
Vorgeschichte des Feldzuges von 1557.
Am 5. Februar 1556 hatte Heinrich II. von Frankreich mit Philipp II. von Spanien den fünfjährigen Waffenstillstand von Vaucelles geschlossen. Frankreichs Finanzen waren erschöpft; Karl V. hatte
von St. Juste aus alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diesen Stillstand der Feindseligkeiten zu erreichen, und Heinrich ging bereitwillig darauf ein, ohne sich viel darum zu kümmern, dass er kaum
zwei Monate vorher einen Geheimvertrag mit Papst Paul IV. gegen Spanien geschlossen hatte. Dieser setzte sich äußerlich mit scheinbarer Ruhe über die neue Wendung der Dinge hinweg, traf aber im
Stillen sofort alle Maßnahmen, um die Erneuerung des Geheimbündnisses durchzusetzen und mit Frankreichs Hilfe den Krieg gegen das mächtige Spanien aufzunehmen. Er versah den Kardinal Caraffa mit
weitgehenden Vollmachten, schickte ihn nach Paris und trug ihm auf, mit allen Mitteln den Waffenstillstand mit Spanien zu hintertreiben. Der Kardinal, ein geschickter Mann, wandte sich an den
einflussreichen Herzog von Guise, machte mit dessen Hilfe den alternden Connétable Anne von Montmorency, der sich für Caraffas Absichten nicht begeistern wollte, mundtot, verhieß dem schwankenden
Könige Mailand und Neapel, versprach ihm Absolution für die Sünde des Vertragsbruches und setzte es wirklich durch, dass im Juli 1556 der erneuerte Vertrag zwischen dem Papst und Frankreich
unterzeichnet wurde. Heinrich sicherte seinem Verbündeten ein Heer unter dem Herzog von Guise zu, das im Spätherbst des Jahres in Italien erscheinen sollte.
Der Verlauf des Krieges, der im Herbst 1556 zwischen dem Papst und Spanien ausbrach, kann hier in seinen Einzelheiten nicht geschildert werden. Sobald Guise mit dem französischen Heere zur
verabredeten Zeit jenseits der Alpen erschien, sah Philipp II., dass der Waffenstillstand gebrochen war, und nahm nun auch seinerseits sowohl in Italien wie auch an der französischen Nordgrenze,
wo Coligny auf Befehl Heinrichs die Feindseligkeiten begonnen hatte, den Krieg gegen Frankreich wieder auf (Ende Januar 1557).
Beiderseitige Rüstungen.
Frankreich befand sich beim Ausbruch des Krieges in keiner angenehmen Lage. Die Blüte seiner Truppen war mit dem Herzog von Guise nach Italien gezogen, und die französische Nordgrenze, wo der
Krieg am heftigsten zu entbrennen drohte, war auf keinen Feldzug vorbereitet. Rückte der Feind aus den Niederlanden gegen die Champagne vor, so stieß er auf unvollkommene, zum Teil nicht
vollendete Festungen, und wandte er sich gegen die Picardie, so konnte man ihm dort so gut wie gar keinen Widerstand entgegensetzen. Die ganze Grenze konnte in der kurzen Zeit, die bis zur
Eröffnung des Feldzuges noch übrig blieb, auch nicht mehr in Verteidigungszustand gebracht werden; man beschränkte sich also darauf, die Festungen der Champagne auszubauen, weil man glaubte, dass
der Feind dorthin den ersten Stoß führen würde. Die Picardie hielt man für ungefährdet und überließ es ihrem Gouverneur Gaspard von Coligny, Admiral von Frankreich, mit den geringen verfügbaren
Mitteln alles Nötige, so gut es gehen wollte, zu beschaffen. Dagegen wurde der Herzog von Nevers, Gouverneur der Champagne, vom „Conseil du Roi“ zur Eile angetrieben und in einen Zustand
dauernder Ruhelosigkeit versetzt, bis sämtliche Grenzfestungen dieser Provinz, vor allem Rocroi und Marienburg, imstande waren, eine längere Belagerung auszuhalten. Geldmittel verschaffte die
Regierung sich durch Aushebung neuer Steuern, die von der patriotischen Bevölkerung mit großer Bereitwilligkeit getragen wurden.
Auch Spanien hatte frühzeitig damit begonnen, in den Niederlanden Truppen zusammenzuziehen, und betrieb seine Rüstungen mit großer Heimlichkeit. Philipp ließ sich von seinem Vater, der im Kloster
St. Juste keineswegs zurückgezogen von aller Politik lebte, die Mittel zur Anwerbung deutscher Söldner verschaffen und plante vor allem eine Aktion Englands gegen Frankreich. Seine Gemahlin Maria
Tudor war für seine Absichten leicht zu gewinnen; dies wusste er recht gut, und im Vertrauen darauf fuhr er im März nach London, wo er mit den maßgebenden politischen Persönlichkeiten so lange
verhandelte, bis diese sich bereit erklärten, mit Frankreich Krieg anzufangen und Spanien durch eine Armee zu unterstützen. Am 7. Juni wurden dann auch die diplomatischen Beziehungen zwischen
England und Frankreich abgebrochen. Während Philipp diese Verhandlungen führte, wurden in den Niederlanden die Kriegsvorbereitungen eifrig fortgesetzt, ohne dass es bis Ende Juni zu irgendwelchen
nennenswerten Feindseligkeiten gekommen wäre.
Heereszahlen.
Die sehr große Zahl der Quellennachrichten über die Schlacht bei St. Quentin liefert auch ein sehr reichhaltiges Zahlenmaterial, mit dessen Hilfe die Stärke der beiden feindlichen Heere sich
annähernd genau bestimmen lässt. Wer Hans Delbrücks „Geschichte der Kriegskunst“ und andere kriegsgeschichtliche Forschungen aus seiner Feder aufmerksam gelesen hat, wird zu der Überzeugung
kommen, dass weder das Mittelalter noch die nachfolgenden Jahrhunderte imstande waren, große Armeen aufzustellen. Auch das 16. Jahrhundert hat im Allgemeinen starke Truppenmassen noch nicht
gekannt. Auf den ersten Blick überrascht es daher, dass Spanien im Jahre 1557 tatsächlich eine Armee ins Feld geschickt hat, die an numerischer Stärke alles bisher Dagewesene in den Schatten
stellte. Es handelt sich aber, wie ich zeigen werde, um eine ganz außergewöhnliche, nur für den Moment berechnete Kraftanstrengung eines wirtschaftlich mächtigen Reiches, also um eine Ausnahme.
Philipp II. hat das für damalige Verhältnisse riesenhafte Heer nur wenige Monate zusammenhalten können, und in dieser Tatsache liegt der beste Beweis für die Delbrücksche Ansicht, dass es in
damaliger Zeit nicht möglich war, große Armeen zu unterhalten. Ein sehr umfassendes Quellen- und Aktenmaterial, das ich im Folgenden besprechen werde, wird zur Genüge beweisen, dass die spanische
Armee im Jahre 1557 ungeheuer groß gewesen ist, dass aber andererseits gerade in ihrer Größe der Grund zu finden ist, weshalb sie nur wenige Monate hat zusammengehalten werden können. Ich gehe
nun zu einer Besprechung der einzelnen Berichte über Stärke und Zusammensetzung des spanischen Heeres über. Schon die Vorbereitungen Philipps für den Feldzug lassen darauf schließen, dass ihm
daran lag, eine Kraftprobe zu zeigen. Wir sind darüber aus verschiedenen Schriftstücken unterrichtet, die sich in der mehrfach genannten Quellensammlung befinden. Unter anderem ist dort eine
Instruktion abgedruckt, die Philipp dem Ruy Gomez de Silva hat zugehen lassen. Dieser wird nach England und Spanien geschickt, um Geld zu besorgen; vor allem wird er beauftragt, Karl V. im
Kloster von St. Juste für den bevorstehenden Krieg zu interessieren. In einem Schreiben Bernardino de Mendozas an den König wird berechnet, dass man für die Artillerie 10 000 Pferde brauche; in
einem anderen Brief gibt er das erforderliche Pulver auf 2000 Tonnen an, jede Tonne zu 3 Zentnern gerechnet.
Eine am 16. Juli 1557 aufgestellte Berechnung betrifft die Kosten der aufgebrachten Artillerie. Zur Beförderung des kleinen Artillerieparks dienen 473 Gabelpferde; jedes Pferd kostet täglich 8
Sous; für je 4 Pferde ist ein Mann nötig, der täglich 4 Sous erhält. Zum Transport der Kugeln, Sturmleitern, des Pulvers und der Gerätschaften werden 181 Wagen gebraucht. Jeder Wagen ist mit 4
Pferden bespannt; diese kosten mit der Bedienungsmannschaft 9774 Livres. Die Tischgelder des Artilleriekommandeurs de Glajon betragen monatlich 360 Livres; die Gehälter der Offiziere und
Mannschaften der Artillerie 10 200 Livres monatlich. Der Transport des großen Artillerieparks beansprucht 14 000 Gabelpferde; diese kosten mit der Bedienungsmannschaft 13 689 Livres. Im großen
Artilleriepark fahren 194 Kugelwagen und 80 Pulverwagen. Weitere Gerätschaften verschiedenster Art erfordern 394 vierspännige Wagen, deren Pferde und Bedienungsleute monatlich 21 276 Livres
kosten. Die Gehälter für die Leute des großen Artillerieparks stellen sich auf 18 785 Livres. 50 Pontons und anderes Brückenbaumaterial kosten monatlich 9921 Livres. Die ganze Artillerie kostet
85 442 Livres monatlich. Diese amtliche Berechnung gestattet einen ganz lehrreichen Einblick in die Vorbereitungen, die allein auf diesem Gebiete spanischerseits getroffen wurden. Ein vom 20.
Juli datierter Brief Philipps II. an den Herzog von Savoyen, seinen Generalissimus, gibt ein ungefähres Bild von dem Sold, der in jenem Monat an die Truppen gezahlt worden ist. Das spanische
Regiment Navarette hatte 4000 Taler erhalten, die gesamte Infanterie spanischer Nation 40 000 Dukaten; zur Ausrüstung weiterer Regimenter waren 57 000 Taler unterwegs, und weiteres Geld wird in
Aussicht gestellt.
Ich komme nun zu einer detaillierten amtlichen Aufstellung über die Stärke und Zusammensetzung des spanischen Heeres zur Zeit des Beginns der Belagerung von St. Quentin. Diese Tabelle ist die
wichtigste und eingehendste Berechnung über die Zahl der Spanier, die wir besitzen; an ihr zu zweifeln wäre zwecklos, da sich nirgends das Gegenteil nachweisen lässt. Ich gebe sie im Folgenden
wieder.
Heeresleitung
Le duc de Savoie, Capitaine général de l’armée
Le prince d’Orange, Capitaine général des nobles de la grande enseigne du roi
Monsieur de Glageon, Capitaine général de l’Artillerie
Monsieur de Berlaimont, Commissaire général aux vivres
Juan Zapata, Commissaire général des montres
Le comte de Pembroke, Capitaine général des Anglais
Die Kapitäne der Schwarzreiter
Herzog Ernst von Braunschweig – 1200 Pferde
Herzog Erich von Braunschweig – 1236 Pferde
Graf von Schwarzenburg – 1100 Pferde
Graf von Mansfeld – 800 Pferde
Graf von Wittgenstein – 200 Pferde
Hans Walhart – 300 Pferde
Summe: 4836 Pferde
Die andere Kavallerie
Graf Arenberg – 3000 Pferde
Graf Horn – 3000 Pferde
Les bandes ordinaires – 2000 Pferde
Les bandes ordinaires de ce pays – 3500 Pferde
Leichte Kavallerie Egmonts – 1350 Pferde
Summe: 12 850 Pferde
Kapitäne der deutschen Infanterie
Graf von Eberstein – 3000 Mann
Lazarus Schwendi – 3500 Mann
Konrad von Bemelberg – 3000 Mann
Georg van Holl – 6000 Mann
Graf von Meghem – 3000 Mann
Nikolas von Hatstatt – 3000 Mann
Hilmar von Münchhausen – 3000 Mann
Summe: 24 500 Mann
Kapitäne der spanischen Infanterie
Maestro de Camp Cáceres – 227 Mann
Don Juan Sanogera – 207 Mann
Periche de Cabrera – 151 Mann
Spanische Infanterie
Don Antonio de Peralta – 199 Mann
Don Juan de Mendoza – 195 Mann
Gerónimo de Salinas – 148 Mann
Martín de Corcuera – 164 Mann
Garci Méndez de Sotomayor – 188 Mann
Juan Dorantes – 125 Mann
Bazán – 117 Mann
Don Pedro de Padilla – 139 Mann
Don Antonio de Velasco – 380 Mann
Don Diego de Rojas – 335 Mann
Don Francisco de Fonseca* – 500 Mann
Don Pedro de Velasco* – 450 Mann
Diego Váez* – 250 Mann
Don Suero de Quiñones* – 100 Mann
Don Alfonso Vélez de Molina* – 80 Mann
Don Gaspar de Urueña* – 280 Mann
Summe: 4235 Mann
Tercio des Maestro de Campo Navarrette
Maestro de Campo Navarrette – 186 Mann
Pedro de Bolívar – 126 Mann
Antonio Moreno – 158 Mann
Nofre Saori – 141 Mann
Camara – 103 Mann
Gerónimo Osorio – 92 Mann
Juan Pérez Palomino – 192 Mann
Julian Romero – 170 Mann
Diego Pérez Amalte – 141 Mann
Pero Núñez d’Ávila – 259 Mann
Alonso de Mora – 145 Mann
Quiñones – 220 Mann
Jordan de Valdés – 160 Mann
Oyo – 129 Mann
Don Rodrigo de Bazán – 370 Mann
Don Bernardino d’Ayala* – 500 Mann
Don Francisco Zapata* – 300 Mann
Hernán Núñez de Montalvo* – 260 Mann
Pedro Quijada* – 260 Mann
Silvestre* – 80 Mann
Juan Muñoz de Navarrette* – 180 Mann
Gerónimo Osorio* – 150 Mann
Camara* – 150 Mann
Summe: 4472 Mann
Wie aus dem Original der Aufstellung hervorgeht, bestanden die den beiden Tercios später zugeteilten Kompanien aus Veteranen; wahrscheinlich bildeten sie ursprünglich einen Tercio für sich, sind
dann aber auf die beiden neugebildeten Tercios verteilt worden, um den Rekruten größere Sicherheit zu geben.
Weitere Truppen
Engländer (Infanterie) – 6000 Mann (in Erwartung)
Pioniere – 3500 Mann
Englische Pioniere – 1000 Mann (in Erwartung)
Artillerie und Munition – 7000 Pferde
Hinzugefügt wird noch Folgendes:
„Die Artillerie besteht aus 60 großen Stücken und 10 kleinen, mit allen Sorten von Mörsern und den gebräuchlichsten Feuerwerkskörpern.“
Zusammengezählt ergeben diese Einzelaufzählungen die Gesamtstärke von:
17 686 Mann Kavallerie
39 207 Mann Infanterie
4500 Pionieren (Schanzgräber und Minenleger)
70 Geschützen
Das ist für damalige Verhältnisse ein ganz gewaltig großes Heer. Die in der angeführten Tabelle gemachten Angaben beziehen sich aber nur auf den Beginn des Feldzuges. Eine weitere amtliche
Zusammenstellung ist einige Wochen später, zur Zeit der Schlacht bei St. Quentin, veröffentlicht worden, und ich führe sie zum Vergleich ebenfalls an. Hiernach setzte sich das spanische Heer
während der Belagerung und zur Zeit der Schlacht wie folgt zusammen:
Erich von Braunschweig – 1200 Arkebusiere zu Pferde
Ernst von Braunschweig – 1000 Arkebusiere zu Pferde
Graf von Schwarzburg – 1100 Arkebusiere zu Pferde
Graf von Mansfeld – 800 Arkebusiere zu Pferde
Graf Horn – 1000 Lanzen
Graf Arenberg (600 Lanzen, 400 Arkebusiere) – 1000 Pferde
Graf von Schaumburg – 600 Arkebusiere zu Pferde
Graf Wittgenstein – 300 Arkebusiere zu Pferde
Hans Walhart – 300 Lanzen
Zusammen: 7300 Pferde (5400 Arkebusiere zu Pferde, 1900 Lanzen)
Niederländische Kavallerie
Die Kompanien folgender Herren: Herzog von Savoyen, Herzog von Ascott, Graf Lalaing, Graf Reulx, Graf Boussu, Monsieur de Bignicourt, Graf Meghem, Graf Peter Mansfeld, Baron von Berlaimont, Prinz
von Oranien, Graf Egmont, Graf Arenberg, Markgraf von der Vere, Graf Horn, bilden die niederländische Reiterei in Stärke von 3250 Pferden.
Neu angeworbene Kavallerie (niederländisch):
Graf Gand – 300 Pferde
Herr von Noircarmes – 300 Pferde
Herr von Bailleul – 200 Pferde
Herr von Fontaine – 300 Pferde
Herr von Grüningen – 200 Pferde
Herr von Villerval – 200 Pferde
Zusammen: 1500 Pferde
Unter dem Befehl Egmonts noch 1200 Pferde (leichte spanische, italienische und niederländische Reiter; diese werden zur niederländischen Reiterei gezählt).
Gesamtstärke der niederländischen Reiterei: 3250 + 1500 + 1200 = 5950 Pferde
Englische Kavallerie
4 Kompanien schwere Kavallerie, 4 Kompanien leichte Kavallerie – insgesamt 1000 Pferde
Deutsche Infanterie
1 Kompanie = 300 Mann
Graf Eberstein – 10 Kompanien
Lazarus Schwendi – 10 Kompanien
Konrad von Bemelberg – 10 Kompanien
Nicolas von Hatstatt – 10 Kompanien
Georg von Holl – 10 Kompanien
Hilmar von Münchhausen – 10 Kompanien
Zusammen: 18 000 Mann
Niederländische Infanterie
25 Kompanien Wallonen und andere Niederländer (1 Kompanie = 200 Mann)
Summe: 5000 Mann
Spanische Infanterie
Alte und junge Soldaten – 6000 Mann
Auf dem Anmarsch:
Englische Infanterie – 5000 Mann
Spanische Infanterie – 5000 Mann
Summe: 10 000 Mann
Nicht mitgerechnet sind die Begleitmannschaften des Königs und der Oberfeldherren.
Zusammenfassung:
Kavallerie – 14 250 Pferde
Infanterie – 39 000 Mann
Vergleicht man diese Aufstellung mit der vorigen, so ergibt sich kein großer Unterschied. Nur die Kavallerie ist in der zweiten Tabelle schwächer. Dies mag daran liegen, dass, wie ich später noch
zeigen werde, ein Teil der Reiterei zur Begleitung des Königs abkommandiert wurde, und dieses Detachement ist in der zweiten Tabelle, wie ausdrücklich gesagt wird, nicht mitgezählt worden.
Eine bedeutende Schwankung ist ferner bei den Angaben in Bezug auf die deutsche Infanterie festzustellen. In der ersten Tabelle besteht sie aus 24 500, in der zweiten nur aus 18 000 Mann. Ich
habe vorhin schon gesagt, dass die erste Tabelle möglicherweise die Niederländer bei den Deutschen mitgezählt hat; in der zweiten Tabelle werden dafür wieder 5000 Mann niederländischer Infanterie
besonders genannt, die in der ersten fehlen. Jedenfalls gleichen die Verschiedenheiten in den Einzelangaben beider Tabellen sich im Gesamtresultat wieder aus, und die Kavallerie, die in der
zweiten Aufstellung 3000 Mann weniger zählt, war, wie gesagt, durch Abkommandierung, möglicherweise auch durch Verluste, geschwächt worden, sodass die Differenz nicht sehr verwundern kann; größer
wird ein Heer im Laufe eines Krieges ja nie, wenn es nicht verstärkt wird. Die beiden Tabellen weisen auch im Einzelnen so viele gleiche Zahlen auf, dass man an ihrer Richtigkeit nicht wohl
zweifeln kann. Eine Soldtabelle für die deutschen Hilfstruppen bestätigt übrigens die in der zweiten Aufstellung angeführte Zahl der Deutschen. Nach ihr zahlte Philipp der 18 000 Mann starken
deutschen Infanterie monatlich die Summe von 156 112 Florins, und 7275 Mann deutscher Kavallerie erhielten monatlich 129 052 Florins. Man sieht, wie teuer der Feldzug den Spaniern wurde.
Ich gehe nun dazu über, die Zahlenangaben der in der Quellensammlung enthaltenen Einzeldarstellungen zu besprechen.
Die anonyme Relation A gibt folgende ausführliche Aufzählung:
Die beiden Herzöge von Braunschweig – 2400 Pferde
Graf Schwarzenburg – 1100 Pferde
Graf Mansfeld – 800 Pferde
Graf Mastaing (?) – 800 Pferde
Hans Walhart – 300 Pferde
Graf Arenberg – 1000 Lanzen
Graf Horn – 1000 Lanzen
Bandes d’ordonnances – 3500 Pferde
Nouvelles bandes – 2000 Pferde
Chevaux légers (Egmont) – 1700 Pferde
l’escadron royal et chevaux d’Angleterre – 1500 Pferde
Zusammen: 15 700 Pferde
Außerdem erwähnt die Relation 30–40 000 Mann Infanterie und 70 Geschütze. Man sieht, der Verfasser bringt ziemlich genaue Zahlen, besonders für die Kavallerie; hier decken sich seine Angaben
beinahe mit denen der amtlichen Listen. Was er als „bandes d’ordonnances“ bezeichnet, mag das sein, was die erste Tabelle „bandes ordinaires“ nennt; die dazugehörigen Ziffern stimmen jedenfalls
gut zueinander. Die Stärke der Infanterie ist ihm offenbar nicht im Einzelnen bekannt gewesen, sonst würde er wohl genauere Mitteilungen gemacht haben; die Zahl der Geschütze gibt er, wie die
erste Tabelle, auch auf 70 Kanonen an. Zieht man in Betracht, dass die Kavallerie sich in der Zeit vom Beginn des Krieges (Ende Juli) bis zum Tage der Schlacht (10. August), wie ich schon gesagt
habe, durch Abkommandierung starker Abteilungen verringert hat, so kann man nur zu der Ansicht kommen, dass die amtlichen Mitteilungen durch diese Relation wesentlich gestützt werden.
Die anonyme Relation B macht überhaupt keine Zahlenangaben, und die der nächsten, „C“, sind über den ganzen Text zerstreut und unvollständig. Der Verfasser nennt, zusammenhängend betrachtet,
folgende Ziffern:
Egmont – 1200 leichte Reiter
Spanische Infanterie – 13 Kompagnien Veteranen
Nikolas von Hatstatt – 1 Regiment Landsknechte
Graf Eberstein – 10 Kompagnien Landsknechte
Graf Horn – 1000 Pferde
Graf Schwarzburg – 1140 Pferde
Herr von Carondelet – 600 Wallonen, 50 leichte Reiter, 1200 spanische Rekruten
Graf Mansfeld – 800 Arkebusiere zu Pferde
Ernst von Braunschweig – 1000 Arkebusiere zu Pferde
Lazarus Schwendi – 1 Regiment Landsknechte
Graf Arenberg – 1000 Reiter
Graf Schaumburg – 600 Reiter
Konrad von Bemelberg – 1 Regiment Landsknechte
Georg van Holl – 1 Regiment Landsknechte
Diese Ziffern werden, wie gesagt, nicht in Form einer Aufzählung gegeben, sondern im Laufe der Erzählung nur nebenbei erwähnt; ich habe sie deshalb zusammengestellt, um zu zeigen, dass auch hier
die Angaben fast genau mit den bisher aufgezählten übereinstimmen. Die Relation A ist spanischen Ursprungs, die vorliegende hat einen deutschen Verfasser. Beide sind gleichzeitig in verschiedenen
Orten erschienen; von Abschreiben kann also keine Rede sein, und da sämtliche Aufzählungen sich beinahe genau mit den amtlichen Ziffern decken, muss angenommen werden, dass die Zahlen richtig
sind; wie könnten sonst vier verschiedene, voneinander unabhängige Quellen zu annähernd gleichen Resultaten kommen?
Die übrigen in der Quellensammlung enthaltenen Relationen bringen überhaupt keine Zahlenangaben, sodass ich dazu übergehen kann, die außerdem vorhandenen Memoiren und Geschichtswerke auf ihre
Mitteilungen über Heeresstärke hin zu untersuchen. Wir haben bis jetzt nur Quellenberichte spanischen Ursprungs kennengelernt; die folgenden Darstellungen sind, mit Ausnahme der Geschichtswerke,
französischer Herkunft. Die beiden Schilderungen spanischer Verfasser, die in der Quellensammlung nicht mehr enthalten sind, der „anonyme Bericht“ und der Brief des Seigneur de Lalaing, sagen
über die Stärke der Spanier nichts, eine vollständige Mitteilung findet sich erst wieder bei Rabutin, dem französischen Edelmann und Teilnehmer an der Schlacht. Er schreibt folgendes:
„_leur armée complète, estimée de 35 à 40 000 hommes de pied, 12 à 15 000 chevaux, tant de leur gendarmerie que de reitres et pistolliers. et n’attendoient plus que 8 ou 10 000 Anglois.“
(Übersetzung: „Ihre gesamte Armee, geschätzt auf 35.000 bis 40.000 Fußsoldaten, 12.000 bis 15.000 Kavalleristen, einschließlich Gendarmerie, Reitern und Pistolern, und sie erwarteten nur 8.000 oder 10.000 Engländer.“)
Er sagt dann noch, dass 18 000 Mann der spanischen Infanterie Deutsche gewesen seien. Man sieht, auch hier werden im Allgemeinen dieselben Gesamtzahlen angegeben wie spanischerseits. Rabutin hat
seine „Commentaires“ noch im Jahre der Schlacht geschrieben; andere Quellen hat er nach seiner eigenen Aussage nicht benutzt; er schildert nur eigene Erlebnisse und Erinnerungen. Dass ihm in
Bezug auf die Stärke des englischen Hilfskorps ein Irrtum unterlaufen ist, kann nicht verwundern. Die Engländer trafen erst am 8. August vor St. Quentin ein und haben an der Schlacht nicht
teilgenommen. Sie sind für das französische Heer also gar nicht in Erscheinung getreten, sodass Rabutin ihre Zahl nicht aus eigener Anschauung erfahren haben kann, sondern auf Gerüchte angewiesen
war. Das andere spanische Heer war dagegen seit Ende Juli stets in unmittelbarer Nähe der Franzosen gewesen, und wir sehen, dass Rabutin über seine Stärke recht gut informiert war; die Zahl der
Deutschen deckt sich sogar bei ihm genau mit den amtlichen spanischen Tabellen. Wir haben hier also eine zeitgenössische Darstellung französischen Ursprungs, die aus eigener Anschauung das
bestätigt, was alle spanischen Quellen berichten. Leider ist es die einzige Aufzählung, die von einem französischen Augenzeugen gegeben wird; alle anderen französischen Memoiren nennen keine
Zahlen. Nur Gaspard de Säulx, der in seinen Lebenserinnerungen auch in aller Kürze über die Schlacht bei St. Quentin schreibt, gibt eine kurze Zahlenangabe: „L’Espagnol assemble 40 000 hommes, 30
000 hommes de pied et 12 000 chevaux.“ Diese Ziffern beziehen sich, wie aus seiner Darstellung hervorgeht, auf den Beginn des Krieges; er rechnet also die Engländer und einen Teil der spanischen
Nationaltruppen, die erst später dazukamen, nicht mit. Demnach ähneln auch seine Zahlen durchaus den bisher erwähnten Aufzählungen. Allerdings ist Säulx keine Quelle erster Ordnung. Er ist erst
1555 geboren, war zur Zeit der Schlacht also ein kleines Kind und hat seine Memoiren erst 60 Jahre nach den fraglichen Ereignissen geschrieben. Er gibt seine Gewährsleute nicht an, und es lässt
sich nicht sagen, wie er zu der Kenntnis gekommen ist; man kann ihn deshalb nicht als erstklassigen Zeugen betrachten, wenn er auch nach dem, was sich ermitteln lässt, einigermaßen richtig
informiert war.
Ich komme nun zu den Zahlenangaben der berufsmäßigen Geschichtsschreiber, von denen wohl keiner an dem Feldzug teilgenommen, beziehungsweise ihn aus eigener Anschauung gekannt hat. Ihre
Mitteilungen sind schwer nachzuprüfen, da sie größtenteils keine Angaben über ihre Quellen machen; nach dem, was bisher festgestellt worden ist, kann man aber sagen, dass sie fast durchweg aus
gut unterrichteten Quellen geschöpft haben.
Guicciardini, dessen 1580 erschienenes Werk zeitlich den Ereignissen am nächsten steht, sagt über die Stärke des spanischen Heeres nichts; am ausführlichsten beschäftigt sich der Italiener
Adriani in seiner 1583 gedruckten „Istoria de suoi tempi“ mit der Zusammensetzung der Armee Philipps II. Er gibt folgende Zusammenstellung: 12 000 „Tedeschi alti“, 6000 „Alamanni bassi“, 4000
Wallonen, 3000 Spanier und 4000 Engländer nebst weiteren 3000 Spaniern, die noch erwartet wurden. Außerdem erwähnt er 80 Kanonen, eine „unglaublich große Zahl“ von Minenlegern, Schanzgräbern usw.
Über die Kavallerie sagt er nichts. Vergleicht man diese Zahlen mit den amtlichen Listen, so ergibt sich wiederum eine gewisse Übereinstimmung. Die Zahl der Deutschen stimmt genau, die Stärke der
Wallonen wird hier etwas geringer angegeben, die Ziffern für die vorhandene und noch erwartete spanische Infanterie decken sich mit den Angaben der zweiten Tabelle; dagegen wird das englische
Hilfskorps nur auf 4000 Mann berechnet. Wie er zu dieser Zahl gekommen ist, lässt sich nicht ermitteln, da er nur einmal über Heeresstärke spricht und später nichts mehr darüber sagt. Alles in
allem genommen widerlegt er nirgends eine der bisher genannten Ziffern. Der spanische Geschichtsschreiber Herrera hat, wie ich schon im Kapitel „Quellenkritik“ gezeigt habe, getreulich von
Adriani abgeschrieben und führt genau dieselben Zahlen an; es erübrigt sich also, näher darauf einzugehen.
Eine andere Quelle, die im Übrigen so wenig ausführlich ist, dass ich sie nicht näher besprochen habe, bringt wenigstens einige Zahlen. Es ist Thomas Cormerius, der Biograph Heinrichs II. von
Frankreich. Er macht folgende Angaben: 35 000 Mann Infanterie und 15 000 Reiter, zu denen während der Belagerung von St. Quentin noch 10 000 Engländer zu Fuß und 2000 zu Pferde kamen. Bis auf die
Engländer decken sich seine Zahlen ziemlich genau mit denen der amtlichen Tabellen. Wie er zu den ungeheuerlich großen Angaben in Bezug auf das englische Hilfskorps gekommen ist, lässt sich nicht
feststellen. Es liegt aber kein Grund vor, anzunehmen, dass die offizielle spanische Aufstellung – 1000 Engländer zu Pferde, 5000 zu Fuß und 1000 Minenleger – zu niedrig gegriffen sein
sollte.
Es ist bemerkenswert, dass die Stärke des englischen Hilfskorps von allen französischen Quellen und auch von allen Geschichtsschreibern, außer Adriani, übertrieben hoch geschätzt wird. Das kann
nur daran liegen, dass die Engländer erst später gekommen sind, und dass über ihre Zahl nur Gerüchte in das französische Lager gedrungen sind, die dann später in Form bestimmter Angaben in die
verschiedenen Darstellungen aufgenommen wurden. Der nächste Geschichtsschreiber, Belcarius, hält sich mit seinen Zahlenangaben an Rabutin, bleibt aber an der unteren Grenze dessen, was Rabutin
sagt. Nach ihm bestand das spanische Heer aus 35 000 Mann Infanterie, 18 000 Mann Kavallerie und erwarteten 8000 Engländern; genau dasselbe zählt der französische Geschichtsschreiber de Thou, der
sich ebenfalls auf Rabutin stützt und ihn auch als seinen Gewährsmann nennt. Es erübrigt sich demnach, auf diese Zahlen einzugehen.
Sämtliche angeführten Zahlen geben keine Handhabe, um die amtlichen spanischen Tabellen zu korrigieren oder zu widerlegen; die dort aufgestellten Ziffern werden im Allgemeinen sogar unterstützt,
besonders von den Einzelaufzählungen der spanischen Relationen, die unabhängig voneinander zu durchaus gleichlautenden Ergebnissen kommen. Da auch die summarischen Ziffern der anderen Quellen
keine andere Deutung zulassen, wird man die Effektivstärke des spanischen Heeres zur Zeit der Schlacht bei St. Quentin nicht anders angeben können, als es in der zweiten amtlichen Tabelle
geschieht. Die Armee bestand also aus rund 39 000 Mann Infanterie, 14 000 Mann Kavallerie und 70 Geschützen. Dies ist eine Truppenmacht, die für das 16. Jahrhundert nur als riesenhaft bezeichnet
werden kann, und ich werde im Folgenden zeigen, dass es sich nur um eine Ausnahme und nicht um die Regel handelt; denn wir werden sehen, dass Philipp II., trotz seiner reichen Geldmittel, die ihm
sein Reich, in dem „die Sonne nicht unterging“, zur Verfügung stellte, nicht imstande war, das Heer zusammenzuhalten.
Eine dritte amtliche Tabelle, die Anfang September aufgestellt worden ist, lässt schon einen Rückgang der numerischen Stärke erkennen. Sie gibt folgende Zahlen:
Deutsche Kavallerie 6900 Pferde (früher 7300)
Niederländische Kavallerie 2000 Pferde (früher 3250)
Neuangeworbene Kavallerie (niederländisch) 1500 Pferde (früher 1500)
Egmont 1200 Pferde (früher 1200)
Englische Kavallerie 1000 Pferde (früher 1000)
Sa.: 12 600 Pferde (früher 14 250)
Die Begleitmannschaften des Königs und der Fürsten, „plus que deux mille“, sind auch hier nicht mitgerechnet.
Deutsche Infanterie (53 Kompagnien, früher 60) 17 000 Mann (früher 18 000)
7 Kompagnien sind „envoyées en garnison“.
Spanische Infanterie 6000 Mann (früher 11 000)
Wallonen und niederländische Infanterie 2500 Mann (früher 5000)
Englische Infanterie 5000 Mann (früher 5000)
Sa.: 30 800 Mann (früher 39 000)
Es fehlen also hier schon fast 2000 Mann Kavallerie und 8000 Mann Infanterie. Ein Teil der deutschen Infanterie hat nach der Tabelle Garnisonen bezogen, aber auch die niederländischen und
spanischen Fußtruppen haben stark gelitten. Richtig ist, dass die Spanier viel im Kampf gewesen sind und starke Verluste beim Sturm auf St. Quentin erlitten haben; dies wird überall berichtet.
Trotzdem ist die Abnahme doch zu groß, als dass sie allein durch Verluste und Abkommandierung erklärt werden könnte; es müssen viele desertiert sein. Diese Wahrscheinlichkeit wird dadurch erhöht,
dass Philipp um diese Zeit schon in Zahlungsschwierigkeiten geraten und später noch in viel größere Geldverlegenheiten gekommen ist.
Einen tiefen Einblick in die verworrenen Kassenverhältnisse gestattet zum Beispiel schon eine Anfang September vom Oberschatzmeister Diego de Aguirra aufgestellte Soldtabelle für das ganze
spanische Heer, der ich einige Einzelheiten entnehme. Nach ihr schuldete Philipp seiner spanischen Infanterie und Kavallerie den Sold für 3 bis 13 Monate; die Abschlagszahlungen bleiben weit
hinter der schuldigen Summe zurück. Dem deutschen Infanterieregiment von Meghem war schon so lange keine Löhnung gezahlt worden, dass man die schuldige Summe nicht mehr berechnen konnte, und aus
der ganzen Aufstellung ergibt sich, dass es im ganzen spanischen Heer kein Regiment gab, dem man nicht recht achtbare Summen schuldig war; nur die Engländer sind regelmäßig bezahlt worden. In
einem Brief, den der Sekretär Philipps, Eraso, am 2. September 1557 an Karl V. geschrieben hat, heißt es: „Le roi est en très bonne santé et très content; il attend Ruy Gomez (seinen
Geldbesorger) avec impatience afin de faire une paie à l’armée.“ Er selbst hatte also kein Geld mehr; dies gibt er in einem Brief vom 16. September 1557 an die Prinzessin von Portugal auch selbst
zu, denn er schreibt: „… mes dettes envers mes troupes sont très considérables.“ Er bittet dann dringend um Geld, sobald die Silberflotte ankäme, und beklagt sich, dass Ruy Gomez statt 500 000
Dukaten, die er versprochen hätte, nur 250 000 geschickt hätte, und davon 150 000 in Wechseln, von denen er nicht einmal wüsste, wann sie fällig wären. In einem weiteren Brief an Ruy Gomez selbst
bittet er immer noch um Geld; er hat schon eine Anleihe bei Fugger gemacht, aber das Geld ist noch nicht da. Im Oktober wird die Geldknappheit schon beängstigend.
Der Herzog von Savoyen schreibt am 16. Oktober an Philipp II.: „Je supplie V. M. de vouloir bien veiller à m’envoyer l’argent pour le licenciement de ces troupes, car V. M. sait ce que vaut de
les retenir un jour de plus.“ Am 20. Oktober schreibt Savoyen an den König, dass er keinen Pfennig hätte, um die Truppen zu bezahlen, und wenn sie in 3 bis 4 Tagen nichts bekämen, würden sie
abrücken. Noch am selben Tag fordern die deutschen Truppen energisch den rückständigen Sold; Savoyen berichtet es an Eraso, den Sekretär des Königs: „Es kostet mich dringende Bitten, um sie zum
Dienst zu bringen.“ Man sieht also, dass die Lage sich schon zuspitzt. Von nun an häufen sich Savoyens Bitten um Geld, aber er erhielt nicht annähernd so viel, wie er gebrauchte, und so sah er
sich gezwungen, im November den Feldzug aufzugeben und die Truppen auf die verschiedenen Städte des Landes zu verteilen, bis sie ausgezahlt werden konnten; die Engländer waren schon im Oktober
abgezogen. Den Plan für diese Auflösung der Armee teilt er dem König in einem Brief vom 6. November mit. Es war ihm durch gutes Zureden gelungen, die Soldaten auf diese Weise wenigstens im Land
zu halten; freilich hatte er versprechen müssen, ihnen die Zeit in der Garnison als Dienstzeit anzurechnen. Es war also auch dem damals sehr reichen Spanien nicht möglich gewesen, mit einer
Riesenarmee Riesenerfolge zu erringen. Außer dem Sieg bei St. Quentin und der Eroberung der Stadt hatte dieses Heer nicht viel mehr geleistet, als eine kleine Armee es auch getan haben würde.
Dauerndes Ausbleiben des Soldes hatte seine Stoßkraft schnell geschwächt, und schon wenige Monate nach dem Sieg bei St. Quentin musste Philipp einsehen, dass er doch nicht Geld genug besaß, um
eine so große Armee länger zusammenzuhalten. Hierin liegt meiner Ansicht nach der beste Beweis für die häufig ausgesprochene Ansicht, dass es auch trotz der im 16. Jahrhundert wieder erstarkenden
Geldwirtschaft nicht möglich war, mehr als etwa 20 000 Mann längere Zeit zu besolden und zu verpflegen. Wohl hat ein reiches Land, wie Spanien, vorübergehend größere Kräfte aufbringen können;
dauernde Erfolge hat es aber, wie gezeigt, mit ihnen auch nicht zu erringen vermocht.
Wenden wir uns nun den Streitkräften der Franzosen zu. Amtliche Tabellen über die Stärke und Zusammensetzung der Armee besitzen wir leider nicht, sodass man auf die in Briefen, Memoiren und
anderen Darstellungen gemachten Angaben angewiesen ist.
Als durch den Bruch des Waffenstillstands von Vaucelles der Krieg unvermeidlich geworden war, hatte auch Heinrich II., wie wir gesehen haben, energische Schritte getan, um ein kampffähiges Heer
aufzustellen. Freilich war man sich in den maßgebenden Kreisen völlig darüber klar, dass dieses Heer aus Mangel an Geldmitteln nicht annähernd so groß werden konnte wie das der Spanier. Ein
spanischer Bericht über die Kriegsvorbereitungen der Franzosen bringt dies zum Ausdruck. Es heißt darin: „Les Français disent, que pour leur défense ils n’auront que vingt mille hommes de pied à
savoir huit mille Allemands, huit mille Suisses et quatre mille Gascons“, und einige Zeilen weiter befindet sich folgende Notiz: „Les forces chargées de s’opposer à l’entrée des Espagnols en
France comprendront quatorze mille hommes de pied et cinq mille chevaux; le reste des troupes constituera une armée légère chargée de harceler l’ennemi de tous côtés.“ (Übersetzung: „Die
Streitkräfte, die mit der Verhinderung des Einmarsches der Spanier in Frankreich beauftragt sind, werden aus vierzehntausend Fußsoldaten und fünftausend Reitern bestehen; der Rest der Truppen
wird eine leichte Armee bilden, die den Feind von allen Seiten belästigen soll.“) Es handelt sich in diesem Bericht nur um Gerüchte, die den Spaniern zu Ohren gekommen waren; irgendwelche
Unterlagen für ihre Richtigkeit fehlen.
Ein anderer Brief, den der französische General Delbene Mitte Juli an den Kardinal de Tournon geschrieben hat, beschäftigt sich ebenfalls mit den Rüstungen der Franzosen. Es heißt dort: „… in
einigen Tagen soll der Herr Connétable in das königliche Lager gehen, wo 8–10 000 Deutsche, ungefähr 12 000 Franzosen und 1600 Gensdarmen sein können, einige leichte Reiter, auch einige
mittelbare und unmittelbare Gefolgsleute des königlichen Hauses, die ungefähr 8000 Pferde zählen… Wolle Gott, dass wir nicht so schwach sind, dass uns ein Unglück zustößt.“ Auch dieser Brief
bringt nur Vermutungen, die keinen festen Anhaltspunkt bieten.
Bis zum Beginn des Feldzuges besitzen wir keine authentischen Nachrichten über die Stärke des französischen Heeres; dann aber werden von den meisten Quellen bestimmte, zum Teil ausführliche
Aufzählungen gemacht, sodass es möglich ist, die Truppenmacht, mit der Heinrich II. in den Krieg gezogen ist, ziemlich genau zu bestimmen. Vor allem sind es die Berichte französischer Augenzeugen
der Ereignisse, die hier in Frage kommen, und unter ihnen ist Rabutin die erschöpfendste Quelle. Er schreibt folgendes: „D’estrangers le roy en fait peu venir pardessus, seulement 9 ou 10 000
Allemans et 800 ou 1000 pistolliers que le Ringrave retira et amena.“ („Der König holte nur wenige Ausländer ins Land, lediglich 9.000 oder 10.000 Deutsche und 800 oder 1.000 Pistoler, die der
Ringrave abgezogen und zurückgebracht hatte.“) Er zerstört hier also schon die oben erwähnte, bei den Spaniern verbreitete Vermutung, dass Schweizer im französischen Solde gestanden hätten. Keine
Quelle erwähnt etwas davon, sodass man dieses Gerücht als haltlos bezeichnen kann.
Rabutin zählt dann einige Seiten weiter die Gesamtstärke der Franzosen beim Beginn des Krieges wie folgt auf: „… gens de pied au nombre de 17 000 ou 18 000 hommes, Allemands et Français, et de 5
à 6000 chevaux de gendarmerie, cavalerie et reitres.“ (Übersetzung:„…Fußtruppen in der Stärke von 17.000 oder 18.000 Mann, Deutsche und Franzosen, und 5.000 bis 6.000 Pferde der Gendarmerie,
Kavallerie und Reiterei.“) Da er die Zahl der Deutschen, wie gezeigt, auf etwa 9000 angegeben hat, so bestand nach ihm die französische Infanterie ungefähr aus ebenso vielen Deutschen wie
Franzosen. Von den anderen französischen Memoiren nennt nur noch Säulx die Heeresstärke zu Beginn des Krieges, und zwar schreibt er: „Le connestable assemble à Attigny 6000 chevaux et 20 000
hommes de pied.“ (Übersetzung: „Der Constable versammelte 6.000 Kavalleristen und 20.000 Fußsoldaten in Attigny.“) Ich habe vorhin schon gesagt, dass er die Ereignisse des Jahres 1557 nicht aus
eigener Anschauung gekannt hat und auch seine Gewährsmänner nicht nennt; seine Zahlen lassen sich also nicht nachprüfen.
Die Geschichtsschreiber nennen nur zum Teil Zahlen für den Anfang des Krieges. Cormerius zählt, wie Rabutin, 18 000 Mann Infanterie und 6000 Mann Kavallerie, und Belcarius kommt genau zu
demselben Ergebnis, fügt aber, wie Rabutin, hinzu, dass die Infanterie 9000 Deutsche und 9000 Franzosen vereinigt hätte. Ich habe schon gesagt, dass er sich mit seinen Zahlenangaben sehr an
Rabutin hält, ihn oftmals wörtlich zitiert; er hat sich auch hier offenbar auf ihn gestützt. Herrera, dessen Unzuverlässigkeit ich ausführlich gekennzeichnet habe, hat diesmal nicht, wie sonst
stets, von Adriani abgeschrieben, da dieser keine Zahlenangaben macht; er zählt 20 000 Mann Infanterie und 6000 Mann Kavallerie, und de Thou endlich, der Rabutin als seine Quelle nennt, berichtet
von 18 000 Mann Infanterie und 5000 Mann Kavallerie.
Die im Ganzen große Übereinstimmung aller für den Beginn des Krieges angeführten Zahlen ist darauf zurückzuführen, dass die meisten Geschichtsschreiber sich auf Rabutin berufen. Dieser ist, wie
wir gesehen haben, über die Stärke der Spanier sehr gut unterrichtet gewesen, und da er im Allgemeinen, wie ich später noch zeigen werde, überhaupt eine recht zuverlässige Quelle ist, lässt sich
annehmen, dass er auch die Zahl seiner Landsleute, die er ja aus eigener Anschauung kennen musste, einwandfrei wiedergegeben hat. Wenn man ihm glauben darf, betrug also die Effektivstärke der
französischen Armee Anfang August 1557 etwa 18 000 Mann Infanterie und 6000 Mann Kavallerie. Diese Zahl lässt sich nun auf folgende Weise nachprüfen. Die bisher erwähnten und alle übrigen Quellen
beschäftigen sich später noch einmal mit der Stärke der Franzosen, und zwar in dem Augenblick, wo diese sich anschickten, St. Quentin zu entsetzen (9. August). Wir sind über die Verluste, die das
französische Heer bis zu diesem Augenblick erlitten hatte, ziemlich genau unterrichtet. Man braucht also nur diese Verluste von den bisher angegebenen Zahlen abzuziehen und die so gewonnenen
Ziffern mit den späteren Aufzählungen der Quellen zu vergleichen, um festzustellen, ob diese in Widersprüche geraten oder nicht. Außerdem werden von anderen Quellen auch noch so viele Zahlen
genannt, dass man zu einigermaßen genauen Ergebnissen kommen kann.
Ich beginne bei den Quellen, die schon für den Beginn des Krieges Zahlenangaben gemacht haben, will aber vorher noch erwähnen, dass die französischen Verluste, wie ich später im Einzelnen
nachweisen werde, 2000 Mann Kavallerie und 2000 Mann Infanterie betragen haben.
Rabutin gibt die Stärke der französischen Infanterie am Tage der Schlacht auf 22 Kompagnien Deutsche und 16 Kompagnien Franzosen an; von der Reiterei sagt er nichts. Einige Seiten weiter setzt er
die Stärke einer Kompagnie auf etwa 410 Mann fest, sodass man mit Hilfe einer einfachen Umrechnung die von ihm erwähnten 38 Kompagnien = 15 500 Mann setzen kann. Zu Beginn des Krieges hatte er
17–18 000 Mann gezählt, er hat also die 2000 Mann Verluste richtig abgezogen; ferner nennt er 15 Geschütze.
Herrera hatte für den Beginn des Krieges 20 000 Mann Infanterie und 6000 Mann Kavallerie gezählt. Jetzt zählt er 15 000 Mann Infanterie, 4000 Mann Kavallerie und 14 Geschütze. Danach müssten die
Franzosen allein 5000 Mann Infanterie verloren haben, aber auf Herreras Zahlen ist nichts zu geben. Seine zweite Aufzählung hat er nämlich, im Gegensatz zur ersten, wörtlich von Adriani
abgeschrieben, der für den Beginn des Feldzuges keine Zahlen nennt, jetzt aber dieselben Angaben wie Herrera macht; daher der Widerspruch zwischen Herreras beiden Aufzählungen. Belcarius und de
Thou, die sich, wie schon erwähnt, mit ihren Zahlen auf Rabutin stützen, berufen sich auch jetzt auf ihn und zählen dasselbe wie er, sodass über ihre Angaben nichts weiter zu sagen ist.
Ich komme nun zu denjenigen Quellen, die nur für den Tag der Schlacht gültige Zahlen nennen. Man muss hier zwei Gruppen von Quellen unterscheiden, die spanischen und die französischen; denn in
der Verschiedenheit der Angaben kommt deutlich die verschiedene Stellung zu den Ereignissen zum Ausdruck. Die bei ihnen genannten Ziffern beziehen sich sämtlich auf die Stärke der Franzosen kurz
vor der Schlacht.
Spanischerseits findet die erste Aufzählung sich in einem drei Tage nach der Schlacht geschriebenen Brief des Herrn von Lalaing. Dort heißt es: „Neuf guydons de gendarmerie, trois guydons de
noirs hamois et mil chevaux légers; trente enseignes de hauts Allemands, dix-huit enseignes de gens de pied Franchois, vingt pièces de batterie que des champs.“ (Übersetzung: „Neun
Gendarmerie-Truppen, drei schwarz gekleidete Truppen und tausend leichte Pferde; dreißig deutsche Feldzeichen, achtzehn französische Infanterie-Feldzeichen, zwanzig Feldartilleriegeschütze.“)
Bedauerlich ist nur, dass keine bestimmten Ziffern angegeben werden, denn die zahlenmäßige Stärke der einzelnen „guydons“ und „enseignes“ lässt sich nicht mit Sicherheit angeben. Mit Rabutins
ebenfalls allgemeinen Angaben verglichen, scheint Lalaing die französische Infanterie zu überschätzen; umgerechnet würde sie bei ihm etwa 20 000 Mann stark sein. Dies entspricht übrigens dem, was
auch die anderen spanischen Quellen zählen.
Die anonyme Relation A zählt 20 „enseignes“ Deutsche, 19 „enseignes“ Gaskogner und 14 „enseignes“ anderer Franzosen; dazu 3000 Mann Kavallerie und 20 Geschütze. Im Einzelnen weicht er also von
Lalaing ab; aber im Ganzen nähert er sich ihm wieder, sodass auch nach seiner Zählung etwa 20–21 000 Mann Infanterie herauskommen.
Ehe ich auf seine Zahlen näher eingehe, will ich die Angaben der anderen Quellen anführen. Die anonyme Relation B nennt summarisch 18 000 Mann und 10 Geschütze, die französischerseits an der
Schlacht teilgenommen haben. Die anonyme Relation C zählt 52 Kompagnien Deutsche, 22 Kompagnien Franzosen, 5000 Reiter und 14 Geschütze, „im Ganzen mehr als 20 000 Mann“. Die Relation des
Christoph Haller gibt keine vollständigen Zahlenangaben. Es heißt dort: „Der Connétabel und Reingraf seind zu La Fera, haben dreißig vendly teutsch Knecht, 1 m teutsche Pferdt schützen, 2 m
frantzösische Pferdt, und machen täglich mehr Volk zu Ross und Fuß, etlich sagen der Amiral auch bei ihnen, ander er sey gewiss in dieser Statt, und sollen der Feind teutsche Knecht nit fürziehen
wollen, sey seyen dan bezahlt.“ Es handelt sich hier, wie man aus der Erzählung vom „Amiral“ sieht, der, wie alle Welt wusste, in St. Quentin war, um ganz unsichere Gerüchte; man kann daher auch
den unvollständigen Zahlenangaben, die sich freilich mit denen der anderen spanischen Quellen ungefähr decken, keinen großen Wert beimessen. Haller hat eben nur das niedergeschrieben, was er
gehört hat.
Die anonyme Relation D, die, wie ich gezeigt habe, am Tage nach der Schlacht geschrieben worden ist, hat meiner Ansicht nach den Herzog von Savoyen selbst zum Verfasser. Ich schließe dies aus
folgendem: In der Quellensammlung befindet sich ein Brief Savoyens an Philipp II., datiert vom 8. August. Die darin enthaltenen Angaben über die Stärke der Franzosen sind wörtlich dieselben wie
die der anonymen Relation D.
Die in beiden Berichten enthaltenen Zahlen beziehen sich nur auf einen Erkundungsritt des Connétable, den ich später näher schildern werde. Wichtiger ist die Frage, woher der Verfasser der
anonymen Relation D den Wortlaut des Briefes gekannt hat, den Savoyen am 8. VIII. an den König geschrieben hat. Dass der Verfasser diesen Brief fast wörtlich zitiert, unterliegt nach der
angeführten Probe wohl keinem Zweifel und lässt vermuten, dass die Relation D entweder den spanischen Generalissimus selbst oder einen ihm sehr nahestehenden Mann zum Verfasser hat. Dies ist für
den Wert der Relation von Bedeutung, da man dann annehmen kann, dass sie Nachrichten bringt, die in amtlichen spanischen Kreisen verbreitet waren.
Die Relation bringt unter anderem auch Angaben über die Stärke der Franzosen am 10. VIII. Es heißt dort: „… 30 enseignes d’Allemands, dix-huit de Français et 20 pièces de grosse artillerie et de
Campagne.“ Diese Zahlen decken sich genau mit denen Lalaings, der zur Zeit der Schlacht im Hauptquartier Philipps II. war, also auch aus amtlichen Quellen geschöpft hat. Daraus und aus den oben
genannten Gründen lässt sich schließen, dass die anonyme Relation D eine amtliche spanische Darstellung ist, dass also auch die Zahlen auf Grund offiziell verbreiteter Nachrichten angegeben
worden sind.
Die Zahl der spanischen Quellen schließt mit der Relation des in Philipps Diensten stehenden deutschen Obersten Nikolas von Hatstatt, der folgende Angaben über die Stärke der Franzosen macht:
„Den 10. Tag Augusti hat es Gott der Herr zu großer Viktori auf unserer Seiten geschickt, also dass der Franzos vermeint, die Stadt Quintin mit Gewalt zu besetzen, der Connétable Reingraff, mit
viel großer Herren und 52 Fähnlein, dreißig Teutscher und 22 Gaskongier und mit 8000 Pferden in der Nacht dafür kommen.“
Der besseren Übersicht wegen stelle ich im Folgenden die Zahlen der spanischen Quellen noch einmal kurz zusammen.
Betrachtet man diese Zahlen im Zusammenhange, so ergibt sich eine gewisse Übereinstimmung in Bezug auf die deutsche Infanterie, und in Bezug auf die Gesamtzahl ist zu sagen, dass fast sämtliche
Quellen mehr als 20 000 Mann zählen, meistens schon die Infanterie allein auf 20 000 Mann angeben. Das steht in schroffem Widerspruch zu allen französischen Nachrichten, die, wie ich gezeigt
habe, selbst für den Beginn des Krieges nur eine Gesamtstärke von 18 000 Mann Infanterie und 6000 Mann Kavallerie erwähnen.
Ehe ich zu einer näheren Beurteilung der verschiedenen Quellenberichte komme, will ich aber noch diejenigen französischen Darsteller zitieren, die nur für den Tag der Schlacht Zahlenangaben
machen.
Der Brief des italienischen Gesandten Novelli, datiert vom 18. August, gibt nach der eigenen Aussage des Schreibers die Stärke der Franzosen am Schlachttage nur schätzungsweise an. Er nennt 16
000 Mann Infanterie und 6000 Mann Kavallerie. Die anonyme Relation F gibt ebenfalls nur ganz allgemein gehaltene Zahlen: „il parait que nous n’avions que 15 000 hommes“; das ist alles. Die
anderen Berichte französischer Zeitgenossen nennen gar keine Zahlen, nur Mergey, der französische Edelmann und Mitkämpfer, macht eine ganz vereinzelt dastehende Angabe; er zählt nur 6000 Mann
Infanterie und 2000 Mann Kavallerie. Ich habe im Kapitel „Quellenkritik“ schon dargelegt, dass er seine Memoiren erst als 77-Jähriger, 56 Jahre nach der Schlacht, geschrieben hat; sein Gedächtnis
mag ihn da getäuscht haben; vielleicht meint er auch nur die Stärke der französischen Vorhut, der er zugeteilt war.
Von den Geschichtsschreibern nennen nur Guicciardini und Adriani allein für den Tag der Schlacht gültige Zahlen, und zwar zählt Guicciardini 16 000 Mann Infanterie, 4000 Mann Kavallerie und 15
Geschütze, Adriani 15 000 Mann Infanterie, 4000 Mann Kavallerie und 14 Geschütze. Damit sind die Quellennachrichten erschöpft.
Ich stelle auch die Mitteilungen der französischen Zeitgenossen und der Geschichtsschreiber über die Stärke der Franzosen am 10. August der besseren Übersicht wegen zusammen.
Diese Zahlen bleiben hinter denen der spanischen Quellen doch recht erheblich zurück, und es lässt sich nicht verkennen, dass auf beiden Seiten je ein Gewährsmann die Zahlenangaben der
verschiedenen Darsteller beeinflusst hat. Aus den Aufzählungen Lalaings und der anonymen Relation D, die einander gleichen und die ich aus den oben erwähnten Gründen für amtliche Darstellungen
halte, lässt sich erkennen, dass in offiziellen spanischen Kreisen Nachrichten über die Stärke der Franzosen verbreitet waren, die weit über das hinausgehen, was die Franzosen selbst angeben. Es
lässt sich leider nicht ermitteln, woher die leitenden spanischen Kreise ihre Nachrichten gehabt haben. Amtliche französische Darstellungen besitzen wir nicht, und es scheint auch so, als ob es
nie welche gegeben hat, denn keine französische Quelle erwähnt etwas davon, und auch die Geschichtsschreiber sagen kein Wort darüber. Man wird annehmen müssen, dass Überläufer und Kundschafter
den spanischen Führern über die Stärke der Franzosen berichtet haben, dass diese Angaben dann offiziell bekanntgegeben wurden und so in die verschiedenen Darstellungen übergegangen sind.
Zweifellos sind die spanischerseits über die französische Armee verbreiteten Angaben übertrieben; dies lässt sich aus folgendem erkennen: In den wichtigsten spanischen Berichten wird die Zahl der
französischen Geschütze auf 20 angegeben. Nun wird sowohl von den Spaniern wie von den Franzosen einstimmig gesagt, dass den Franzosen in der Schlacht alle Geschütze bis auf zwei oder drei
weggenommen worden sind; die Spanier müssten demnach 17–18 Kanonen erbeutet haben. Wir besitzen aber eine offizielle spanische Tabelle, in der die erbeuteten Kanonen näher beschrieben werden;
nach der dortigen Zusammenstellung sind aber nur 11 Geschütze erobert worden, sodass danach die Franzosen nur 13–14 gehabt haben können. Dies entspricht auch durchaus dem, was die französischen
Quellen angeben, sodass hier eine amtliche spanische Aufzählung die Berichte aus dem eigenen Lager widerlegt und die französischen Angaben bestätigt. Man sieht daraus, dass die zum Teil auf
offiziellen Angaben beruhenden Zahlen der spanischen Darsteller doch übertrieben sind, und dies erklärt sich daraus, dass über die Stärke der Franzosen nur unkontrollierbare Nachrichten ins
spanische Lager gekommen sind.
Die französischen Darsteller, auch die Geschichtsschreiber, berufen sich, wie schon die Art der Aufzählung erkennen lässt, auf Rabutin, der ja, wie schon gesagt, auch sonst vielfach von ihnen als
Zeuge genannt wird. Ich habe oben gezeigt, dass Rabutin über die Stärke der Spanier gut informiert war und nicht zu Übertreibungen neigt; auch seine verschiedenen Angaben über die Stärke des
französischen Heeres zu Beginn des Krieges und zur Zeit der Schlacht stehen, wie ich dargelegt habe, in keinem inneren Widerspruch zueinander, sodass man keine Veranlassung hat, ihm nicht zu
glauben. Dazu kommt, dass diejenigen französischen Quellen, die nur schätzungsweise Zahlen nennen, viel mehr seine Aufzählung als die der spanischen Darsteller unterstützen. Man wird demnach
seine Mitteilungen, die ja auch auf eigener Anschauung beruhen, den Angaben über die Stärke des französischen Heeres zugrunde legen können, ohne sich von der Grenze des Wahrscheinlichen zu
entfernen.
Danach hatten die Franzosen am Tage der Schlacht bei St. Quentin etwa 15 500 Mann Infanterie (22 Kompagnien Deutsche, 16 Kompagnien Franzosen), 4000 Mann Kavallerie und ungefähr 14 Kanonen. Das
spanische Heer dagegen bestand aus 39 000 Mann Infanterie, 14 000 Mann Kavallerie und 70 Kanonen, war also zweieinhalbmal so stark.
Die Spanier eröffnen den Feldzug.
Mitte Juli 1557 bezog das ganze spanische Heer bei Givet, an der französisch-luxemburgischen Grenze, Lager. Der Oberbefehl lag in den Händen des erst 29 Jahre alten Prinzen Emanuel Philibert von
Savoyen, dem trotz seiner jungen Jahre der Ruf eines kriegserfahrenen, umsichtigen Feldherrn vorausging. Unter ihm befehligten die Herzöge von Ascot, Ernst und Erich von Braunschweig, und die
Grafen Egmont, von Mansfeld, Maigue und Barlemont. Im französischen Lager war man jetzt völlig davon überzeugt, dass der Feind es auf die Champagne abgesehen hätte, und Nevers zog schleunigst
alle seine Truppen in Attigny an der Aisne zusammen. Spione berichteten ihm, dass der Feind aus den Niederlanden zahlreiches Belagerungsgerät herbeischaffen ließe und es offenbar auf die Festung
Rocroy abgesehen hätte.
Nach einem Scheinangriff auf die Festung Marienburg wandte Savoyen sich auch wirklich gegen Rocroy und ließ es am 28. Juli von seinen Vortruppen angreifen. Die Besatzung war aber auf dem Posten,
warf den Feind zurück, und dieser zog ab. Nichtsdestoweniger glaubte Nevers, dass er wiederkommen würde, und seine Kundschafter bestärkten ihn in dieser Ansicht.
Savoyen verfolgte jedoch ganz andere Ziele. Sein kurzer Vorstoß in die Champagne war ein bloßes Scheinmanöver gewesen, denn schon im Frühjahr hatte Philipp auf den Rat seines Vertrauten,
Ferdinand von Gonzaga, beschlossen, die unbefestigte Pikardie anzugreifen. Der Einfall in die Champagne sollte den Feind nur täuschen und täuschte ihn auch. Zu spät entdeckte Nevers seinen
Irrtum, konnte sich aber auch dann noch nicht entschließen, zu glauben, dass es wirklich auf die Pikardie abgesehen sei. Es liegt eine gewisse kindliche Naivität in der unerschütterlichen
Zuversicht der Franzosen, dass der Feind sie dort aufsuchen würde, wo sie sich am stärksten verbarrikadiert hatten, während wenige Kilometer westlich eine kaum befestigte Provinz förmlich dazu
einlud, sie heimzusuchen.
Savoyen zog über Vervins nach Guise; Nevers folgte ihm mit einigen Meilen Abstand und lagerte sich bei Pierrepont, als das spanische Heer vor Guise liegen blieb.
Hier in Pierrepont, an der Grenze der Pikardie, traf der Connetable Anne von Montmorency beim Heer ein und übernahm den Oberbefehl. Unter ihm kommandierten außer Nevers der Prinz von Condé,
Coligny, der Rheingraf und der Marschall von Saint-André. Zunächst trat jetzt der Kriegsrat zusammen, um sich über die veränderte Sachlage klarzuwerden; aber die Meinungen prallten recht heftig
aufeinander und konnten trotz eingehender Verhandlungen nicht zusammenkommen. Einige behaupteten, der Feind dächte gar nicht daran, etwas zu unternehmen, er wolle nur seine Truppen zeigen und
suche einen Vorwand, um sich zurückzuziehen. Montmorency widersprach: „Pourquoi auroient-ils assemblé de si grandes forces s’ils ne devoient rien entreprendre, surtout sachant que nous leur
sommes très inférieurs en nombre?“ (Übersetzung: „Warum sollten sie so große Streitkräfte zusammengezogen haben, wenn sie nichts zu tun hatten, zumal sie wussten, dass wir ihnen zahlenmäßig weit
unterlegen sind?“) Coligny war durchaus derselben Ansicht und sagte, dass er sichere Nachrichten über einen beabsichtigten Angriff der Spanier auf die Pikardie hätte. Zu einem Entschluss kam man
aber doch nicht.
Da lief plötzlich die Meldung ein, dass Savoyen seine leichte Kavallerie nach St. Quentin vorausgeschickt habe und mit seinem ganzen Heer folge, um die Stadt zu belagern, und ehe man sich von
dieser Überraschung erholt hatte, kam die Nachricht, dass St. Quentin schon eingeschlossen sei (2. August).
Savoyen hatte mit verblüffender Schnelligkeit gehandelt und seinen Gegner so vollständig getäuscht, dass dieser jetzt völlig ratlos war. Nur Coligny behielt ruhiges Blut. Er war Gouverneur der
Picardie, und das Schicksal der bedrohten Stadt lag ihm am Herzen; daher erbot er sich, ihr zu helfen und zu versuchen, Verstärkungen hineinzubringen. Montmorency nahm den Vorschlag an, und der
Admiral brach sofort auf.
Die Lage von St. Quentin
Über den Schauplatz der folgenden Ereignisse, die Stadt St. Quentin und ihre Umgebung, berichten die Quellen nur wenig, und dies Wenige ist so widerspruchsvoll, dass es kaum zu gebrauchen ist.
Die heutige Karte der Stadt kann nur ein ungefähres Bild von dem geben, was zur Kenntnis der Örtlichkeit notwendig ist, da sich das Aussehen der Stadt ganz und gar verändert hat. Die beiliegende
Karte ist nach einem alten Plan gezeichnet worden, der sich bei La Fons findet und die Festung zur Zeit der Belagerung von 1557 darstellt. Es war aber notwendig, die Phantasie des alten
Kartographen in mehr als einem Punkte auf das Maß des Wahrscheinlichen zurückzuführen. Zum Beispiel zeichnet er die Somme, die bei St. Quentin ihren Oberlauf noch nicht beendet, sondern von der
Quelle ab erst 15 Kilometer zurückgelegt hat, als 500 Meter breiten Strom, und ähnliche Verschiebungen des Maßstabs entstellen den Plan noch mehrfach. Da es aber gerade auf das Sommebett ankommt,
mussten hier bedeutende Änderungen vorgenommen werden, wobei mir ein vortrefflicher Stich, eine Ansicht der Stadt aus der damaligen Zeit, gute Dienste geleistet hat. Mit Hilfe dieses Bildes, des
Planes und der spärlichen Quellenangaben war es möglich, ein ziemlich genaues Krokie der Stadt nebst ihrer Umgebung zu entwerfen.
St. Quentin liegt auf einem nach Westen und Süden sanft, nach Norden und Osten steil abfallenden Hügel am Oberlauf der Somme auf dem rechten Flussufer. Der Fluss vereinigt sich bei der Stadt in
mehrere Arme, die in Form kleiner Rinnsale das 250–300 Meter breite Tal im Süden der Stadt durchlaufen und Sümpfe bilden, von denen das ganze Tal ausgefüllt wird. Diese Sümpfe werden den
Verfertiger des alten Planes wohl dazu veranlasst haben, die Somme so ungeheuerlich breit zu zeichnen. Unmittelbar südlich von der Stadt bilden die Sommearme größere und kleinere Inseln, und
gleichzeitig springt das südliche Ufer landzungenförmig vor; hier liegt die durch eine Brücke mit der Stadt verbundene Inselvorstadt. Sie hat während der Belagerung eine Rolle gespielt, während
die drei anderen Vorstädte bedeutungslos geblieben sind.
Über die Inselvorstadt nach Süden führt eine Straße nach dem 20 km weit entfernten Städtchen La Fère, und auf dem anderen Sommeufer läuft ein Weg am Fluss entlang nach Südwesten bis zu der auch
20 km weit entfernten Stadt Han. Diese beiden Straßen sind wichtig; alle anderen haben keine Rolle gespielt. Die Befestigungen der Stadt waren alt, und namentlich die schnurgerade Ostmauer war
der Geschosswirkung hilflos preisgegeben. Im Norden und Osten beherrschten außerdem Hügelketten die Stadt, während den Belagerten der freie Ausblick durch Baum- und Gartenanlagen verwehrt wurde.
Die am besten geschützten Seiten waren der Süden, wo die Sommesümpfe sich dehnten, und der Westen, wo feuchte, von Bächen durchrieselte Wiesen den Zugang erschwerten. Wollte der Feind von Süden
her in die Stadt, so musste er zunächst die durch einen Außenwall und eine dahinterliegende Mauer gesperrte Inselvorstadt nehmen und sich dann auf der schmalen Landzunge festsetzen. Die
Belagerungstaktik der Spanier passte sich dem Gelände vortrefflich an. Den Westen, der wenig Angriffsmöglichkeiten bot, ließen sie frei; nur das Hauptquartier wurde dorthin gelegt, und zwar dicht
hinter die Abtei St. Prix, an den Rand der Sümpfe. Nördlich davon besetzten später, wie wir sehen werden, die englischen Hilfstruppen die Straße nach Han, die bis dahin frei blieb. Den ganzen
Rand der nördlichen Höhenzüge nahmen die niederländischen Hilfstruppen unter Egmont ein, und die Ostmauer beherrschten die Deutschen. Das linke Sommeufer im Süden der Stadt kam für die Belagerer
nur bei den Befestigungen der Inselvorstadt in Frage. Hier sperrten alte spanische Truppen den Weg nach La Fère und Guise. Es sei hier gleich bemerkt, dass die Besatzung der Stadt zu Beginn der
Belagerung nur aus der Infanteriekompagnie des Gouverneurs de Breuil und etwa 100 Gensdarmen von der Kompagnie des Dauphin unter dem Leutnant von Teligny bestand. Die Bürger der Stadt sollen, auf
ihr altes Recht der Selbstverteidigung pochend, jede stärkere Besatzung abgelehnt haben.
Es ist nötig, noch einige Worte über das südliche Sommeufer zu sagen, da es für die Schlacht große Bedeutung gehabt hat. Wir hatten gesehen, dass von Süden her der Zugang zur Stadt nur durch die
Inselvorstadt führte. Es gab jedoch noch außerdem einen Übergang über die Somme, der zwar nicht direkt in die Stadt, aber doch auf das rechte Ufer führte. Es war eine Furt, drei Kilometer östlich
von der Inselvorstadt. Die Quellen benennen diese Furt sehr verschieden: Hohlweg, Straße, Engpass. Es handelt sich aber um keine feste Straße, sondern man wird annehmen müssen, dass an dieser
Stelle das Flussbett sich verengte und auf einer schmalen Furt den Übergang von etwa fünf Pferden nebeneinander ermöglichte. Diese Furt hat in der Schlacht von St. Quentin eine so wichtige Rolle
gespielt, dass es nötig ist, ihre Lage genau zu bestimmen. Die Quellen sind sich darüber keineswegs klar. Belcarius sagt, sie wäre 2000 Schritt von der Inselvorstadt entfernt gewesen, Rabutin
redet von einer Meile, de Thou von drei Meilen; keiner aber gibt die Richtung an. Prescott hat sich angesichts dieser ungenauen Ortsbestimmungen nicht zu helfen gewusst und angenommen, dass die
Furt „dicht bei Egmonts Lager“ war. Da Egmont im Norden der Stadt lag, ist dies nicht gut möglich. Nur La Fons bezeichnet den Ort näher: „à une petite lieue de la ville, au village de Rouvroy.“
Rouvroy ist ein Dorf am rechten Sommeufer östlich von St. Quentin; demnach führte die Furt drei Kilometer östlich von der Inselvorstadt über den Fluss.
Die Belagerung von St. Quentin
Wir waren in der Darstellung der Ereignisse bei dem Augenblick stehen geblieben, wo Coligny den Entschluss fasste, der bedrohten Stadt Hilfe zu bringen. Er brach am 2. August, demselben Tag, an
dem die Belagerung begonnen hatte, mit vier Kompagnien Gensdarmen, einer Kompagnie leichter schottischer und einer Kompagnie leichter französischer Reiterei in Pierrepont auf und schlug die
Richtung nach La Fère ein. Alle direkten Wege nach St. Quentin waren vom Feind besetzt. Seine beiden Kompagnien leichter Reiter schickte er zur Aufklärung voraus und kam unbehelligt in La Fère
an. Landbewohner rieten ihm, über Han nach St. Quentin zu marschieren, da der Westen der Stadt noch nicht besetzt sei. Sofort marschierte er weiter, nahm fünf in La Fère stehende Kompagnien
Infanterie mit und schickte sie auf verschiedenen Wegen nach Han. Er selbst ritt voraus und fand bei seiner Ankunft in Han Botschaft vom Gouverneur Breuil aus St. Quentin vor, der um schleunige
Hilfe bat. Ohne Besinnen versprach er, noch im Laufe der Nacht anzukommen, und zog in Eilmärschen weiter. Von seinen sechs Kompagnien Kavallerie hatte er in Han noch die Gensdarmen; die leichte
Kavallerie hatte sich beim Aufklären absichtlich oder unabsichtlich verirrt. Drei Kompagnien Infanterie waren weit zurückgeblieben, und die beiden, die den Anschluss behalten hatten, waren müde
und nicht vollzählig. Trotzdem marschierte er weiter, um nicht zu spät zu kommen. Nachts um 1 Uhr kam er auch unangefochten in die Stadt, aber seine Truppen waren auf drei Kompagnien Gensdarmen
und 250 Mann Infanterie zusammengeschmolzen; alle übrigen waren verschwunden. Coligny hatte an einem Tag mehr als 60 Kilometer zurückgelegt; das ist selbst für moderne Truppen eine recht achtbare
Leistung, für die Soldaten des 16. Jahrhunderts war es die Grenze des Möglichen.
In der Stadt sah es traurig aus. Der Außenwall der Inselvorstadt war von der Besatzung geräumt worden; sie hatte sich auf die dahinterliegende Mauer zurückgezogen; den Boulevard besetzten zwei
Kompagnien Spanier. Die Besatzung war nur in Bezug auf die Gensdarmen von der Kompagnie des Dauphin vollzählig, die Infanteristen Breuils waren zum Teil detachiert. Coligny sah sich also vor eine
schwere Aufgabe gestellt, und er ging mit dem größten Eifer ans Werk. Er zählte die Lebensmittel- und Munitionsvorräte, besichtigte die Befestigungen und beruhigte die Einwohner. Für den Abend
des 3. August befahl er einen Ausfall nach Süden, um den Wall der Inselvorstadt wiederzuerobern und einige überflüssige Häuser zu verbrennen. Er hatte kein Glück; der Ausfall misslang. Der Feind
war zu stark, als dass man ihn hätte vertreiben können, und die Soldaten steckten in der Eile auch falsche Häuser an. Trotzdem wird von spanischer Seite behauptet, dass dieser Ausfall den
Belagerern empfindliche Verluste beigebracht hätte. Am 4. August ließ der Admiral einen Kavallerievorstoß nach Osten unternehmen, um den Feind über die Zahl der Besatzung zu täuschen. Auch dieses
Unternehmen schlug fehl; die Reiter wurden umzingelt, und ihr Kommandeur, der Leutnant von Teligny, fiel. Nur mit Mühe gelang es Coligny, durch einen zweiten Ausfall die übrigen
herauszuhauen.
Inzwischen war das französische Heer bis La Fère vorgedrungen, und in der Nacht zum 5. August wollte der Connetable eine zweite Verstärkung in die Stadt bringen. Coligny hatte ihm zu diesem Zweck
einen seiner Offiziere als Führer gesandt. Ms. d’Andelot, der Bruder des Admirals, brach am Abend des 4. August mit 2000 Mann Infanterie und etwa 1500 Mann Kavalleriebedeckung aus La Fère auf und
marschierte nach Han. Von dort aus wollte er mit den Fußtruppen nach St. Quentin, während die Reiterei den Feind beschäftigen und sich dann zurückziehen sollte. Aber wiederum kam es anders.
Colignys Führer verfehlte den richtigen Weg, einige Reiter der Bedeckung wurden abgefangen, verrieten den Plan, um ihr Leben zu retten, und nun legten die Spanier sich in einen Hinterhalt. Dicht
vor der Stadt sahen die Franzosen sich umzingelt und wurden niedergehauen. D’Andelot entkam mit wenigen Reitern nach La Fère. Am 8. August trafen zu allem Unglück noch 8000 Engländer bei der
Belagerungsarmee ein und sperrten fortan die Straße nach Han, sodass sämtliche nach St. Quentin führenden Wege besetzt waren.
Nach diesem missglückten Entsatzversuch zogen die Belagerer den Ring um die Stadt immer enger, sodass Coligny sich genötigt sah, die Inselvorstadt zu räumen. Dort setzten sich 14 Kompagnien
Spanier fest und fuhren mehrere Batterien auf, deren Feuer die Südmauer beherrschte. Coligny trug das Missgeschick mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit. Er verrammelte das zur Inselvorstadt
führende Tor und ließ auch den Mut nicht sinken, als bei dieser Gelegenheit ein Pulverturm explodierte und eine mächtige Bresche in die Mauer riss. Noch ehe die Spanier Nutzen daraus ziehen
konnten, war der Schaden ausgebessert, und das Tor stärker befestigt als vorher. Um die Besatzung zu vergrößern, stellte er 250 arbeitstüchtige Bürger zwangsweise auf die Mauern und organisierte
sie in zwei Kompagnien. Um der drohenden Hungersnot vorzubeugen, wies er 800 Arbeitsunfähige aus und kündigte den Zurückbleibenden schwere Strafen an, falls sie nicht freiwillig arbeiten
würden.
Coligny entdeckt eine neue Verbindung mit der Außenwelt
Nach d’Andelots missglücktem Versuch, seinem Bruder Hilfe zu bringen, schien jede Aussicht auf neue Verstärkungen dahin zu sein. Das englische Hilfskorps hatte die letzte Lücke geschlossen, die
bisher den Belagerten den Verkehr mit der französischen Armee ermöglicht hatte, und überall, wo fester Boden bis an die Mauern reichte, lagerten feindliche Haufen. Nur im Süden und Südosten war
der Weg frei; doch hier dehnten sich die breiten Sommesümpfe aus und schnitten jeden Zugang ab. Trotzdem verlor Coligny die Hoffnung nicht; sein unermüdlicher Geist sann auf neue Mittel, um den
Ring, den Natur und Feind um die Stadt gezogen hatten, zu sprengen. Endlich fand er den gesuchten Ausweg: „un marets ou il y avoit aucuns petits passages creux qu’il falloit reparer et raconstrer
pourceque l’eau y etoit profonde.“ (Übersetzung: „Ein Teich mit einigen kleinen Hohlräumen, die repariert und wiederhergestellt werden mussten, weil das Wasser dort tief war.“) So erzählt er
selbst, und mit ihm Rabutin. Ein wenig deutlicher äußert sich de Thou: „Es gab Sümpfe, durch die nur schmale Fußsteige führten; diese wurden in der Mitte der Sümpfe durch einen Bach unterbrochen,
den man auf Kähnen durchqueren musste.“ La Fons nennt schließlich auch den Ort, wo diese Sümpfe lagen: zwischen der Abtei St. Prix und dem Touryval. Damit meint er also die feuchten Wiesen vor
der Westmauer. Dort führte auch ein kleines Tor in die Stadt, durch das die Verstärkungen eingelassen werden konnten.
Stellt man die Angaben der drei Quellen nun zusammen, so wird Colignys Absicht deutlich. Durch die Sommesümpfe im Süden der Stadt führten schmale Fußsteige; diese wollte er in Ordnung bringen,
die sumpfigen Rinnsale fahrbar machen lassen und so einen Übergang über das Flussbett schaffen, auf dem die Verstärkungen ohne allzu großen Zeitverlust in die Stadt kommen konnten. Der Bach in
der Mitte der Sümpfe, von dem de Thou spricht, ist offenbar die Somme selbst, die ja bei St. Quentin, 15 km hinter ihrer Quelle, unmöglich viel breiter gewesen sein kann als ein Bach. Der Ort,
von dem aus der Übergang stattfinden sollte, lag demnach wenige hundert Meter westlich von der Inselvorstadt. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass dies auch der einzige Platz war, der nicht im
unmittelbaren Bereich des feindlichen Feuers lag. Colignys Plan war also, trotz seiner Kühnheit, wohl durchdacht, und Rabutin ist ordentlich begeistert: „Estant ceste entreprise l’une des plus
grandes et louables qui soit memoire des hommes avoir este practiquee.“ (Übersetzung: „Dieses Unterfangen zählt zu den größten und lobenswertesten, die in der jüngeren Geschichte je durchgeführt
wurden.“) Der Admiral zögerte auch nicht, alle Vorbereitungen sorgfältig zu treffen und schickte, als er damit fertig war, einen Boten über die Sümpfe zum Connetable, um ihn zu bitten, in der
Nacht vom 9. zum 10. August auf dem neu geschaffenen Wege Verstärkungen in die Stadt zu befördern.
Der Connetable trifft seine Vorbereitungen
Die französische Armee lag noch immer in La Fère. Seit dem missglückten Versuch d’Andelots, seinem Bruder Hilfe zu bringen (5. August), war nichts Entscheidendes mehr unternommen worden. In der
Nacht zum 8. August kam Colignys Bote an und unterbreitete dem Connetable den Vorschlag, Verstärkungen über den Sumpf in die Stadt zu schicken. Jetzt raffte Montmorency sich auf. In der Frühe des
8. August ließ er 2000 Mann leichte Kavallerie satteln, setzte 4000 Mann deutsche und französische Infanterie in Marsch und begab sich mit dieser Macht, begleitet von seinem ganzen Stabe, nach
Essigny, etwa 7 km südlich von St. Quentin. Dort ließ er halten und Schlachtordnung formieren. Man sieht, wie vorsichtig ihn die Erfahrung der letzten Tage gemacht hatte. Er selbst nahm einen
Teil seiner Offiziere mit und ritt behutsam die Hügelkette hinan, die ihn noch vom südlichen Sommeufer trennte. Vom Feind war nichts zu sehen, doch schien es ratsam, das Flussufer selbst zu
rekognoszieren, und zu diesem Zweck schickte er drei seiner Offiziere noch weiter vor. Diese meldeten, dass der ganze südliche Flußrand frei vom Feind sei; nur in der Inselvorstadt liege eine
spanische Besatzung, und am jenseitigen Ufer, gegenüber der Stelle, wo man übersetzen könne, sei ein feindliches Lager; es war, wie wir wissen, das Hauptquartier des Prinzen von Savoyen.
Montmorency war jetzt entschlossen, den Versuch zu wagen, und kehrte mit seinen Truppen nach La Fère zurück.
Der anonyme Bericht erzählt von 3000 Mann französischer Kavallerie, die an diesem Tag versucht hätten, eine gewaltsame Rekognoszierung vorzunehmen, aber zum Teil vernichtet worden seien. Es
handelt sich hier wohl um eine Verwechslung mit der Kavalleriebedeckung, die am 5. August das Expeditionskorps d’Andelots begleitet hatte und zum großen Teil zusammengehauen worden war; es steht
fest, dass Montmorency am 8. August mit allen Truppen unbehelligt wieder in La Fère ankam.
War bis jetzt das Verhalten des Connetable umsichtig und fehlerlos gewesen, so schlug es von nun ab ins gerade Gegenteil um. Es erscheint unbegreiflich, dass dieser alte Soldat, der schon bei
Pavia (1525) gegen die Spanier gekämpft hatte und daher ihre militärischen Qualitäten hätte kennen sollen, mit sträflicher Starrköpfigkeit jeden guten Rat von sich wies und stattdessen mit fast
mathematischer Genauigkeit das tat, was zu einer schweren Niederlage führen musste. Seine Zeitgenossen haben mit wenigen Ausnahmen bittere Vorwürfe auf ihn gehäuft, und auch die Nachwelt ist
nicht gerade schmeichelhaft in der Beurteilung seiner Fähigkeiten.
„His views were far from being enlarged, and though full of courage, he showed little capacity for military affairs. ... He was a stanch Catholic, ... repeated his Pater-Noster at certain fixed
hours, whatever might be his occupation at the time. He would occasionally break off to give his Orders, calling out: Cut me down such a man! — Hang up another! — Run those fellows through with
your lances! — Set fire to that village! — and so on; when having thus relieved the military part of his conscience, he would go on with his Pater-Nosters as before.“
(Übersetzung: Seine Ansichten waren alles andere als erweitert, und obwohl er voller Mut war, zeigte er wenig Talent für militärische Angelegenheiten. … Er war ein überzeugter Katholik … und
betete sein Vaterunser zu festen Zeiten, ungeachtet seiner jeweiligen Beschäftigung. Gelegentlich unterbrach er es, um seine Befehle zu erteilen und rief: „Schneidet mir diesen Mann um! – Hängt
einen anderen auf! – Durchbohrt diese Kerle mit euren Lanzen! – Brennt dieses Dorf nieder!“ und so weiter; nachdem er so sein militärisches Gewissen beruhigt hatte, betete er wie zuvor sein
Vaterunser.)
Dieses Urteil Prescotts macht den alternden Feldherrn zur komischen Figur, und das ist er sicherlich nicht gewesen. Ein Mann von der Bedeutung Prescotts hätte sich, um ein Charakterbild
Montmorencys zu entwerfen, auch nicht auf Brantôme berufen sollen, der meisterhaft Anekdoten erzählt, aber kritiklos alles niedergeschrieben hat, was er gesehen und gehört haben will. Die hier
zitierte Charakteristik, die Prescott, wie er selbst sagt, von ihm übernommen hat, trägt zu deutlich den Stempel grotesker Übertreibung, als dass sie geschichtlichen Wert beanspruchen könnte.
Richtig ist es, dass Montmorencys Feldherrntalent schwach entwickelt war und dass sein ans Dünkelhafte grenzender Eigensinn ihm häufig genug den Blick für die einfachsten Regeln der Kriegskunst
trübte. Sein Gegenfeldherr, Emanuel Philibert von Savoyen, war ein Jüngling gegen ihn, 29 Jahre alt, und mit ihm dachte der Connetable, militärisch durchaus ein Mann der alten Schule, leicht
fertig zu werden. Er wollte ihm „einen Streich alter Kriegskunst“ zeigen; ein Beweis, wie sehr er ihn unterschätzte.
Am 9. August trat in La Fère der Kriegsrat zusammen. Montmorencys Generäle, besonders der Marschall von St. Andre, rieten, das Unternehmen in aller Heimlichkeit auszuführen. Eine starke
Kavalleriebedeckung sollte den Truppentransport um Mitternacht bis an den Rand des Sumpfes begleiten, dort warten, bis die Überfahrt beendet sei, und dann sofort zurückkehren. Der Rat war gut,
denn nur die Inselvorstadt war besetzt, und die dort liegenden Spanier waren im Notfall leicht im Schach zu halten; das übrige feindliche Heer aber lag jenseits der Sümpfe, sodass ein starkes
Kavalleriekorps genügt hätte, um die Überfahrt zu decken. Der Connetable aber war gegen den Plan: Er hätte eine lange Erfahrung und wisse, was nötig sei. „Nach dieser hochmütigen Antwort wagte
keiner der übrigen Führer mehr, etwas zu sagen.“ So berichtet Belcarius, und der Vorgang ist auch nicht unwahrscheinlich, denn es wurde tatsächlich beschlossen, noch am selben Abend mit dem
ganzen Heer aufzubrechen und mit Tagesanbruch am Sumpf zu erscheinen, sowie Coligny es gewünscht hatte.
Aufbruch des französischen Heeres und Überfahrt der Entsatztruppen
Wenn der Connetable sich nun schon einmal dazu entschlossen hatte, den Übergang mit seinem ganzen Heer zu decken, so wäre es seine vornehmste Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen, dass der Verlauf
des Unternehmens keine Hemmungen erlitt, soweit er dies verhindern konnte. Aber seine Vorbereitungen ließen jede Umsicht und Sorgfalt vermissen. „Der Streich alter Kriegskunst“ begann mit einer
Verzögerung von 6–7 Stunden. Die Infanterie wurde beim Einbruch der Nacht zwar in Marsch gesetzt, kam aber nur bis La Justice, einem Flecken halbwegs zwischen La Fère und St. Quentin. Dort blieb
sie liegen und wartete auf die Kavallerie, die erst gegen Morgen ankam, also zu einer Zeit, wo man schon an Ort und Stelle sein wollte.
Der Grund für diese Verspätung wird nirgends angegeben. Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass der Übergang der Truppen über die Oise bei La Fère Schwierigkeiten gemacht hat, denn Rabutin
erzählt eine verworrene Geschichte von Brücken, die der Connetable hätte schlagen lassen, ohne aber ein Wort darüber zu sagen, wie diese Brücken verwendet worden sind. Außer de Thou, der sich bei
der Schilderung dieser Ereignisse fast ängstlich an Rabutins Ausdrucksweise klammert und daher ebenso unklar bleibt wie dieser, hat nur Montpleinchamp diese Erzählung übernommen, doch sagt er
auch weiter nichts, als dass die französische Armee die Oise auf einer Brücke unterhalb von La Fère hätte überschreiten sollen.
Genug, das Heer war erst um 4 Uhr morgens in La Justice vollzählig versammelt, formierte Schlachtordnung und trat dann den Vormarsch gegen St. Quentin an. Die Reihenfolge der marschierenden
Truppen war für den verfolgten Zweck denkbar falsch. Dass die Kavallerie die Spitze nahm, ist verständlich; falsch war es aber schon, die Geschütze unmittelbar dahinter oder doch in der ersten
Hälfte des Zuges fahren zu lassen. Dass dies der Fall gewesen ist, beweist die Tatsache, dass sie sofort nach Ankunft der Armee in Tätigkeit traten, noch ehe der Feind begriffen hatte, was
überhaupt vorging. Die schwerfälligen Kanonen werden auch nicht dazu beigetragen haben, den ohnehin verspäteten Marsch zu beschleunigen.
Das Fußvolk teilte sich in die üblichen drei Haufen, und hinter der Nachhut, ganz am Ende des langen Zuges, kam das notwendigste Gerät: die Kähne. Ihre Zahl wird verschieden angegeben; sieben bis
zehn werden es gewesen sein. Es war der unglücklichste Gedanke, den Montmorency haben konnte, als er sie an die Queue verwies. Sein Plan bestand, wie wir sehen werden, darin, den Übergang der
Entsatztruppen zu decken, sich in keine Schlacht einzulassen, sondern an den Sümpfen nur solange stehen zu bleiben, bis der letzte Kahn seine Insassen abgeliefert hatte, und dann den Rückzug nach
La Fère anzutreten.
Dass zu dem Gelingen dieses Planes Schnelligkeit, Sicherheit der Bewegungen und genauestes Zusammenarbeiten aller Beteiligten gehörte, muss der Connetable gewusst haben, und umso unverzeihlicher
ist es, dass er alles unterlassen hatte, um diese Bedingungen zu erfüllen. Die ungeschickte Anordnung der Truppen wurde dadurch gekrönt, dass eine Unzahl von Händlern, Marketendern und
Troßknechten dem Heer folgte, die später die größte Verwirrung anrichteten. Was diese Leute bei einem Unternehmen zu suchen hatten, das nur wenige Stunden dauern sollte, bleibt völlig
unverständlich.
Montmorency hatte also von vornherein einen Zustand geschaffen, der mindestens zum Misslingen der ganzen Expedition führen musste; indem er weiter die gröbsten Fehler beging, rannte er blindlings
ins Verderben. Um 9 Uhr morgens, am 10. August, dem Feste des heiligen Lorenz, traf die französische Vorhut vor der Inselvorstadt ein. Coligny hatte während der ganzen Nacht die Sumpfübergänge
bewachen lassen, um seinerseits das Unternehmen nach Kräften zu fördern. Als aber nach Tagesanbruch noch niemand erschien, hatte er die Wachmannschaften wieder zurückgezogen.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal das Gelände. Der Connetable marschierte auf der Straße La Fère—Inselvorstadt—St. Quentin. Die Inselvorstadt war durch 14 Kompagnien spanischer Infanterie
besetzt, die zu ihrer Sicherung zwei Arkebusierkompagnien in der Richtung auf La Fère vorgeschoben hatten. Diese standen etwa 300 Meter vor dem äußeren Boulevard der Vorstadt bei einer Windmühle
auf einer Bodenerhöhung.
Im Rücken der französischen Armee lag die Hügelkette, die wir gelegentlich des Erkundungsrittes Montmorencys am 8. August kennengelernt haben. Einige hundert Meter westlich von der Vorstadt war
der Ort, wo der Übergang stattfinden sollte; schräg gegenüber am anderen Ufer dehnte sich das spanische Hauptquartier aus. Etwa drei Kilometer östlich von der Inselvorstadt führte die oben
erwähnte Furt über die Somme; sie mündete am nördlichen Ufer bei dem Dorf Rouvroy.
Als die Vortruppen um 9 Uhr morgens bei der Inselvorstadt angekommen waren, stießen sie zunächst auf die spanischen Vorpostenkompagnien an der Windmühle. Es entspann sich ein kurzes Gefecht, in
dem die Spanier bis hinter den nach Guise führenden Weg zurückgeworfen wurden. Den Posten auf dem Windmühlenhügel besetzte nun der Prinz von Condé mit der leichten Reiterei, während der
Connetable die übrige Armee nach links abschwenken ließ und am Rande der Sümpfe erschien. Er ließ sofort Geschütze auffahren und beschoß das Hauptquartier des Herzogs von Savoyen am
gegenüberliegenden Flussufer.
Wie unklar diese Vorgänge sich in den älteren Darstellungen widerspiegeln, beweist die Auffassung Mezerays, das ganze französische Heer hätte die Somme überschritten, um dann die
Verstärkungsmannschaften über den Sumpf zu setzen und sich wieder nach La Fère zurückzuziehen. Dass dies widersinnig ist, hat er sich offenbar gar nicht überlegt. Garnier verlegt das spanische
Hauptquartier in die Inselvorstadt, weil er sich über die Örtlichkeit nicht im Klaren ist, und Montpleinchamp behauptet sogar, Savoyen hätte den Connetable absichtlich an den Sumpf gelockt, hätte
dann mit seinem Heer unter dem Feuer der Franzosen den Fluss auf einer Pontonbrücke überschritten und wäre ihnen in die Flanke gefallen. Wie er zu dieser rätselhaften Ansicht hat kommen können,
ist unbegreiflich; es gibt keine Quelle, die auch nur eine ähnliche Erklärung zuließe.
Im spanischen Hauptquartier war man auf den Morgengruß aus Kanonenrohren nicht vorbereitet, denn die bis dicht an den Fluss reichende Hügelkette hatte den Anmarsch des Gegners völlig verborgen.
Zwar sollen am Tag vorher im spanischen Heer Gerüchte von einem Entsatzversuch der Franzosen laut geworden sein, doch wird man an leitender Stelle diesen Vermutungen, die unter Soldaten leicht
einmal zirkulieren, keine Bedeutung beigemessen haben; jedenfalls war man jetzt über das plötzliche Erscheinen der Feinde sehr erstaunt. „It was as if they had dropped from the clouds“, schreibt
Prescott.
Die französischen Kugeln machten zwar „mehr Geräusch als Schaden“, richteten aber doch Verwirrung an, und eine schlug sogar in das Zelt des Herzogs von Savoyen, der sich infolgedessen genötigt
sah, seine Rüstung unter den Arm zu nehmen und sich schleunigst in Sicherheit zu bringen, „chose qui donnoit si grand plaisir à regarder … que le vouloir et le courage de combattre par mesme
affection en redoubloient“ (Übersetzung: „Etwas, das so große Freude bereitete, anzusehen, dass der Wille und der Mut zum Kampf durch dieselbe Zuneigung noch verstärkt wurden.“), schreibt
Rabutin. Es war die einzige Freude, die den Franzosen an diesem Tag beschieden war, und sie war kurz; denn die Spanier zogen sich zurück und verschwanden bald hinter den nächsten Hügeln, um sich
mit den Truppen Egmonts zu vereinigen, die im Norden von St. Quentin lagen.
Auch Prescott hat nicht das richtige Bild von diesen Vorgängen gehabt, denn obwohl Rabutin, den er auch als Quelle benutzt hat, klar und deutlich sagt, die Spanier hätten sich „um die Stadt
herum“ zu Egmont zurückgezogen, schreibt er, sie wären drei Meilen „down the river“, also stromabwärts, gezogen und hätten sich mit Egmont vereinigt, der dort lag; und darauf begeht er den oben
schon erwähnten Fehler, zu behaupten, dass „close to Egmonts quarters“ die Furt gelegen hätte. Erstens verlegt er also Egmonts Hauptquartier an den Fluss, wo es nicht gewesen ist, und zweitens
sucht er die Furt an einem drei Kilometer westlich von St. Quentin liegenden Punkt, während sie tatsächlich, wie wir gesehen haben, drei Kilometer östlich von der Stadt und der französischen
Armee gelegen hat. Ganz abgesehen davon, dass er sich hätte sagen müssen, dass Egmonts Hauptquartier drei Kilometer westlich von der Stadt deplaziert gewesen wäre, hat die falsche Ortsbestimmung
der Furt auch auf seine Darstellung von der Schlacht einen ungünstigen Einfluss ausgeübt, denn bei ihm entwickelt sich infolgedessen der Kampf, wie wir sehen werden, in der falschen Flanke der
Franzosen, und dies führt zu unlösbaren Widersprüchen.
Nachdem die Spanier sich zurückgezogen hatten, wollte der Connetable mit dem Übersetzen der Verstärkungsmannschaften beginnen und befahl, die Kähne vor die Front zu schaffen. Jetzt rächte sich
der Fehler, den er gemacht hatte, als er sie an das hinterste Ende des Zuges gestellt hatte, denn ehe man sie dorthin gebracht hatte, vergingen zwei gute Stunden, und es wurde später als 11
Uhr.
Man muss sich die Schwerfälligkeit und Planlosigkeit der ganzen Sache nur einmal vorstellen. Bei Tagesanbruch sollte die Aktion beendet sein; stattdessen stand die Sonne bald im Zenit, und noch
war kein Boot zur Stelle. Am Flussufer aber stand die ganze französische Armee und harrte untätig der Dinge, die da kommen sollten. Schlagen wollte der Connetable nicht, wir werden das gleich
sehen; er hatte also sein Heer gewissermaßen nur zur Ansicht in Schlachtordnung aufgestellt, ohne die Absicht zu haben, es in irgendeiner Weise zu verwerten.
Während die Träger der Boote sich nun zwei Stunden lang damit abmühten, sie ins Wasser zu setzen, fiel dem Connetable ein, dass es eine Furt gab — es ist dieselbe, die ich oben beschrieben habe
—, über die seine Gegner ihm Truppen auf den Hals schicken konnten. Um sicherzugehen, schickte er einen seiner Offiziere dorthin, der erkunden sollte, ob der Feind etwa diese Absicht hätte.
Wieder ist der Connetable nicht zu begreifen. Anstatt einen so gefährlichen Ort, dessen Existenz ihm von vornherein bekannt war, gleich mit einem starken Detachement zu sperren, lässt er ihn
zunächst zwei Stunden lang völlig unbeachtet und schickt dann erst umständlich einen Kundschafter aus, statt jetzt wenigstens einen Teil seiner Truppen, die er ja doch nicht besser verwerten
konnte, für alle Fälle dorthin zu werfen.
Die Furt lag von seinem Heer drei Kilometer nach Osten; ehe also der ausgesandte Kundschafter hin- und zurückkommen konnte, waren viele Ereignisse möglich, die den Connetable völlig überraschen
mussten. Zwar hielt der Prinz von Condé mit der leichten Reiterei nach wie vor den Windmühlenhügel bei der Inselvorstadt besetzt, konnte also einen Übergang des Feindes über die Furt rechtzeitig
sehen und melden; verhindern aber konnte er ihn von dort aus auch nicht, und der Connetable musste sich sagen, dass jede Störung durch feindliche Truppen sein ganzes Unternehmen gefährden oder
gar vereiteln konnte, abgesehen davon, dass ein Feldherr, der eine Schlacht durchaus vermeiden will, dem stärkeren Gegner jede Möglichkeit nehmen muss, ihn anzugreifen; und dies konnte
Montmorency, sobald er mit 1000 Mann die schmale Furt sperrte, die auf mehrere Meilen im Umkreis den einzigen Übergang bildete. Dass er es nicht sofort bei seiner Ankunft getan hatte, war also
schon eine schwere Unterlassungssünde gewesen.
Als nun sein Kundschafter mit der Meldung zurückkam, der Feind mache zwar keine Anstalten, die Furt zu überschreiten, es sei aber besser, 100 Arkebusiere dorthin zu legen, wies der Connetable
diesen Vorschlag mit der Begründung zurück, Infanterie sei zu langsam in ihren Bewegungen, Kavallerie könne sich schneller zurückziehen. Man sieht, wie wenig er beabsichtigte, es auf einen
Zusammenstoß mit dem Feind ankommen zu lassen; ihm schwebte immer nur der Rückzug vor. Er schickte nun 100 Pistolenreiter von der Kavallerie des Rheingrafen zur Deckung der Furt ab und schuf auf
diese Weise die fast lächerliche Situation, dass am weitesten östlich, an der gefährdetsten Stelle, eine Handvoll Reiter, in der Mitte, bei der wenig gefährdeten Windmühle an der Straße nach La
Fère, die 2000 Mann starke leichte Kavallerie, und am linken Flügel, an der ungefährlichsten Stelle, das ganze 16 000 Mann starke Heer stand. Die Unzulänglichkeit und Kurzsichtigkeit dieser
Anordnung ist auch von französischer Seite zugegeben worden.
Mittlerweile waren nun endlich auch die Kähne flott gemacht worden, und das Übersetzen der Hilfstruppen hatte begonnen. Über den unglücklichen Verlauf dieser mit so großem Aufwand an Zeit und
Mühe ins Werk gesetzten Expedition sind wir aus allen Quellen so übereinstimmend unterrichtet, dass an der Wahrheit des dort Gesagten nicht zu zweifeln ist. Da Montmorency nur sieben bis zehn
Kähne hatte, die er bemannen konnte, aber eine möglichst große Zahl von Soldaten auf einmal befördern wollte, wurden die Boote überladen, waren infolgedessen nicht ordentlich fortzubewegen,
schwankten, kenterten oder liefen voll Wasser und konnten außerdem am jenseitigen Ufer nicht landen, da sie wegen ihrer zu schweren Belastung vorzeitig im Morast steckenblieben.
Die Soldaten sprangen zu früh heraus, fielen teilweise in tiefe Löcher, versanken im Sumpf, verirrten sich auf den labyrinthartigen Fußpfaden, die durch die Sümpfe führten, wurden außerdem von
spanischen Arkebusieren, die teils in der Inselvorstadt lagen, teils einen in der Nähe des verlassenen Hauptquartiers liegenden Hügel besetzt hielten, als Zielscheibe benutzt, sobald sie auf
ihren Irrfahrten in Schussweite kamen; viele wurden später auch gefangen genommen, noch mehr ertranken — kurz, es war ein unentwirrbares Durcheinander, und statt der Tausende, die man in die
Stadt hatte bringen wollen, kamen nur 450 Mann, geführt von Colignys Bruder d’Andelot, wohlbehalten in St. Quentin an.
Am jenseitigen Ufer aber stand das französische Heer in Schlachtordnung, sah tatenlos zu, wie die Kähne kippten, und wartete nach dem Willen seines Führers solange, bis das letzte Boot seine
Besatzung abgeliefert oder ins Wasser geworfen hatte; dann erst sollte der Rückzug nach La Fère beginnen. Es ist eines der tragikomischsten Bilder aus der Kriegsgeschichte und gleichzeitig ein
Schulbeispiel dafür, wie ein Feldherr, der seinen Zweck unter allen Umständen mit unblutigen Mitteln erreichen will, diese Strategie so weit treiben kann, dass er schließlich in eine ebenso
unvermeidliche wie hoffnungslose Schlacht verwickelt wird.
Die spanische Kavallerie überschreitet die Furt
Montmorency hätte sich denken können, dass der Herzog von Savoyen nicht tatenlos zusehen würde, wie die Franzosen Verstärkungen in die Stadt brachten; denn eine 53 000 Mann starke Armee lässt
keinen schwachen und schwächlichen Gegner stundenlang unbehelligt, wenn sie die Möglichkeit hat, ihn zu schädigen. Sobald sich also Savoyen mit Egmont vereinigt hatte, trat der Kriegsrat zusammen
und beriet über die Art und Weise, wie man dem Gegner zu Leibe gehen könne. Es lag Savoyen daran, eine Schlacht zu liefern; er musste also schnell handeln, um den ungestörten Rückzug des Feindes
zu verhindern. Ein Kavallerieangriff mit überlegenen Kräften versprach unter den obwaltenden Verhältnissen die meiste Aussicht auf Erfolg.
Die Furt im Osten der Stadt war der einzige Übergang; von dort aus musste also der Angriff erfolgen. Die Situation war so klar, dass sie kein langes Nachdenken, sondern nur entschlossenes Handeln
erforderte. Die Fähigkeiten dazu fehlten den spanischen Führern keineswegs. Der größte Teil der Kavallerie saß auf, die Gensdarmen nahmen die Spitze, die übrigen schlossen sich an, und im Abstand
von einer halben Meile folgten zwei Regimenter Infanterie in Schlachtordnung. Es galt, die Furt zu überschreiten, ehe der Feind durch Verstärkungen diesen Übergang sperrte.
Wenden wir uns nun zu den Entschließungen des Connetable. Die Quellen lassen unzweideutig erkennen, dass er von verschiedenen Seiten auf die große Gefahr aufmerksam gemacht worden ist. Die
Hauptquelle Rabutin versagt freilich für diesen Teil der Ereignisse so gut wie ganz; die Kopflosigkeit im französischen Heer spiegelt sich unfreiwillig aber deutlich in der Verworrenheit seines
Berichtes wieder. Aus der Gesamtheit der Quellendarstellungen lässt sich jedoch trotzdem ein zusammenhängendes Bild der folgenden Vorgänge herausschneiden.
Die 100 Pistolenreiter von der Kavallerie des Rheingrafen sahen, dass der Feind sich mit starken Kräften der Furt näherte, und dass sie nicht in der Lage waren, den Übergang lange zu halten. Sie
schickten daher Meldung an Montmorency und rieten ihm, die ganze Reiterei zur Deckung der Furt abzuschicken und den Feind dort solange festzuhalten, bis die Armee auf ihrem Rückzug nach La Fère
einen genügenden Vorsprung gewonnen hätte. Condé, der mit der leichten Kavallerie, wie wir wissen, auf dem Windmühlenhügel hielt und von dort aus die Gefahr auch in ihrer ganzen drohenden Größe
erkannte, schickte gleichfalls Nachricht an den Connetable und empfahl ihm schleunigen Abzug.
Dieser soll aber nur gesagt haben: „Je servais sous les drapeaux, avant que Ms. le Prince de Condé fût au monde; j’espère bien lui donner encore des leçons de guerre pendant quelques années.“
(Übersetzung: „Ich habe in der Armee gedient, bevor der Prinz von Condé überhaupt geboren wurde; ich hoffe also, ihm noch einige Jahre lang Lektionen im Krieg geben zu können.“) Ob er diese Worte
tatsächlich gebraucht hat, mag dahingestellt bleiben; sein ganzes Verhalten war jedenfalls dementsprechend. Er hatte die fixe Idee, dass es seine Pflicht wäre, mit dem ganzen Heer auszuharren,
bis die Überfahrt der Hilfstruppen beendet war, und gegen diesen einen Vorsatz, der sein ganzes Denken fast krankhaft in Anspruch nahm, traten alle anderen Entschließungen in den
Hintergrund.
Auch von seiner nächsten Umgebung wurde Montmorency gewarnt. Mergey, der als Page des Grafen von La Rochefoucauld, des Führers der französischen Vorhut, an der Schlacht teilgenommen hat, erzählt,
dass dieser an den Connetable herangeritten sei und ihn dringend gebeten hätte, 300–400 Arkebusiere an die Furt zu schicken und das übrige Heer in der Richtung auf La Fère abziehen zu lassen.
Reiterei und Geschütze müssten dabei als Nachhut den Rückzug solange decken, bis ein am Wege liegender Wald den Angriff des Gegners unmöglich machte.
Doch auch diesen Rat lehnte Montmorency ab. Als einzige Verstärkung schickte er den Herzog von Nevers mit einem Regiment Gensdarmen gegen die Furt vor, befahl ihm aber, sich auf keinen Kampf
einzulassen. M. de Dinteville, ein französischer Edelmann, der an dieser Expedition teilgenommen hat, schreibt ausdrücklich: „Et fûmes tous d’avis, sentant, que Ms. le Connetable se retirait, de
nous retirer au pas.“ Desgleichen berichtet de Thou, dass die Befehle Montmorencys den Herzog gehindert hätten, die übersetzenden Spanier anzugreifen. Daraus geht zur Genüge hervor, dass der
Connetable jeden Kampf vermeiden wollte.
Wie er sich dies vorstellte, ist nicht gut erklärlich. Entweder musste Nevers den vordringenden Feind aufhalten, dann war der Kampf nicht zu vermeiden, oder er musste zurückweichen, dann hätte er
sich den Weg ja sparen können. An dem inneren Widerspruch seines Auftrages ist Nevers, wie wir sehen werden, auch gescheitert. Belcarius hebt außerdem mit Recht hervor, dass die französischen
Arkebusiere zu Pferde sich besser zur Verteidigung der Furt geeignet hätten als die schweren Gensdarmen. Jene konnten durch fortgesetztes Feuer den Feind von weitem in Verwirrung bringen und
seinen Übergang aufhalten, diese aber waren ihrer ganzen Ausrüstung nach nur im Nahkampf zu gebrauchen, für den verfolgten Zweck also ungeeignet.
Hören wir nun Rabutin, der als homme d’armes in der Kompagnie Nevers’ diente, den Vorstoß des Herzogs gegen die Furt also mitgemacht hat: „Ce prince ne tust pas si tost arrive en ce lieu, qu’il
trouva 1500–2000 chevaux desjà passes de là le passage et une si grande multitude qui passoit et vouloit passer qu’il n’estoit possible la nombrer, estant tous les gens de pied derriere eux en
bataille.“ (Übersetzung: „Kaum war der Prinz an diesem Ort angekommen, fand er bereits 1500 bis 2000 Pferde von dort herübergekommen und eine so große Menge an Menschen vor, die den Fluss
überquerten und noch überqueren wollten, dass es unmöglich war, sie zu zählen; hinter ihnen befand sich das gesamte Volk zu Fuß in Schlachtordnung.“) Nevers kam also zu spät; der Feind hatte die
100 Pistolenreiter schon zurückgedrängt und mit ansehnlichen Kräften die Furt überschritten.
Einen Augenblick lang hatte der Herzog den Gedanken, mit aller Gewalt auf die am diesseitigen Ufer sich Sammelnden einzudringen, sie auf die Nachfolgenden zurückzuwerfen und so zu versuchen, den
weiteren Vormarsch der Spanier aufzuhalten. Dies wäre auch unter allen Umständen das Beste gewesen, was er hätte tun können, denn noch war der Feind nicht in der Lage, sich richtig zu entwickeln,
und die kleinste Erschütterung seiner vordersten Reihen musste sich in verstärktem Maße nach rückwärts fortpflanzen, wo die auf eng begrenztem Wege durch den Fluss reitende Kavallerie unfehlbar
in die gefährlichste Lage gekommen wäre.
Doch nur zu ängstlich klammerte Nevers sich an den Wortlaut des ihm gegebenen Befehls. Rabutin, der in diesem Falle auch Vorsicht für den besseren Teil der Tapferkeit hält, erzählt mit
Genugtuung, dass mehrere Kapitäne zu Nevers gekommen seien und ihm dringend geraten hätten, nicht anzugreifen, denn er wisse doch, „dass der Connetable keineswegs hergekommen sei, um die Truppen
Frankreichs aufs Spiel zu setzen“. Ohne es zu wollen, hat er mit diesen wenigen Worten die ganze Kurzsichtigkeit Montmorencys gekennzeichnet. Nur keine Soldaten verlieren, nur ausweichen und den
Kampf vermeiden! Es ist ein eklatantes Beispiel dafür, dass der Wunsch, einer Schlacht aus dem Wege zu gehen, zur völligen Entschlusslosigkeit ausarten kann.
Hätte Nevers seine erste Idee verwirklicht, so wäre er der Held des Tages gewesen; doch er gab den Mahnungen seiner Offiziere nach und trat den Rückzug an, in der Absicht, sich bei der Windmühle
mit Condé zu vereinigen und, mit diesem vereint, Anschluss an den Connetable zu suchen, der jetzt endlich den Abmarsch in der Richtung auf La Fère begonnen hatte.
An dieser Stelle gerät Prescott in einen Widerspruch. Da er die Furt westlich von der Stadt und dem französischen Heer annimmt, verändert sich in seiner Schilderung die Stellung der Truppen in
der Weise, dass der Connetable zwischen Condé und Nevers zu stehen kommt. Nevers musste danach also bei seinem Rückzug sofort auf Montmorency stoßen, ohne sich vorher mit Condé zu vereinigen.
Trotzdem lässt auch Prescott ihn erst auf Condé sich zurückziehen, merkt aber, dass dies nach seiner Anschauung von der Örtlichkeit ohne Weiteres nicht möglich ist, und hilft sich kurzerhand,
indem er sagt, der Connetable wäre schon weg gewesen. Dies ist, wie wir gleich sehen werden, nicht richtig. Montmorency beeilte sich durchaus nicht. Die großzügige, oft von poetischem Schwung
getragene Darstellung Prescotts wird durch diesen Fehler sachlich leider sehr beeinträchtigt.
Die Schlacht
Sobald Nevers sich zurückgezogen hatte, war der Weg für die Spanier frei, und ihre ganze Kavallerie versammelte sich in kurzer Zeit auf dem linken Ufer. Hier wurde noch einmal Kriegsrat
abgehalten, denn Savoyen war gegen einen sofortigen Angriff. Er wollte erst noch seine Infanterie herankommen lassen, weil der Connetable sich keineswegs mit seinem Abmarsch beeilte, sondern
langsam nach La Fère zurückging und dadurch den Anschein erweckte, als ob er eine Schlacht annehmen wollte. Diese Langsamkeit Montmorencys hatte freilich einen ganz anderen Grund; er hatte
nämlich seine Geschütze wieder an die Spitze gestellt und konnte deshalb nicht schnell vorwärtskommen; es wäre zweckmäßiger gewesen, sie an die Queue zu stellen, wenn sie dort auch leicht
verloren gehen konnten. Die Infanterie folgte in drei Haufen, und den Beschluss machte der Rest der französischen Gensdarmerie unter persönlicher Führung des Connetable.
Genau lässt sich die Marschordnung der Franzosen nicht feststellen, da die Quellen entweder gar keine oder nur unvollkommene, unklare Andeutungen darüber machen. Rabutin, der es wissen könnte,
ist für diese letzte Phase der Ereignisse die denkbar schlechteste Auskunftsstelle, denn das Missgeschick seiner Landsleute und die allgemeine Verwirrung veranlassen ihn zu weitschweifigen
Betrachtungen über das rätselhafte Walten der Vorsehung, aus denen der Verlauf der tatsächlichen Dinge nur stellenweise hervortritt. Soviel ist jedenfalls sicher, dass der Connetable an keine
Schlacht, sondern nur an Rückzug dachte. Fast aber hätte seine an diesem Tage oft genug bewiesene Langsamkeit den Gegner über seine Absichten getäuscht, denn Savoyen war, wie wir gesehen haben,
noch unentschlossen.
Den Ausschlag gab das kecke Draufgängertum des Grafen Egmont, in dem wir zweifellos einen der begabtesten und umsichtigsten Kavalleriegeneräle seiner Zeit zu sehen haben. Er war kein Mann der
weit vorausschauenden strategischen Entschlüsse, aber ein begeisternder und begeisterter, wagemutiger Reiterführer vom Schlage eines Seydlitz; ein Offizier, der im entscheidenden Augenblick mit
scharfem Verstand das Richtige zu erkennen und durchzuführen wusste. Er ergriff auch in diesem Falle die Initiative und bat um die Erlaubnis, mit seiner Kavallerie angreifen zu dürfen.
„Le très-noble, très-brave et très-vaillant seigneur, M. le Comte d’Egmont avait le plus vif désir de se battre et ne cessait d’insister pour qu’on lui permit de charger les Français“
(Übersetzung: „Der edelste, tapferste und mutigste Herr, Graf Egmont, hatte den größten Wunsch zu kämpfen und bestand immer wieder darauf, dass man ihm erlaubte, die Franzosen anzugreifen.“),
schreibt der anonyme Bericht, und die anderen Quellen bestätigen dies. Emmanuel Philibert mochte sich inzwischen davon überzeugt haben, dass sein Gegner keine Schlacht suchte und dass es
infolgedessen verlorene Zeit war, noch länger zu zögern; und so ging er auf den Vorschlag Egmonts ein.
Dieser teilte nun die ganze Kavallerie in acht Haufen, ließ einen davon an der Furt zurück und jagte mit den übrigen den abziehenden Franzosen nach. Er selbst kommandierte 2000 Mann leichte
Kavallerie, die beiden Herzöge von Braunschweig je 1000 Reiter, der Graf von Mansfeld 3000 Mann Arkebusiere zu Pferde, Graf Horn 1000 Gensdarmen, und die Grafen von Arenberg und Hoogstraten zwei
weitere Haufen, deren Stärke nirgends angegeben wird.
Die Franzosen verschwanden gerade hinter den ersten Hügeln, als der Angriff begann, und ihnen folgte der Schwarm der Händler, Marketender und Troßknechte. Diese sahen den heranstürmenden Feind
zuerst, und in wilder Flucht — alle Quellen berichten es einstimmig — stürzten sie vorwärts, die Troßknechte „laxatis habenis“, um in einem an der Straße nach La Fère liegenden Wäldchen oder
zwischen den Haufen des Fußvolks Schutz zu suchen. Ihr sinnloses Gebaren richtete sofort die größte Verwirrung an; eine allgemeine Unsicherheit griff um sich, ein Teil der Infanterie wurde in die
Flucht mit verwickelt, und, um das Unglück vollständig zu machen, erfolgte im nämlichen Augenblick der Einbruch der feindlichen Kavallerie.
Egmonts Taktik war wohlüberlegt. Von allen Seiten zugleich drangen die feindlichen Kavallerieabteilungen mit Lanzen, Arkebusen, Pistolen und Degen auf die völlig überraschten Franzosen ein, deren
Reihen ins Wanken kamen. Egmont, die braunschweigischen Herzöge und Graf Horn attackierten Vor- und Nachhut, die anderen das Zentrum. Montmorency hatte die Übersicht ganz und gar verloren. „Er
war vor Schreck konsterniert, bewies keine Eigenschaft eines guten Feldherrn und wusste nicht, was zu tun nötig sei, nur, dass man sich zurückziehen und eine Schlacht vermeiden müsse“, spottet
Belcarius, und Guicciardini sagt kurz und bündig: „Alles war Regellosigkeit und Flucht.“
Der italienische Gesandte schreibt in seinem Schlachtbericht spöttisch: „On dit qu’alors Son Excellence (Montmorency) laissa paraître quelques signes de peur et d’irrésolution.“ (Übersetzung:
„Man sagt, dass Seine Exzellenz (Montmorency) zu jener Zeit einige Anzeichen von Furcht und Unentschlossenheit zeigte.“) Dies ist nach dem, was die Quellen berichten, durchaus wahrscheinlich. Die
Gensdarmen der französischen Nachhut setzten sich zwar zur Wehr, aber da sie gewohnt waren, einzeln zu kämpfen, wurden sie schnell umzingelt, niedergehauen oder gefangen genommen: Es war die
Blüte des französischen Adels.
Nicht besser erging es der vereinigten Reiterei von Condé und Nevers, die links vom Heer in einer Bodensenkung marschierte. Ehe sie Zeit fand, sich zu entwickeln, sah sie sich von fliehenden
Troßknechten, Händlern und feindlicher Kavallerie umzingelt, die von den Hügeln herabstürmte und die unentwirrbare Menschenmasse zusammenhieb. Nur die beiden Führer Nevers und Condé entkamen mit
600 Mann nach Laon.
Die einzige Waffe, die sich eine Zeit lang halten konnte, waren die Piken. Trotz der anfänglichen Verwirrung war es den Spießerhaufen gelungen, sich wieder zusammenzuschließen und mit
vorgehaltenen Piken den Rückzug langsam fortzusetzen. Prescott hat dies so dargestellt, als ob das französische Fußvolk die Schlacht zum Stehen gebracht und den Sieg der Spanier in Frage gestellt
hätte. Davon kann keine Rede sein. Selbst die französischen Quellenberichte, die eine solche Wendung zugunsten ihrer Landsleute doch sicher hervorgehoben hätten, wissen nichts davon, sondern
verzeichnen nur den etwas längeren Widerstand der Spießer.
Offenbar trachteten diese danach, den schützenden Wald zu erreichen, was ihnen vielleicht auch gelungen wäre, wenn sie nicht in der Nähe des Dorfes Essigny, wenige Kilometer südlich von St.
Quentin, unter Artilleriefeuer genommen worden wären. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Spanier einige ihrer Geschütze über die Furt gebracht und sie während des Kampfes aufgefahren
haben. Der Weg war für eine so schnelle Beförderung der schwerfälligen Kanonen zu lang, und die verflossene Zeit zu kurz; selbst die spanische Infanterie erschien erst nach der Entscheidung auf
dem Schlachtfeld, und keine Quelle berichtet etwas davon, dass Savoyen das Mitnehmen von Artillerie befohlen hätte. Wahrscheinlicher ist es, dass die Franzosen mit ihren eigenen verlorenen
Geschützen beschossen worden sind.
Sobald die Kugeln in ihre geschlossenen Haufen Lücken rissen, war ihr Widerstand gebrochen und schlug in die regelloseste Flucht um, besonders da jetzt auch die spanische Kavallerie in die
gesprengten Haufen eindrang. „Da wir oben gesehen, dass sie schier ein Holz ergreifen wollten, hat der von Mansfeld mit der Vorhut und nachher Herzog Ernst von Graben Hagen mit ihnen darauf
gehauen und in die Flucht gebracht; haben wir samentlich darauf gehauen, durch ihre Ordnung den langen Weg gerannt, im Lauf erschossen und erstochen, was uns gereicht.“ So schildert der deutsche
Oberst Nikolas von Hatstatt die Flucht der Franzosen.
Die Verfolgung zog sich bis La Justice, wenige Kilometer nördlich von La Fère, hin, wobei die Fliehenden noch schwere Verluste erlitten. Sie wurden „truppweise wie Hammel“ gefangen genommen und
weggeführt, und erst die anbrechende Dunkelheit machte dem Gemetzel ein Ende.
Die Infanterie Savoyens traf erst ein, als die Flucht schon begonnen hatte, und brauchte nicht mehr einzugreifen; stattdessen verlegte sie sich auf das Ausplündern der Gefallenen. So erzählt
wenigstens der anonyme spanische Mitkämpfer und gibt dabei ein bezeichnendes Bild von dem Aberglauben der damaligen Zeit. Er berichtet, dass ein großer Teil der von den Soldaten ihrer Kleider
beraubten Leichen unter dem Einfluss der Sonnenstrahlen anfing zu brennen „wie die Lampen“; die braunschweigischen „Chevaliers noirs“ hätten nämlich mit Speck geschossen.
Die Verluste.
Der Tag von St. Laurent hatte die Armee Heinrichs II. nahezu vernichtet. Es war die blutigste Niederlage seit Azincourt, und der Schlag war um so empfindlicher, als der französische Adel
furchtbar gelitten hatte. Der Connetable selbst hatte einen Schuss oder Stich in die Hüfte erhalten und war gefangen worden; mit ihm vier seiner Söhne, ferner der Rheingraf Johann Philipp, der
Marschall von St. André, der Herzog von Enghien, Prinz Karl von Bourbon, der Graf von La Rochefoucauld, viele andere Mitglieder des Hochadels und noch mehr des niederen Adels; im ganzen etwa 600.
Die sonstigen französischen Verluste werden von den Quellen recht unklar angegeben; meistens werden nur Teilverluste genannt, mit denen sich nicht viel anfangen lässt. Rabutin und de Thou sind
die einzigen, die ausführliche Betrachtungen anstellen und zu gleichen Ergebnissen kommen.
Bei Rabutin heißt es: „Quant à l’artillerie, l’on estime qu’elle fut toute perdue et emmenée des ennemis, réserve 2 ou 3 pièces.“ Einige Seiten weiter fährt er dann fort: „... de 900 à 1000
hommes d’armes et de près de 1000 chevaux légers et harquebusiers à cheval il n’en eût su alors mettre ensemble au plus 1200 ou 1500 chevaux. De 700 ou 800 reitres ne s’en trouvait pas 200 ou
300; de 15 ou 16 enseignes françoises il n’en fust trouvé adonc que 4 au plus; de vingt-deux enseignes d’Allemands faisant le nombre de dix à douze mille hommes, il s’en sauva de 3000 à 4000.“
(Übersetzung: „Was die Artillerie betrifft, so wird geschätzt, dass sie vollständig verloren ging und dem Feind abgenommen wurde, mit nur zwei oder drei Geschützen in Reserve.“ Wenige Seiten
später fährt er fort: „…von 900 bis 1000 Bewaffneten und fast 1000 leichten Kavalleristen und berittenen Arkebusieren konnte er höchstens 1200 oder 1500 Pferde aufbieten. Von 700 oder 800 Reitern
blieben nur 200 oder 300 übrig; von 15 oder 16 französischen Feldzeichen wurden höchstens vier gefunden; von 22 deutschen Feldzeichen mit zehntausend bis zwölftausend Mann entkamen 3000 bis
4000.“)
Dasselbe berichtet, wie gesagt, de Thou. In Rabutins Aufstellung befindet sich ein Widerspruch. Er sagt nämlich, dass 22 Kompagnien Deutsche gleich 10–12 000 Mann wären, hat aber vorher, wie ich
im Zahlenkapitel gezeigt habe, mehrfach erwähnt, dass nur 9000 Deutsche im französischen Heere gedient hätten. Diese Zahl entspricht auch seinen anderen Angaben über die Stärke der französischen
Armee, so dass man die jetzige Angabe, es wären 10–12 000 Deutsche gewesen, als irrtümlich annehmen kann. De Thou weiß ebenfalls nur von 9000 Deutschen. Hiervon abgesehen, lassen die
Verlustziffern sich nicht widerlegen, und da zwei Quellen unabhängig voneinander zu gleichen Ergebnissen kommen, wird man ihre Richtigkeit nicht bestreiten können. Die Verluste betrugen demnach
etwa 9000–10 000 Mann Infanterie und 2000 bis 2500 Mann Kavallerie. Mit 15–16 000 Mann Infanterie und 4000 Mann Kavallerie war der Connetable vor St. Quentin erschienen; zwei Drittel seines
Heeres hatte er verloren.
Die Verluste der Spanier werden von allen Quellen auf 500 bis 600 Mann geschätzt, nur Herrera zählt 80 Mann. Ich habe schon mehrfach gezeigt, dass Herrera stets versucht, die Tatsachen zugunsten
der Spanier zu verdrehen. Dass die spanischen Verluste bei der ganzen Art des Kampfes nicht sehr groß gewesen sein können, liegt auf der Hand; aber 80 Mann sind doch zu wenig; selbst 500–600 Mann
müssen gegenüber den enormen französischen Verlusten gering erscheinen. Nachprüfen lassen sich die Angaben der Quellen freilich nicht, aber ihre Übereinstimmung hat doch gegenüber der völlig
vereinzelt dastehenden Mitteilung Herreras den größeren Anspruch auf Wahrscheinlichkeit. Die Zahlen zeigen deutlich, wie heftig und überraschend der spanische Angriff gewesen ist und wie wenig
Widerstand er gefunden hat.
Die Taktik in der Schlacht bei St. Quentin.
Über die Ursachen der französischen Niederlage bei St. Quentin gehen die Ansichten der Quellen ziemlich weit auseinander. Rabutin preist die Umsicht Montmorencys in allen Tonarten und kommt
schließlich zu dem Ergebnis, dass Gott es gewollt hätte und dass kein Mensch es hätte ändern können. Für die Fehler des französischen Generalissimus hat er gar kein Verständnis, geschweige denn
ein Wort der Kritik. Noch viel urteilsloser ist Brantôme. Ich habe vorhin die von ihm entlehnte Charakteristik Montmorencys zitiert, die Prescott gegeben hat. Ganz im Gegensatz dazu steht seine
Beurteilung der Schlacht von St. Quentin: „Le Connetable avoit faict un très-bel exploict d’avitaillement et très-belle retraicte; car quelquesfois les grands capitaines tiennent ceste maxime,
qu’il est expédient de faire perdre une petite trouppe pour sauver toute une armée.“ (Übersetzung: „Der Constable hatte eine hervorragende Leistung bei der Versorgung und dem Rückzug vollbracht;
denn manchmal halten große Heerführer an diesem Grundsatz fest, dass es ratsam ist, eine kleine Truppe verlieren zu lassen, um eine ganze Armee zu retten.“)
Er erzählt also genau das, was Montmorency hätte tun sollen, aber nicht das, was er getan hat; seine ganze Kritik ist also eine deplatzierte Phrase. Herrera begnügt sich damit, festzustellen, dass der berühmte Astrolog Nostradamus die Niederlage prophezeit hätte. Dies ist für ihn eine ausreichende Begründung. Leti sucht wenigstens schon nach Gründen, denn er meint, dass die Niederlage so groß gewesen wäre, weil „die arme Infanterie in der ersten Hitze keinen Ort zum Durchgehen finden konnte“. Es gibt bekanntlich zwei Arten des „Durchgehens“; die erste Art, das „Durchgehen nach vorn“, war bei den ungedrillten Heeren jener Epoche eine häufige Erscheinung, sobald sie zu lange im Kugelregen aushalten mussten.
Davon kann hier aber keine Rede sein, sondern Leti meint wohl, wie auch aus dem unten zitierten italienischen Urtext hervorgeht, das „Durchgehen nach hinten“, vulgo: die Flucht. Weil die „arme Infanterie“ also nicht rechtzeitig das Weite suchen konnte, ist seiner Ansicht nach die Niederlage so groß gewesen; seine militärischen Grundsätze beruhen scheinbar auf recht eigenartigen Vorstellungen. De Thou drückt sich recht diplomatisch aus: „Montmorency wurde des Eigendünkels angeklagt, weil er geglaubt hatte, sich sicher zurückziehen zu können“, und nur Belcarius, bei weitem die kritischste Quelle, geht den Dingen, wie wir mehrfach gesehen haben, auf den Grund und hat die Fehler des Connetable richtig erkannt. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Summe der an diesem Tage von Montmorency ergriffenen falschen Maßregeln zu diesem verhängnisvollen Ergebnis führen musste. Die falsche Rechnung begann mit dem unnötigen Truppenaufwand. Die Verstärkungsmannschaft musste schnell und unauffällig handeln, durfte also nur von leichter Kavallerie begleitet werden, die sich rasch bewegen konnte. Dies sah der Connetable nicht ein; geschlossene Haufen, zu einer kompakten Masse zusammengedrängt, waren für ihn die beste Garantie für den friedlichen Verlauf des Unternehmens, und daran lag ihm am meisten. In diesem Falle war es gewiss berechtigt, dem fast dreifach überlegenen Gegner keine Schlacht anzubieten; aber die Ängstlichkeit, mit der Montmorency auch im weiteren Verlauf der Dinge jedem bewaffneten Zusammenstoß aus dem Wege zu gehen suchte, zeigt deutlich, wie hilflos er den Ereignissen gegenüberstand, die er als Generalissimus von vornherein in den Kreis seiner Betrachtungen und Entschließungen hätte ziehen müssen.
Er wollte ausweichen, vergaß aber, dem Feinde die Möglichkeit zu nehmen, ihn zu fassen. Es gehört zu den schwersten Aufgaben eines Feldherrn, der nicht schlagen will, den angriffslustigen Gegner
vergebens anlaufen zu lassen; hier aber war diese Aufgabe leicht. Geschickte Verteilung der Truppen, Pünktlichkeit und rechtzeitige Besetzung des einzigen Sommeüberganges auf mehrere Meilen im
Umkreis hätten dem französischen Heere trotz des überflüssigen Truppenaufwandes einen vollen Erfolg beschieden; das ganze spanische Heer hätte ohnmächtig vom anderen Ufer aus zusehen müssen, wie
die belagerte Stadt verstärkt wurde. Stattdessen verteilte der Connetable seine Truppen falsch, nahm die Geschütze an die Tête, die Kähne an die Queue, kam viel zu spät, verlor obendrein zwei
kostbare Stunden durch das Herbeischaffen der Boote und ließ die gefährliche Furt so gut wie unbesetzt; seine Hauptmacht aber stand an der Überfahrtstelle, wo sie völlig entbehrlich war.
Als diese Fehler vom Feinde ausgenutzt wurden, war es immer noch Zeit, das Unglück abzuwenden. Die ganze leichte Kavallerie musste an die Furt geschickt werden, um den übersetzenden Gegner zu
beschäftigen; wenige Salven aus Arkebusen, Musketen und Pistolen hätten den Vorstoß der Spanier zum mindesten lange aufgehalten, wenn nicht ganz verhindert, denn stürzende Pferde richten auf
einer schmalen Furt größere Verwirrung an als Geschützfeuer in einem geschlossenen Spießerhaufen. Währenddessen hätte das französische Heer sich gefahrlos zurückziehen und durch schwere
Kavallerie und Artillerie an der Queue seinen Marsch ausreichend sichern können. Doch Montmorency hatte nur einen Gedanken: auf keinen Fall kämpfen! Daher erhielten die wenigen hundert Gendarmen
unter Nevers den Befehl, jeden Zusammenstoß zu vermeiden. Was sollten sie dann aber an der Furt? Gendarmen waren ihrer ganzen Ausrüstung nach schon wenig dazu geeignet, einen kräftig
vordringenden Gegner aufzuhalten; das Verbot, überhaupt zu kämpfen, machte sie völlig wertlos. Der Connetable hatte mit diesem verhängnisvollen Befehl jeden Versuch, den Feind am Vordringen zu
hindern, aufgegeben. Er dachte jetzt nur noch an seinen Rückzug, den er aber weder mit der nötigen Schnelligkeit noch mit irgendwelcher Sorgfalt angetreten hatte. Dort, wo er sich am stärksten
hätte sichern müssen, bei der Nachhut, drängte sich dieser unendlich überflüssige Schwarm von Händlern und Trossknechten, der beim Herannahen der Spanier alles in Verwirrung brachte, und die
Truppen waren nicht in Schlacht-, sondern in Marschordnung. Dieser Umstand macht es unmöglich, von einer Taktik der Franzosen zu reden. Montmorency wollte keine Schlacht und erwartete keine
Schlacht, denn ihm kam es nicht in den Sinn, dass die Spanier es wagen könnten, 16 000 Mann Infanterie nur mit Reiterei anzugreifen; dies war in seinen Augen eine Ungeheuerlichkeit, mit der er
nicht rechnete, denn die Kriegskunst des 16. Jahrhunderts kannte solch ein Wagnis nicht. Nur so lässt sich auch seine Sorglosigkeit erklären, die es bis zum letzten Augenblicke verschmähte, das
Erscheinen spanischer Kavallerie für etwas anderes als eine Demonstration zu halten.
Wenden wir uns nun der Taktik Egmonts zu. Wir haben gesehen, dass Savoyen Bedenken hatte, ohne Infanterie die abziehenden Franzosen anzugreifen. Seine Kavallerie, die er über den Fluss hatte
gehen lassen, war zwar mehr als doppelt so stark wie die französische, aber die fast 16 000 Mann französischer Infanterie machten ihm doch Sorge. Geschlossene, mit Schützenflügeln garnierte
Spießermassen waren für Kavallerie nicht das geeignete Angriffsobjekt, solange Geschützfeuer und Infanterie sie nicht erschüttert hatten; und dies war hier nicht der Fall. Man sieht, dass auch
Savoyens militärische Erfahrung sich gegen neue Experimente sträubte. Erst Egmonts Scharfblick gab den Ausschlag. Er sah, dass Montmorency sich nur zurückziehen, aber nicht kämpfen wollte, und
folgerte daraus ganz richtig, dass Infanterie in Marschordnung nicht annähernd so widerstandsfähig sein konnte wie in Schlachtordnung. Ihm kam es also nur darauf an, möglichst von allen Seiten
gleichzeitig anzugreifen, um dadurch die Verwirrung zu vergrößern und den möglichen Widerstand zu zersplittern. Deshalb teilte er die ganze Reiterei in acht ungleich große, selbständige Haufen.
Dies war ein recht gewagtes und damals wohl auch wenig angewandtes Manöver, entsprach jedoch durchaus der Sachlage. Hätten die Franzosen deutlich zu erkennen gegeben, dass sie auf einen Angriff
vorbereitet waren, so hätte Egmont schwerlich überhaupt mit Kavallerie, geschweige denn mit gewissermaßen parzellierten Massen attackiert. Er hätte sich darauf beschränken müssen, dem Gegner den
Rückzug so lange zu verlegen, bis spanische Infanterie und Artillerie eingreifen konnten; und ob ihm dies geglückt wäre, war dann immer noch recht fraglich. Hier aber lagen die Dinge so, dass der
Feind abzog, ohne an einen Kampf zu denken, nicht in der Lage war, im Falle eines Angriffes sofort eine Verteidigungsstellung einzunehmen, und daher aller Wahrscheinlichkeit nach einer
energischen, schnellen und vielseitigen Attacke erliegen musste. Es ist Egmonts unbestrittenes Verdienst, dass er dies mit sicherem Blick erkannt und sich von allen Bedenken freigemacht hat, um
seinen Vorteil nach Möglichkeit auszunutzen. Der Erfolg hat die Zweckmäßigkeit seiner Maßnahmen deutlich bewiesen.
Alles in allem betrachtet kann also von einer französischen Taktik bei St. Quentin überhaupt nicht gesprochen werden, und die spanische bot nur insofern etwas Bemerkenswertes, als sie sich dem
vereinzelten Fall mit einer vereinzelten Variation anpasste. Von neuen taktischen Grundsätzen, die sich unter dem wachsenden Einfluss der Feuerwaffen hätten bemerkbar machen können, darf aber
keine Rede sein, denn der Tag von St. Laurent war keine Schlacht, sondern ein Überfall geschickt verteilter Kavalleriemassen auf einen im Marsch befindlichen Gegner, und der Verlauf dieses
Unternehmens gestattet durchaus den Vergleich mit Livius V. 45, wo es heißt: „Nusquam proelium, omnibus locis caedes est.“
Die Eroberung von St. Quentin.
Die fast vollständige Vernichtung des französischen Heeres war so überraschend schnell gekommen, dass die überlebenden Soldaten es selbst nicht recht glauben wollten. Gleich nach der Schlacht
verbreitete sich das Gerücht, der Connetable wäre der Gefangenschaft entronnen und hätte mit dem Reste seiner Truppen den Kampf wieder aufgenommen. Es blieb ein Gerücht, denn Montmorency war
gefangen, und die Armee völlig zersprengt. Die Trümmer sammelte Nevers, der jetzt den Oberbefehl übernommen hatte, in Laon, verstärkte sie durch Garnisontruppen und brachte in verhältnismäßig
kurzer Zeit eine aktionsfähige Armee zusammen, die freilich den Spaniern im offenen Felde nicht entgegentreten konnte, denn sie zählte nur ungefähr 7 000–8 000 Mann Infanterie und 1600 Mann
Kavallerie. Durch gelegentliche Überfälle auf Proviantkolonnen und Streifkorps tat sie dem Feinde aber doch bedeutenden Schaden. In Paris herrschte blinder Schrecken, als die Meldung von der
Niederlage eintraf; die Einwohner ergriffen zum Teil die Flucht, weil sie glaubten, der Feind würde unverzüglich den Marsch in das Innere Frankreichs antreten. Tatsächlich ist dieser Gedanke auch
im spanischen Heere erwogen worden. Ferdinand von Gonzaga riet dem Könige Philipp ganz entschieden dazu. Wir lesen darüber bei Gonzagas Biographen Ulloa: „et finalmente gli nimici furono messi in
tanta turbatione, e si viddero in tanta confusione e difficultà delle cose loro, che facilmente si può credere, che se allora il Re Philippo con lo esercito, secondo che Don Ferrante gli
persuadeva, fosse andato più innanzi, si sarebbe impadronito di tutta la Francia.“ Die anderen Quellen bestätigen es, dass Gonzaga dem Könige geraten hat, die Franzosen im Herzen ihres Landes
anzugreifen; auch Karl V. soll sich in St. Juste für diesen Plan erwärmt haben, ohne seinen Sohn aber bewegen zu können, ihn auszuführen, denn er fürchtete, von seiner Rückzugslinie abgeschnitten
zu werden, und beschränkte sich daher darauf, St. Quentin weiter zu belagern.
Coligny hatte die Niederlage erst zwei Tage später durch französische Flüchtlinge erfahren, die sich aus dem spanischen Lager in die Stadt geschlichen hatten, und auch der Feind zeigte bald
darauf die Beweise seines Sieges, indem er die eroberten Fahnen auf die Laufgräben pflanzte; es sollen 68 Stück gewesen sein. Am 12. August erschien auch Philipp II. bei der Belagerungsarmee, und
diese grub sich nun immer näher an die Mauern heran. Doch trotz allen Missgeschicks gab Coligny die Hoffnung auf Hilfe nicht auf. Um die völlig entmutigten Einwohner zu beruhigen, schickte er
einen Boten an Nevers und ließ ihn bitten, noch einmal zu versuchen, Verstärkungen über die Sümpfe zu schicken. Nevers willfahrte und versprach, in der Nacht vom 22. zum 23. August den Versuch zu
machen, 300 Arkebusiere die Sümpfe passieren zu lassen. Wieder missglückte der Plan. Nevers hatte freilich nicht, wie der Connetable, den Fehler begangen, mit seiner ganzen Armee als Zuschauer
dabeizustehen, sondern hatte den Hilfstruppen nur eine Kavalleriebedeckung mitgegeben. Die Leute waren auch glücklich bis an den Sumpf gekommen und hatten die Überfahrt ungehindert angetreten,
während die Kavallerie sich wieder zurückzog. Die Spanier aber, durch die Erfahrungen der vergangenen Wochen gewitzigt, beobachteten den Fluss, hörten das Plätschern des Wassers und schlugen
Alarm. Es fielen Schüsse, die Leute in den Booten konnten im Dunkeln nicht sehen, ob ihnen der Weg schon abgeschnitten war, überstürzten ihre Weiterfahrt, und das Ergebnis war, dass von den 300
Mann nur 120 ihr Ziel erreichten, die bei der Verwirrung im Sumpfe ihre Gewehre verloren hatten und daher für Coligny absolut keine Hilfe darstellten; denn ihm fehlten gerade Schützen. Inzwischen
hatte der Feind mit der Beschießung begonnen; sie dauerte ununterbrochen 7 Tage lang, und Coligny konnte sie nur schwach beantworten, da es ihm an geschulten Kanonieren und Kanonen fehlte. Eine
eigenartige Geschichte erzählt bei dieser Gelegenheit der anonyme Bericht. Die Spanier hatten drei französische Deserteure gefangen genommen und fragten sie, wie es in der Stadt aussähe: „Ils
dirent également qu’on avait construit dans la ville un cavalier, hauteur sur laquelle on avait monté une pièce d’artillerie, qui tirait constamment dans notre camp, où elle atteignait les
munitions et les tentes des Chefs. Son feu, alimenté par une petite charge de poudre, afin d’avoir peu de portée plongeait dans un terrain fort bas, à quoi il faut ajouter certaines ruses.“
(Übersetzung: „Sie sagten auch, dass in der Stadt ein Hügel aufgeschüttet worden sei, auf dem ein Geschütz aufgestellt war, das unaufhörlich in unser Lager feuerte und die Munition und die Zelte
der Offiziere traf. Sein Feuer, das durch eine kleine Pulverladung zur Begrenzung der Reichweite verstärkt wurde, durchdrang sehr tiefliegendes Gelände, wobei gewisse Tricks hinzukommen
mussten.“) Es handelt sich hier offenbar um ein Geschütz, mit dem es möglich war, indirekt zu schießen. Coligny berichtet nichts darüber, und es lässt sich nicht feststellen, ob die Erzählung auf
Tatsachen beruht. Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass hier schon ein Geschütz erwähnt wird, dessen Erfindung man erst dem berühmten französischen Marschall Sebastian le Prestre de Vauban
(1633–1707) zugeschrieben hat. Der anonyme Bericht erzählt dann noch weiter, dass diese Kanone auch Holzkugeln geschossen hätte, die mit Nägeln gefüllt waren und schließlich keinen anderen Zweck
gehabt haben können, als zu zerspringen und ihre Ladung umherspritzen zu lassen, ähnlich wie die heutigen Shrapnels. Das Geschütz soll im spanischen Lager großen Schaden angerichtet haben,
schließlich aber durch eine Kanonenkugel zerstört worden sein.
Die Beschießung der Stadt dauerte bis zum 26. August. An diesem Tage sprengten die Spanier drei Minen in die Luft und rüsteten sich zum Sturm; sie waren stellenweise bis auf Pikenlänge an die
Brustwehren herangekommen. Da aber die Minen nicht die gewünschte Wirkung gehabt hatten, wurde der Generalangriff noch aufgeschoben. So meint Coligny, während der anonyme Bericht andere Gründe
für diesen Aufschub anführt. Er berichtet, dass der König mit einem glänzenden Gefolge zu Pferde gestiegen sei, um dem Sturm beizuwohnen; es fing aber heftig an zu regnen, und darum wurde der
Angriff wieder abgesagt. Weiter erzählt der anonyme Bericht, dass Philipp 10 000 Ecus d’or als Belohnung für denjenigen ausgesetzt hätte, der Coligny lebendig gefangen nähme. Er soll dem Admiral
die Schuld an dem Bruch des Waffenstillstandes von Vaucelles zugeschrieben und deshalb eine so große Belohnung auf seine Gefangennahme ausgesetzt haben; ob die Summe übertrieben ist oder nicht,
mag dahingestellt bleiben. Bis zum Morgen des 27. August wurde die Beschießung nun mit großer Heftigkeit fortgesetzt. Die Spanier schossen aus 68 Geschützen.
Am Vormittag des 27. August klafften elf Breschen in der Mauer, und Savoyen setzte von neuem den Sturm an. Die stürmende Mannschaft wurde ausgelost; sie bestand aus Deutschen, Engländern,
Spaniern, Namurern und Wallonen. Der Rest der Armee wartete in Schlachtordnung, bis die Breschen durchbrochen waren. Unter dem Schlachtrufe: St. Georg! St. Georg! begann der Angriff auf die
Stadt, wurde aber zunächst zurückgewiesen. Brennende Baumstümpfe, eiserne Nägel, Balken und Steine flogen den Stürmenden entgegen und brachten ihnen erhebliche Verluste bei. Beim zweiten Vorstoß
brachen die Angreifer in die Breschen ein, trotzdem Coligny und sein Bruder d’Andelot mit bewunderungswürdiger Tapferkeit aushielten. Die Schuld an dem schnellen Erfolge der Spanier trug nicht
nur die zu geringe Zahl der Verteidiger, sondern auch die Leute von der Kompanie des Dauphin, die ihre Bresche verließen und die Flucht ergriffen. Jetzt war die Stadt verloren; durch die
verlassene Bresche drangen die Stürmenden ein und fielen den Verteidigern in den Rücken. Als Coligny, der bis zum letzten Augenblick an der von ihm verteidigten Bresche kämpfte, sah, dass nichts
mehr zu retten war, ergab er sich einem spanischen Offizier namens Francisco Díaz. Er wurde in das Zelt Savoyens gebracht und von diesem keines Blickes gewürdigt; auch späterhin wurde er unter
seiner Würde behandelt. Sein Bruder d’Andelot wurde ebenfalls gefangen genommen, entfloh aber nach wenigen Tagen. Falsch ist die Angabe des anonymen Berichtes, Coligny hätte sich in einem Hause
versteckt gehalten, und ebenso unrichtig sagt Leti, dass er versucht hätte, sich an einem Seile an der Mauer herabzulassen.
Der Sturm hatte der Besatzung verhältnismäßig wenig Verluste beigebracht; der anonyme Bericht schätzt sie auf 300 Mann. Dagegen hausten die Spanier in der eroberten Stadt entsetzlich. Die
angesehensten Bürger nahm man gefangen, und die Menge des niederen Volkes schob man über die Grenze. „En route cependant, ils furent encore pillés et beaucoup de ces malheureux massacrés.“ Mehr
als 1500 Bürger sollen ums Leben gekommen sein, und die Kirchen wurden trotz Philipps Verbot geplündert. Der anonyme Bericht bestreitet dies und behauptet, der König hätte die heiligen Geräte in
sein Zelt bringen und bei seiner Abreise wieder zurücktragen lassen; „à ce que l’on disait“ fügt er vorsichtig hinzu. Die den Siegern in die Hände fallende Beute war reich, denn St. Quentin war
ein wichtiger Stapelplatz für den Handel zwischen Frankreich und den Niederlanden. Die Angabe des anonymen Berichts, die Beute hätte einen Wert von 200 000 Florins gehabt, ist aber durchaus
willkürlich, denn dies würde einer Summe von 6 Millionen Mark entsprechen, was bei dem hohen Geldwert der damaligen Zeit nicht denkbar ist. Immerhin fiel den Eroberern eine ansehnliche Beute zu,
bei deren Verteilung es zwischen den verschiedenen Nationen zu Prügeleien und regelrechten Kämpfen kam; Häuser wurden angesteckt und Einwohner massakriert, so dass die unglückliche Stadt schwer
zu leiden hatte.
Würdigung Colignys.
Die meisterhafte Verteidigung des Admirals hätte einen besseren Ausgang verdient; es war nicht seine Schuld, dass die Stadt erobert wurde. Wir können an der Hand seines selbstgeschriebenen, den
Stempel der Wahrheit tragenden Berichtes seine Tätigkeit vom ersten bis zum letzten Tage verfolgen. Sie begann mit dem Gewaltmarsch von Pierrepont über La Fère und Ham nach St. Quentin, einer
Leistung, die für damalige Verhältnisse ganz erstaunlich ist. Wir haben weiter gesehen, wie er mit unermüdlichem Eifer an der von vornherein verlorenen Sache gearbeitet hat, ohne sich selbst Ruhe
zu gönnen; immer nur darauf bedacht, die schwach befestigte Stadt so lange wie nur irgend möglich zu halten. Dass er unterliegen musste, war ihm wohl selbst klar; aber er hat als tapferer General
diesen Gedanken nie laut werden lassen, sogar noch nach der Eroberung die Meinung verfochten, dass die Spanier am 27. August den Sturm nicht erfolgreich hätten durchführen können, wenn die
Kompanie des Dauphin an der von ihr verteidigten Bresche besser ausgehalten hätte. Wir sehen dies deutlich aus einem Briefe, den er aus der Gefangenschaft an seinen König geschrieben hat. Dort
heißt es: „Je vous dirai que j’ai opinion que s’ils se fussent là aussi bien opiniâtres à la défendre comme firent généralement tous les autres endroits, je serais encore dans St. Quentin à vous
y faire service.“ (Übersetzung: „Ich sage Ihnen, ich glaube, wenn sie es dort genauso hartnäckig verteidigt hätten wie sonst überall, dann wäre ich immer noch in St. Quentin und würde Ihnen
dienen.“) Wenn man bedenkt, dass es ihm gelungen war, mit einer Besatzung, die mit allen Verstärkungen, die er erhalten hatte, 900–1000 Mann kaum überschritten hat, die unzureichend befestigte
Stadt dreieinhalb Wochen lang gegen eine Armee von 53 000 Mann zu halten, trotzdem er vom Pech geradezu verfolgt wurde, dann wird man ihm die Bewunderung nicht versagen dürfen. Trotzdem haben die
Bürger St. Quentins ihm noch in neuester Zeit Grausamkeit und übertriebene Härte gegen die Bewohner der Stadt vorgeworfen und haben gegen die in seinem „Discours“ mehrfach enthaltenen Klagen über
Wankelmütigkeit und Widerstandslosigkeit der Bürger protestiert. Es ist viel über diesen Streitpunkt geschrieben worden, und es ist nicht möglich, auf alle Einzelheiten einzugehen. Nur so viel
mag gesagt werden, dass Coligny wohl ein Recht dazu hatte, energisch aufzutreten und zu Zwangsmaßnahmen zu greifen, weil er selbst in einer Notlage war, in der falsche Sentimentalität und
Rücksicht keineswegs am Platze waren. Es lässt sich auch nicht bezweifeln, dass ihm von den Einwohnern erhebliche Schwierigkeiten gemacht worden sind, denn seine Angaben darüber decken sich
durchaus mit denen des anonymen Berichtes, wo es heißt: „Les prisonniers français nous ont souvent raconté que les habitants se rendirent à plusieurs reprises auprès de l’amiral, le suppliant à
genoux de rendre la ville par un bon appointement; mais c’est à quoi il ne voulut pas entendre.“ Demgegenüber können die zeitgenössischen und späteren Proteste St. Quentiner Lokalpatrioten nicht
stichhaltig erscheinen, wenn sie auch von ihrem Standpunkte aus begreiflich sind. Namentlich ist Lecocq im Unrecht, der zu dem Ergebnis kommt: „Civis murus erat“. Davon ist keine Rede, denn nur
verhältnismäßig wenige Einwohner haben sich zum Waffendienst bereit finden lassen. Dass Coligny den Bürgern nicht feindlich gesinnt war, beweist auch das in seinem Bericht mehrfach enthaltene Lob
des Maire, der ihm stets hilfsbereit zur Seite gestanden hat.
Es lässt sich also nicht bezweifeln, dass der Admiral ganz allein das Verdienst hat, die Stadt so zäh und umsichtig verteidigt zu haben, wobei zu erwähnen ist, dass auch sein Bruder d’Andelot ihm
treulich dabei geholfen hat, nachdem es ihm gelungen war, mit Verstärkungen einzudringen. Coligny war ein Meister der Defensive, das hat er während dieser Belagerung und später während der
Hugenottenkriege oft genug bewiesen; es wäre ungerecht, wenn man dies nicht unumwunden zugeben wollte. Heinrich II. hat es während der Ereignisse bei St. Quentin auch selbst anerkannt, indem er
sagte: „Er benimmt sich vortrefflich, er ist ein sehr guter Soldat.“ Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn man von Montmorency dasselbe hätte sagen können.

Quelle: Henning von Koß: Die Schlachten bei St. Quentin und bei Gravelingen. Berlin, 1914.
© Carsten Rau
