Eine Entwicklungsgeschichte der spanischen Infanterie, wie sie uns im 16. Jahrhundert auf fast allen Schlachtfeldern Europas entgegentritt, wird etwa mit dem Jahre 1480 beginnen müssen, zu einer
Zeit also, wo Spanien anfing, eine einheitliche Gestalt anzunehmen, nachdem Ferdinand der Katholische und Isabella die Königreiche Aragonien und Kastilien miteinander verschmolzen hatten. Es war
für das Königspaar nichts wichtiger, als das vergrößerte Gebiet durch die Schaffung einer machtvollen Zentralgewalt innerlich zu festigen und den Einfluss des Königshauses gegenüber den
Machtansprüchen der selbstherrlichen Granden zu stärken, und dazu gehörte in erster Linie eine Armee. Da es sich zunächst um eine innere Sicherung des Landes handelte, richteten die Bestrebungen
Ferdinands sich vor allem auf die Ausbildung einer leistungsfähigen Polizeitruppe, die für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen konnte. Dies führte zur Ausgestaltung der heiligen Hermandad,
die ursprünglich weiter nichts gewesen war als ein von mehreren, miteinander verbündeten Städten geschaffenes Schutzmittel gegen Gewalt und Willkür. Jetzt wurde sie militärisch organisiert, mit
politischen Rechten ausgestattet und bedeutend vergrößert. Die Hermandad bestand vorwiegend aus Kavallerie; aber da sie fortan neben den politischen auch militärische Zwecke erfüllen sollte, ging
man daran, sie durch Infanterie zu verstärken. Um diese Fußtruppen auszubilden, soll Ferdinand im Jahre 1483 eine Abteilung Schweizer nach Spanien haben kommen lassen; so berichten alle älteren
Darstellungen, die ich zu Gesicht bekommen habe. Hobohm hat dagegen nachgewiesen, dass diese Nachricht nur auf eine Quelle zurückzuführen ist und dass eine Bestätigung von schweizerischer Seite
nicht vorliegt; man wird also vorsichtig mit dieser Behauptung umgehen müssen.
Die auf diese Weise neu geschaffene Armee bestand ihre Feuerprobe in den Maurenkriegen in Granada, die Spanien in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts führte, und während dieses Feldzuges
hat die junge spanische Infanterie zweifellos die erste Stufe ihrer Entwicklung durchgemacht. In welcher Weise dies geschehen ist, lässt sich ebensowenig sagen, wie es möglich ist, die Stärke der
spanischen Armee während dieses Krieges anzugeben. Die Zahlenangaben aller neueren Darstellungen sind rundweg abzulehnen. Ich führe einige Proben an: „30 000 Fourageure zerstörten die auf den
Feldern (der Mauren) stehenden Früchte.“ — „Die bei Cordova versammelten Streitkräfte zählten 10 000–12 000 Reiter und 40 000 Mann zu Fuße, ungerechnet der Fourageure, deren Zahl auf 80 000 (!)
stieg.“ Dazu kamen, so berichtet Jähns weiter, 1000 Ritter von der Leibwache des Königs, ein „glänzender Schwarm“ von Hidalgos, bis zu 10 000 Mann der Hermandad, 6000 Mann andalusischer Milizen,
die Kontingente aller anderen Provinzen, und endlich Kreuzfahrer, Söldner und Abenteurer aus anderen Ländern. Dies würde eine Armee von ungefähr 200 000 Mann ergeben! Brix ist schon bescheidener,
denn er zählt „nur“ 40 000 Mann Infanterie, 12 000 Mann Kavallerie und 6000 Sappeure; dazu englische Bogenschützen und eine Armee von Handwerkern. Havemann schließlich gibt die gegen die Mauren
kämpfende spanische Gesamtmacht auf 80 000 Mann an. Dass mit diesen Zahlen nichts anzufangen ist, wird jeder zugeben, der von der Größe damaliger Heere nur einen leisen Begriff hat. Ebenso
trostlos sieht es um unsere Kenntnis der Einrichtungen aus, die damals im spanischen Heere eingeführt wurden, oder besser, eingeführt worden sein sollen. Für wahrscheinlich halte ich es, dass
frühzeitig für die Errichtung eines selbständigen Korps von Schanzarbeitern (Guastadores) gesorgt worden ist, denn wir werden noch sehen, dass die spanischen Fußtruppen späterhin Gräben anlegten
und sich dadurch gegen feindliche Angriffe sicherten. Im Allgemeinen waren die Söldnerheere für solche Arbeiten nicht zu gebrauchen, und auch die Spanier werden besondere Leute dafür angestellt
haben; jedenfalls kehren die Guastadores auch in den Quellenberichten des 16. Jahrhunderts häufig wieder. Brix berichtet auch, dass im spanischen Heere um das Jahr 1480 Militärlazarette gegründet
worden seien, und 100 Jahre später werden Krankenwagen von dem berühmten spanischen Militärschriftsteller Bernardino de Mendoza als feststehende Einrichtung erwähnt.
1495 erließ Ferdinand eine Verordnung, dass jeder Untertan sich Waffen zu halten habe, deren Zahl und Beschaffenheit sich nach dem Vermögen des Einzelnen richten sollten. 1496 folgte der Erlass,
dass jeder zwölfte Mann sich zum Waffendienst zu stellen habe und eventuell von den elf anderen auszurüsten wäre. Diese Bestimmung erinnert lebhaft an einige der bekannten
Wehrpflichtskapitularien Karls des Großen; ob sie aber jemals in dem Maße praktische Bedeutung gewonnen hat, dass sie zur Ausbildung einer brauchbaren Miliztruppe hat führen können, ist mehr als
zweifelhaft. Die auf diese Weise gewonnene Armee hätte 83 000 Mann betragen müssen, und Brix berichtet, um die Unwahrscheinlichkeit der ganzen Sache zu erhöhen, dass dieses Heer mit Hinterladern
geschossen hätte (Frühe Ansätze erst im 16.–18. Jahrhundert, Anm. d. R.). Man sieht, die Schilderungen von den Anfängen der spanischen Infanterie, die den Dingen ziemlich nahestehenden Quellen
entnommen sind, grenzen ans Groteske, und die Forschung, die in dieses Dunkel etwas Licht bringen will, wird mit eisernem Besen all das Unbrauchbare wegkehren müssen, das auf ihrem Wege liegt; ob
dann freilich überhaupt noch etwas übrig bleibt, ist sehr fraglich.
Ein wenig klarer lassen sich die Fortschritte der spanischen Infanterie schon im Jahre 1503 erkennen. Bei Hobohm lesen wir, dass zu dieser Zeit in Spanien selbst Bestrebungen im Gange waren, die
Infanterie nach Schweizer Muster zu organisieren. Ein Offizier namens Gonzalo de Ayora hatte in mailändischen Diensten schweizerische Fußtruppen kennen und schätzen gelernt und schuf nun dem
König Ferdinand nach diesem Vorbilde eine Leibgarde. Auch der Erzbischof Ximenez von Toledo soll eine schweizerisch gerüstete Leibwache besessen haben. Ayora hat nach Hobohm auch den Anfang damit
gemacht, die spanische Infanterie planmäßig zu disziplinieren, was selbstverständlich nicht im heutigen Sinne des Wortes zu verstehen ist. Als im Jahre 1503 ein unbedeutender Grenzkrieg zwischen
Frankreich und Spanien ausbrach, wurde Gonzalo de Ayora damit beauftragt, die spanischen Fußtruppen anzuleiten. Er stellte sie in Gevierthaufen auf, exerzierte mit ihnen und bemühte sich in jeder
Weise, ihnen den militärischen Schliff zu geben, den er bei den Soldaten der Schweiz kennengelernt hatte.
Wichtiger als diese im Lande selbst vorgenommenen Versuche, eine brauchbare Infanterie heranzubilden, waren die Lehren, die das spanische Heer auf fremden Kriegsschauplätzen erhielt. Im Jahre
1495 wurde Gonzalo de Córdoba mit einer spanischen Armee nach Unteritalien geschickt, um dort gegen die Franzosen zu kämpfen. Dieser Mann, der von den Truppen bald „der große Kapitän“ genannt
wurde, ist es gewesen, der den Grundstein zu dem späteren Ruhme der spanischen Armee gelegt hat. Über Ausrüstung und Kampfesweise des Heeres, das er nach Italien brachte, werden sehr
widerspruchsvolle Einzelheiten berichtet. Jähns gibt eine Darstellung, die nur zu deutlich seine Neigung verrät, Quellenberichte allzu kritiklos hinzunehmen. Nach ihm soll die Armee aus mehreren
Regimentern, jedes zu 6000 Mann Infanterie und 600 Mann Kavallerie, bestanden haben, die sich im Einzelnen aus 2400 Pikenieren, 2400 Speerwerfern oder Rundschildnern und 1200 Arkebusieren
zusammensetzten; eine besonders ausgewählte Mannschaft von 1000 Pikenieren soll als Reserve gedient haben. Dieselbe Gesamtzahl, mit geringen Verschiebungen im Einzelnen, lesen wir bei Brix. Die
Art der Bewaffnung wird auch von Hobohm in der geschilderten Weise angegeben; die Zahlen werden aber stark reduziert werden müssen.
Den Kampf eröffneten diese Truppen durch Plänkler, die in aufgelöster Ordnung gegen den Feind vorgingen, und denen geschlossene Haufen folgten. Es wäre falsch, wenn man glauben wollte, dass die junge Armee Gonzalos nun sofort Riesenerfolge erzielt hätte, wie Jähns es darstellt, der von den durch ihre „Ruhe und Geschlossenheit ehrfurchtgebietenden spanischen Schlachthaufen“ redet. Die folgende Schilderung Hobohms setzt auf diesen übertriebenen Lobspruch einen gewaltigen Dämpfer: „Als Gonzalo einen Monat nach seiner ersten Ankunft in Kalabrien durch König Ferdinand von Neapel zu einem Gefecht mit den Franzosen herangezogen wurde, da erhob er lauten Widerspruch, weil die spanischen und italienischen Fußknechte trotz numerischer Überlegenheit den Schweizern nicht entfernt gewachsen wären, weder an Qualität der Waffen noch an Festigkeit der Ordnung. Sie führten noch nicht den schweizerischen Spieß und hatten noch nicht gelernt, geschlossen zu fechten. In der Tat liefen seine Spanier, als die Schweizer kaum die Spieße niederließen, genau so davon wie die Italiener (Gefecht bei Seminara, 21.6.1495).“
Das „Ehrfurchtgebietende“ lässt in dieser Schilderung also doch noch recht zu wünschen übrig. Noch einen anderen, übrigens weit verbreiteten Irrtum, der besonders drastisch bei Jähns zur Geltung kommt, möchte ich hier gleich berichtigen. Jähns schreibt in seiner „Geschichte der Kriegswissenschaften“ Folgendes: „Die Spanier erschienen der Hauptmasse nach, gleich den Kriegern des alten Rom, mit Schwert und Schild bewaffnet und weit mehr für den Einzelkampf geeignet als die Deutschen. Wohl führten auch die vorderen Glieder ihrer Einheiten Piken, um den Einbruch zu erzwingen oder abzuwehren, aber im Handgemenge waren die ringfertigen und behenden spanischen Rundschildner den deutschen Halmbartieren sehr überlegen; ja oft war ihr Vertrauen auf den geschickten Gebrauch von Degen und Dolch und auf die Tüchtigkeit von Rüstung und Schild so groß, dass sie es wagten, mit kleinen beweglichen Abteilungen, den Cuadrillas, die hellen Haufen der nordischen Gegner von mehreren Seiten zugleich anzupacken und sich in mörderischem Ringen gleichsam hineinzufressen.“ Nach dieser Schilderung, deren Farbenfreudigkeit, wie oft bei Jähns, auf Kosten der Sachlichkeit geht, könnte es so scheinen, als ob wirklich die alten römischen Legionäre in den Spaniern auferstanden wären; dies ist aber keineswegs der Fall.
Auch hier wieder werde ich das Urteil Hobohms dagegenhalten, das die Übertreibungen der Jähnsschen Darstellung auf das Maß des Wahrscheinlichen zurückführt. Er schreibt: „An eine Ausgestaltung
der Schwertkämpfer war für die Spanier nicht zu denken. Die paar ausgesuchten Einzelkämpfer, die wir mit Schild und Schwert haben arbeiten sehen, erzielten ihre Erfolge gegen die Riesenkraft der
Landknechtsphalanx doch eben nur als untergeordnete Bundesgenossen einer gleichartigen Phalanx, und wenn sie gegen eine Pikenierabteilung selbständig gewirkt haben, so war das nur in ganz kleinem
Maßstabe möglich. Wenn Schwertkämpfer massenweise auftreten sollen, bedürfen sie eines ganz anderen Grades von Führung als Pikeniere und einer Disziplin, wie sie in diesem Jahrhundert nicht
vorhanden war.“ An der Darstellung, die Jähns gibt und die auch durch Machiavelli unterstützt wird, ist also nur so viel richtig, dass einige auserlesene Mannschaften im Nahkampf mit Schwert und
Schild arbeiteten, wogegen die Hauptmasse Spieße trug. Diese waren zwar kürzer als die bis zu 18 Fuß langen Piken der Schweizer, aber nach und nach gewöhnten sich auch die Spanier an längere
Piken, wenn sie auch die Länge nie übertrieben haben. Der Gebrauch von Degen und Dolch wird nach der Schlacht von Ravenna (1512) in keiner Quelle mehr erwähnt und ist völlig aufgegeben worden;
Schilde dagegen sind späterhin, auch von anderen Nationen, noch benutzt worden, besonders beim Sturm auf Festungen, wo sie ja nützliche Dienste leisten konnten.
Wir sehen, dass die übertriebenen Darstellungen von den hervorragenden Leistungen und Eigenarten der spanischen Infanterie um die Wende des 15. Jahrhunderts unberechtigt sind. Die damals in
Italien kämpfenden Spanier hatten in Bezug auf Bewaffnung und Kampftechnik wohl ihre kleinen nationalen Eigentümlichkeiten, waren aber noch so tief im ersten Stadium ihrer Entwicklung, dass von
einer spanischen Infanterie im Sinne einer fertigen Truppe noch nicht gesprochen werden kann. Im Laufe eines knappen Jahrzehnts gelang es jedoch der rastlosen Erziehungsarbeit Gonzalos, auch dies
zu erreichen; ehe wir uns aber den Erfolgen zuwenden, die er in dieser kurzen Zeit erzielt hat, wird es nötig sein, einige Worte über das Soldatenmaterial zu sagen, das ihm zur Verfügung stand.
Es pflegten im Allgemeinen nicht die besten Elemente zu sein, die gegen Sold ins Feld zogen. Abenteurer, entsprungene Verbrecher und andere Leute, denen der Boden ihrer Heimat zu heiß geworden war, dienten in großer Zahl in den europäischen Armeen; und bei den Spaniern ist es auch nicht anders gewesen. Trotzdem ist es auffällig, dass die spanischen Truppen sich in überraschend kurzer Zeit als leistungsfähiger, disziplinierter und arbeitswilliger erwiesen als andere, und dass infolgedessen die vielen Untugenden deutscher, italienischer und französischer Soldaten, besonders Ungehorsam und Meuterei, bei ihnen eine verhältnismäßig seltene Erscheinung blieben. Den Grund dafür haben wir wohl in der Tatsache zu sehen, dass das spanische Heer, wie das der schweizerischen Eidgenossenschaft, sich ausschließlich aus Landeskindern zusammensetzte, die durch religiöse und nationale Bande fester zusammengehalten wurden als etwa italienische Söldnerscharen, die sofort auseinanderliefen, sobald die Bezahlung ins Stocken geriet. Dazu kam, dass die Spanier gezwungen waren, fern von der Heimat in Ländern Krieg zu führen, deren Bewohner nicht übermäßig entzückt von ihrer Anwesenheit waren, sodass den spanischen Soldaten nichts anderes übrig blieb, als sich eng aneinander anzuschließen und durch festes, kameradschaftliches Zusammenhalten ihr Dasein erträglich zu gestalten.
Dieser Zusammenhalt führte allmählich zur Bildung sogenannter Kameradschaften (Amistades), das heißt zum Zusammenschluss mehrerer Soldaten zu einer Art Klique, die, wie de la Noue sagt, „durch
tägliche Konversation und Gebrauch eines Feuers und Bets Lieb und Treu unter ihnen anzündet“. Nicht nur die Soldaten unter sich gründeten diese Amistades, sondern auch höhere Offiziere nahmen
junge Adlige, die im Heere dienten, unter ihren Schutz. Man wird sich aber davor hüten müssen, in diesen Kameradschaften etwa, wie Rüstow, ideale Freundschaftsbündnisse zu sehen; es war lediglich
eine Zweckmäßigkeitssache, die freilich das Gute hatte, dass die Soldaten voneinander lernten und dass der innere Zusammenhalt der Armee dadurch gefestigt wurde. Für die militärische Erziehung
war die durch nationale und kameradschaftliche Zusammengehörigkeit gefestigte Struktur des Heeres begreiflicherweise von entscheidender Bedeutung, und dazu kam noch, dass der spanische Soldat
eine natürliche Veranlagung zum Soldatenberuf mitbrachte oder, wie Hobohm es nennt, „ein gewisses Talent zum Kommiß“. Gewandtheit, Beweglichkeit und eine ausgesprochene Fertigkeit im Schießen
haben wesentlich dazu beigetragen, das Feuergefecht und die Taktik der geschlossenen Spießerhaufen in der spanischen Armee frühzeitig auf eine hohe Stufe zu bringen.
Machiavelli freilich hat in merkwürdiger Verkennung der Tatsachen behauptet, dass die Spanier nur tüchtig geworden wären, weil ihnen, fern von der Heimat, jede Möglichkeit gefehlt hätte, zu
fliehen. Er geht also von Negativem aus, was angesichts der vielen positiven Erfolge, die die Spanier schon zu seiner Zeit errungen haben, gewiss nicht berechtigt ist. Die auffallend schnellen
Fortschritte, die Gonzalo bei seinem Erziehungswerk machte, beruhen zum guten Teil auch auf seiner eigenen Persönlichkeit. Der Ruf eines bedeutenden Strategen, der ihm vorausging, verband sich
aufs glücklichste mit seiner Gabe, die Bedürfnisse seiner Soldaten zu berücksichtigen und ihnen nicht nur der strenge Lehrmeister, sondern auch ein fürsorgender Freund zu sein, der gute
Leistungen belohnte und jeden Fortschritt anerkannte. Was er erreicht hat, kann durch nichts besser illustriert werden als durch die großen kriegerischen Ereignisse im ersten Viertel des 16.
Jahrhunderts, an denen spanische Truppen teilgenommen haben. Ich gebe daher im Folgenden eine Übersicht über die betreffenden Schlachten, soweit die Tätigkeit der Spanier darin in Frage
kommt.
Die erste große Schlacht auf norditalienischem Boden, an der spanische Truppen als geschlossenes Ganzes teilgenommen haben, ist die von Ravenna (11.4.1512). Sie ist das Hauptereignis im Kriege
der Liga (Papst, Spanien, England, Venedig) gegen Frankreich. Das Heer der Liga betrug etwa 16 000 Mann, darunter 6000 Spanier unter dem Grafen Pedro Navarra. Die Franzosen unter Gaston de Foix
waren bedeutend stärker; sie zählten 18 000 Mann Infanterie, 1900 Lanzen und 3000 leichte Reiter; dazu kamen 24 Geschütze der Liga gegen 50 französische. Der numerischen Unterlegenheit
entsprechend war die Schlachtordnung der Spanier defensiv. Vor der Front ihrer Stellung zog sich ein Graben hin, der von den spanischen Infanteristen ausgehoben worden war. Wir können hieraus
schon die bessere Disziplin der Spanier erkennen; andere Nationen waren für Schanzarbeiten im Allgemeinen nicht zu haben. Hinter dem Graben stand das ligistische Fußvolk in drei Haufen
hintereinander. Im ersten Treffen standen die 6000 Spanier in einer Phalanx, die den Graben in seiner ganzen Ausdehnung schützte. Vor ihrer Front hatten sie sich außerdem durch die Aufstellung
mehrerer mit Lanzen benagelter Karren gesichert. Nach anfänglichem Geschützkampf ging das französische Fußvolk infolge der durch die Artillerie erlittenen Verluste „nach vorn durch“, stürmte
gegen die spanische Phalanx an, wurde aber abgewiesen.
Als nun das französische Geschützfeuer auch in den spanischen Reihen hauste, befahl Navarra seinen Leuten, sich hinzulegen; hierdurch wurde die Wirkung der Geschosse abgeschwächt, und die spanische Infanterie hielt die Beschießung aus. Navarras strategischer Gedanke war der einer Defensivoffensive; das heißt, er wollte die Franzosen anlaufen lassen, um dann im geeigneten Augenblick selbst zum Angriff überzugehen. Dieser Plan wurde durch die auf den Flügeln haltende ligistische Reiterei unter Fabricius Colonna zunichte gemacht, denn dieser ging vorzeitig zum Angriff über, weil die Pferde das feindliche Feuer nicht aushalten konnten. Nun sah Navarra sich genötigt, mit der Infanterie ebenfalls anzugreifen. Dabei prallte er mit seinen Spaniern auf den deutschen Landsknechtshaufen, der im französischen Heere diente, und mit diesen gut geschulten Soldaten lieferten sich nun die Spanier einen hartnäckigen Nahkampf. Bei dieser Gelegenheit wird berichtet, dass die Spanier zum Teil unter den Spießen der Deutschen wegkrochen, sich mit Dolch und Schild eine Gasse bahnten und tief in den Gevierthaufen der Landsknechte eindrangen. Hobohm zitiert auch noch eine Quelle, nach der die Spanier sogar über die vorgestreckten Spieße der Landsknechte hinweggelaufen sein sollen, um gewissermaßen von oben her in den feindlichen Haufen einzudringen. Wir haben vorhin schon gesehen, dass dieser Dolchkampf nur von wenigen Einzelkämpfern ausgeführt wurde und in dieser Schlacht offenbar zum letzten Male angewandt worden ist.
Der tapferen spanischen Infanterie gelang es aber trotz dieser für die Deutschen neuartigen Kampfesform nicht, den feindlichen Haufen zu sprengen. Da die ligistische Reiterei inzwischen völlig
geschlagen worden war und die französische Kavallerie den Spaniern in die Flanken kam, mussten diese zurück. Gedeckt durch eine 500 Mann starke Sonderabteilung erfolgte dieser Rückzug im
geschlossenen Haufen und in guter Ordnung, sodass die spanische Infanterie auf diese Weise der Vernichtung entging; Navarra wurde gefangen genommen. Die Schlacht bei Ravenna ist trotz ihres für
die Spanier unglücklichen Ausgangs ein Beweis dafür, wie leistungsfähig diese inzwischen geworden waren. Wir erfahren erstens, dass sie bereitwillig Gräben ziehen, zweitens, dass sie auf Befehl
ihres Führers unbeweglich im feindlichen Feuer aushalten, und endlich, dass sie, vom Feinde bedrängt, einen geordneten Rückzug antreten und dabei sogar noch von einer kleinen Sonderabteilung
tapfer beschützt werden. Wenn man bedenkt, dass dieser Fortschritt in der überraschend kurzen Zeit von 10 bis 12 Jahren erzielt worden ist, wird man zugeben müssen, dass in den spanischen
Soldaten ein ausgezeichneter militärischer Kern steckte.
Zehn Jahre später sehen wir spanische Infanterie Seite an Seite mit deutschen Landsknechten in der Schlacht bei Bicocca (27.4.1522) gegen die Franzosen kämpfen. Wiederum war die französische
Streitmacht unter Lautrec der kaiserlichen unter Prosper Colonna und dem Grafen Pescara bedeutend überlegen: 17 000 Kaiserliche standen gegen 30 000 Franzosen. Die Verteidigungsstellung des
kaiserlichen Heeres war in der Front durch einen kleinen Hohlweg geschützt. Dahinter standen die Geschütze und hinter diesen vier Haufen Infanterie nebeneinander. Die 15 000 Mann im französischen
Solde stehenden Schweizer griffen diese Stellung in zwei Haufen an, erlitten aber durch die feindliche Artillerie und wohlgezieltes Feuer der spanischen Arkebusiere so starke Verluste, dass
Spanier und Landsknechte zur Offensive übergingen, sobald die Schweizer den Hohlweg erreicht hatten.
Die für unüberwindlich gehaltenen schweizerischen Gevierthaufen wurden in dem sich entspinnenden Kampfe vollständig besiegt, sodass neben den deutschen Landsknechten auch den spanischen Arkebusieren und Pikenieren der Ruhm gebührt, die beste Infanterie der Zeit geschlagen zu haben. Für den schnellen Fortschritt ihrer Entwicklung ist dieser Sieg ein deutliches Merkmal, dem aber drei Jahre später ein noch viel glänzenderer Beweis sich anreiht: die Schlacht bei Pavia (24.2.1525). Das kaiserliche Heer unter Pescara bestand aus etwa 13 000 Deutschen und 6000 Spaniern, denen etwa 25 000 Franzosen unter ihrem Könige Franz I. gegenüberstanden. Die Franzosen belagerten Pavia, und Pescara hatte beschlossen, die Stadt zu entsetzen. Nördlich von Pavia lag ein großer, von einer Mauer umzogener Park. In die Nordmauer ließ Pescara in der Nacht vom 23. zum 24. Februar drei große Breschen legen und beim Morgengrauen 1500 deutsche und 1500 spanische Schützen durch eine dieser Breschen vorgehen; es war ein sogenannter laufender Haufen, der dem eigentlichen Heere vorauseilte und sich im Falle eines überlegenen feindlichen Angriffs auf die Hauptmacht zurückziehen sollte. Der laufende Haufen drang bis zu einem in der Mitte des Parkes liegenden Meierhofe vor und vertrieb die dort stationierten französischen Gendarmen. Inzwischen folgte die kaiserliche Hauptmacht durch die Breschen nach. Rechts drang die Kavallerie ein, in der Mitte folgten die Landsknechte, links die Spanier. Infolge einer Verzögerung, die bei den Landsknechten eintrat, kamen die Spanier in die Mitte, und die Landsknechte schlossen sich später nach links an.
Als Franz I. die drohende Gefahr erkannte, ging er ihr mit dem größten Teile seines Heeres entgegen und ließ nur die Italiener, die in seiner Armee waren, zum Schutze gegen einen Ausfall der
Belagerten zurück. Er eröffnete zunächst ein Artilleriefeuer auf den linken Flügel der Kaiserlichen. Wie Navarra es bei Ravenna gemacht hatte, so machte es jetzt auch Pescara: Er ließ seine Leute
sich hinlegen und verhinderte auf diese Weise eine zu starke Wirkung des feindlichen Feuers. Inzwischen hatte der laufende Haufen sich vor starken französischen Kavalleriemassen auf seine
Haupttruppe zurückgezogen, und die französische Kavallerie attackierte nun die kaiserliche Reiterei auf dem rechten Flügel. Diese war dem Ansturm nicht gewachsen und wich, während die Franzosen
nachdrängten und sich in der Hitze der Verfolgung zu weit von ihrer Hauptmacht entfernten. Diesen Fehler nutzte der scharfblickende Pescara aus. Er ließ seine 1500 spanischen Arkebusiere eine
Schwenkung machen, sodass sie die französische Kavallerie in der Flanke fassten und nun ein mörderisches Feuer eröffneten. Es wird berichtet, dass die tapferen Spanier sich mitten zwischen die
Reiter gewagt und diese einzeln vom Pferde geschossen hätten. In kurzer Zeit war die französische Kavallerie völlig aufgerieben. Inzwischen hatten sich die deutschen Landsknechte auf dem linken
Flügel der Kaiserlichen der französischen Artillerie bemächtigt und die „schwarze Bande“, 5000 ihrer unter französischer Fahne dienenden Landsleute, völlig vernichtet. Wir werden später bei der
Schilderung der Schlacht bei Gravelingen sehen, dass zwei aufeinanderprallende Haufen deutscher Landsknechte sich auf andere Weise auseinandersetzten als ihre Volksgenossen bei Pavia. Die
siegreichen Landsknechte überwältigten dann noch einen Haufen Schweizer, sodass die Schlacht bei Pavia für die Franzosen zu einer blutigen Niederlage wurde.
Wir haben bei Ravenna die Fortschritte der spanischen Pikeniere gesehen und erkennen bei Bicocca, mehr aber noch bei Pavia, dasselbe bei den spanischen Arkebusieren. Dieselbe Armee, die 30 Jahre
früher noch bei Seminara die Flucht ergriffen hatte, als die Schweizer nur die Spieße senkten, triumphierte bei Bicocca über diese gefürchtete Truppe und trug ihr redliches Teil dazu bei, den
Sieg in der großen Renaissanceschlacht bei Pavia zu erringen. Besonders bemerkenswert ist die in beiden Schlachten von den spanischen Schützen bewiesene Kaltblütigkeit und Feuerdisziplin,
Eigenschaften, die deutlich die große Arbeit erkennen lassen, die frühzeitig seitens der spanischen Heerführung der Ausbildung selbständiger, von den Pikenieren unabhängiger Arkebusierkompanien
zugewandt worden ist. Was also von anderen Nationen erst um die Mitte des Jahrhunderts als zweckmäßig erkannt worden ist – die Selbständigkeit der Schusswaffen –, war bei den Spaniern schon 25
Jahre früher in vollster Entwicklung begriffen. Doch nicht genug damit; schon bald nach der Schlacht bei Pavia drang bei den Spaniern die Ansicht durch, dass die ungefügigen, 7000 bis 8000 Mann
starken Gevierthaufen, in denen das Fußvolk der damaligen Zeit zu kämpfen pflegte, bei der zunehmenden Bedeutung der Feuerwaffen an Wert verlieren mussten. Sie sahen sich daher nach einem Mittel
um, womit sie dieser bevorstehenden Tatsache begegnen konnten, und fanden es, indem sie die riesigen Gewalthaufen in Tercios fortbildeten. Die Tercios sind ebenfalls Gevierthaufen, doch kleiner
in ihren Dimensionen. Ein spanischer Tercio bestand durchschnittlich aus 3000 Mann und wurde von einem „Maestro de Campo“ (Generalfeldoberst) geführt. Die Neueinrichtung dieser Tercios wird von
neueren Darstellern etwa in das Jahr 1534 verlegt. Pikeniere und Arkebusiere sind die wesentlichsten Bestandteile dieser Formation; Degen und Dolch verschwinden vollständig. Um die Mitte des 16.
Jahrhunderts war die Entwicklung der spanischen Infanterie beendet; Tercios und erhöhte Brauchbarkeit der Schützen gaben ihr ein besonderes Gepräge; soldatische Tüchtigkeit, Gehorsam und
Disziplin hatten sie schnell zur besten Armee Europas gemacht, und Sieg auf Sieg trug dazu bei, ihr Ansehen und ihren Ruhm immer weiter zu verbreiten.
Es ist mir im Vorigen nur möglich gewesen, einige Daten aus der Entstehungsgeschichte der spanischen Infanterie herauszugreifen. Im Folgenden werde ich an der Hand zweier Ereignisse aus der
höchsten Blütezeit spanischer Kriegskunst zeigen, dass der Geist militärischer Leistungsfähigkeit auch dort zu finden war, wo spanische Truppen nur einen kleinen, aber guten Kern der Armee
bildeten, während die große Masse aus fremden Hilfsvölkern bestand. Es handelt sich um die Schlachten bei St. Quentin und Gravelingen (1557 und 1558), zwei Ereignisse, die weniger die Leistungen
speziell spanischer Soldaten als vielmehr den Einfluss spanischer Grundsätze auf die Strategie der damaligen Zeit erkennen lassen, somit also doch ein Stück spanischer Kriegsgeschichte
widerspiegeln.
Kritik der Quellen für die Schlachten bei St. Quentin und Gravelingen
Übersicht
Für die Darstellung der beiden Schlachten von St. Quentin und Gravelingen steht uns ein so reiches Quellenmaterial zur Verfügung, dass die Fülle der Einzel- und Gesamtschilderungen fast
erdrückend wirkt. Namentlich für die Schlacht bei St. Quentin ist dies in einem Maße der Fall, dass es viel zu weit führen würde, wenn man alles aufzählen wollte, was über die Schlacht und ihre
Vorgeschichte geschrieben worden ist. In St. Quentin befindet sich seit vielen Jahren eine „Société académique“, die es sich angelegen sein lässt, die Geschichte der Stadt aufzuzeichnen und alles
zu sammeln, was jemals über die Ereignisse berichtet worden ist, in deren Mittelpunkt St. Quentin gestanden hat. Diesem Bestreben verdanken wir einen Sammelband, den sieben Mitglieder der
Gesellschaft im Jahre 1896 herausgegeben haben und der eine Fülle von Urkunden, Briefen und Darstellungen enthält, die sich nur auf die Belagerung und die Schlacht von St. Quentin im Jahre 1557
beziehen. Es ist mir unmöglich, im Folgenden auf alles einzugehen, was dieses Werk an Gesamt- und Teildarstellungen der Ereignisse, Briefen, Aktenstücken, Gefallenenlisten, Soldtabellen und
anderen Aufzeichnungen enthält. Ich greife nur die wichtigsten Berichte heraus und zitiere im Text nur diejenigen, die der Kenntnis der Zusammenhänge förderlich sein können. Es ist bemerkenswert,
dass alle in dem Werk enthaltenen Berichte die Schlacht selbst nur sehr kurz schildern, sodass man darüber nicht viel erfährt. Dies haben auch die Herausgeber des genannten Sammelwerkes
empfunden, denn in einer von ihnen als Einleitung gegebenen Schilderung des Feldzuges von 1557 heißt es: „Aucune relation complète et impartiale de la déroute de St. Quentin ne nous est parvenue
… Les contemporains … s’abstiennent d’en parler avec détails.“ Sehr wertvolle Angaben werden dagegen in dem genannten Werke über die Heereszahlen gemacht; ganze Tabellen, namentlich das spanische
Heer betreffend, werden abgedruckt, sodass man hierüber ein umfassendes Bild erhält. Die Ortsangaben lassen dagegen sehr zu wünschen übrig; hierüber werde ich in einem besonderen Kapitel Näheres
zu sagen haben.
Außer den in dem genannten Werke enthaltenen Darstellungen besitzen wir noch zahlreiche andere Berichte von Augenzeugen der Ereignisse und die Werke berufsmäßiger Geschichtsschreiber, über die im
Folgenden Näheres zu sagen sein wird. Ich gehe nunmehr dazu über, die Quellen im Einzelnen einer Kritik zu unterziehen, und beginne mit den in dem genannten Sammelwerk enthaltenen Schilderungen,
die sämtlich von Teilnehmern des Krieges gegeben worden sind.
Kritik der zeitgenössischen Berichte
Die von der „Société académique“ in St. Quentin herausgegebene Quellensammlung betitelt sich: „La guerre de 1557 en Picardie“; die erste darin enthaltene Darstellung der Belagerung und Schlacht
von St. Quentin nennt sich: „Relation du siège et de la prise de St. Quentin.“ Sie ist von einem anonymen Zeugen der Ereignisse geschrieben worden, der auf spanischer Seite gestanden hat. Die
Arbeit bietet für die Kenntnis der Schlacht selbst nichts wesentlich Neues, ist aber doch für die taktischen Maßregeln der Spanier eine brauchbare Quelle. Besonders eingehend wird die Belagerung
der Stadt geschildert, die nicht unmittelbar zum Thema dieser Arbeit gehört. Eingehende Angaben über die Stärke der spanischen Armee erhöhen den Wert der Relation; darauf werde ich in einem
besonderen Kapitel zurückkommen. Die Ereignisse selbst werden in der Relation genau ebenso geschildert wie in den anderen Quellen auch, sodass darüber nichts Wesentliches gesagt zu werden
braucht. Die Schreibweise des Verfassers ist lebendig; er versteht seine Eindrücke anschaulich zu schildern und schreibt einen klaren Stil. – Da wir über die Schlacht bei St. Quentin etwa ein
halbes Dutzend anonymer Relationen besitzen, sehe ich mich genötigt, bei jeder einzelnen eine nähere Bezeichnung anzugeben, um die verschiedenen Berichte in den Anmerkungen auseinanderhalten zu
können. Ich gebe dieser Darstellung die Bezeichnung: Anonyme Relation A.
Das zweite in der Quellensammlung enthaltene Schriftstück betitelt sich: „La Campagne de 1557 en Picardie.“ (Anonyme Relation B.) Das Manuskript dieser Arbeit liegt in den Archiven des Escorial,
lässt aber weder den Verfasser noch den Entstehungsort erkennen. Sicher ist nur, dass der Schreiber in spanischen Diensten gestanden hat und allem Anscheine nach Offizier in der Armee Philipps
II. gewesen ist; wenigstens kann man dies seinem Stil und seinen Kenntnissen nach vermuten. Wie schon der Titel sagt, behandelt die dreißig Foliodruckseiten starke Relation den ganzen Feldzug von
1557; doch schildert sie ebenfalls am ausführlichsten die Belagerung der Stadt, während der Schlacht selbst nur in großen Zügen gedacht wird. Ich habe vorhin schon gesagt, dass es keine
ausführliche Überlieferung des Kampfes vom 10.8.1557 gibt; man muss sich den Verlauf der Ereignisse aus den Angaben der verschiedenen Quellen mühsam zusammensetzen. Es ist sonderbar, dass dieses
bedeutendste Ereignis des ganzen Krieges so stiefmütterlich behandelt wird; doch lässt sich diese Tatsache daraus erklären, dass die Ereignisse sich nicht filmartig abgewickelt haben, sondern
sich förmlich überstürzten und dem Beobachter keine Zeit ließen, Einzelheiten in sich aufzunehmen.
Anders die Belagerung der Stadt. Wochenlang lagen die Spanier vor den Toren, gruben sich langsam an die Mauern heran, und der Augenzeuge, der die Absicht hatte, die Ereignisse der Nachwelt zu
schildern, konnte mit Muße jedes Ereignis, jede Bewegung, jeden Befehl aufzeichnen. Daher die durchweg weitschweifige Schilderung der für uns weniger wichtigen Belagerung und die vielfach
zerfahrene, unübersichtliche und ungenügende Darstellung der Schlacht selbst. Von den 30 großen Druckseiten der vorliegenden Relation nimmt die Schilderung der Schlacht nur eine halbe Seite ein,
und das, was dort gesagt wird, ist so allgemein gehalten, dass man es lediglich als eine Bestätigung dessen verwenden kann, was von anderen Quellen auch gesagt wird. Darauf kommt es aber weniger
an, denn der große Zusammenhang ist so klar, dass er kaum der Bestätigung bedarf; dagegen fehlt es uns vielfach an der genauen Kenntnis wichtiger Einzelheiten, die für die Beurteilung der
taktischen Entschließungen wertvoll sind, und über diesen Mangel kann diese Relation ebensowenig hinweghelfen wie die meisten anderen Berichte auch. Ihr Wert wird durch das Fehlen genauer
Zahlenangaben außerdem noch beeinträchtigt.
Eine dritte in dem Sammelbande enthaltene Relation betitelt sich: „Guerre de 1557 en Picardie.“ Sie ist noch im Jahre 1557 in Nürnberg in deutscher Sprache gedruckt worden und wird von den
Herausgebern des Quellenwerkes dem Führer der spanischen Infanterie deutscher Nation, Lazarus Schwendi, zugeschrieben. Genannt wird der Verfasser nicht; ich kann hier auch nicht nachprüfen, ob
Schwendi für den Inhalt verantwortlich ist oder nicht, bezeichne die Arbeit daher als „Anonyme Relation C“. Auch hier handelt es sich um eine Darstellung des ganzen Krieges, von deren ebenfalls
30 Folioseiten drei der Schlacht selbst gewidmet sind. Wertvoll ist, wie ich später zeigen werde, die genaue Schilderung der spanischen Taktik, die es ermöglicht, die im Allgemeinen ungenauen
Angaben anderer Quellen über diesen Punkt zu ergänzen und zu verbessern. Die Darstellung der Belagerung deckt sich durchaus mit dem historisch einwandsfreien Bericht des Verteidigers von St.
Quentin, Coligny, den ich weiter unten bespreche; man wird hieraus mit Recht auf die Zuverlässigkeit der Relation schließen dürfen, deren Wert durch einigermaßen ausführliche Zahlenangaben erhöht
wird. Bedauerlich ist nur die mangelhafte Darstellung der Örtlichkeit; hierin ähneln sich fast alle Quellen. Einige alte Bilder der Schlacht, die in der Quellensammlung enthalten sind, können
über die daraus entstehende Schwierigkeit, genaue Ortsangaben zu machen, auch nicht hinweghelfen; denn die schablonenhafte Zeichenkunst des 16. Jahrhunderts lässt es durchaus zu, in einer
bildlichen Darstellung der Schlacht bei St. Quentin auch den Durchzug der Kinder Israel durch das Rote Meer zu sehen.
Die nächste Relation ist auch deutschen Ursprungs und hat den auf spanischer Seite stehenden Intendanten Christoph Haller zum Verfasser. Es ist ebenfalls eine Darstellung des ganzen Feldzuges von
1557, umfasst aber nur etwa drei Folioseiten; die Schlacht selbst wird mit fünf Zeilen abgetan, in denen mit Stolz gesagt wird, dass 20 000 Franzosen total zersprengt worden seien. Da die Zahl
der Toten angegeben wird, ist die Relation wenigstens in dieser Hinsicht zu gebrauchen.
Eine Relation spanischen Ursprungs, die dem Archiv von Simancas entnommen ist und einen ungenannten Verfasser hat (Anonyme Relation D), beschäftigt sich ziemlich eingehend mit der Schlacht bei
St. Quentin; sie ist, wie aus einer Bemerkung des Verfassers hervorgeht, schon am Tage nach dem Siege der Spanier geschrieben worden, steht also noch unter dem frischen Eindruck der Ereignisse.
Auch hier werden die Bewegungen der spanischen Truppen ähnlich wie in der Relation C geschildert, sodass die Arbeit das Verständnis der Zusammenhänge fördert; irgendwelche neuen Tatsachen bringt
sie im Übrigen nicht.
Eine drei Folioseiten starke Abhandlung, betitelt: „La déroute de St. Quentin“, beschäftigt sich nur mit der Schlacht. Ihr Verfasser ist Ms. de Dinteville, Seigneur de Chenets, der als Führer
einer Kompanie schottischer Gendarmen auf französischer Seite mitgekämpft hat. Seine Schilderung ist besonders deshalb von Bedeutung, weil er an einem Orte gestanden hat, der, wie ich später
zeigen werde, bei der Entwicklung der Schlacht eine wichtige Rolle gespielt hat. Wir besitzen über die Vorgänge an diesem Orte nur wenige ins Einzelne gehende Nachrichten, sodass dieser Bericht
eines Augenzeugen, der zwar ganz subjektiv seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse schildert, doch eine wertvolle Ergänzung der spärlichen Quellennachrichten bildet. Da ich später über diesen
Teil der Schlacht ausführlich berichten werde, kann ich mir hier ein näheres Eingehen auf Einzelheiten versagen.
Dieser Darstellung folgt wieder eine anonyme Relation italienischer Herkunft (Anonyme Relation E), die sich gleichfalls in aller Kürze nur mit der Schlacht selbst beschäftigt und von einem
Mitkämpfer auf französischer Seite herrührt. Der Verfasser muss unmittelbar nach der Schlacht geschrieben haben, denn er vermutet erst, dass der französische Feldherr Montmorency gefangen worden
ist, und sagt, dass er noch nicht einmal sagen könne, wie eigentlich die furchtbare Niederlage entstanden sei. „Comme je ne connais pas bien les détails, je laisserai aux autres le soin de faire
des discours et de discuter si la perte de la journée est venue d’un mauvais commandement ou de causes accidentelles et fréquentes à la guerre.“ Es ist nach diesem Geständnis durchaus unklar,
warum der Verfasser überhaupt geschrieben hat; der Nachwelt hat er jedenfalls kein überraschend wertvolles Dokument mit diesem Schriftstück hinterlassen. Mir scheint aber das Vorhandensein dieser
Relation eine symptomatische Bedeutung zu haben. Es ist ein Beispiel für das fraglos vorhandene Bedürfnis, Erlebtes schriftlich zu fixieren. Ob dabei etwas historisch Wertvolles herausspringt,
ist den Verfassern gleichgültig; nur so lässt sich die Überfülle von Einzeldarstellungen erklären, die beinahe beängstigend wirkt und doch nur verhältnismäßig wenig zur Klärung und Beurteilung
des Geschehenen beiträgt.
Eine weitere Relation über die Schlacht bei St. Quentin ist einem Briefe entnommen, den der italienische Gesandtschaftssekretär François Novelli am 18. August 1557, acht Tage nach der Schlacht,
an den Herzog von Ferrara geschrieben hat. Dieser Brief enthält eine kleine Charakteristik des französischen Feldherrn Montmorency, die sich ganz vortrefflich in das Bild fügt, das ich mir anhand
der verschiedenen Quellenberichte von dem Connétable gemacht habe. Novelli erzählt folgende Geschichte, die in der Morgenfrühe des 10.8., also kurz vor dem Aufbruch des französischen Heeres zur
Schlacht, geschehen ist: „Da er (Montmorency) an diesem Morgen seine Waffen und Kleider in einem Zustande fand, der ihm nicht passte, geriet er in solche Wut, dass er Schmähungen ausstieß und
schließlich alle Anwesenden aus dem Zimmer jagte, ohne auf Fürsten und andere hochstehende Persönlichkeiten, die darin waren, Rücksicht zu nehmen.“ Auch sonst enthält dieser Brief neben einer
allgemein gehaltenen Schilderung der Schlacht mehrfach eine scharfe Kritik Montmorencys, auf die ich später noch zurückkommen werde; für die Beurteilung der Zusammenhänge ist diese Darstellung
jedenfalls wertvoll.
Eine ganz allgemein gehaltene Schilderung des Kampfes enthält der Bericht, in dem der Kardinal de Sens dem französischen Parlament die Niederlage der Franzosen mitgeteilt hat (12.8.1557). Die
Ausführungen des Kardinals sagen nach keiner Richtung hin etwas Neues oder Bemerkenswertes.
Eine anonyme Relation über den Verlauf der Schlacht (Anonyme Relation F) ist einem italienischen Briefe vom 13.8.1557 entnommen worden; der Schreiber hat in französischen Diensten gestanden.
Außer einigen Zahlenangaben, die ich später besprechen werde, bringt die sehr kurze Relation nichts Wichtiges.
Ebenfalls sehr kurz und sehr kritiklos ist die vom 21.8.1557 datierte briefliche Darstellung des Kampfes, die der französische Minister des Äußeren, Jacques Bourdin, seinem Bruder gegeben hat. Er
führt die Ursachen der Niederlage auf „vraye pugnicion de Dieu“ zurück. Dies ist eine sehr einfache, auch bei anderen Darstellern beliebte, aber keineswegs ausreichende Erklärung; der Minister
des Äußeren hätte bei einigem Nachdenken vielleicht auch glaubwürdigere Ursachen finden können, besonders da er zugibt, dass viele Franzosen das Weite gesucht hätten, ohne den Feind überhaupt
gesehen zu haben. Er tröstet sich wenige Zeilen weiter aber über diesen bedauerlichen Mangel an Mut hinweg: „Le principal est que Dieu par sa bonté nous fasse la grâce de supporter patiemment ce
coup de fortune et de recourir à lui et embrasser sa bonté et miséricorde, de peur qu’il ne nous advienne pis.“ Hier haben wir ein Schulbeispiel für die Art und Weise, wie unglückliche
kriegerische Verwicklungen selbst von geistig hochstehenden Personen mit religiösen Betrachtungen erklärt werden. Von einem Minister, dessen geistige Tätigkeit bei solchen Anlässen doch vor allem
darauf gerichtet sein müsste, nach den wahren Ursachen eines Unglücks zu forschen und Mittel zu suchen, um dergleichen für die Zukunft zu verhüten, sollte man eigentlich ein verständigeres Urteil
erwarten als unklare Phrasen. Wie schlimm muss es da erst um die Denkfähigkeit anderer, weniger hochstehender Männer bestellt sein! Tatsächlich habe ich auch bei der Durchsicht der meisten
Quellen gefunden, dass eine kritische Untersuchung taktischer und strategischer Maßregeln zu den Seltenheiten gehört. Stattdessen findet man meistens spaltenlange Abhandlungen über die
unerforschlichen Wege der göttlichen Vorsehung, durch die der Fortgang der Handlung in störender Weise unterbrochen wird. Dies trägt nicht zum wenigsten dazu bei, dass über viele Einzelheiten
noch heute kein Licht verbreitet werden kann, weil die Ereignisse selbst über derartigen weitschweifigen Betrachtungen einfach vergessen werden. Auch der vorliegende Ministerbrief enthält außer
den angeführten Tatsachen nichts, was irgendwie zur Erkenntnis des Ganzen beitragen könnte.
Eine deutsche Relation, verfasst vom Oberst Nikolas von Hatstatt, beschäftigt sich vorwiegend mit der Belagerung und Eroberung von St. Quentin; der Verfasser hat im spanischen Heere gedient. Die
Schlacht selbst wird kurz geschildert, und zwar wird vornehmlich die Tätigkeit der deutschen Reiterei hervorgehoben, sodass diese Quelle wichtig für einzelne Phasen der Schlacht ist; ich werde an
geeigneter Stelle Näheres darüber sagen. Die anderen Angaben über den Verlauf des Kampfes sind zu kurz und unvollständig, als dass sie Anspruch auf Beachtung erheben könnten.
Mit dieser Relation ist die Zahl der in dem Quellenwerke enthaltenen Schilderungen der Ereignisse erschöpft, und ich gehe nun dazu über, einige andere zeitgenössische Berichte zu besprechen, die
uns erhalten geblieben sind. Unter ihnen steht an erster Stelle ein Brief des Seigneur de Lalaing an den Conseil d’Artois über die Schlacht bei St. Quentin (datiert vom 13.8.1557). Lalaing befand
sich, wie aus seinem Schreiben hervorgeht, während der Schlacht in Cambrai beim König Philipp II., zu dessen unmittelbarer Umgebung er gehörte. Das Schreiben ist ebenfalls in Cambrai, drei Tage
nach der Schlacht, verfasst worden und beruht, wie mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, auf authentischen Nachrichten, die dem König und seiner Umgebung über den Verlauf der Ereignisse
bei St. Quentin zugegangen sind. Der Wert des Briefes liegt in der Erörterung der spanischen Taktik, worauf ich später zurückkommen werde. Die Schilderung der Schlacht selbst bietet außer einigen
Zahlenangaben nichts Bemerkenswertes.
Die bei weitem reichhaltigste Quelle über die Schlacht bei St. Quentin sind die Memoiren von Francis de Rabutin, der als Homme d’armes in der Kompanie des Herzogs von Nevers an dem Kampfe
teilgenommen hat. Seine Lebenserinnerungen betiteln sich: „Commentaires des dernières guerres en la Gaule Belgique entre Henry II … et Philippe II.“ Diese „Commentaires“ sind 1559, also
unmittelbar nach Beendigung des spanisch-französischen Krieges, in Paris erschienen. In der Vorrede zu seinem Werke versichert Rabutin, unter allen Umständen nur Tatsachen berichten zu wollen: „…
en escrivant mon histoire je n’ay usé d’artifices ny enrichy mon stile pour plaire à plusieurs oreilles délicates qui se délectent en l’ornement de langage, parce que suivant la vérité, qui est
la fin et l’âme de l’histoire, j’ay été contraint d’écrire les affaires nuement comme elles sont advenues.“ Ähnliche Versicherungen finden sich in seinen Aufzeichnungen noch mehrfach. Für sein
Bestreben, nur geschichtliche Tatsachen zu berichten, spricht vor allem der Umstand, dass er mit keiner Silbe von sich selber redet, sondern seine Person völlig in den Hintergrund treten lässt,
trotzdem er an fast allen von ihm geschilderten Ereignissen selbst teilgenommen hat. Ferner hat er das deutliche Bestreben, alles zu erzählen, was sich ereignet hat; dies ist an und für sich ja
recht dankenswert, für seine Darstellung aber unvorteilhaft, da er kein Meister der Feder ist und die Fülle seines Stoffes absolut nicht übersichtlich geordnet hat; so kommt es zum Beispiel, dass
er manchmal nebensächliche Dinge mit breiter Behaglichkeit, Hauptsachen dagegen nur kurz schildert.
**Kritik der Quellen für die Schlachten bei St. Quentin und Gravelingen**
**Übersicht**
Für die Darstellung der beiden Schlachten von St. Quentin und Gravelingen steht uns ein so reiches Quellenmaterial zur Verfügung, dass die Fülle der Einzel- und Gesamtschilderungen fast
erdrückend wirkt. Namentlich für die Schlacht bei St. Quentin ist dies in einem Maße der Fall, dass es viel zu weit führen würde, wenn man alles aufzählen wollte, was über die Schlacht und ihre
Vorgeschichte geschrieben worden ist. In St. Quentin befindet sich seit vielen Jahren eine „Société académique“, die es sich angelegen sein lässt, die Geschichte der Stadt aufzuzeichnen und alles
zu sammeln, was jemals über die Ereignisse berichtet worden ist, in deren Mittelpunkt St. Quentin gestanden hat. Diesem Bestreben verdanken wir einen Sammelband, den sieben Mitglieder der
Gesellschaft im Jahre 1896 herausgegeben haben und der eine Fülle von Urkunden, Briefen und Darstellungen enthält, die sich nur auf die Belagerung und die Schlacht von St. Quentin im Jahre 1557
beziehen. Es ist mir unmöglich, im Folgenden auf alles einzugehen, was dieses Werk an Gesamt- und Teildarstellungen der Ereignisse, Briefen, Aktenstücken, Gefallenenlisten, Soldtabellen und
anderen Aufzeichnungen enthält. Ich greife nur die wichtigsten Berichte heraus und zitiere im Text nur diejenigen, die der Kenntnis der Zusammenhänge förderlich sein können. Es ist bemerkenswert,
dass alle in dem Werk enthaltenen Berichte die Schlacht selbst nur sehr kurz schildern, sodass man darüber nicht viel erfährt. Dies haben auch die Herausgeber des genannten Sammelwerkes
empfunden, denn in einer von ihnen als Einleitung gegebenen Schilderung des Feldzuges von 1557 heißt es: „Aucune relation complète et impartiale de la déroute de St. Quentin ne nous est
parvenue... Les contemporains... s’abstiennent d’en parler avec détails.“ Sehr wertvolle Angaben werden dagegen in dem genannten Werke über die Heereszahlen gemacht; ganze Tabellen, namentlich
das spanische Heer betreffend, werden abgedruckt, sodass man hierüber ein umfassendes Bild erhält. Die Ortsangaben lassen dagegen sehr zu wünschen übrig; hierüber werde ich in einem besonderen
Kapitel Näheres zu sagen haben.
Außer den in dem genannten Werke enthaltenen Darstellungen besitzen wir noch zahlreiche andere Berichte von Augenzeugen der Ereignisse und die Werke berufsmäßiger Geschichtsschreiber, über die im
Folgenden Näheres zu sagen sein wird. Ich gehe nunmehr dazu über, die Quellen im Einzelnen einer Kritik zu unterziehen und beginne mit den in dem genannten Sammelwerk enthaltenen Schilderungen,
die sämtlich von Teilnehmern des Krieges gegeben worden sind.
**Kritik der zeitgenössischen Berichte**
Die von der „Société académique“ in St. Quentin herausgegebene Quellensammlung betitelt sich: „La guerre de 1557 en Picardie“; die erste darin enthaltene Darstellung der Belagerung und Schlacht
von St. Quentin nennt sich: „Relation du siège et de la prise de St. Quentin.“ Sie ist von einem anonymen Zeugen der Ereignisse geschrieben worden, der auf spanischer Seite gestanden hat. Die
Arbeit bietet für die Kenntnis der Schlacht selbst nichts wesentlich Neues, ist aber doch für die taktischen Maßnahmen der Spanier eine brauchbare Quelle. Besonders eingehend wird die Belagerung
der Stadt geschildert, die nicht unmittelbar zum Thema dieser Arbeit gehört. Eingehende Angaben über die Stärke der spanischen Armee erhöhen den Wert der Relation; darauf werde ich in einem
besonderen Kapitel zurückkommen. Die Ereignisse selbst werden in der Relation genau ebenso geschildert wie in den anderen Quellen auch, sodass darüber nichts Wesentliches gesagt zu werden
braucht. Die Schreibweise des Verfassers ist lebendig; er versteht seine Eindrücke anschaulich zu schildern und schreibt einen klaren Stil. – Da wir über die Schlacht bei St. Quentin etwa ein
halbes Dutzend anonymer Relationen besitzen, sehe ich mich genötigt, bei jeder einzelnen eine nähere Bezeichnung anzugeben, um die verschiedenen Berichte in den Anmerkungen auseinanderhalten zu
können. Ich gebe dieser Darstellung die Bezeichnung: anonyme Relation A.
Das zweite in der Quellensammlung enthaltene Schriftstück betitelt sich: „La Campagne de 1557 en Picardie.“ (anonyme Relation B.) Das Manuskript dieser Arbeit liegt in den Archiven des Escorial,
lässt aber weder den Verfasser noch den Entstehungsort erkennen. Sicher ist nur, dass der Schreiber in spanischen Diensten gestanden hat und allem Anschein nach Offizier in der Armee Philipps II.
gewesen ist; wenigstens kann man dies seinem Stil und seinen Kenntnissen nach vermuten. Wie schon der Titel sagt, behandelt die dreißig Foliodruckseiten starke Relation den ganzen Feldzug von
1557; doch schildert sie ebenfalls am ausführlichsten die Belagerung der Stadt, während der Schlacht selbst nur in großen Zügen gedacht wird. Ich habe vorhin schon gesagt, dass es keine
ausführliche Überlieferung des Kampfes vom 10. 8. 1557 gibt; man muss sich den Verlauf der Ereignisse aus den Angaben der verschiedenen Quellen mühsam zusammensetzen. Es ist sonderbar, dass
dieses bedeutendste Ereignis des ganzen Krieges so stiefmütterlich behandelt wird; doch lässt sich die Tatsache daraus erklären, dass die Ereignisse sich nicht filmartig abgewickelt haben,
sondern sich förmlich überstürzten und dem Beobachter keine Zeit ließen, Einzelheiten in sich aufzunehmen.
Anders die Belagerung der Stadt. Wochenlang lagen die Spanier vor den Toren, gruben sich langsam an die Mauern heran, und der Augenzeuge, der die Absicht hatte, die Ereignisse der Nachwelt zu
schildern, konnte mit Muße jedes Ereignis, jede Bewegung, jeden Befehl aufzeichnen. Daher die durchweg weitschweifige Schilderung der für uns weniger wichtigen Belagerung und die vielfach
zerfahrene, unübersichtliche und ungenügende Darstellung der Schlacht selbst. Von den 30 großen Druckseiten der vorliegenden Relation nimmt die Schilderung der Schlacht nur eine halbe Seite ein,
und das, was dort gesagt wird, ist so allgemein gehalten, dass man es lediglich als eine Bestätigung dessen verwenden kann, was von anderen Quellen auch gesagt wird. Darauf kommt es aber weniger
an, denn der große Zusammenhang ist so klar, dass er kaum der Bestätigung bedarf; dagegen fehlt es uns vielfach an der genauen Kenntnis wichtiger Einzelheiten, die für die Beurteilung der
taktischen Entschließungen wertvoll sind, und über diesen Mangel kann diese Relation ebensowenig hinweghelfen wie die meisten anderen Berichte auch. Ihr Wert wird durch das Fehlen genauer
Zahlenangaben außerdem noch beeinträchtigt.
Eine dritte in dem Sammelbande enthaltene Relation betitelt sich: „Guerre de 1557 en Picardie.“ Sie ist noch im Jahre 1557 in Nürnberg in deutscher Sprache gedruckt worden und wird von den
Herausgebern des Quellenwerkes dem Führer der spanischen Infanterie deutscher Nation, Lazarus Schwendi, zugeschrieben. Genannt wird der Verfasser nicht; ich kann hier auch nicht nachprüfen, ob
Schwendi für den Inhalt verantwortlich ist oder nicht, bezeichne die Arbeit daher als „anonyme Relation C“. Auch hier handelt es sich um eine Darstellung des ganzen Krieges, von deren ebenfalls
30 Folioseiten drei der Schlacht selbst gewidmet sind. Wertvoll ist, wie ich später zeigen werde, die genaue Schilderung der spanischen Taktik, die es ermöglicht, die im Allgemeinen ungenauen
Angaben anderer Quellen über diesen Punkt zu ergänzen und zu verbessern. Die Darstellung der Belagerung deckt sich durchaus mit dem historisch einwandsfreien Bericht des Verteidigers von St.
Quentin, Coligny, den ich weiter unten bespreche; man wird hieraus mit Recht auf die Zuverlässigkeit der Relation schließen dürfen, deren Wert durch einigermaßen ausführliche Zahlenangaben erhöht
wird. Bedauerlich ist nur die mangelhafte Darstellung der Örtlichkeit; hierin ähneln sich fast alle Quellen. Einige alte Bilder der Schlacht, die in der Quellensammlung enthalten sind, können
über die daraus entstehende Schwierigkeit, genaue Ortsangaben zu machen, auch nicht hinweghelfen; denn die schablonenhafte Zeichenkunst des 16. Jahrhunderts lässt es durchaus zu, in einer
bildlichen Darstellung der Schlacht bei St. Quentin auch den Durchzug der Kinder Israel durch das Rote Meer zu sehen.
Die nächste Relation ist auch deutschen Ursprungs und hat den auf spanischer Seite stehenden Intendanten Christoph Haller zum Verfasser. Es ist ebenfalls eine Darstellung des ganzen Feldzuges von
1557, umfasst aber nur etwa drei Folioseiten; die Schlacht selbst wird mit fünf Zeilen abgetan, in denen mit Stolz gesagt wird, dass 20 000 Franzosen total zersprengt worden seien. Da die Zahl
der Toten angegeben wird, ist die Relation wenigstens in dieser Hinsicht zu gebrauchen.
Eine Relation spanischen Ursprungs, die dem Archiv von Simancas entnommen ist und einen ungenannten Verfasser hat (anonyme Relation D), beschäftigt sich ziemlich eingehend mit der Schlacht bei
St. Quentin; sie ist, wie aus einer Bemerkung des Verfassers hervorgeht, schon am Tage nach dem Siege der Spanier geschrieben worden, steht also noch unter dem frischen Eindruck der Ereignisse.
Auch hier werden die Bewegungen der spanischen Truppen ähnlich wie in der Relation C geschildert, sodass die Arbeit das Verständnis der Zusammenhänge fördert; irgendwelche neuen Tatsachen bringt
sie im Übrigen nicht.
Eine drei Folioseiten starke Abhandlung, betitelt: „La déroute de St. Quentin“, beschäftigt sich nur mit der Schlacht. Ihr Verfasser ist Ms. de Dinteville, Seigneur de Chenets, der als Führer
einer Kompanie schottischer Gensdarmen auf französischer Seite mitgekämpft hat. Seine Schilderung ist besonders deshalb von Bedeutung, weil er an einem Ort gestanden hat, der, wie ich später
zeigen werde, bei der Entwicklung der Schlacht eine wichtige Rolle gespielt hat. Wir besitzen über die Vorgänge an diesem Ort nur wenige ins Einzelne gehende Nachrichten, sodass dieser Bericht
eines Augenzeugen, der zwar ganz subjektiv seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse schildert, doch eine wertvolle Ergänzung der spärlichen Quellennachrichten bildet.
Dieser Darstellung folgt wieder eine anonyme Relation italienischer Herkunft (anonyme Relation E), die sich gleichfalls in aller Kürze nur mit der Schlacht selbst beschäftigt und von einem
Mitkämpfer auf französischer Seite herrührt. Der Verfasser muss unmittelbar nach der Schlacht geschrieben haben, denn er vermutet erst, dass der französische Feldherr Montmorency gefangen worden
ist, und sagt, dass er noch nicht einmal sagen könne, wie eigentlich die furchtbare Niederlage entstanden sei: „Comme je ne connais pas bien les détails, je laisserai aux autres le soin de faire
des discours et de discuter si la perte de la journée est venue d’un mauvais commandement ou de causes accidentelles et fréquentes à la guerre.“ Es ist nach diesem Geständnis durchaus unklar,
warum der Verfasser überhaupt geschrieben hat; der Nachwelt hat er jedenfalls kein überraschend wertvolles Dokument hinterlassen. Mir scheint aber das Vorhandensein dieser Relation eine
symptomatische Bedeutung zu haben. Es ist ein Beispiel von dem fraglos vorhandenen Bedürfnis, Erlebtes schriftlich zu fixieren. Ob dabei etwas historisch Wertvolles herauskommt, ist den
Verfassern gleichgültig; nur so lässt sich die Überfülle von Einzeldarstellungen erklären, die beinahe beängstigend wirkt und doch nur verhältnismäßig wenig zur Klärung und Beurteilung des
Geschehenen beiträgt.
Eine weitere Relation über die Schlacht bei St. Quentin ist einem Briefe entnommen, den der italienische Gesandtschaftssekretär François Novelli am 18. August 1557, acht Tage nach der Schlacht,
an den Herzog von Ferrara geschrieben hat. Dieser Brief enthält eine kleine Charakteristik des französischen Feldherrn Montmorency, die sich ganz vortrefflich in das Bild fügt, das ich mir an der
Hand der verschiedenen Quellenberichte von dem Connétable gemacht habe. Novelli erzählt folgende Geschichte, die in der Morgenfrühe des 10. 8., also kurz vor dem Aufbruch des französischen Heeres
zur Schlacht, geschehen ist: „Da er an diesem Morgen seine Waffen und Kleider in einem Zustande fand, der ihm nicht passte, geriet er in solche Wut, dass er Schmähungen ausstieß und schließlich
alle Anwesenden aus dem Zimmer jagte, ohne auf Fürsten und andere hochstehende Persönlichkeiten Rücksicht zu nehmen.“ Auch sonst enthält dieser Brief neben einer allgemein gehaltenen Schilderung
der Schlacht mehrfach eine scharfe Kritik Montmorencys.
Eine ganz allgemein gehaltene Schilderung des Kampfes enthält der Bericht, in dem der Kardinal de Sens dem französischen Parlament die Niederlage der Franzosen mitgeteilt hat (12. 8. 1557). Die
Ausführungen des Kardinals sagen nach keiner Richtung hin etwas Neues oder Bemerkenswertes.
Eine anonyme Relation über den Verlauf der Schlacht (anonyme Relation F) ist einem italienischen Briefe vom 13. 8. 1557 entnommen worden; der Schreiber hat in französischen Diensten gestanden.
Außer einigen Zahlenangaben bringt die sehr kurze Relation nichts Wichtiges.
Ebenfalls sehr kurz und sehr kritiklos ist die vom 21. 8. 1557 datierte briefliche Darstellung des Kampfes, die der französische Minister des Äußeren, Jacques Bourdin, seinem Bruder gegeben hat.
Er führt die Ursachen der Niederlage auf „vraye punition de Dieu“ zurück. Dies ist eine sehr einfache, aber keineswegs ausreichende Erklärung. Der Minister hätte bei einigem Nachdenken vielleicht
auch glaubwürdigere Ursachen finden können, besonders da er zugibt, dass viele Franzosen das Weite gesucht hätten, ohne den Feind überhaupt gesehen zu haben.
Eine deutsche Relation, verfasst vom Oberst Nikolas von Hatstatt, beschäftigt sich vorwiegend mit der Belagerung und Eroberung von St. Quentin; der Verfasser hat im spanischen Heere gedient. Die
Schlacht selbst wird kurz geschildert, wobei vornehmlich die Tätigkeit der deutschen Reiterei hervorgehoben wird.
Mit dieser Relation ist die Zahl der in dem Quellenwerke enthaltenen Schilderungen erschöpft, und ich gehe nun dazu über, weitere zeitgenössische Berichte zu besprechen.
Unter ihnen steht an erster Stelle ein Brief des Seigneur de Lalaing an den Conseil d’Artois über die Schlacht bei St. Quentin (datiert vom 13. 8. 1557). Der Wert des Briefes liegt in der
Erörterung der spanischen Taktik.
Die bei weitem reichhaltigste Quelle sind die Memoiren von Francis de Rabutin („Commentaires des dernières guerres en la Gaule Belgique entre Henry II... et Philippe II“). Trotz stilistischer
Mängel und religiöser Deutungen bleibt sein Werk unverzichtbar.
Die einzige Quelle über die Vorgänge in der belagerten Stadt ist der „Discours sur le siège de St. Quentin“ von Gaspard von Coligny, ein Werk von höchster Zuverlässigkeit.
Jean de Mergey liefert lebendige, aber teilweise ungenaue Erinnerungen. Dennoch ist seine Kritik an Montmorency für die Beurteilung der Schlacht von großer Bedeutung.
Weitere Memoiren, etwa von Gaspard de Saulx und de la Chastre, sind nur von geringem Wert.
Auf spanischer Seite ist besonders das Tagebuch eines anonymen Flamen hervorzuheben, das trotz übertriebener Zahlenangaben als zuverlässig gilt.
Die Reihe der Quellen schließt mit zwei amtlichen Berichten zur Schlacht bei Gravelingen:
Der „Discours du voyage de Dunquerke“ des Marschalls von Termes ist eine Verteidigungsschrift und daher mit Vorsicht zu benutzen.
Der Bericht Egmonts an König Philipp II. (13. 7. 1558) ist äußerst knapp und beschränkt sich auf die wichtigsten Fakten, ohne ins Detail zu gehen.
Kritik der Geschichtsschreiber
Sechs Geschichtsschreiber sind es, die während oder bald nach der Zeit gelebt und geschrieben haben, zu der die beiden Schlachten stattgefunden haben, und zu ihnen gesellt sich noch ein
St.-Quentiner Geistlicher, Quentin de la Fons, der eine Geschichte seiner Vaterstadt verfasst hat. Ich zitiere die in Frage kommenden Werke nach der Reihenfolge ihres Erscheinens:
Ludovicus Guicciardini: „Commentarii de rebus memorabilibus ... vero in Belgio.“ Libri tres (s. Annales rerum Belgicarum, S. 97 ff.). Frankfurt a. M. 1580. Dieses Werk ist für die Schlacht bei
St. Quentin weniger wichtig als für die bei Gravelingen. St. Quentin wird nur in großen Zügen behandelt, während er Gravelingen sehr eingehend schildert. Guicciardini ist der erste
Geschichtsschreiber, der die Jahre 1557 und 1558 behandelt hat, und daher halte ich ihn für den Urheber der heute noch gültigen Ansicht, dass bei Gravelingen eine englische Flotte in den Kampf
eingegriffen hat; wenigstens erwähnt vor ihm kein Schriftsteller etwas davon, während die späteren Geschichtswerke diese Erzählung ziemlich wörtlich von ihm übernommen haben. Ich brauche hier
nicht näher darauf einzugehen, da ich über die angebliche Teilnahme englischer Schiffe in einem besonderen Kapitel Näheres sagen werde. Was Guicciardini sonst berichtet, entspricht im
Wesentlichen den Angaben aller zuverlässigen Quellen. Sehr schwer ist es, aus seinen spärlichen Zahlenangaben brauchbare Schlüsse zu ziehen, denn er zählt die Truppen nach Kohorten und Manipeln
zusammen, sodass man auf die tatsächliche Stärke nicht schließen kann; seine Vorliebe für den Gebrauch lateinischer Eigennamen wirkt überhaupt hindernd auf das Verständnis seiner Darstellung ein.
Den Herzog von Savoyen nennt er Allobrox, und die Soldaten der verschiedenen Nationen belegt er mit Namen, die zur Zeit Cäsars üblich gewesen sind. Davon abgesehen ist seine Schreibweise aber
verständlich und logisch.
Ein in italienischer Sprache erschienenes Werk steht zeitlich dem Buche Guicciardinis am nächsten. Es ist Giovanni Battista Adrianis 1583 erschienene „Istoria de’ suoi tempi“. Über diese Arbeit
lässt sich nicht viel Bemerkenswertes sagen, da sie sich auf keine eingehende Schilderung der beiden Schlachten einlässt, sondern sich im Einzelnen nur über Nebensächlichkeiten verbreitet.
Begreiflicherweise sucht Adriani als Italiener etwas darin, den Einfluss seiner Landsleute auf den Gang der Ereignisse zu unterstreichen. Er berichtet z. B., dass im Hauptquartier der Spanier
viele italienische Herren gewesen seien, und führt bei jeder passenden Gelegenheit Aussprüche an, die Ferdinand von Gonzaga, ein geborener Italiener und Freund Philipps II. von Spanien, getan
hat. Es lohnt sich nicht, diese Aussprüche auf ihre Richtigkeit hin zu untersuchen, denn auf den Verlauf der Dinge haben sie keinen Einfluss gehabt, und meistens haben sie überhaupt mit der Sache
selbst nichts zu tun. Was an tatsächlichen Ereignissen in dem Buche berichtet wird, stimmt im Wesentlichen mit den anderen Quellen überein.
Ein sehr mit Vorsicht zu benutzender Schriftsteller ist Antonio de Herrera, dessen „Historia general del mundo“ im Jahre 1606 erschienen ist. Soweit dieses Werk sich mit der Schlacht bei St.
Quentin beschäftigt, ist es ziemlich getreu aus dem italienisch geschriebenen Buche Adrianis ins Spanische übersetzt worden; einige Proben mögen dies beweisen. Die Angabe über die Zusammensetzung
des spanischen Heeres bei St. Quentin lautet in beiden Büchern folgendermaßen:
Adriani XV 578. — Herrera I 292.
„... ottanta cannoni e altra artiglieria minore co multitudine di pezze minori e gran numero di guastatori ... numero infinito di guastadores con infinitas municiones, palle e di polvere e
d’altri strumenti bellici con ispesa incredibile.“
„... ochenta cañones, sin otras piezas menores y gran número de guastadores con infinitas municiones, ingenieros y otros oficiales de guerra con gasto increíble.“
Die fast wörtliche Übereinstimmung beider Quellen lässt sich auch bei der weiteren Schilderung der Ereignisse feststellen. Nach der Schlacht bei St. Quentin erzählen beide Quellen über die
Fortsetzung der Belagerung:
Adriani XV 579. — Herrera I 297.
„... e vi si cominciò a dare ordine di batterie e di mine e di cave ... acciò niemo ne entrare né uscire ne potesse ...“
„... a donde se centinaban las baterías, minas, trincheras y fosos, para que nadie pudiese entrar, y los que intentaban eran muertos o presos.“
Es kann nach diesen Proben kein Zweifel darüber bestehen, dass Herrera das Werk seines italienischen Fachgenossen mit großer Unbefangenheit ausgebeutet hat, und dieses Zeichen von
Unselbständigkeit ist umso bedauerlicher, als Herrera der einzige in Frage kommende spanische Historiker ist. Was er an eigenen Forschungen bringt, muss ebenfalls mit großer Vorsicht aufgenommen
werden, denn es trägt vielfach deutlich den Stempel der Schönfärberei. Besonders deutlich wird dies bei seiner Darstellung der Schlacht bei Gravelingen. Während alle Quellen von einer englischen
Flotte sprechen, macht Herrera daraus eine spanische Armada unter Don Luis de Carvajal. Da dieser bei Adriani lediglich als Führer einer kleinen spanischen Fußtruppe erscheint, ist diese
Umdeutung offensichtlich eine bewusste Fälschung. Das Gesamturteil über Herrera kann daher nur dahin gehen, dass seine Unselbständigkeit und seine Entstellungen der Tatsachen es unmöglich machen,
ihn ohne Vorbehalt zu zitieren.
Eine sehr reichhaltige Quelle ist die „Histoire universelle“ des französischen Staatsmannes Jacques Auguste de Thou (Thuanus). Das Werk erschien in mehreren Etappen zwischen 1604 und 1614 und
wurde nach seinem Tode fortgesetzt. Seine Bedeutung liegt darin, dass er sehr eingehende Studien in Parlamentsakten und anderen heute nicht mehr zugänglichen Papieren gemacht hat. Für die beiden
Schlachten hat er u. a. Adriani, Rabutin und Coligny benutzt. Trotz seines umfangreichen Materials bringt er jedoch kaum mehr Tatsachen als Rabutin und Coligny. Seine Zahlenangaben lehnen sich
eng an Rabutin an, ohne ihn jedoch wörtlich zu kopieren. Eine kritische Bewertung fehlt meist; er berichtet überwiegend Tatsachen und bleibt bei Unsicherheiten bei einem „on dit“. Sein Stil ist
klar und anschaulich. Besonders wichtig ist seine eindeutige Aussage, dass der französische Oberbefehlshaber im entscheidenden Augenblick den Kampf untersagt habe – ein Punkt, der für die
Beurteilung der Niederlage von großer Bedeutung ist.
Der kritischste unter den Geschichtsschreibern ist Franciscus Belcarius, dessen „Rerum Gallicarum Commentarii“ 1625 in Lyon erschienen sind. Er bewertet die Ereignisse mit bemerkenswerter Schärfe
und vermeidet die sonst üblichen religiösen Abschweifungen. Seine Darstellung ist klar gegliedert und prüft strategische und taktische Maßnahmen auf ihren Wert. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass
Furchtsamkeit und Unentschlossenheit Montmorencys die Hauptursachen der Niederlage waren. In seinen Zahlenangaben folgt er allerdings unkritisch Rabutin. Insgesamt besitzt sein Werk wegen seiner
sachlichen Urteilskraft großen Wert.
Eine weniger ausführliche Quelle ist der Jesuitenpater Famianus Strada, dessen 1632 erschienenes Werk „De bello Belgico“ erst mit der Schlacht bei Gravelingen beginnt und diese nur oberflächlich
behandelt. Sein Wert wird durch kritikloses Abschreiben von Guicciardini erheblich gemindert.
Die Zahl der Quellen wird durch ein Werk bereichert, das von einem St.-Quentiner Geistlichen, Quentin de la Fons, geschrieben, aber erst im 19. Jahrhundert von Chr. Gomart unter dem Titel
„Histoire particulière de St. Quentin“ herausgegeben worden ist. Es enthält unter anderem eine Geschichte der Belagerung von St. Quentin im Jahre 1557 und ist insofern bemerkenswert, als es neben
einer Karte der Stadt genaue Ortsangaben bringt. Mit Hilfe dieser Darstellung ist es möglich, die Örtlichkeit genau zu skizzieren. Im Übrigen legt der Verfasser den Schwerpunkt auf die Belagerung
und verliert sich dabei vielfach in eine Polemik gegen Coligny. Der Wert des Buches liegt daher vor allem in den detaillierten Ortsangaben.
Einige weitere Quellen, die nur ganz kurze Notizen über die Ereignisse bringen, können hier nicht besprochen werden; auf ihren Wert wird an geeigneten Stellen hingewiesen werden.
Quelle: Henning von Koß: Die Schlachten bei St. Quentin und bei Gravelingen. Berlin, 1914.
© Carsten Rau
