dem Meere auf dem rechten Ufer der Aa.
Die Bestimmung der Heereszahlen ist für die Schlacht bei Gravelingen recht großen Schwierigkeiten unterworfen. Es handelt sich in dieser Schlacht bei beiden Gegnern nicht um die vollzähligen
Armeen, sondern bei den Franzosen um eine kleine, zum Plündern detachierte Abteilung, bei den Spaniern um eine aus verschiedenen Garnisonen schnell zusammengezogene Truppenmacht, die den
Räubereien ein Ende machen sollte. Ich habe versucht, die Stärke der einzelnen spanischen Garnisonen festzustellen; es ist mir nicht gelungen, da sie nirgends angegeben wird. Alle von den Quellen
genannten Zahlen werden nur einmal und dann nicht wieder erwähnt. Bei der Schilderung der Schlacht selbst wird keine Zahl genannt, und die Verluste werden summarisch angegeben, sodass sich auch
hier keine Handhabe ergibt, um etwaige Fehler zu berichtigen. Zweifellos wird von den vorwiegend französischen Quellen die Zahl der Spanier für die Schlacht bei Gravelingen zu hoch angegeben,
denn es ist sonderbar genug, dass das spanische Heer auch bei Gravelingen dreifach so stark gewesen sein soll wie das französische. Die Übertreibungen lassen sich aber nicht nachweisen, sodass
man hier nur referierend sagen kann, was die Quellen behaupten.
Der offizielle spanische Schlachtbericht, der noch am Tage der Schlacht geschrieben worden ist, nennt keine Zahlen, sondern erwähnt nur, dass Spanier, Wallonen und Deutsche die Infanterie der
spanischen Armee gebildet hätten. Alle anderen zeitgenössischen Berichte sagen über die Zahl der Spanier nichts. Nur Rabutin, der aber selbst sagt, dass er von der Schlacht bloß gehört habe,
nennt die Zahl, die er erfahren hat: 15–16 000 Mann Infanterie und 3–4000 Mann Kavallerie.
Die Geschichtsschreiber haben über die Stärke der Spanier offenbar nicht viel gewusst. Belcarius hat sich, wie stets bei Zahlenangaben, auf Rabutin berufen und von ihm abgeschrieben. Adriani gibt
überhaupt keine Zahlen für die spanische Armee, und Herrera, der ohne ihn hilflos ist, auch nicht. Guicciardini und de Thou zählen beide 12 000 Mann Infanterie und 3000 Reiter. Da de Thou, der
seine Quellen stets angibt, Guicciardini nicht nennt, lässt sich annehmen, dass beide unabhängig voneinander zu dem gemeinsamen Ergebnis gekommen sind. Damit sind die Zahlenangaben über das
spanische Heer erschöpft. Über die Zusammensetzung wird nichts gesagt, und man ist lediglich auf die Mitteilung des offiziellen Schlachtberichtes angewiesen, die ich oben erwähnt habe; es liegt
kein Grund vor, an ihr zu zweifeln. Rabutins Zahlen, die er selbst nur unter Vorbehalt gibt, scheinen reichlich hoch zu sein; glaubwürdiger sind die unabhängig voneinander gemachten Mitteilungen
Guicciardinis und de Thous, weil sie kleinere Zahlen enthalten und weil sich nicht annehmen lässt, dass Egmont in aller Eile mehr Truppen zusammenziehen konnte, als beide Quellen angeben. 12 000
Mann Infanterie und 3000 Reiter ist meines Erachtens ein für den verfolgten Zweck schon sehr starkes Heer; ob es tatsächlich so stark gewesen ist, muss aus Mangel an Beweismitteln dahingestellt
bleiben. Geschütze haben die Spanier, wie wir sehen werden, nicht mit in die Schlacht genommen; wie viel sie ursprünglich gehabt haben, wird nirgends gesagt.
Die Stärke des französischen Heeres wird von den Quellen im Allgemeinen niedrig angegeben, und dies entspricht auch wohl den Tatsachen, denn ein Streifkorps kann nicht sehr zahlreich sein.
Termes, der Führer der Franzosen, macht in seinem Diskurs nur einmal eine allgemeine Bemerkung über die Zahl seiner Truppen, indem er sagt: „... six mil que nous pouvions y estre...“ Dies klingt
nicht sehr bestimmt, gibt aber wenigstens einen Anhaltspunkt.
Rabutin gibt folgende allgemeinen Angaben: „3 compagnies chevaux légers escossoises, 14 enseignes de gens de pied françoises et 18 d’Allemans“. Daraus lässt die zahlenmäßige Stärke sich nicht
ermitteln, denn der Begriff „enseigne“ ist dehnbar. Chastre zählt in seinen Memoiren 5000–6000 Mann Infanterie und erwähnt 800 französische Gendarmen.
Guicciardini sagt gar nichts, und Adriani und Herrera zählen gemeinsam 12 000 Mann Infanterie und 2000 Mann Kavallerie. Belcarius übernimmt wiederum wörtlich die Angaben Rabutins, und de Thou
zählt 5000 Mann Infanterie und 1500 Reiter. Diese Angabe scheint mir die größte Wahrscheinlichkeit für sich zu haben, denn sie nähert sich am meisten der von Termes gegebenen Gesamtzahl, und
dieser musste als Oberfeldherr die Stärke seiner Truppen am besten kennen. Adriani und Herrera, der von ihm abgeschrieben hat, stehen mit ihren hohen Zahlen vereinzelt da; ihre Angaben sind auch
schon der ganzen Sachlage nach unwahrscheinlich; denn, wie schon gesagt, das französische Heer war nur ein Streifkorps und keine Armee. Die von Rabutin genannten drei Kompanien leichter
schottischer Reiter können sehr wohl teilgenommen haben; Frankreich war damals mit Schottland verbündet, und die Bemühungen Heinrichs II., Schottland gegen England auszuspielen, sind genügend
bekannt; das Bündnis führte um diese Zeit ja auch zur Vermählung des Dauphin mit Maria Stuart; an der Teilnahme schottischer Truppen ist also nichts Auffallendes. Die Geschützzahl der Franzosen
wird nur von de Thou genannt, und zwar zählt er sieben Kanonen.
Nach allem, was man auf Grund der Sachlage annehmen kann und nach allem, was über die Stärke der Franzosen angegeben wird, werden sie die Zahl von 5000 Mann Infanterie und 1500 Reitern nicht
überschritten haben; eine genaue Nachprüfung ist freilich auch hier nicht möglich.
Genesis der Schlacht.
Wir waren in der Darstellung der Ereignisse bei dem Augenblicke stehen geblieben, wo Termes nach Empfang der Meldung von der drohenden Haltung des Feindes bei seinem Heere im Lager vor
Gravelingen eingetroffen war; es war am 12. Juli gegen Abend. Während des ganzen Tages hatten die feindlichen Lager, die nur wenige hundert Schritt weit voneinander entfernt waren, sich
gegenseitig beschossen. Termes rekognoszierte sofort nach seiner Ankunft das Gelände und beschloss, am nächsten Morgen bei eintretender Ebbe die ganze Bagage über den Fluss zu bringen und sie
unter Kavalleriebedeckung nach Calais vorauszuschicken; er selbst wollte mit dem Heere langsam folgen, zwischen Gravelingen und Calais liegen bleiben und bei günstiger Gelegenheit den Marsch ins
Luxemburgische antreten, um sich mit Guise zu vereinigen. Die Bagage wurde während der Nacht marschbereit gemacht, und als in der Morgenfrühe des 13. Juli die Flut zurückging, sollte sie
abmarschieren. Im selben Augenblick aber entdeckte der Marschall, dass Egmont seine Absicht durchschaut hatte und ebenfalls begann, den Fluss dicht oberhalb der Stadt zu überschreiten. Kurz
entschlossen holte er die Bagage zurück und beauftragte Villebon, mit dem ganzen Heere über den Fluss zu gehen und am jenseitigen Ufer Schlachtordnung zu formieren. Er selbst folgte mit der
Bagage, zwei Kompanien Kavallerie und 400 Arkebusieren, die er als Rückendeckung zurückbehalten hatte. Noch während die Nachhut den Fluss überschritt, erhielt er die Meldung, dass der Feind schon
am anderen Ufer angekommen wäre und im Begriffe sei, einen großen Haken zu schlagen, um in der Front des französischen Heeres zu erscheinen und dessen Marsch aufzuhalten.
Es war Egmont tatsächlich gelungen, dicht oberhalb der Stadt die Aa schneller zu überschreiten als dem Gegner. Dies war dadurch möglich, dass er seine sämtlichen Geschütze zurückgelassen hatte
und auf diese Weise weder durch sie noch durch irgendwelche Bagage aufgehalten wurde. Die Schnelligkeit des Überganges wurde auch wesentlich durch die eintretende Ebbe unterstützt, die es
erlaubte, das nur kleine Flüsschen zu überschreiten, ohne den festen Grund unter den Füßen zu verlieren. Dass diese Möglichkeit vorhanden war, wird zwar nirgends erwähnt, geht aber schon daraus
hervor, dass Termes zum Übergange die Ebbe abgewartet hatte. Wäre das Wasser nicht so weit gefallen, dass man es durchschreiten konnte, so hätte er es ja nicht nötig gehabt, die Ebbe abzuwarten,
und wäre der Übergang schwierig gewesen, so hätte er ihn auch nicht angesichts eines stark überlegenen Gegners wagen dürfen, ohne von diesem im geeigneten Augenblicke überfallen zu werden; und
dazu hätte Egmont dann nicht erst den Fluss zu überschreiten brauchen, sondern hätte von seinem Lager aus direkt angreifen können. Das Wasser muss also flach und der Übergang leicht gewesen sein,
sodass er nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Deshalb ging Egmont auch auf das andere Ufer, denn er fürchtete, sein Gegner könnte ihm sonst entkommen. Es lag dem kecken Reiterführer wenig daran,
die Franzosen nur aufzuhalten; er wollte sie angreifen, und dazu bot sich ihm jetzt die beste Gelegenheit, denn das Überschreiten des Flusses musste Termes daran hindern, eine feste
Verteidigungsstellung einzunehmen; Egmont konnte ihn vielmehr zwingen, dort zu kämpfen, wo er gerade stand. Dies durchschaute der Graf sofort mit demselben Scharfblick, der ihm schon bei St.
Quentin zum Siege verholfen hatte, und er nutzte die Gelegenheit meisterhaft aus. Der immerhin gewagte Verzicht auf alle Kanonen wurde durch die numerische Überlegenheit der Spanier ausgeglichen,
und da es ihm vor allen Dingen auf einen überraschend schnellen Angriff ankam, konnten die Geschütze ihm auch wenig nützen.
Infolge seines Vorsprunges gelang es ihm, in der Front des französischen Heeres zu erscheinen, ehe dieses den Fluss völlig überschritten hatte. Termes hatte die drohende Gefahr schon erkannt, als
er sah, dass der Feind ebenfalls über die Aa ging, und er bewies durch seine Anordnungen, dass er im Punkte Entschlossenheit und Umsicht dem Gegner nichts nachgab. Ausweichen konnte er nach
keiner Seite hin; er musste die Schlacht annehmen, und er tat es ohne Zögern und ohne einen Augenblick die Übersicht zu verlieren. Noch während der Feind den Fluss durchquerte, hatte er den
Befehl gegeben, am anderen Ufer Schlachtordnung zu formieren, und indem er es so ermöglichte, dass seine über den Fluss gehenden Truppen am anderen Ufer sofort in eine vorher bestimmte Stellung
einrücken konnten, holte er den von Egmont gewonnenen Vorsprung wieder ein und beendete seine Aufstellung mit ihm zur gleichen Zeit. Sie passte sich, so gut es gehen wollte, dem ungünstigen
Gelände an. Im Rücken hatte er den Fluss, der rechte Flügel lehnte sich an die Dünen, und nur der linke war völlig ungedeckt. Hier fuhr er Karren und Wagen auf, sodass er den dortstehenden
Kompanien wenigstens einen kleinen Stützpunkt bot. Vor die Mitte der Front postierte er seine Geschütze, flankierte sie rechts und links mit Kavallerie und diese wieder an ihren äußeren Flügeln
mit Arkebusieren. Die Infanterie stand in zwei Haufen nebeneinander hinter den Geschützen, rechts die Deutschen und links die Franzosen. Die ganze Stellung erinnert in manchen Einzelheiten an die
spanischen Schlachtordnungen bei Ravenna (1512) und Bicocca (1522).
Eine eigentümliche Schlachtordnung, auf die ich später noch einmal zurückkommen werde, hatte Egmont formiert. Er hatte seine ganze Kavallerie in fünf Haufen geteilt. Im ersten Treffen standen
drei Haufen leichte Kavallerie nebeneinander; den rechten Flügel kommandierte der Aragonier Henriquez, die Mitte Egmont selbst, den linken Flügel der Graf von Pont-de-Vaux. Im zweiten Treffen
stand ein Haufen deutscher Reiter unter Lazarus Schwendi, dahinter, als drittes Treffen, die flämischen Gendarmen, und hinter diesen, als viertes und letztes Treffen, drei nebeneinanderstehende
Haufen Infanterie unter dem deutschen Obersten von Münchhausen. Die ganze Stellung glich einem liegenden H.
Die Schlacht.
Beide Heere waren gerade mit ihren Vorbereitungen fertig geworden, als der spanische Angriff begann. Egmont setzte sich an die Spitze der leichten Kavallerie und rief: „Que ceux qui aiment la
gloire et leur patrie me suivent!“ Die drei Haufen sprengten geschlossen gegen die französische Front vor, in der Absicht, die feindliche Kavallerie überzureiten; Termes aber war auf dem Posten
und ließ seine Geschütze Feuer geben: „et tormentorum fulmine magnam intulit plagam antesignanis“. Die Pferde scheuten, stürzten, Egmonts Pferd brach, tödlich getroffen, zusammen, und die Reiter
mussten zurück, ohne bis an die Reihen des Gegners herangekommen zu sein. Es hatte den Anschein, als ob für die Franzosen der Augenblick zum Vorgehen günstig war; Termes gab jedenfalls den
Arkebusieren Befehl, die Verfolgung aufzunehmen, und mit dem Rufe: Victoire! griffen die Gascogner an. Dieser Offensivstoß aber war ein taktischer Fehler, weil er viel zu früh befohlen wurde;
denn während die Schützen vorgingen, stürmte das zweite spanische Treffen, die deutschen Reiter, heran, schossen ihre Pistolen ab und schwenkten nach rechts und links ab, um den nachfolgenden
Gendarmen den Weg frei zu machen. Die Gascogner mussten schleunigst wieder zurück und fanden gerade noch Zeit, hinter der französischen Kavallerie Schutz zu suchen, während Termes mit der
Artillerie den zweiten Angriff abwies. Inzwischen aber hatte Egmont seine leichte Reiterei wieder gesammelt und warf sich auf die französische Kavallerie, die jetzt nicht mehr die Flankendeckung
durch die Schützen hatte, da diese sich noch nicht wieder hatten sammeln können; von überlegenen Kräften in der Front und an den äußeren Seiten gefasst, gerieten die französischen Reiter ins
Wanken und verloren den Zusammenhalt.
Zudem griff jetzt auch die spanische Infanterie an, stürmte die Geschütze und warf sich auf das französische Fußvolk. Dieses hielt stand und wehrte sich tapfer, sodass ein erbittertes Handgemenge
entbrannte, das eine ganze Zeit lang anhielt, ohne einer der kämpfenden Parteien einen entscheidenden Erfolg zu bringen.
In diesem Stadium soll die Schlacht durch ein unvorhergesehenes Ereignis eine für die Franzosen verhängnisvolle Wendung genommen haben. Alle zeitgenössischen Geschichtsschreiber erzählen, dass
plötzlich eine englische Flotte in Stärke von 10 bis 12 Schiffen zufällig an der Mündung der Aa erschienen wäre und die französischen Reihen von der rechten Flanke aus unter Feuer genommen hätte.
Die Wirkung dieses Feuers soll für die Franzosen außerordentlich verheerend gewesen sein, da sie von der Seeseite her keinen Angriff erwartet und daher auch keine Wagenburg oder ähnliche
Schutzvorrichtungen in ihrer dem Meere zugekehrten Flanke aufgestellt hatten. Ich werde später die Gründe anführen, die mich an der Wahrheit der Erzählung von dem Eingreifen einer englischen
Flottille zweifeln lassen; vorläufig genügt es, darauf hinzuweisen, dass die Stellung der Franzosen auch ohne jedes Dazwischenkommen von dritter Seite unhaltbar war. Sie waren rettungslos in den
Winkel zwischen Fluss und Meer eingekeilt und wurden von einem mehr als doppelt so starken Gegner bedrängt, ohne die Möglichkeit zu haben, nach irgendeiner Seite hin den Rückzug anzutreten. Wir
haben gesehen, dass beim dritten Ansturm die französische Kavallerie ins Wanken geriet und dass gleichzeitig auch die spanische Infanterie sich auf das französische Fußvolk warf. Der Kampf wurde
mit so ungleichen Kräften geführt, dass trotz eines vorübergehenden unentschiedenen Hin- und Herschwankens der Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. Die Spanier setzten nach und nach alle Kräfte
ein, umzingelten die französische Reiterei vollständig, sprengten sie auseinander und entblößten auf diese Weise die Flanken der französischen Infanterie, die sich noch immer hielt und trotz der
drohenden Umklammerung noch nicht erschüttert war.
Nun berichten alle Quellen übereinstimmend, dass die auf französischer Seite dienenden deutschen Landsknechte plötzlich die Spieße hochgehalten und nicht mehr ordentlich mitgekämpft hätten, „ce qu’on a trouvé bien étrange et mauvais“. Die meisten Quellen berichten, dass dies auf die Wirkung der englischen Schiffsgeschütze zurückzuführen sei, die den Landsknechten den Mut genommen hätten. Gesetzt den Fall, die englische Flotte hätte wirklich teilgenommen, ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass die Landsknechte dadurch veranlasst worden wären, nicht mehr mitzumachen. Feigheit lag den deutschen Söldnern nicht; im Gegenteil, sie waren gerade ihrer unerschütterlichen Zähigkeit und Ausdauer wegen berühmt und gefürchtet. Außerdem hätte es ihnen verzweifelt wenig genützt, wenn sie der englischen Kugeln wegen ihre Spieße hochgehalten hätten; es muss also ein anderer Grund gewesen sein, der sie dazu bewog. Es ist bemerkenswert, dass auch Egmont in seinem Schlachtbericht an Philipp II. sich über die Haltung der deutschen Landsknechte im spanischen Heere beklagt. Dort heißt es: „Les espaignolz et wallons ne feirent moingz leur debuoir sur l’enfanterye franchoise; et, quant aux allemans qui s’estoyent de coste et d’autre attachiez, s’espargnirent assez, attendantz l’issue de la feste entre les autres.“ Hier sehen wir also den wahren Grund für die Unlust der beiderseitigen deutschen Söldner.
Der Zufall hatte es gefügt, dass gerade die Deutschen beider Heere aufeinandertrafen und nun begreiflicherweise nicht besonders erpicht darauf waren, sich gegenseitig totzustechen. Ohne dem
Zeitalter irgendwelche Sentimentalität nachsagen zu wollen, darf man doch annehmen, dass hier das peinliche Gefühl, gegen Landsleute zu kämpfen, ausschlaggebend für die Haltung der Landsknechte
war und nicht Feigheit, die niemals zu den Untugenden deutscher Truppen gehört hat. Gewonnen wurde dadurch freilich für die französische Infanterie deutscher Nation nichts, denn sie wurde genau
so umzingelt wie die anderen auch, zersprengt, niedergehauen oder gefangen genommen. Ein Fähnlein Reiter konnte sich retten; dies war alles, was von dem französischen Heere übrig blieb. Die
Infanterie wurde vollständig vernichtet, da sie keine Möglichkeit hatte, zu entfliehen oder die Übermacht des Feindes zu durchbrechen. Termes wurde verwundet und gefangen genommen, desgleichen
alle seine Offiziere, unter ihnen Villebon, Senarpont, Annebault, Morvilliers und Chaulnes. Nicht besser erging es den beiden Kompanien, die Dünkirchen zerstört hatten und im Begriffe waren, sich
auf die französische Hauptmacht zurückzuziehen; sie wurden abgefangen und völlig aufgerieben. Einige versprengte Trupps, die planlos das Land durchirrten, wurden von den wütenden Bauern
erschlagen, und wenn man Guicciardini glauben darf, so haben sich auch die Frauen an diesem Geschäft beteiligt. Die französische Bagage und alle Kanonen fielen in die Hände der Sieger, die
ihrerseits auch starke Verluste zu verzeichnen hatten. Mehrere Quellen behaupten zwar, dass die spanischen Verluste nicht mehr als 400–500 Mann betragen hätten; doch wenn man sich
vergegenwärtigt, dass der Angriff der Spanier zweimal abgewiesen wurde und dass ihnen bis zuletzt zäher Widerstand entgegengesetzt worden ist, so wird man annehmen müssen, dass mehr gefallen sind
als 500; gegen die völlige Vernichtung des französischen Heeres gehalten, wird die Zahl der spanischen Toten und Verwundeten freilich gering erscheinen.
Sobald die Siegesnachricht sich verbreitete, ließ Philipp II. in allen flandrischen Städten Dankgottesdienste abhalten; der Sieg stellte aber trotz der großen französischen Verluste keinen
entscheidenden Erfolg der spanischen Waffen dar; im Frieden von Cateau-Cambrésis, den Frankreich und Spanien am 3. April 1559 miteinander schlossen, gaben beide Länder sich nämlich gegenseitig
ihre Eroberungen wieder heraus, sodass auch St. Quentin, der Schauplatz der blutigsten französischen Niederlage während des ganzen Krieges, wieder an Heinrich II. zurückfiel, während dieser viele
feste Plätze an Spanien abtrat, gleichzeitig aber mit diesem ein Bündnis zur Unterdrückung der Protestanten schloss, das durch die Heirat von Heinrichs ältester Tochter Elisabeth mit Philipp II.
– Maria von England war im November 1558 gestorben – befestigt wurde.
Die englische Flotte.
Das plötzliche Erscheinen von zehn englischen Kriegsschiffen, das von den zeitgenössischen Geschichtsschreibern übereinstimmend erwähnt wird, wirkt schon auf den ersten Blick sehr sonderbar, und
je mehr man über die Möglichkeit eines so unerwarteten Ereignisses nachdenkt, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass hier ein franzosenfreundlicher Geschichtsschreiber einen deus ex machina
hat auftreten lassen, um die Niederlage der französischen Truppen in ein milderes Licht zu rücken, oder dass ein Darsteller aufgrund falscher beziehungsweise falsch verstandener Informationen ein
Märchen erzählt hat, das später von anderen Berufsgenossen mehr oder weniger getreu übernommen worden ist. Vergleicht man nämlich die verschiedenen Lesarten, in denen von der englischen Flotte
gesprochen wird, miteinander, so muss die große Ähnlichkeit des Wortlautes verwundern, in dem alle Quellen dieses Ereignis berichten. Um dies zu zeigen, stelle ich die fraglichen Sätze im
Folgenden nebeneinander:
Guicciardini (1580) III. 159. „Praetervehebantur ea tum forte decem naves bellicae Britannorum qui procul ex undis conspecto conflictu ... in litus appulerunt, itaque Gallici exercitus latera tormentorum tempestate eminus percusserunt.“
(Übersetzung: „Zu dieser Zeit fuhren zehn britische Kriegsschiffe vorbei, und nachdem sie den Kampf von weitem auf den Wellen beobachtet hatten, landeten sie am Ufer, woraufhin die gallische
Armee aus der Ferne mit einem Kanonenhagel auf die Flanken feuerte.“)
Adriani (1581) XV. 601. „Intanto volteggiavano intorno a dodici navi Inghilesi ... le quali udito lo strepito della scaramuccia da lontano vennero ... al lito“, etc.
(Übersetzung: „Währenddessen umkreisten sie zwölf englische Schiffe, die, nachdem sie den Lärm des Gefechts aus der Ferne gehört hatten, ans Ufer kamen“, usw.)
De Thou (1614) XX. 577. „Dix vaisseaux Anglois aborderent par hazard cette côte: Ayant vu de loin le combat, ils tirèrent sur le côté droit de nos troupes“, etc.
(Übersetzung: „Zehn englische Schiffe landeten zufällig an dieser Küste: Nachdem sie die Schlacht
aus der Ferne beobachtet hatten, eröffneten sie das Feuer auf die rechte Seite unserer Truppen“, usw.)
Belcarius (1625) XXVIII. 913. „Illis in primis nocuit, quod inter confligendum duodecim Anglicae naves forte illuc ... cursum tenentes proelium conspicatae ad litus ... appropinquarunt, et
nostros acriter pugnantes tormentis vehementer afflixerunt,“
(Übersetzung: Besonders schädlich für sie war, dass, als die Schlacht im Begriff war zu beginnen,
zwölf englische Schiffe, die möglicherweise in diese Richtung unterwegs waren, die Schlacht beobachtet hatten, sich dem Ufer näherten und, während unsere Schiffe heftig kämpften, sie mit ihrer
Artillerie schwer trafen.)
Strada (1632) S. 1544. „Naves Britannicae decem illac forte praetervehebantur: conspectaque procul pugna ad ostium fluminis Haae festinanter admotae, Gallorum latera tormentis invadunt.“
(Übersetzung: Zufällig kamen zehn britische Schiffe dort vorbei, und als sie die Schlacht in der
Ferne sahen, fuhren sie eilig zur Mündung des Flusses Haas und griffen mit ihren Kanonen die Flanken der Franzosen an.)
Die Abhängigkeit der Quellen voneinander ist nicht zu verkennen, und an einigen anderen Stellen tritt sie noch deutlicher hervor. Aus der auffälligen Ähnlichkeit, die alle diese Erzählungen von
dem plötzlichen Eingreifen der Schiffe miteinander haben, geht recht deutlich hervor, dass sie aus einer gemeinsamen Quelle, wahrscheinlich Guicciardini, geschöpft worden sind; frühere
Darstellungen als die Guicciardinis habe ich jedenfalls nicht finden können.
Herrera, der sein 1606 erschienenes Werk, soweit es sich auf die Geschichte des französisch-spanischen Krieges erstreckt, fast wörtlich von Adriani abgeschrieben hat, hat das Eingreifen der
Flotte auch übernommen, weicht aber diesmal von seinem italienischen Gewährsmann ab; denn er schreibt Folgendes: „En el hervor de la batalla diez naos de Don Luys de Carvajal desde la boca del
rio tiraban su artilleria al exercito Frances.“ Diese Abweichung erscheint begreiflich, da Herrera Spanier ist. Offenbar hat er den Ruhm, die Schlacht entschieden zu haben, den Engländern
entreißen wollen und deshalb aus der englischen Flotte eine spanische Armada gemacht; irgendeine Begründung für seine Behauptung findet sich nirgends.
Wir haben also hier die Berichte von einem halben Dutzend Quellen, die letzten Endes aber zu einer einzigen Quelle zusammenschrumpfen, da sie alle einen gemeinsamen Ursprung verraten. Ihr Wert
wird aber noch weit mehr dadurch reduziert, dass sämtliche Augenzeugen der Schlacht und solche Darsteller, die den Kampf nach den Erzählungen von Augenzeugen unmittelbar oder doch bald darauf
geschildert haben, von dem Eingreifen eines englischen Geschwaders überhaupt nichts wissen. Ich führe die in Frage kommenden Berichte hier an:
Der offizielle spanische Schlachtbericht an König Philipp II., gleich nach der Schlacht geschrieben, erwähnt englische Schiffe mit keiner Silbe. Wenn er auch sehr kurz ist, so enthält er doch
eine Angabe über die Haltung der einzelnen Truppenteile während der Schlacht, hätte also wohl auch eine englische Flotte erwähnt, zumal da Philipp als Gemahl der Königin von England ein Interesse
an der Teilnahme englischer Schiffe gehabt hätte.
Der Marschall von Termes hat 1559 einen Bericht über seinen Zug nach Dünkirchen an den Herzog von Guise geschickt, um sich gegen verschiedene Vorwürfe zu verteidigen. Die Darstellung der
Ereignisse ist sehr ausführlich und reicht bis zu dem Augenblicke, wo er in der Schlacht bei Gravelingen den ersten Angriff Egmonts abgeschlagen hatte. Dann bricht er plötzlich ab und erklärt,
auf die weiteren Ereignisse brauche er nicht mehr einzugehen, weil er dafür das Zeugnis aller ehrenwerten Soldaten ins Feld führen könnte. Dies ist bezeichnend. Er hätte keinen besseren Beweis
dafür bringen können, dass die Niederlage nicht seinen Fehlern, sondern der Tücke des Schicksals zuzuschreiben gewesen wäre, als das unvermutete Erscheinen einer englischen Flotte, womit auch der
beste Feldherr nicht rechnen konnte. Stattdessen beruft er sich auf das Zeugnis aller ehrenwerten Soldaten, die obendrein fast alle gefallen waren und die, falls noch welche lebten, im Jahre 1559
auch nicht mehr erreichbar gewesen sein werden. Auch hätte er sich ja für seinen ganzen Zug nach Dünkirchen auf die Aussage seiner Leute berufen können. Es ist also weiter nichts als eine Phrase,
denn seine Fehler begannen erst während der Schlacht, und um sie nicht erörtern zu brauchen, bricht er seine Darstellung ab, was, wie gesagt, umso mehr auffällt, als der Bericht von dem
Eingreifen einer Flotte ihn besser entschuldigt hätte als der Hinweis auf die ehrenwerten Soldaten.
Rabutin hat seine „Commentaires“ noch im Jahre 1558 veröffentlicht. Die Schlacht bei Gravelingen ist ihm nach seiner eigenen Aussage wenige Tage später von französischen Augenzeugen geschildert
worden; von einer englischen Flotte weiß er kein Wort.
Ms. de La Chastre war während der Schlacht bei Gravelingen im Heere des Herzogs von Guise; sein kurzer Bericht stützt sich ebenfalls auf die Aussagen von Teilnehmern; doch erwähnt er auch keine
englischen Schiffe.
Schließlich kommt noch der Bericht des anonymen Mitkämpfers im spanischen Heere in Frage. Dort heißt es, dass Egmont nach seinem Siege über Termes gegen Dünkirchen zog, „pendant que les Anglais
tenaient la mer avec une force navale imposante“. Von einer Teilnahme dieser Schiffe an der Schlacht bei Gravelingen ist in dem Bericht aber keine Rede.
Erwähnt sei noch, dass Thomas Cormerius, der Biograph Heinrichs II., in seinen 1584 erschienenen „Res gestae Henrici II.“ von einer englischen Flotte auch nichts sagt.
Englische Quellen aus dieser Zeit, die etwas von einem Eingreifen der Schiffe wissen, habe ich nicht entdecken können; es scheint auch keine zu geben, denn alle englischen Berichte, die ich
gefunden habe, erwähnen entweder gar nichts von einer Teilnahme britischer Schiffe oder berufen sich auf französische Quellen, wie z. B. die „Histoire navale d’Angleterre“, die französische
Übersetzung eines englischen Werkes aus dem 17. Jahrhundert. Der Verfasser stützt sich auf de Thou, was auch aus seiner Schreibweise hervorgeht; er sagt nämlich: „Dix ou douze vaisseaux Anglois
se trouvant par hasard sur la côte“, etc. Dies ähnelt auf ein Haar der Schilderung de Thous und geht damit ebenfalls auf Guicciardini zurück.
Es stehen also die in den Jahren 1558–1559 geschriebenen und voneinander völlig unabhängigen Berichte der Augenzeugen aus beiden Heeren den sechs voneinander abhängigen Darstellungen aus den
Jahren 1580–1632 gegenüber, und wenn es auch nicht zweifelhaft ist, dass die letzteren an Glaubwürdigkeit zu wünschen übrig lassen, so würde es doch falsch sein, wenn man allein daraus feste
Schlüsse ziehen wollte. Vor allem muss nachgeprüft werden, ob es einer Flotte überhaupt möglich war, an der Schlacht teilzunehmen.
Dass der Kampf an der Mündung der Aa, dicht an der Küste, stattgefunden hat, unterliegt keinem Zweifel. Vergegenwärtigen wir uns aber, dass beide Heere am Morgen des 13. Juli beim Eintritt der
Ebbe über den Fluss gegangen sind und dass der niedrige Wasserstand es den Soldaten erlaubte, festen Boden unter den Füßen zu behalten, dass mithin das Wasser im Fluss höchstens 1,50 m hoch
gestanden haben kann. Die ganze Schlacht hat nur vier Stunden gedauert, und da die Schiffe nicht erst angekommen sein sollen, nachdem der Kampf fast beendet war, müssen sie noch bei Ebbe
angekommen sein; es ist aber nicht denkbar, dass sie bei Niedrigwasser in einen kleinen Fluss, der erst in neuester Zeit durch Kanalisation schiffbar gemacht worden ist, haben einlaufen
können.
Guicciardini hat diesen Zweifel auch gehabt und daher bei seiner Schilderung der Landung vorsichtig hinzugefügt: „quoad per fluctus licuit marinos“. Dies ist aber ein Irrtum, und selbst wenn es
richtig wäre, würde es immer noch unwahrscheinlich sein, dass zehn Schiffe in einen nicht schiffbaren Fluss gefahren sind. Ich möchte also zunächst diese Möglichkeit bestreiten und damit auch die
gemeinsame Erzählung der in Frage kommenden Quellen, dass die englischen Schiffe nach der Schlacht 200 im Fluss schwimmende Soldaten aufgefischt hätten. Es bleibt noch die Frage, ob es den
Schiffen möglich war, die rechte Flanke der Franzosen vom Meere aus zu beschießen. Sehr dicht an das Ufer werden sie bei der herrschenden Ebbe jedenfalls nicht herangekommen sein, und ob sie über
die Dünen hinweg oder durch ein Dünental hindurch haben schießen können, ist auch recht zweifelhaft. Jedenfalls müssten sie den Spaniern ebenso geschadet haben wie den Franzosen, denn wir haben
gesehen, dass beide Heere sich in ein heftiges Handgemenge verwickelt hatten, und alle Quellen berichten, dass das Durcheinander unbeschreiblich war. Außerdem schießt man vom Meere aus viel zu
unsicher, als dass man bei einem Handgemenge für die beabsichtigte Wirkung des Schusses garantieren könnte. Auch dieses Bedenken ist einem späteren Darsteller der Schlacht gekommen, denn er
schreibt: „Il est vrai que les espagnols en furent un peu endommagés“; jedoch er tröstet sich: „mais le gros tomba sur les françois.“
Wir sehen, dass Ort, Zeit und Gelegenheit für ein Eingreifen der Schiffe denkbar ungünstig waren, dass sich also der Vorgang zum wenigsten nicht so abgespielt haben kann, wie die zitierten
Quellen ihn darstellen. Dazu kommt nun noch ein anderes.
Es existiert ein Brief, den Floris von Montmorency, der spanische Gouverneur der Grafschaft Brügge, am 15. 7. 1558, also zwei Tage nach der Schlacht bei Gravelingen, an Philipp II. geschrieben
hat. Er teilt ihm darin mit, dass er durch Egmont die Siegesnachricht erhalten hätte, und fährt dann fort: „Egmont m’escript de luy envoyer dix ou douze batteaulx à Gravelingues pour mener par
deçà les prisonniers; lesquelz je fais partir incontinent.“ (Übersetzung: „Egmont schrieb mir, ich solle ihm zehn oder zwölf Boote nach Gravelingues schicken, um die Gefangenen auf diesem Weg zu
transportieren; die ich jetzt sofort wegschicke.“)
Hätte Egmont diese Schiffe gebraucht, wenn die englische Flotte wirklich dagewesen wäre? Es lässt sich kaum annehmen; denn schließlich hätten die englischen Verbündeten, die angeblich so
bereitwillig und freiwillig den Spaniern geholfen hatten, auch die Mühe auf sich genommen, die Gefangenen zu transportieren, zumal da sie den Ausgang der Schlacht abgewartet und, wie erwähnt, 200
im Fluss schwimmende Franzosen an Bord genommen haben sollen, um sie später ihrer Königin zu zeigen, „tamquam testes operae a se in pugna collatae“. Es ist also unwahrscheinlich, dass Egmont die
erbetenen Schiffe gebraucht hätte, wenn das englische Geschwader wirklich zur Stelle gewesen wäre.
Aus den angeführten Gründen glaube ich, darauf schließen zu dürfen, dass die Erzählung von der englischen Flotte eine längere Zeit nach der Schlacht entstandene Legende ist, die in die
Geschichtswerke des 16. und 17. Jahrhunderts übergegangen ist und sich von dort aus in alle späteren Darstellungen der Schlacht fortgepflanzt hat.
Der Irrtum mag darauf zurückzuführen sein, dass um diese Zeit tatsächlich eine englische Flotte im Kanal kreuzte, um sich für den Verlust von Calais zu rächen. Wir haben auch gesehen, dass Egmont
gleich nach der Schlacht um zehn bis zwölf Transportschiffe gebeten und sie auch erhalten hat. Vielleicht sind diese beiden Tatsachen zu der irrtümlichen Ansicht verschmolzen worden, dass eine
englische Flottille von zehn bis zwölf Schiffen bei Gravelingen die französischen Reihen durch Flankenfeuer erschüttert und zum Wanken gebracht hätte.
Die Taktik in der Schlacht bei Gravelingen.
Einige Quellen, die über die Schlacht bei Gravelingen geschrieben haben, wollen die Ursache der französischen Niederlage darauf zurückführen, dass Termes seinen Rückzug zu langsam angetreten
hätte, überhaupt zu lange von Calais entfernt gewesen sei und nur Sinn für Beutemachen gehabt hätte, anstatt für seine eigene Sicherheit zu sorgen. Andererseits geben sie aber zu, dass seine
Krankheit und der Befehl, den Beutezug zu unternehmen, ihn einigermaßen entschuldigten. Die Entschuldigung reicht jedoch nicht aus, um den Vorwurf ganz zu widerlegen. Gewiss hat der Marschall den
ihm gegebenen Auftrag, Flandern zu plündern, mit großer Gewissenhaftigkeit ausgeführt; die grenzenlose Empörung der Bauern bezeugt dies aufs Beste. Er hat aber den Fehler begangen, seine
Rückzugslinie nicht zu sichern, sodass er erst zu spät erfuhr, welche Gefahr sich für ihn bei Gravelingen zusammengezogen hatte. Man wird freilich auch diesen Fehler nicht allzu scharf
kritisieren dürfen, sondern zugeben müssen, dass seine Armee zu klein war, als dass er sie hätte zersplittern können, und dass er ferner, wie wir gesehen haben, darauf rechnen konnte, sich in der
Nähe von Dünkirchen mit dem starken Heere des Herzogs von Guise zu vereinigen, der ihm seine bevorstehende Ankunft ja angezeigt hatte. Es würde also zu nichts führen, wenn man die Ursache der
Niederlage so weit herholen wollte.
Wichtiger ist schon die Frage, ob Termes nicht besser daran getan hätte, noch am Abend seiner Ankunft im französischen Lager vor Gravelingen (12. 7.) über den Fluss zu gehen. Es muss gerade Ebbe
gewesen sein, als er ankam, da die nächste Ebbe erst am folgenden Morgen eintrat; er hätte vielleicht unter dem Schutze der Dunkelheit mehr Erfolg gehabt als am nächsten Tage. Andererseits wird
man aber zugeben müssen, dass der Marschall in seiner verzweifelten Lage so viel Umsicht entwickelt hat, dass er den Vorteil der Dunkelheit sicher ausgenutzt hätte, wenn es ein Vorteil gewesen
wäre. Egmont war aber auch auf dem Posten, hatte, um den Franzosen die Gelegenheit zu entwischen zu nehmen, die Stadt ja schon verlassen, und hätte höchstwahrscheinlich nachts dasselbe Manöver
gemacht, was er am Tage darauf gemacht hat, wobei ihm dann die Dunkelheit noch besser zustatten gekommen wäre als seinem Gegner. Man wird also auch hier mit der Kritik vorsichtig sein müssen und
annehmen dürfen, dass Termes mit guten Gründen seinen Aufbruch bis zum kommenden Morgen verschoben hatte.
Der Übergang über den Fluss selbst und die Schlachtordnung des französischen Heeres bieten weder einen Anlass zur Kritik noch in taktischer Hinsicht etwas Neues. Es war eine den Umständen nach
denkbar gut ausgenutzte Verteidigungsstellung, wie sie schon seit 50 Jahren bekannt war. Geschütze in der Front, die Flanken durch Kavallerie, Arkebusiere, künstliche und natürliche Befestigungen
verstärkt, und die Infanterie im zweiten Treffen – dies alles ähnelt, wie schon gesagt, den spanischen Verteidigungsstellungen bei Ravenna und Bicocca, nur dass Termes aus Zeitmangel nicht mehr
daran hatte denken können, vor seiner Front einen Graben zu ziehen, wie dies der Graf von Navarra bei Ravenna hatte tun lassen. Der Vorteil, im Gegensatz zu Egmont, Geschütze zu haben, machte
sich beim Beginn der Schlacht für die Franzosen günstig bemerkbar, wurde aber von Termes überschätzt. Die Artillerie der damaligen Zeit tat noch keinen großen Schaden; dies kann man aus fast
allen Schlachten des 16. Jahrhunderts beweisen, und die Verwirrung, die sie anrichtete, wurde nur zu leicht für eine Art von Sieg angesehen. Dies tat auch Termes, als er nach dem ersten
abgeschlagenen Kavallerieangriff seine Arkebusiere zur Verfolgung vorschickte. Er hätte sich sagen müssen, dass seine Schützen viel notwendiger dazu da waren, die ohnehin schwache französische
Reiterei, auf die der feindliche Angriff gemünzt war, in der Flanke zu schützen, als eine zurückweichende Kavallerieabteilung, die trotz vieler gestürzter Pferde und trotz einiger Verwirrung
immer noch schnell genug verschwinden konnte, zu verfolgen, um so mehr, als es dem Gegner möglich war, dem abgeschlagenen Angriff sofort einen neuen folgen zu lassen. Termes hat hier denselben
Fehler begangen wie Colonna bei Ravenna, der mit seiner Kavallerie zu früh aus der Defensive in die Offensive übergegangen war. Wie dort, so rächte sich auch hier der Fehler sofort. Der zweite
Vorstoß Egmonts brachte die verfolgenden Arkebusiere zum Weichen, und wenn auch dieser zweite Angriff durch Artilleriefeuer zunichte gemacht wurde, so erfolgte doch der dritte Ansturm der Spanier
mit der wieder gesammelten leichten Kavallerie immer noch schnell genug, um die französischen Reiter zu erschüttern, ehe die Arkebusiere sich wieder auf ihren Posten als Flankendeckung begeben
hatten. Hätte Termes sie nicht vorgeschickt, so wäre es ihnen jetzt möglich gewesen, auch den dritten Angriff durch Gewehrfeuer zu vereiteln, und die Artillerie hätte Zeit gefunden, wieder zu
laden, sodass sich dann der Vorteil der Geschütze höchstwahrscheinlich in noch viel größerem Maße bemerkbar gemacht hätte als bisher. Ich halte es nicht für unmöglich, dass es in diesem Falle den
Franzosen gelungen wäre, sich den Weg frei zu machen und nach Calais zu entkommen. So aber hatten sie ihre ohnehin nicht starken Flanken ganz unnötig geschwächt und fielen nun der numerischen
Überlegenheit der Spanier zum Opfer, die sie jetzt vollständig umzingeln konnten. Ich glaube also, dass sich das Schicksal des französischen Heeres erst während der Schlacht durch diesen
taktischen Fehler entschieden hat.
Wenden wir uns nun zu Egmont. Wir haben gesehen, dass er mit der ihm eigenen scharfblickenden Entschlossenheit die Franzosen gezwungen hatte, in einer ungünstigen Stellung eine Schlacht
anzunehmen. Er hatte sich aber insofern verrechnet, als er glaubte, seinen Gegner noch angreifen zu können, ehe dieser den Übergang über den Fluss und die Aufstellung seines Heeres beendet hatte.
Die ganze Anordnung des spanischen Heeres lässt darauf schließen. Wie bei St. Quentin teilte er seine Kavallerie in mehrere kleine Haufen; diesmal waren es nicht acht, wie bei St. Quentin,
sondern nur fünf, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass er bei Gravelingen nur 3000 Reiter hatte; jeder Haufe kann also durchschnittlich nicht mehr als 600 Mann betragen haben. Aus der
Tatsache, dass die drei ersten Treffen nur aus Kavallerie gebildet wurden, geht zur Genüge hervor, dass er die Absicht hatte, mit seiner Reiterei die Hauptsache zu leisten; und aus der
Parzellierung der Kavallerie sehen wir, dass er glaubte, es auch hier, wie bei St. Quentin, mit einem unvorbereiteten Gegner zu tun zu haben, den er nur von vielen Seiten gleichzeitig zu packen
brauchte, um ihn zu vernichten. Ich habe schon gelegentlich der Schlacht von St. Quentin auseinanderzusetzen gesucht, dass wir in dieser Anordnung vieler kleiner Haufen nur eine auf einen
bestimmten Fall passende Variation zu sehen haben und dass es mit dieser Variation nicht möglich sein würde, einen vorbereiteten Gegner zu erschüttern. Ich glaube, die Schlacht bei Gravelingen
hat den Beweis für diese Behauptung geliefert. Egmont hatte seine Reiter nicht etwa in viele Haufen geteilt, weil er es prinzipiell für richtig hielt, sondern auch hier wieder in dem Glauben,
einen völlig überraschten Feind zu finden. Sein Irrtum hätte ihm leicht verhängnisvoll werden können, denn wir haben gesehen, dass es ihm auf diese Weise nicht möglich war, einen Erfolg zu
erzielen, trotzdem er schnell hintereinander Angriff auf Angriff folgen ließ; die Geschütze hielten ihn im Schach. Der endliche Erfolg lag einmal an dem vorhin besprochenen taktischen Fehler der
Franzosen und dann an dem rechtzeitigen Eingreifen der spanischen Infanterie, die die Geschütze zum Schweigen brachte und es dadurch erst ermöglichte, dass die Reiterei an den Feind herankam.
Jetzt war der Ausgang nicht mehr zweifelhaft, denn nun wurden die Franzosen durch die Überzahl einfach erdrückt. Es ist meiner Ansicht nach nicht zu bezweifeln, dass Egmont die Schlacht nicht
gewonnen hätte, wenn er nur Kavallerie gehabt hätte wie bei St. Quentin; denn dieselbe Taktik, die dort richtig war, war hier falsch und hätte auch zweifellos zu einer Niederlage der Spanier
geführt, wenn nicht französischerseits Fehler gemacht worden wären, die von der spanischen Infanterie rechtzeitig ausgenutzt wurden.
Es bleibt noch übrig, einen Blick auf die eigentümliche Schlachtordnung der Spanier zu werfen. Sie wurde, wie gesagt, durch die Absicht Egmonts bedingt, den Gegner mit Reiterei niederzuwerfen;
trotzdem sieht sie immer noch eigenartig genug aus: vorn drei nebeneinanderstehende Haufen leichte Kavallerie, dahinter ein Haufen Reitres, dahinter ein Haufen Gensdarmen und ganz am Ende drei
Haufen Infanterie nebeneinander. Ich glaube, dass die verschiedene Kampfesweise der Kavallerie den Ausschlag bei der Wahl dieser Aufstellung gegeben hat. Die leichte Kavallerie attackierte in
Haufen und konnte also auch in nebeneinanderstehenden Schwadronen aufgestellt werden. Die Reitres dagegen brauchten rechts und links Spielraum, da die einzelnen Glieder nach dem Abschießen der
Pistolen nach beiden Seiten hin abschwenkten, um den folgenden Gliedern Platz zu machen. Die Gensdarmen zogen sich bei der Attacke ebenfalls auseinander, um in breiter Front zu ein bis zwei
Gliedern, „en haie“, oder zu kleinen Haufen zusammengeschlossen zu kämpfen. Sie brauchten also auch viel Platz, und diesem Umstand ist es wohl zuzuschreiben, dass Egmont aus diesen beiden Waffen
besondere Treffen gebildet hatte. Die Aufstellung der in drei nebeneinanderstehende Haufen geteilten Infanterie im letzten Treffen bietet nichts Bemerkenswertes. Hätte Egmont mit einem
vorbereiteten Gegner gerechnet, so wäre die Aufstellung seines Heeres wahrscheinlich anders ausgefallen; die Infanterie im Zentrum und die Kavallerie auf beiden Flügeln wäre wohl die
zweckmäßigste Schlachtordnung gewesen, da Infanterie mehr Aussicht hat, mit Erfolg gegen Geschütze vorzugehen als Kavallerie.
Wir sehen, dass es sich auch in der Schlacht bei Gravelingen nicht um neue taktische Grundsätze handelt, sondern um dieselbe, diesmal aber deplatzierte Absicht wie bei St. Quentin, einen
unvorbereiteten Gegner durch einen vielseitigen Kavallerieangriff zu vernichten.
Die Probleme der Fußvolkstaktik in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Ich habe schon in der Einleitung gesagt, dass der ursprüngliche Zweck der vorliegenden Arbeit der gewesen ist, eine Umwälzung der Infanterietaktik in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nachzuweisen. Zweifellos müssen etwa vom Jahre 1550 an Bestrebungen im Gange gewesen sein, die formationstaktischen Prinzipien einer Revision zu unterziehen, denn um diese Zeit beginnen die Schusswaffen sich zu verbessern, größere Wirkungen zu erzielen und demgemäß in den großen, geschlossenen Gevierthaufen Verheerungen anzurichten, die von vornherein auf den Ausgang einer Schlacht wirken mussten. Unter diesen durch die verbesserten Feuerwaffen bedingten Einflüssen musste die alte Kriegskunst das Feld räumen und neuen taktischen Grundsätzen Platz machen; das unterliegt keinem Zweifel. Die neue Taktik stand vor Aufgaben, deren Lösung offenbar schwerer gewesen ist, als man heute glauben möchte. Es handelte sich nicht nur darum, die Zahl der Schützen zu vergrößern, sondern vor allem darum, sie zweckentsprechend aufzustellen, damit sie während der ganzen Dauer einer Schlacht wirksam bleiben konnten; andererseits mussten auch die schwerfälligen Pikenierhaufen so formiert werden, dass sie beweglicher wurden, trotzdem aber mit den selbständigen Schützenhaufen eine organische Einheit bildeten, die gemeinsam und geschlossen im Kampfe auftrat, ohne dass die Piken die Schützen oder die Schützen die Piken hinderten.
In der Schwierigkeit, eine solche Aufstellung zu finden, liegt das taktische Problem, das die Feldherren und Theoretiker des vorgeschrittenen 16. Jahrhunderts lösen mussten. Wir haben gesehen,
dass die Schlachten bei St. Quentin und Gravelingen noch nicht den Ansatz einer neuen Taktik zeigen, sondern dass sie, wenn auch in mancher Hinsicht eigenartig, doch nach Gesetzen geschlagen
worden sind, die längst bekannt waren. Es lässt sich demnach annehmen, dass die Praxis der damaligen Zeit noch nichts von taktischen Neuerungen merken lässt, und es entsteht die Frage, ob die
erwähnten Neuerungen erst später notwendig geworden sind. Darauf ist zu antworten, dass die Theorie der damaligen Zeit sich schon sehr eingehend mit den erwähnten Problemen beschäftigt, dass aber
die Praxis sich die theoretischen Ergebnisse erst später zunutze gemacht hat. Dies ist ja auch sehr begreiflich; zum Einüben einer Änderung gehört systematische Schulung, und diese konnte bei den
Soldaten des 16. Jahrhunderts nicht durch Friedensübungen erzielt werden, sondern musste sich in den verschiedenen Feldzügen langsam heranbilden, sodass häufig Jahrzehnte vergingen, ehe eine
Truppe das gelernt hatte, was die Theorie lange als zweckmäßig erkannt hatte. Zieht man außerdem in Betracht, dass, wie ich zeigen werde, die Theorie um 1560 noch keineswegs zu abgeschlossenen
Ergebnissen in Bezug auf taktische Neuerungen gekommen war, so wird man sich nicht darüber wundern dürfen, dass die Schlachten dieser Zeit noch ganz nach der alten Methode geschlagen wurden und
erst am Ende des 16. Jahrhunderts die von der Theorie schon längst ausgearbeiteten Neuerungen erkennen lassen.
Wenn ich im Folgenden in Kürze eine Übersicht über die spanische Militärliteratur des vorgeschrittenen 16. Jahrhunderts gebe, so geschieht dies ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Ich kann,
um die Grenzen meines Themas nicht allzu weit zu überschreiten, nur diejenigen Schriftsteller erwähnen und von diesen wiederum nur diejenigen Kapitel berücksichtigen, die sich ausführlich mit der
Taktik des Fußvolkes beschäftigen; es kommt mir lediglich darauf an, hierüber einiges zu sagen, weil es, wie gesagt, der Grundgedanke der vorliegenden Arbeit gewesen ist, den Beginn einer neuen
Kampfesweise bei der spanischen Infanterie festzustellen.
Die spanische Militärliteratur ist erst verhältnismäßig spät zu bescheidener Blüte gelangt, fehlt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sogar vollständig. Noch zur Zeit des
spanisch-französischen Krieges (1557) existierte nicht ein einziges Werk spanischen Ursprungs, aus dem wir uns über die Organisation und Kampfesweise der Armee Philipps II. ein Bild machen
könnten.
Ungefähr mit dem Beginn des niederländischen Befreiungskrieges hört diese Sterilität auf, und es erscheinen mehrere ausführliche Arbeiten über Offizierspflichten und, was besonders wichtig ist,
über taktische Grundsätze, namentlich in Bezug auf die Infanterie. Der Urheber dieses erfreulichen Fortschrittes ist der Herzog von Alba. Er erkannte wohl, dass es auf die Dauer unmöglich sein
würde, ohne feste Reglements auszukommen, und beauftragte daher mehrere seiner höheren Offiziere, ihm Schriften einzureichen, in denen die Pflichten des Vorgesetzten, Vorschläge über Formation
des Fußvolkes und dergleichen enthalten wären. Gleichzeitig, oder doch bald darauf, tauchten auch einige, unabhängig von diesen Reglements geschriebene Schriften ähnlicher Art auf.
Das erste Reglement erschien 1568 aus der Feder des Maestro de Campo Sancho de Londoño und nennt sich: „Discurso sobre la forma de reduzir la disciplina militar a meior y antiguo estado“. Ihm
folgten bald darauf die folgenden Arbeiten:
Francisco de Valdés (Maestro de Campo): Espejo (Spiegel). Disciplina militar, en el que se tratta del officio del Sergento Mayor.
Martín de Eguiluz: Milicia, Discurso y Regla militar, Cristóbal Lechuga: Discurso en que trata del cargo del maestro de Campo General.
Gedruckt wurden alle diese Schriften erst später, gegen Ende des Jahrhunderts. Ich gebe im Folgenden eine Übersicht über diese Abhandlungen, soweit sie sich mit der Taktik des Fußvolkes
beschäftigen.
Das erste der genannten Reglements, der „Discurso“ Londoños, ist in taktischer Hinsicht eine recht bemerkenswerte Arbeit. Londoño teilt den Tercio in acht Pikenier- und zwei Arkebusierkompanien;
jede Pikenierkompanie besteht aus 200 Piken, 100 Arkebusieren und 200 Musketieren, jede Arkebusierkompanie aus 300 Arkebusieren und 20 Musketieren. Demnach setzt der ganze Tercio sich
folgendermaßen zusammen:
1600 Pikeniere
1400 Arkebusiere
200 Musketiere
Gesamt: 3200 Mann.
Was hieran besonders auffällt, ist die große Zahl der Schützen, die früher nur einen geringen Bruchteil des ganzen Haufens betrugen, jetzt aber genau die Hälfte ausmachen. Es ist klar, dass ein
so zusammengesetzter Tercio nicht mehr als ein geschlossener Haufe auftreten konnte, denn, wenn dies der Fall gewesen wäre, hätten entweder die Piken oder die Schützen einen Teil ihrer
Wirksamkeit eingebüßt. Londoño sucht deshalb nach einer neuen Aufstellung und findet eine Anordnung, die alles andere, nur nicht einfach ist. Er empfiehlt zunächst, das geschlossene Viereck durch
das hohle zu ersetzen. Dieser Gedanke ist nicht neu; die Theorie hat sich schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit ihm abgegeben; doch glaube ich nicht, dass er jemals praktisch
verwertet worden ist, jedenfalls wird das Hohlviereck nirgends erwähnt. Es ist ja auch undenkbar, dass solch ein Gebilde, dessen Hohlraum nach dem Willen Londoños mit Bagage und Tross ausgefüllt
werden sollte, überhaupt die Möglichkeit bot, zum Angriff vorzugehen. Abgesehen davon, dass es einer größeren Schulung bedurft hätte, als sie die Soldaten jener Zeit besaßen, um ein solches
Hohlviereck in guter Ordnung vorwärts zu bringen, ist die Vorstellung geradezu lächerlich, dass bei einem Offensivstoß die in dem Hohlraum eingeschlossenen Wagen gezwungen gewesen wären,
mitzufahren und nötigenfalls mitsamt den sie umgebenden Pikenieren und Schützen in einen feindlichen Haufen einzudringen.
Ließ man im Falle eines Angriffs den Tross aber zurück, so musste das Viereck sich erst öffnen; es wäre zweifellos eine große Unordnung entstanden, und außerdem stand dann die ganze Bagage schutzlos ihrem Schicksal überlassen da. Das Hohlviereck konnte demnach höchstens für die Defensive in Betracht kommen, und dann war es auch noch im wahrsten Sinne des Wortes wacklig. Brach der Feind ein, so musste der innen eingesperrte Tross alles in die grenzenloseste Verwirrung bringen, und es gab kaum eine Möglichkeit, die Ordnung wiederherzustellen. Der Gedanke des Hohlvierecks ist also, man mag ihn drehen und wenden wie man will, eine graue Theorie. Nicht viel besser sind Londoños Vorschläge in Bezug auf die Verteilung der einzelnen Waffengattungen in einem solchen Viereck. Die vier Seiten sollten von je 400 Pikenieren in 10 Gliedern gebildet, den vier Ecken vier kleine, aus je 50 Musketieren gebildete Vierecke angehängt werden, und den Schutz dieses Gebildes sollten die selbständig aufgestellten Arkebusiere übernehmen, die sich im Falle, dass sie zurückgeworfen wurden, in der Weise unter die Piken flüchten sollten, dass die beiden selbständigen Arkebusierkompanien zu je 300 Mann unter die Spieße der Front und des Rückens, die 800 den einzelnen Pikenierkompanien zugeteilten Arkebusiere aber unter die Spieße der beiden Flanken gingen. Wenn nun alle Arkebusiere in der angegebenen Weise unter den Schutz der Piken begeben hätten, wäre ein Schlachthaufe entstanden, der am deutlichsten durch die nachstehende Zeichnung geschildert werden kann.
Man denkt unwillkürlich an die Zeiten der Bogner und Armbrustschützen, wenn man diese Aufstellung sieht. Diese Vorläufer der Arkebusiere krochen unter die vorgehaltenen Spieße, wenn sie ihre
Pfeile verschossen hatten und nicht mehr gefechtsfähig waren. Jetzt aber handelt es sich darum, die große Zahl der Schützen während der ganzen Schlacht wirksam bleiben zu lassen, und diese
Möglichkeit wird durch den Vorschlag Londoños einfach zunichte gemacht; denn saßen die Arkebusiere erst einmal unter den Piken, dann konnten sie auch so leicht nicht wieder heraus, und 1600 Mann
waren vollständig außer Gefecht gesetzt; aber nicht genug damit: Sie machten in dieser Stellung den ganzen Tercio kampfunfähig. Er konnte nicht vor- und nicht rückwärts, und die Pikeniere waren
nicht einmal imstande, mit ihren Spießen über die vor ihnen hockenden Schützen hinwegzulangen. Wir haben in diesem Gebilde also keinen Fortschritt, sondern einen ganz gewaltigen Rückschritt zu
sehen, und Alba wird nicht viel mit diesem Vorschlage haben anfangen können.
Besser als Londoños Hohlviereck lässt die von Valdés in seinem „Espejo“ ausgearbeitete Kombination von Spießern und Schützen sich den praktischen Verhältnissen anpassen. Er geht von dem Gedanken
der Frontverbreiterung aus und kommt infolgedessen von der quadratischen zur rechteckigen Aufstellung. Valdés bestimmt die Größe dieses Rechtecks auf 60 Mann Breite und 20 Mann Tiefe, und zwar
bezieht sich dies auf die Pikeniere. Die ganze Aufstellung wird von fünf Gliedern Schützen umsäumt, und an die Ecken des Rechtecks werden selbständige Schützenflügel gehängt, sodass sich etwa
folgende Formation ergibt:
Das Bestreben, die Schützen als selbständige Waffe aufzustellen, ist deutlich erkennbar, und die Schützenflügel treten bei seiner Aufstellung auch bedeutend besser hervor als bei der Londoños, wo
die an den vier Ecken postierten Musketierabteilungen nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Trotzdem hat auch diese Formation ähnliche Mängel wie die Londoños, denn der fünf Glieder breite
Saum von Arkebusieren behindert die Piken ebenso, wie ich es im vorigen Abschnitt dargestellt habe, und ferner ist es nicht erklärlich, wie die vor der Front stehenden Schützen schießen sollen;
stehen können sie doch nicht, ohne den Pikenieren jede Aussicht zu nehmen; sie müssten also größtenteils knien, und dies ist auch nicht gut denkbar. Trotz dieser Mängel hat das breite Rechteck
sich praktisch verwirklicht, wenn auch wohl anders, als es hier vorgeschlagen wird. Im Kriege gegen die Niederlande sind jedenfalls breite Rechtecke spanischerseits formiert worden.
Eine aus mehreren Rechtecken zu einem hohlen Viereck zusammengesetzte Formation wird von Lechuga in seinem „Discurso“ empfohlen. Er nennt diese Rechtecke „troncos“ (Stämme, Rümpfe) und geht von
der an sich ganz richtigen Ansicht aus, dass ein Hohlviereck beweglich, das heißt bewegungsfähig gemacht werden müsse, ehe es praktisch verwendbar sei. Dies sucht er nun auf folgende Weise zu
erreichen: Er formiert die Rechtecke sehr flach, etwa sechsmal so breit wie tief, und stellt sie, wie folgt, zusammen:
Auf diese Weise wahrt jeder „Rumpf“ seine Selbständigkeit, und Lechuga ist der Ansicht, dass es nun möglich sein würde, die selbständig aufgestellten Schützen in dem Hohlraum aufzunehmen, falls
sie zurückgeworfen würden, indem ein tronco abschwenkt, die flüchtenden Arkebusiere durchlässt und dann wieder einschwenkt. In ähnlicher Weise soll das Viereck auch durch Abschwenken zu einer
beliebigen anderen Formation umgewandelt werden können.
Auf den ersten Blick hat diese Aufstellung etwas Einleuchtendes. Sieht man aber näher hin, so wird man doch zu dem Ergebnis kommen, dass es sich nur um eine theoretische Spielerei handelt. Die
Soldaten der damaligen Zeit waren zu ungeschult, als dass man ihnen hätte zumuten können, bei einer so komplizierten Zusammensetzung die Ordnung aufrechtzuerhalten, geschweige denn Schwenkungen
zu machen, bei denen es wesentlich auf Exaktheit ankam. Außerdem war die Stoßkraft mehrerer so zusammengesetzter „Rümpfe“ zu gering, da die einzelnen Rechtecke keinen Zusammenhang miteinander
hatten, sondern leicht auseinandergerissen werden konnten.
Eine andere von Lechuga erörterte Aufstellung, die auch schon von früheren Militärtheoretikern konstruiert worden war, ist die Kreuzformation. Sie beruhte darauf, dass fünf, ebenfalls
selbständige, kleine Vierecke zu einem Kreuz zusammengestellt wurden.
Die durch die vier äußeren Haufen gebildeten Winkel sollten nötigenfalls die zurückgeworfenen Schützen aufnehmen. Auch dies ist praktisch unmöglich, denn in diesem Falle würden die meisten Piken
zur Untätigkeit verurteilt, und nur die am weitesten nach außen stehenden Spießerreihen blieben wirksam. Wie sollte außerdem ein solches Gebilde angreifen! Das Ganze erinnert lebhaft an einen
Rattenkönig, der nie vorwärts kann, weil die Kräfte nicht nach einer Richtung hin wirken. So würden auch die außenstehenden Vierecke höchstwahrscheinlich nach vier verschiedenen Seiten hin den
Anschluss an die Mitte verlieren, sobald so ein Kreuz sich in Bewegung setzte. Die Aufstellung zeigt m. E. dieselben Mängel wie die der rechteckigen troncos und wird für die Praxis unbrauchbar
gewesen sein.
Wie Londoño, so erwärmt sich auch Eguiluz in seinem „Discurso“ für das mit Schützenflügeln garnierte Hohlviereck, in dessen „plaza vacía“ er Arkebusiere, Schanzgräber und Bagage unterbringen
will. Die Widersprüche, in die diese Formation mit der Praxis gerät, habe ich vorhin auseinandergesetzt. Auch er kommt dann auf die Kreuzstellung zu sprechen, lässt aber das in der Mitte stehende
Viereck wegfallen und nimmt stattdessen einen Hohlraum an, der gegebenenfalls die Arkebusiere aufnehmen soll. Die Mängel der Formation werden aber dadurch nicht gebessert, denn sie bleibt
trotzdem bewegungsunfähig.
Schließlich beschäftigt er sich noch mit dem Angriff dreier Haufen zu gleicher Zeit, der so erfolgen soll, dass ein Haufen im ersten, die beiden anderen im zweiten Treffen marschieren. Jähns will
darin das sehen, was Rüstow in seiner „Geschichte der Infanterie“ eine „spanische Brigade“ nennt und meint, dass uns „diese Anordnung vielfach auf den Schlachtfeldern der Zeit begegnete“. Ich
habe vergeblich alle Quellen, die ich zu Hilfe genommen habe, nach dem Ausdruck „spanische Brigade“ durchsucht; er findet sich nirgends. Auch Jähns gibt dies zu, gebraucht das Wort aber trotzdem.
Ich habe auch nicht entdecken können, dass diese Formation „auf den Schlachtfeldern der Zeit vielfach zu finden ist“; wenn es der Fall gewesen wäre, würde sie doch zweifellos irgendwo erwähnt
werden; doch steht nirgends ein Wort darüber. Es würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, wenn ich dieses Problem weiter verfolgen wollte; ich möchte aber doch der Ansicht Ausdruck geben,
dass das Wort „spanische Brigade“ eine Erfindung Rüstows ist und dass die Formation, die er darunter versteht, nämlich die schachbrettförmige Aufstellung dreier Haufen in zwei Treffen und ihr
gemeinsames Zusammenarbeiten in dieser Stellung, nur in der Theorie, nicht aber in der Praxis verwertet worden ist, wie Jähns behauptet. Für die Ausführung so komplizierter taktischer Manöver war
das Soldatenmaterial des 16. Jahrhunderts nicht geeignet, auch nicht, wenn es ausschließlich aus den verhältnismäßig gut gedrillten spanischen Infanteristen bestand.
Wir sehen, dass die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts plötzlich lebendig werdende spanische Militärliteratur sich sofort mit großem Eifer an die Bewältigung neuer Aufgaben macht, die der
Zeit aus der Vervollkommnung der Feuerwaffen erwuchsen. Was noch in den Jahren der Schlachten von St. Quentin und Gravelingen möglich gewesen war, die Aufstellung großer, geschlossener
Spießermassen, war wenige Jahre später nicht mehr zweckmäßig und musste geändert werden. Gewehre und Geschütze wurden mehr und mehr zu den Hauptwaffen, und wenn auch die altbewährten Piken noch
lange standhaft ihren Platz behaupteten, so mussten sie doch allmählich die Gleichberechtigung der Arkebusen und Musketen anerkennen. In der Praxis spiegelt sich die beginnende Umwälzung der
Taktik weniger deutlich wider als in der Theorie. Hugenottenkriege und niederländischer Befreiungskampf lassen die neuen taktischen Grundsätze nur erst in Umrissen erkennen; die Theorie aber
arbeitet unausgesetzt an der Lösung der neuen Probleme, und auch hier sind es vor allem die Spanier, die energisch und selbstbewusst an die sich bietenden Schwierigkeiten herangehen. Wohl treffen
sie nicht gleich das Richtige; dies zeigt sich zur Genüge in den angeführten Beispielen, aber der Drang, das Zweckmäßige zu finden und sich anzueignen, lässt sich nicht verkennen. Es ist derselbe
Drang, der das spanische Heer fast ein Jahrhundert lang von Erfolg zu Erfolg geführt und ihm den ersten Platz unter den Armeen Europas gesichert hat. Unter Isabella und Ferdinand dem Katholischen
hatte es seine Entwicklung begonnen, unter Philipp II. stand es auf der Höhe seines Ruhmes. Dass es stolz darauf sein konnte und stolz darauf war, beweist der Ausspruch Londoños:
„Wir sind Spanier, die die Ehre höher achten als das Leben und der Schande den Tod vorziehen.“
Quelle: Henning von Koß: Die Schlachten bei St. Quentin und bei Gravelingen. Berlin, 1914.
© Carsten Rau
