Vorwort
Die vorliegende Abhandlung hat zwei an Charakter und Inhalt verschiedene Hauptteile; zunächst wird der Versuch gemacht, die erste große Tatareninvasion in die kaukasischen und kleinasiatischen
Länder nach armenischen Quellen wiederzugeben — die politischen Eroberungen, welche von den tatarischen Feldherren in diesen Gegenden unternommen und glänzend durchgeführt worden sind. In dem
zweiten Teil wird versucht, die Tataren in dem Lichte zu zeigen, in welchem sie den Armeniern und den armenischen Geschichtsschreibern der Zeit erschienen sind — ihre Erscheinung, Sitten und
Gewohnheiten, ihre religiösen Vorstellungen und Lebensführung, ihre Kriegskunst und Taktik. Die beiden sich gegenseitig ergänzenden Hauptteile aber verfolgen den Zweck, ein möglichst
vollständiges Bild davon zu geben, wer die Mongolen waren, woher sie kamen und was sie in Armenien und in den Nachbarländern vollbrachten. Die Darstellung wird in der Hauptsache auf armenischen
Quellen sich aufbauen.
Es ist nicht beabsichtigt, die mongolische Dauerherrschaft und die unter ihr vorhanden gewesenen Zustände in Armenien und in den Nachbarländern zum Gegenstand dieser Arbeit zu machen. Das wäre
wohl ein durchaus aktuelles Thema und würde eine Reihe von wichtigen Fragen erörtern können — kann aber in dem Programm dieser Abhandlung keinen Platz finden.
Die armenischen Geschichtsschreiber hatten die volle Möglichkeit, die Tataren aus nächster Nähe zu beobachten.
Sie liefern daher wichtige Angaben, die eine wertvolle Ergänzung für die allgemeine Geschichte der Tataren bilden. Ihre Berichte werden von den Quellen der benachbarten Völker fast durchweg und
sogar hinsichtlich unwichtigerer Begebenheiten bestätigt. Daher sind die armenischen Quellen in Bezug auf den Gegenstand dieser Arbeit als durchaus zuverlässig zu erachten.
Wir lassen aber auch nicht die Quellen der Nachbarländer, die ebenfalls unter der Invasion der Mongolen zu leiden hatten, außer Betracht. An vielen Stellen wird es für nötig gehalten, Parallelen
und Vergleiche mit mohammedanischen Angaben vorzunehmen. Von den Reisebeschreibungen der morgen- und abendländischen Reisenden und Mönche werden hier nur diejenigen benutzt, welche zeitlich nicht
weit von der großen Eroberungsepoche entfernt und in ihren Behauptungen zuverlässig und schon erprobt sind. Außerdem sind für die möglichst vollständige Klarlegung des Zusammenhanges der
Begebenheiten hier Werke benutzt worden, die für die allgemeine Geschichte der Mongolen sowie für das Verständnis ihrer Zeit überhaupt von Belang sind.
Einleitung
Kurzer Überblick über die orientalische Geschichte im Mittelalter
Die neue Zeit mit ihren modernen Denkweisen und Gefühlen, Empfindungen und Idealen, die ja für Europa schon mehrere Jahrhunderte eine historische Tatsache ist, ist für die meisten
orientalisch-asiatischen Völker noch keine Wirklichkeit, wenigstens noch nicht die volle Wirklichkeit. Im Orient — in Persien, in der Türkei, in Tiefasien — sind der Charakter der geschichtlichen
Epochen, die bewegenden Motive und Ideen, die realen Kräfte und Verhältnisse der Völker dieselben geblieben, wie sie im Mittelalter in Westeuropa üblich und vorherrschend waren. Die ökonomischen
und sozialen Grundlagen haben sich hier keineswegs geändert; in Persien, in Turkestan, in den südöstlichen Provinzen des osmanischen Reiches herrschen noch dieselben feudalen Verhältnisse
zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft wie im Mittelalter. Die Gesellschaft ist hier so befangen und fanatisch und abergläubisch und noch viel mehr, als es im mittelalterlichen
Europa der Fall war. Das religiöse Element, das im Orient sich immer mit zügellosem und dunklem Fanatismus verbindet, ist eine der mächtigsten Triebfedern im sozialen Tun des Orients gewesen. Das
freie Denken und vorurteilslose, unbefangene Handeln sind hier Ideale, wonach man hier noch vergeblich suchen wird.
Wohl hat die orientalisch-asiatische Gesellschaft auch höhere Schichten, in denen es anders aussieht, als es eben beschrieben worden ist. Freilich sind auch hier viele Züge abgeschwächt, viele
Schatten beseitigt, dunkle Merkmale erloschen. Der abendländische Einfluss war an vielen Orten sehr stark und hat sicherlich Umwälzungen im ruhigen geistigen Leben hervorgebracht; diese
Veränderungen sind aber Lichtpunkte im allumfassenden Dunkel des geistigen Horizonts der hoch- und tiefasiatischen Völker. Man begeht daher keinen Fehler, wenn man behauptet, dass im Orient im
Denken, Fühlen, Empfinden und Wollen und im ganzen Leben noch hauptsächlich das Mittelalter herrscht.
Nachdem die Araber ihr Reich auf den Trümmern der persischen und oströmischen Staaten gegründet hatten, gab es für Vorderasien einige Jahrhunderte relativer Ruhe. Diese Tage waren für Asien
vielleicht die fruchtbarsten und friedlichsten, die es bis dahin und lange noch nachher gesehen hat. Bald darauf, als das arabische Riesenreich schon im 9. Jahrhundert durch zahlreiche Angriffe
geschwächt und zersplittert, seine Autorität und Offensivkraft verloren hatte, öffneten sich wieder den hochasiatischen Stämmen die Türen zu reicher Beute. Schon seit dem 10. Jahrhundert hören
wir von großen, unaufhörlichen Bewegungen der ungeheuren Völkermassen, die scharenweise losgerissen von ihren Weiden und Steppen ihre habgierigen Blicke und mörderischen Waffen gegen den Westen
wandten, und Schar auf Schar unaufhaltsam, einem furchtbaren, unbändigen Strome gleich, stürzten sie sich mit unermeßlicher Energie und frischer Kraft über den reichen, blühenden Westen —
unterwegs alles verheerend und verwüstend. Es fielen die schönsten, üppigsten Städte und Denkmäler der persischen, chwaresmischen, arabischen Kultur; der asiatische Westen litt schwer unter dem
Ansturm dieser Volksmassen. Es waren Stämme meist türkischen Ursprungs, die schon im 11. Jahrhundert den Namen Seldjuken führten.
Seit Jahrtausenden irrten diese Stämme auf den weiten, endlosen Feldern und Steppen jenseits des Kaspischen Meeres umher. Sie führten, wie alle Hirtenvölker, ein Nomadenleben, stets auf der Suche
nach neuer Weide und neuen Wohnplätzen. Da aber infolge der starken Vermehrung Land und Weideplätze nicht mehr ausreichten, verließen sie ihre Gebiete und fielen in die blühenden, reichen Länder
des arabischen Reiches ein. Bald bekehrten sie sich zum Mohammedanismus und traten in das arabische Heer als Söldlinge ein. Und ebenso, wie einst die germanischen Eindringlinge zuerst als Söldner
in das römische Heer eintraten, dann allmählich sich verstärkend die Oberhand gewannen und endlich den Zusammensturz des römischen Reiches herbeiführten, so hatten auch die türkischen Stämme in
den Tagen, als das arabische Reich paralysiert und zerteilt dalag und an den Grenzen des Reiches halbselbständige politische Organismen sich zu entwickeln begannen, die günstige politische Lage
auszunutzen verstanden und waren zu einer sehr hohen Stellung im Reiche gelangt. Neben dem arabischen Kalifen waren die Seldjukiden-Sultane die wirklichen Träger der Macht.
Eine eigentliche höhere Kultur hatten die Seldjuken nicht. Auf Blut und Feuer, auf Schwert und Bogen war ihre Macht gegründet. Sie haben die arabischen und persischen Kulturdenkmäler auf ganz
barbarische Weise behandelt. Sie waren Verderber und Feinde der Kultur und nutzten die Länder und Völker wirtschaftlich bis zur Erschöpfung aus. Unter diesem wilden und rücksichtslosen Regiment
musste das ganze örtliche Persien, Mesopotamien, Armenien, Klein-Asien bis nach Syrien und Palästina hin sich niederbeugen und in tief schmachvollem Leben sich dahinschleppen.
Der Mittelpunkt der Seldjukidenmacht lag in Vorderasien; in Mittelasien dagegen war ihre Macht sehr schwach, deshalb war hier schon die Möglichkeit, eine selbständige Macht zu bilden, sehr leicht
gegeben. In Transoxanien erhebt sich schon seit den letzten Dezennien des 11. Jahrhunderts eine andere politische, recht bedrohliche Macht, die Macht des Schahs von Chwaresm (= Chiwa). Schon
Mitte des 12. Jahrhunderts beherrschte der Chwaresm-Schah das ganze Transoxanien und war im Begriff, nach Westen Überfälle zu unternehmen. Sie hatten einerseits die mongolischen Stämme als
Nachbar, im Süden und Westen aber reichte das Gebiet bis an das Seldjukenreich und an das Kaspische Meer.
Die eroberungssüchtigen Chwaresmschahs übernehmen bald die Rolle der Seldjuken. Den Kopf des letzten großen Seldjukensultans Tughril schickt der Chwaresmschah Takasch dem Chalifen als Geschenk,
und mit dem Tode Tughrils wurde der Chwaresmschah der wirkliche Beherrscher Westasiens, denn der Chalif hatte schon längst aufgehört, im Reiche eine Rolle zu spielen, und war fast immer in seiner
Hauptstadt durch Hofintrigen und Umtriebe in Anspruch genommen. Takasch und seine Nachfolger waren unberufene Herrscher im Hause des arabischen, einst so gewaltigen Chalifen. Als aber der Druck
der Chwaresmschahs unerträglich zu werden begann und als der Chalif das unbeschränkte Schalten und Walten der Fremden in seinem eigenen Reiche nicht länger dulden konnte, da rief er den fernen
Mongolenchan zu Hilfe. Er hat aber in ihm nicht den Retter, sondern einen Feind herbeigerufen, dem bald ganz Asien und Osteuropa unter den Füßen als Beute liegen sollten. So sind die Tataren
eingeladen worden, die westasiatischen Länder zu erobern und zu beherrschen. Aber wenn auch der arabische Chalif die Tataren nicht herbeigerufen hätte, wären sie doch gekommen, weil ein
Welteroberer nicht auf eine Einladung wartet, sondern nur auf seine Macht und auch die Lage seiner Umwelt Rücksicht nimmt. Hier ist nicht der Ort, alle Ursachen und Anlässe für die Bewegungen der
Mongolen nach Westen hin aufzuzählen.
Am politischen Horizont des Orients waren die Überfälle der türkisch-tatarischen Stämme keineswegs etwas Neues. Aber die Tataren waren die schrecklichsten unter allen. Denn sie vernichteten nun
vollkommen die spärlichen Reste der Kultur und Zivilisation, die von den Seldjuken übrig geblieben waren; sie machten aus Mittel- und Vorderasien einen Haufen trauriger Ruinen. Der Orient lag wie
eine Wüste; die reichen, prachtvollen und verkehrsreichen Großstädte wurden geplündert, die monumentalen Gebäude niedergerissen. Von den Schlägen, die ihm die Mongolen versetzten, konnte der
Orient sich selbst im Laufe vieler Jahrhunderte nicht erholen, und manche früher so blühenden Länder haben seitdem eine so hohe Kultur, wie damals, nie mehr gesehen. Diese kleinwüchsigen Mongolen
haben die Kultur im Orient auf lange Zeit zurückgedrängt.
Wenn die einst so ruhmvollen großen Reiche wie Persien, das Chwaresmenreich, das arabische Kalifat in Schutt und Schmach lagen, musste dieser Jammer und dieses Elend in Armenien, wo diese
Zersetzung schon vorher begonnen hatte, noch tiefer und unheilbarer gewesen sein. Das Ziel der türkisch-mongolischen Stämme waren ja die reichen Länder in Vorderasien, und Armenien lag gerade auf
dem Wege, den diese Welteroberer einschlagen mussten. Es stand offen zwischen Westen und Osten, deshalb hat es jedes Mal die Folgen vieler Verwüstungen und Verheerungen tragen müssen. Die Tataren
sind die letzten gewaltigen Eindringlinge in Armenien gewesen. Seitdem hat das Land solche Invasionen und Eroberungen großen Stils nicht mehr gesehen. Aber das Unglück war nicht minder groß und
die fortschreitende Verödung des Landes nicht minder unaufhaltsam, weil die Tataren das Land nicht mehr verlassen haben.
In relativ kurzer Zeit verstanden es die Mongolen, ein gewaltiges, ungeheuer großes Reich zu schaffen, ein Riesenreich, das wir vielleicht nur mit dem alten römischen Reich oder dem heutigen
großbritannischen oder russischen Reich vergleichen können. Das große Reich von China, die Länder vom mittleren Sibirien bis zum Indischen Ozean, Afghanistan, das Chwaresmenreich, Persien, das
arabische Kalifat, Armenien und Kleinasien, Georgien und die Kaukasusländer, das südliche und Mittelrussland bis zur Republik Nowgorod und bis nach Polen und Ungarn hin — das war das Riesenreich
der Mongolen ungefähr um das Jahr 1300. Diese ungleich rasche und ungeheuer große Machtentwicklung der Großchane ist bedingt durch die angeborenen kriegerischen Eigenschaften und den
sozial-individuellen Charakter der Mongolen einerseits und durch die politische, allgemeine Lage der eroberten Länder und Völker andererseits.
Bis jetzt fehlt noch eine zusammenfassende, kritische Geschichte dieses Reiches. Sie ist auch nicht leicht zu schreiben angesichts des Mangels an Einzelarbeiten, die allein den Weg zu einer
allumfassenden Arbeit vorzubereiten imstande sind. Bis vor Kurzem wurde die westasiatische Geschichte seitens vieler europäischer Universalhistoriker als eine Stieftochter betrachtet und hat
deshalb sehr wenig Aufmerksamkeit gefunden. Heute wird, wenn auch noch nicht allgemein, doch von vielen Seiten anerkannt, dass in einer Weltgeschichte kein Platz ist für Vorliebe und Abneigungen
für dieses oder jenes Volk. So ist zu hoffen, dass die Geschichte von Asien, besonders das lange Mittelalter, durch die unermüdliche Energie und geschulte Methode der abendländischen Forscher
bald mehr untersucht und gefördert werden wird, als es bis jetzt der Fall war. Nach den vielen Einzelforschungen wird sich auch der geeignete Mann finden, welcher die Ergebnisse dieser Arbeit zu
einem zusammenfassenden Ganzen vereinigen wird. Vorläufig aber gilt es, mühevolle Detailarbeit zu leisten.
Die Invasion der Mongolen
1. Der tatarische Vortrab in Armenien und Georgien
Die eigentliche Heimat der Mongolen lag nach den Berichten der armenischen Geschichtsschreiber im fernen Osten. Sie hieß mit einem unklaren Namen Tschin-Matschin. Mit dieser Bezeichnung aber
verknüpfte sich wahrscheinlich keine bestimmte geographische Vorstellung — vielleicht nur die einer weiten Entfernung und wahrscheinlich auch, dass dieses Land im fernen Osten lag1. Das Zentrum der Mongolenherrschaft war Gharaghrum-Karakorum2. Hier — im fernen Osten, auf den hochasiatischen Feldern und Steppen — schweiften die verschiedenen tatarischen oder
mongolischen Stämme umher im ewigen Hader gegeneinander, bis ein starker Arm sie unterwarf und die Mongolenmacht gründete. Sämtliche armenischen Quellen geben ganz deutlich an, dass
Tschingis-Chan seine erste Macht auf seinen Sieg über die benachbarten Stämme gründete. Diese Stämme führen bei den armenischen Quellen den allgemeinen Namen Thathar oder Mongol, beziehungsweise
Mughul3.
achdem Tschingis-Chan diese Stämme unter seine Botmäßigkeit gebracht hatte, verbreiteten sich die mongolischen Volkshaufen nach allen Seiten hin, unterwarfen die Nachbarländer und stießen naturgemäß an die großen politischen Komplexe der damaligen asiatischen Völker — China, Indien, Chwaresm, Persien und das arabische Kalifat. Tatarische Spione und Rekognoszierungstruppen verfolgten überall die umliegenden Völker und brachten das Resultat ihrer Spionage dem Großchan der Mongolen zur Kenntnis.
Solch eine Rekognoszierungstruppe richtete ihren Marsch auf Befehl Tschingis-Chans nach Westen, um den Chwaresmschah zu verfolgen. Die Tataren waren schon in das Reich dieses Herrschers, in Transoxanien, eingedrungen und hatten den Schah Mohammed in die Flucht geworfen. Jetzt sandte Tschingis-Chan die oben erwähnte Truppe als Vortrab der tatarischen Großarmee, welche denselben Weg etwas später einzuschlagen hatte. Diese Kundschaftertruppe war es, welche zum ersten Mal den armenischen Boden betrat; sie eroberte auch Persien und legte den Grundstein zur Mongolenherrschaft in Russland. Deshalb scheint es uns geboten, den Weg dieser Truppe und die Zeit ihrer Ankunft genauer auf Grund der Quellenangaben zu prüfen.
Die Befehlshaber der Truppe waren Djapa Noin und Ssabta Bahadur4. Nach der Eroberung Persiens drangen sie gegen Aderbeidjan vor, belagerten und nahmen die reichen Städte Dilman und Maragha und lagerten sich am Flusse Softitschai — auf der Ostseite vom Urmiasee. Schon auf dem Wege dorthin hatten sie zum Großchan Boten geschickt und um die Erlaubnis gebeten, von Aderbeidjan aus in die Kaukasusländer einzufallen und durch das Eiserne Tor (den Paß von Derbend) ins westliche Kiptschak einzudringen. Hier, am Ufer des Urmiasees, erhielten sie die erbetene Erlaubnis und rückten gegen Norden vor. An der Westküste des Kaspischen Meeres entlang und durch das Tor von Derbend drangen sie in Georgien und Aghwank (Albanien) ein. Rasch gingen sie bis zur georgischen Residenzstadt Tiflis vor und zurückkehrend setzten sie sich zwischen zwei Städten, Partaw und Belukum, fest; von da aus verheerten sie das Land Georgien und Aghwank und die nördlichen Gebiete des eigentlichen Armenien. Der georgische König Lascha zog gegen sie und lieferte ihnen mit seinem Feldherrn Iwane eine Schlacht auf einem Feld — Chonan — am Ufer des Flusses Kotman. Auf beiden Seiten wurde mit wechselndem Erfolge gekämpft, endlich gewannen die Tataren die Oberhand. Der georgische König wandte sich zur Flucht und ließ5 viele Tote auf dem Kampfplatz. Dieser Zusammenstoß der mongolischen Macht mit den Georgiern war gewiss noch keine Entscheidungsschlacht, es war aber ein Vorspiel dazu.
Die Zeit der Ankunft dieser Rekognoszierungstruppe ist leicht festzustellen. Tschingis-Chan hatte Ssabta und Tschepe befohlen, die Länder zu durchziehen, zu beobachten und in 3–4 Jahren wieder zu ihm zurückzukehren. Die Generale zogen von Persien in den Jahren 1219–1220 aus und kamen nach Aderbeidjan und Armenien in den Jahren 1220–1221. Darin stimmen fast alle Geschichtsschreiber der Zeit überein. Nach Wardan ist die Ankunft der Tataren Anfang 1221, nach Kirakos Ende 1220. Im Jahre 1221 hatte Ssabta schon den Lascha geschlagen und sich nach Süden zurückgezogen. Hier wartete er auf Verstärkung und auf die Erlaubnis, nach Kiptschak zu marschieren6.
Die Zahl seiner Truppen kann anfangs nicht groß gewesen sein. Leichte Bewaffnung, kleiner Troß — alles deutet darauf hin, dass diese Abteilung ausgezogen ist zu leichteren Operationen, flüchtigen Exkursionen und kriegerischer Spionage7. Diese Truppe konnte höchstens 20 000–25 000 Mann stark sein. Eine bedeutend größere Armee hätte nicht die schnellen, raschen Übergänge und schwierigen Durchmärsche ausführen können8. Die tiefen Täler, schlechten Wege, engen Pässe waren nicht geeignet für die Operationen einer großen Armee. Ssabta erhielt bald Verstärkung und entschloss sich, der westlichen Küste des Kaspischen Meeres entlang nach Norden vorzudringen. Über Täbris, durch Karabagh und die weidereiche Ebene Mughan rückten die Tataren vor, überschritten den Kurfluss und brachen in Schirwan ein, belagerten dessen Hauptstadt Schamachi, verwüsteten sie und zwangen den König, ihnen zehn sichere Führer durch den Paß des Kaukasus zu geben. Der König gab ihnen zehn der vornehmsten seines Hofes. Die mongolischen Heerführer schlugen einem von ihnen den Kopf ab zum warnenden Beispiel für die anderen neun, denen gleiches Schicksal angedroht wurde, wenn sie das Heer irre führten. Dennoch gerieten die Tataren, von den neun Führern verführt, in Engpässe, wo sie von einigen kaukasischen Stämmen überfallen wurden. Endlich aber erreichten sie durch List und kriegerische Umsicht den Derbend-Paß und kamen durch ihn ins freie Land9. Hier, in Südrussland, brachten sie den vereinigten Streitkräften der russischen Fürsten eine folgenschwere Niederlage bei. Die Schlacht an der Kalka im Jahre 122410 war ein Vorspiel für das weitere Schicksal Russlands; sie war der Anfang eines jahrhundertelang dauernden Tatarenjochs11. Nachdem sie Persien und die Kaukasusländer verheert, den kühnen Übergang über die kaukasischen Berge und den Marsch um das Kaspische Meer ausgeführt hatte, eroberte diese erste kaukasische Abteilung Kiptschak und gründete hier das Reich der Goldenen Horde. Darauf kehrte sie nach dem Osten zu Tschingis-Chan zurück. Ihr Ziel war, den Befehl des Großchans genau zu erfüllen, d. h. durch einen Streifzug die westlichen Gegenden genau zu untersuchen und so für zukünftige Eroberungen den Boden vorzubereiten. Die eigentliche Eroberung von Armenien, Georgien und Aghwank ist von einer anderen Mongolenhorde etwas später ausgeführt worden. Um den Überblick über das Gesamtbild der Tatareneroberungen nicht zu verlieren, möchten wir an dieser Stelle kurz das allgemeine Bild der Entwicklung der kriegerischen Macht und Herrschaft der Tataren um diese Zeit kurz skizzieren. Dadurch wird uns das Verständnis für die Unternehmungen von Tscharmaghan und für die Eroberung von Vorderasien erleichtert12.
1Wardan 14, Orbdian 293, Patkanow: *Mongolengeschichte* I, S. 08. Der Name Matsdiin kommt auch bei Reschid-Ed-Din vor, hier aber als Bezeichnung für ein ganz bestimmtes Land, welches an Hindustan grenzt (I, 129). Diese Zusammenstellung Tschin-Matschin finden wir auch bei einem anderen persischen Schriftsteller, nämlich bei Abul-Ghazi, der damit sicher China meint (II, 156). — Der georgische Geschichtsschreiber nennt die Heimat der Mongolen „Tchine-ma-Tchine — terre située du côté de l’Orient“ — Brasset, *Histoire de la Géorgie* I, 485.
2Kirakos 121, Orbelian 299, Abul-Ghazi II, 179. Der Nachfolger und Sohn des ersten Großchans, Ogodaichan, hatte die Stadt erweitert und durch große Gebäude, viele Paläste und Kioske verschönern lassen, aber nicht erst gegründet, wie Brosset (I, 485, Anm. 4) meint. Ritter bestimmt die Ortsstellung dieser Stadt folgendermaßen: „Zwischen dem heutigen Urga und Uljassutal am Orgunfluss“ (G. Lexikon I, 947). Eine ausführliche Schilderung von Karakorum finden wir bei Rubruck, 207; vergl. auch S. Martin, *Mémoires* II, 278.
3Kirakos nennt sie meistens Thathar (56, 95, 103). Orbelian nennt sie Mughal, und nach ihm werden die Mughalen (= Mongolen) nur von den Bauern Thathar genannt; Thathar also wäre danach ein Vulgärname für Mongol (293). Der georgische Verfasser schreibt: „Dans leur langue ils se nomment eux mêmes Mongouls et nous Georgiens les nommons Thathars“. Brosset, 488. — Von den zwei Bezeichnungen war die erstere neu und zur Zeit Tschingis-Chans in Gebrauch gekommen. Der Name Tatar aber war allgemein verbreitet für diese Stämme (vergl. Bartold, Turkestan II, 140; Schmidt, Forschungen, 6). Der Mönch Malakia versucht eine Erklärung für die Bezeichnung Tatar zu geben. Nach ihm bedeutet dieser Name „scharf und leicht“ (3). Abul-Ghazi schreibt: „La racine du mot mogol est Moung-ol. Le peuple, par un défaut de prononciation, a fini par le corrompre et le prononcer mongol. Tous les Turcs connaissent la signification du mot Moung, qui veut dire triste (quaighou); ol signifie sincère, franc (säde die). Moung-ol signifie donc triste-franc“ II, 12. Genau dieselbe Erklärung auch bei Raschid-Eldin II, 95. — Nach H. Purgstall aber (Geschichte d. Gold. Horde, 36) bedeutet das Wort Mong gerade das Gegenteil dessen, was oben angeführt ist — also trotzig, unerschrocken. H. Purgstall weist darauf hin, dass der ursprüngliche Name Tatar bei vielen ausländischen Quellen verstümmelt vorkommt: bei den Europäern — Tartar, bei den Byzantinern — Tocharen und Ataren, bei den Osmanen — Tschodaren. Im 13. Jahrhundert nannten die Europäer die Tataren mit dem Namen Moallen, während andere sie Mangu nannten. Der russische Chronist Nikon legt den Namen Tatar den Polowzen bei (II, 151). Gegenüber dieser allgemeinen Begriffsverwirrung geben die armenischen Quellen vollkommen einstimmig und richtig die Benennung dieses ihnen fremden Volkes wieder. — Der Name Tatar gab den abendländischen Chronisten Anlass zu einem Wortspiel. Sie glaubten, die Tataren seien aus dem unterirdischen Tartaros herausgekommen und nannten sie Tartar; damit gaben sie zugleich ihren Hass und Unwillen gegen dieses Volk Ausdruck. Diese Bezeichnung, die anfangs als ein bewusstes Wortspiel gebraucht wurde, wurde dann allenthalben im Abendlande angewendet. Rémusat, Mémoires, 15, 16.
4Diese zwei Namen kommen zusammen nur bei Mechitar von Airivank vor (86). Kirakos (104) erwähnt nur Ssabta Bahadur. Bei Wardan (174–175) und Malakia (6–7) findet sich zwar eine Erwähnung dieser Avantgarde, aber keine ausführliche Beschreibung und auch keine Angaben über die Namen der Befehlshaber. Orbelian aber schweigt darüber gänzlich. Das georgische Sammelwerk gibt die Namen Jama und Salpian an mit dem Zusatz „in Georgien Souba et Dcheba“ — (Brosset I, 492). Dies sind aber nicht die georgischen Bezeichnungen, sondern die richtigen mongolischen Namen. Dieselben finden wir auch bei muhammedanischen Geschichtsschreibern (Abul-Ghazi II, 70, 125, 129) und bei den russischen Chronisten.
Nach Karamzin (III, 833) hießen die Generale Ssudaja-Bajadar und Tschapnowian. Augenscheinlich sind dies Verstümmelungen der oben genannten Namen.
5Zur Orientierung über die Lage und die örtlichen Verhältnisse in den kriegerischen Operationen der ersten tatarischen Truppen halten wir es für nötig, einige geographische Namen genauer zu bestimmen. Beghametsch befindet sich an der Mündung des Flusses Aras in die Kura, beginnend von dem Fluss Terter, an welchem auch heute ein Dorf Parta, das alte Partaw, liegt. Belkum oder Belugan ist nicht weit von Partaw gelegen. Diese Stadt ist von den Tataren mehrmals verwüstet worden (Patkanow II 110; Anm. 3, auch die Anm. des Herausgebers von Kirakos 100, Klaproth: Aperçu 8). Chonan oder Chunan befindet sich südlich von Tiflis, an der Grenze zwischen Georgien, Armenien und Aghwank. Klaproth hat die Ortschaft besucht; sie heißt heute bei den Nomaden Kyz-Kala. Kotman ist wohl ein Nebenfluss der Kura, vielleicht Gurantschai (Patkanow, die russische Übers. von Malakia, Anm. 8, auch die franz. Übers. von Mechitar von Airivank von Brosset, Seite 105).
6Übereinstimmend mit den armenischen Quellen berichtet auch das georgische Werk: Danach erfolgte die Ankunft und die Schlacht im Jahre 1220–1221 (Brosset 492). Die Expedition von Ssabta hat nach H. Purgstall auch drei Jahre gedauert (89). Wolff (Geschichte der Mongolen, 106) führt einen Bericht über diese Expedition aus chinesischen Quellen an. Noch eine auswärtige Bestätigung für unsere Quellen findet sich bei Abul-Ghazi (125).
7Dem könnten allerdings widersprechen die Angaben von Kirakos (102), der diese Truppe als „schwer bewaffnet“ bezeichnet. Aber die ganze Beschreibung und die weitere Entwicklung der Taten dieser Mongolen bei demselben Kirakos zeigen uns gerade das Gegenteil — dass die Abteilung von Ssabta eine leicht bewaffnete und nicht zahlreiche Truppe war. Das georgische Sammelwerk schreibt ganz deutlich: „Ceux-ci partirent avec 12 000 cavaliers, sans armures ni provisions, n’ayant que leur arc, sans épée.“ Brosset I 492.
8Nach Wardan (174) 20 000 Mann, nach Abul-Ghazi 12 000 (II 125). Ssabta und Tschepe zogen von dem fernen Osten zusammen aus; im Chorassan aber trennten sie sich, Ssabta kam nach Georgien und lieferte dem georgischen König allein die Schlacht. Nach Aderbeidjan zurückkehrend erhielt er Verstärkung, dann eine zweite unter den Mauern von Gandja und erst jetzt konnte er den Weg nach Kiptschak antreten.
9Nach Kirakos (104) mussten die Tataren, um nicht von den verschiedenen kaukasischen Stämmen umzingelt und vernichtet zu werden, das Kaukasusgebirge durchwandern. Sie warfen dabei alles, was sie hatten — Holzgerüste, Pferde, Habe und Beute — weg. Nur auf diese Weise konnten sie durch die engen Schluchten hindurchkommen. Abul-Ghazi erzählt Ähnliches wie Kirakos II, 129.
10Th. Schiemann setzt die Schlacht am Kalkafluss auf den 16. Juni 1223. Vgl. Russland, Polen und Livland I, 169, und Berichte der Akademie der Wissenschaften I und III Bd. 2.
11Es ist interessant, einen Blick in die russischen Chronisten zu werfen und zu sehen, wie diese Ereignisse von ihnen wiedergegeben werden. Leider aber sind diese Chronisten entweder zu dunkel oder zu kurz, sehr oft beides zusammen. Diese Chronisten hatten keine klare Vorstellung von dem Volk, unter dessen Joch das russische Volk jahrhundertelang gebeugt war. Über die erste Schlacht an der Kalka z. B. lesen wir nichts mehr als folgende Sätze: Im Sommer 1224 kam ein nie gesehenes ungeheures Heer, gottlose Moabiter, sie hießen auch Tataren, auch gottlose Ismaeliten (Ipatiewa Chronik II, 163). „Im Sommer 1223–24 kamen Heiden, … von vielen Tataren genannt, von anderen Tauermen, von dritten Petschenegen“ (Erste Nowgoroder Chronik III, 39). Dasselbe bei dem Verfasser der Nikonschen Chronik X, 89. Sogar die späteren Chronisten, wie z. B. die Twersche Chronik (14. Jh.) Bd. XV, wiederholen uns wörtlich das vorher Gesagte. Keine Chronik gibt uns genau an, wer die Tataren sind, woher sie kamen; sie wiederholen nur — fremde Sitten, fremde Sprache, Heiden, Ismaeliten. Darüber wundert sich auch der russische Literaturhistoriker Pypin, indem er summarisch sagt: „Es ist sonderbar, dass der Chronist keine ausführlichen Berichte über den Charakter dieses Volkes mitteilt und nur wiederholt, dass es gottlos, hinterlistig und herzlos ist. In dieser Hinsicht übertreiben unsere Chronisten die Fremden, welche zu den Tataren gereist sind.“ Plano Carpini I, 190. Es wäre logischer und inhaltlich richtiger, wenn der Vergleich nicht mit den europäischen Reisenden, die ja nur deshalb ausgegangen waren, um dieses Volk zu studieren und zu beschreiben, sondern mit den Chronisten und Geschichtsschreibern anderer Nationen gemacht worden wäre. Dann hätte man deutlich sehen können, wie die russischen Quellen in dieser Hinsicht zurückstehen.
12Außer Wolff, Hammer-Purgstall kommen hier noch folgende Werke in Betracht: Köhler, Aboul-Ghazi, M. Petis de la Croix, Huth, Müller, Hefner.
2. Die Mongolen bis zur Ankunft von Tscharmaghan
Das neue tatarische Reich unter dem Großkhanat des kühnen und gewaltigen Tschingis-Chan ist gegen Ende des 12. Jahrhunderts und Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden. Temüdschin — der Besieger vieler tatarischer und türkischer Stämme und mächtiger Herrscher der mittelasiatischen Völkerschaften — hatte sich um 1203 zum Großchan erklärt1. Seitdem datiert seine großzügige Politik und Eroberungstätigkeit nach allen Seiten hin.
Naturgemäß war China das erste Land, mit dem er zu rechnen hatte. Anfangs selbst tributpflichtig, schmähte er bald die Gesandten des chinesischen Kaisers, die zu ihm kamen, um die nicht abgezahlten Gelder abzuholen. Und statt zu gewähren, was man von ihm verlangte, brach er mit seinen bewaffneten Scharen gegen China los, und es entstand ein langjähriger, harter und grausamer Kampf zwischen Tschingis-Chan und China, der damit endete, dass dieses Land sich dem stolzen Mongolen-Großchan zu Füßen warf2.
Die Tataren hielten nicht inne. Ihre Blicke wandten sich gegen den Westen, von dem sie durch reich beladene Karawanen und Reisende vieles Geheimnisvolle gehört hatten. Der üppige Westen — Chwaresm, Persien, das Arabische Kalifat, Kleinasien — zog sie zu sich hin, und die Mongolenscharen schwollen zu immer größeren Massen an. Schon in den Jahren 1215–1220 verbreiteten sich die mongolischen Spione und Streifkorps nach allen Seiten, beobachteten und benachrichtigten ihren Großchan. Dieser, gestützt auf ihre Berichte und geleitet durch seinen gesunden Instinkt, traf seine Anordnungen und schickte seine Truppen, um die Länder zu erobern und den Mongolennamen weit hinaus über die Grenzen seines Reiches überall furchterregend zu machen. In diese Zeit fällt auch die erste Expedition der Mongolen Tschepe und Ssabatai nach den Kaukasusländern und nach Kiptschak.
Der Schwerpunkt der kriegerischen Operationen um diese Zeit lag im Chwaresmenreich und im östlichen Persien. Hier waren die Tataren damit beschäftigt, die Städte zu belagern und zu erstürmen, das Land zu verwüsten und zu verheeren. Die politischen Verhältnisse waren mehr als günstig. In Chwaresm, in Persien, im Kalifat von Bagdad — überall nahmen innere Zwistigkeiten die Herrscher in Anspruch. Thronwirren und Bruderkriege verheerten die Länder. Das war gewiss ein günstiger Boden für Tschingis-Chan, um mit seinen organisierten, einheitlichen und leicht beweglichen Mannschaften seine Herrschaft zu errichten. Der Organisator und der eigentliche Geist aller dieser getrennt marschierenden Heeresabteilungen war Tschingis-Chan selbst, wie es sämtliche Quellen berichten. Unter seinem Befehl wurden die Städte und Festungen belagert und gestürmt, genommen und verbrannt. Nach seinem Willen verwüsteten seine Generäle die unterworfenen Länder. Er war überall mitten in den kühnsten Unternehmungen. Der Oberbefehl über die ungeheuren Heeresmassen, welche ihm zu Gebote standen, war in der Weise organisiert, dass die einzelnen Heerhaufen von seinen eigenen Söhnen befehligt wurden.
Er hatte viele Frauen und viele Söhne, aber in politischer Hinsicht kommen nur vier Söhne in Betracht: Dschütschi-Chan (der älteste), Tschagatai, Ögödei-Chan und Tului3. Der erste war gegen Westen, nach dem Kaspischen Meere, gezogen und hatte von Norden her das Kiptschak erobert und dort die Truppen von Ssabatai übernommen. Von seinem Vater erhielt er das Kiptschakreich als eigenes Herrschaftsgebiet. Sein Sohn und Nachfolger war der berühmte Batu, der Eroberer des übrigen Russland und der Länder bis nach Polen und Ungarn hin. Die anderen Söhne waren in China und in Persien und im Chwaresmenreich beschäftigt. Noch unterwarf sich der Chwaresmschah nicht. Von seiner Residenz losgerissen, irrte er umher und wechselte seinen Wohnsitz, um von den ihn verfolgenden Mongolen nicht gefangen genommen zu werden.
Tschingis-Chan erlebte die endgültige Unterwerfung des Chwaresmschahs nicht. Er starb um 1227; zwei Jahre später wurde auf einem Kurultai (Adelsversammlung) sein Sohn Ögödei zum Großchan erhoben (am 22. Oktober 1229) und nach der Reichsresidenz Karakorum berufen. Der neue Großchan gab die große Eroberungspolitik seines Vaters nicht auf, sondern führte sie in noch größerem Umfange und noch intensiver fort. Mehrere Heeresabteilungen wurden von dem Zentrum des Reiches zur Eroberung hinausgeschickt. Ögödei wollte den Chwaresmschah endgültig unterwerfen und seine Macht völlig vernichten. Zu diesem Zwecke wurde Fürst Tscharmaghan mit 30 000 Mann in sein Reich geschickt, mit dem Befehl, keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Der Chwaresmschah aber — jetzt Sultan Dschalal-eddin (sein Vater, Sultan Mohammed, war auf einer Insel des Kaspischen Meeres gestorben) — flüchtete, von den Mongolen verfolgt, nach Armenien und wies so den Mongolen den Weg in dieses Land.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen können wir unsere Ausführungen nach den Urquellen weiter verfolgen.
1Abul-Ghazi gibt für die Titel Chan und Großchan folgende Erklärung: „Il faut savoir, que voici la signification du mot qaan. Les émirs et le peuple appellent khäqän celui qui est plus qu’un khan en grandeur et en puissance, et celui qui est au-dessus d’un khäqän est appelé qaan. Il n’y a pas de titre supérieur à celui de qaan“ II 173.
2Wie furchtbar die Tataren in China gewütet haben, kann man daraus entnehmen, dass nach chinesischen Berichten von 1211 bis 1223 in China und Nya durch sie 18 470 000 Menschen umkamen (?), Wolff 111.
3Das tibetische Werk nennt sie: Juci, Cägatai, ’Ugetei und Toloi. — Huth II, 28.
3. Tscharmaghan und die Eroberung von Armenien und Georgien
Die Tataren fallen in die Besitzungen des Chwaresmschahs Dschalal-eddin ein, verdrängen ihn aus seinem Reiche und verfolgen ihn auf dem Wege nach Armenien. Dem in ihr Land fliehenden Chwaresmschah stellten sich die armenisch-georgischen Truppen entgegen, sie wurden aber geschlagen. Dschalal-eddin verwüstete darauf die Länder des Sultans von Ikonium. Hier aber brach sich seine Macht an den vereinigten Kräften der Armenier, Georgier und Seldschuken, und der unglückliche Dschalal-eddin wandte sich nach Süden — nach Amid (= Diyarbakır, unweit des alten Tigranokerta), wo er ermordet wurde1.
Das Ankunftsjahr von Dschalal-eddin ist 12252. Die Tataren, die ihn verfolgten, sollen auch gleich nach ihm in Armenien eingebrochen sein; das ist aber nicht der Fall. Die tatarische Hauptarmee kam erst 10–11 Jahre später, um 1235–12363. Wo war sie in der Zwischenzeit? Die armenischen Quellen geben auch auf diese Frage eine befriedigende Antwort: Die tatarische Hauptarmee wurde aufgehalten, weil ihr Weg durch viele asiatische Stämme und Völkerschaften ging, die immer von Neuem unterworfen werden mussten. Die großen politischen Wirren in Mittelasien und Transoxanien hemmten ihren Weg4.
Die Eroberungsgeschichte und überhaupt diese Mongolenperiode schildert am ausführlichsten und charakteristischsten Kirakos, der selbst vielfache Beziehungen zu den Mongolen hatte und sogar die mongolische Sprache verstand. Wir folgen meistens diesem Geschichtsschreiber und werden die Abweichungen von den Berichten der anderen Zeitgenossen an den betreffenden Stellen kritisch wiedergeben.
Nach den Angaben der Quellen hatte sich die Mongolenarmee in drei Abteilungen geteilt. Das mittlere Heer unter dem Oberbefehl des klugen, gewandten Tscharmaghan hatte das Reich des Chwaresmschahs, Persien, dann aber Armenien, Georgien und Aghwank zu erobern. Mit ihm kamen noch drei andere berühmte Generäle, von denen jeder eine eigene Abteilung hatte5. Dieses Heer war ungefähr 30 000 bis 40 000 Mann stark, sehr gut organisiert, in den vielen Kriegen erprobt und in höchstem Maße leistungsfähig6.
Nach Orbelians Bericht „kamen die Mongolen einem wirbelnden Orkan gleich in unser Land — unterwegs alles verheerend und vernichtend“. Persien litt schwer unter den Hufen der mongolischen Rosse. Chorassan und Aderbeidjan büßten ihre blühenden Städte ein. Nachdem sie Nordpersien und alle anschließenden Gegenden erobert hatten, zogen die Tataren nordwärts nach der südwestlichen Küste des Kaspischen Meeres in die Länder Georgien und Aghwank. Hier, nach einem langen, mühevollen Marsche, gaben sie ihren Rossen und sich selbst eine Weile Ruhe. Die fruchtbare Ebene von Mughan war sehr gut geeignet, den Pferden der Mongolen immer grünes Gras zu liefern und ihren Reitern, die an heißes Klima gewöhnt waren, ein warmes Land mit angenehmem Winter zu bieten7.
Die „königliche Stadt Gandzak“ (wie sie Wardan nennt — 177) war das erste Opfer der vereinigten tatarischen Streitkräfte, schon deshalb, weil diese Stadt, die größte und wichtigste des ganzen Landes, zugleich auch der Knotenpunkt für Handel und Verkehr war8. Sie wurde genommen und geplündert, die Bevölkerung teils ermordet, teils in Gefangenschaft geführt. Vier Jahre lang blieb die Stadt ein Trümmerhaufen. Erst dann durfte sie von Neuem, jedoch ohne Mauern, aufgebaut werden.
Nach der Einnahme von Gandzak ging die Eroberung des Landes rasch vorwärts. Georgien, Armenien und Aghwank sind Gebirgsländer, reich an durchkreuzenden Tälern und tiefen Schluchten, engen Pässen, hohen, schwer überwindlichen Bergketten. In solchen Ländern ist es fast unmöglich, mit großen Heeresmassen an einem Punkte zu operieren. Das Gelände bietet dazu sehr selten einen günstigen Spielraum. Außerdem waren im Lande kleine und große Festungen, deren Einnahme große Mühe erforderte.
Die Tataren waren aber mit dem Lande nicht ganz unbekannt. Sie gingen zielbewusst, tapfer und entschlossen an die Arbeit. Das georgische Reich — darunter Nordarmenien (ungefähr das heutige Russisch-Armenien) und Aghwank — wurde unter die Mongolengeneräle durch das Los verteilt. Jeder mehr oder weniger bekannte General bekam seinen Anteil zur Eroberung. Das war eine Eigentümlichkeit der Tataren — das Land durch das Los zu verteilen — und es entsprach auch der natürlichen Gliederung des Landes (Wardan 177, Kirakos 125, 145, Mal. 8).
Wardan gibt die Liste dieser Teilgeneräle: Tschaghatai erhielt die Stadt Lori und Umgebung, Tuchata die Festung Kajan, Tscharmaghan selbst bekam Ani, Kars und Umgebung, Ghatagha-chan erhielt Tscharek, Getabeks, Wardanaschat; Molar-noin endlich erhielt die Aufgabe, die Besitzungen des Großfürsten Wahram zu erobern (Wardan 177).
Es tritt klar zutage, dass die Herren des Landes entweder von dem furchtbaren und gewaltigen Überfall der Mongolen überrascht wurden und keine Zeit zu kräftiger Gegenwehr fanden, oder selbst kraftlos und ohne Streitmacht waren und sich keine Mühe gaben, ihre eigenen Gebiete zu schützen und zu verteidigen.
Das einzige Reich in dieser Gegend, mit dessen Widerstand die Mongolen rechnen mussten, war das georgische. Aber dieses vor Kurzem noch so mächtige und so eroberungslustige Reich hatte nicht mehr die Macht und die Kraft, die es in den Tagen der berühmten Königin Thamar besessen hatte. Seine Provinzen, die die Generäle dieser ehrgeizigen Herrscherin erworben und in das georgische Reich einverleibt hatten, gingen jetzt allmählich an den türkisch-seldschukischen Fürsten verloren. Die georgischen Könige (von der Dynastie der Bagratiden) waren kaum imstande, die alten Grenzen des Landes gegen die stürmischen und unruhigen Scharen zu verteidigen, die immer von Neuem über die reiche Beute herstürzten. Die Macht der Könige war schon von vornherein paralysiert. Denn viele der Fürsten fühlten sich stark genug, um gegen die königliche Macht aufzutreten. Eine gemeinsame Aktion seitens der georgischen Fürsten mit dem Könige war also nicht möglich. Jeder Fürst hatte seine Interessen, und das Interesse des Reiches ging in dieser Kleinkrämerei gänzlich verloren.
Das war die Lage im Norden — in Georgien und im nördlichen Armenien. Dasselbe Bild bot sich auch im südlichen Armenien. Hier hausten schon seit Langem türkische Stämme, die unter sich und mit den Christen in fortwährendem Kampf und Hader lebten. Gänzlich unfähig zu einem gemeinsamen Widerstande, waren sie auch nicht imstande, ihre Gebiete allein zu verteidigen. Und so ist es leicht begreiflich, dass die Tataren sich des Landes sehr rasch und ohne große Mühe bemächtigen konnten.
Es könnte scheinen, als ob wir meinten, dass, wenn die wenigen Fürsten von Georgien und Armenien die Verteidigung des Landes gemeinsam betrieben hätten, ihr Land nicht in die Hände der Tataren gekommen wäre. Das wäre aber völlig falsch und ist keineswegs unsere Ansicht. Wir sind vielmehr der Meinung, dass Georgien, Armenien und Aghwank vor den Tataren nicht lange Stand halten konnten; früher oder später musste diese Länder auch das Schicksal treffen, das über ganz Asien hereingebrochen war. Wenn die gewaltigen Recken von Chwaresm, China, Indien, Persien, das Arabische Kalifat, Russland vor den gewaltigen, einherbrausenden Mongolentruppen weichen mussten — konnten Armenien und Georgien keine Ausnahme machen. Die Mongolenbewegung war gleich einem Orkan, eine elementare und konnte nur an gleich starker Gegenkraft zugrunde gehen9.
Es war selbstverständlich, dass die schutzlose Bevölkerung der Ebenen und Täler nach den Festungen und Burgen fliehen musste, wo sie hinter den festen Mauern ihren Zufluchtsort suchte. Nachdem die Tataren alles auf dem offenen Felde verwüstet hatten, gingen sie gegen die Festungen vor, wo viele Fürsten samt ihren Schätzen und Reichtümern versammelt waren (Kirakos 126, 127). Alle Festungen wurden rasch nacheinander genommen, und jeder Widerstand streng bestraft. Molar-noin — dem die Besitzungen des Großfürsten Wahram zugefallen waren — nahm die Stadt Schamkor, die Festungen Terunakan, Ergewank, Matznaberd, Tawusch, Kazaret, Norberd und Gag. In der Nähe der Festung Tawusch10 — nicht weit vom Dorfe Lorut — hatte der berühmte Mönch Wanakan genannt in einer Grotte eine Kirche errichtet und lebte dort mit seinen zahlreichen Schülern, unter denen auch der berühmte Geschichtsschreiber Kirakos war, und lehrte die Schuljugend. Die Tataren entdeckten aber den Zufluchtsort von Wanakan und zerstörten ihn. Den Mönch selbst und den Geschichtsschreiber Kirakos nahmen sie gefangen. Später ließen die Mongolen den Wanakan gegen hohes Lösegeld frei; Kirakos aber entfloh heimlich.
Ghatagha-noin nahm die Gegenden von Gardman11, Tscharek und Getabeks. Tschaghata belagerte und nahm die berühmte Festung Lori, wo das Haus und die Schätze von Schahanschah waren — des Herrn von Ari. Derselbe General nahm auch die Städte Dumanis und Schamschulde und die georgische Residenz Tiflis. Tuchata oder Ituchata ging nach Kajan, das dem Fürsten Awag gehörte — dem Sohn des tapferen Feldherrn Iwane. Awag, der sich freiwillig ergab, behielt Leben und Gut. Tscharmaghan endlich, der Großnoin und Oberbefehlshaber der gesamten Armee, leitete selbst den Ansturm gegen die festen Mauern von Ani12, nahm die Stadt ein und plünderte sie (im Jahre 1239). Die Stadt Kars ergab sich freiwillig, nachdem sie von dem Schicksal Anis erfahren hatte. Eine kleine Abteilung von Tscharmaghans Armee ging unter Führung von Kara-Bahatur nach Surmalu, nahm Surb-Mari, das heutige Iğdır am Fuße des Ararat. Außerdem nahmen die Tataren viele andere Festungen und befestigte Plätze im Gebirge und verwüsteten sie. Schon im Jahre 1240 war diese ganze Gegend in den Händen der Mongolen (Wardan 181).
Nachdem das gesamte Gebiet verheert und erobert, das Volk teils ermordet, teils gefangen genommen war, die Fürsten entweder zum Gehorsam gebracht oder in die Gefangenschaft geschleppt waren, zogen die Tataren nach Mughan zurück, um den Winter dort zu verbringen. Ähnlich verfuhren sie auch in den folgenden Jahren. Die Streifzüge und Plündermärsche unternahmen sie im Frühling und Sommer, und im Winter zogen sie nach dem warmen und gastlichen Mughan, um dort auszuruhen (Mal. 8, Kirakos 123–146).
Das Resultat dieser Eroberungsperiode war der Gewinn von Georgien, Aghwank, Armenien und Persien. Es blieben noch Kleinasien, Syrien und Mesopotamien. Tscharmaghan konnte aber diese Aufgabe nicht mehr vollbringen. In den letzten Jahren seines ruhmvollen Lebens verlor er die Sprache; er litt an heftigen Schmerzen, die auch seinen Tod herbeiführten. Seine Residenzstadt war Gandzak, wo er nach der Beruhigung des Landes und der Bevölkerung mit seinem Haus und Stab residierte. Hier lebte Tscharmaghan in Reichtum und königlichem Glanz bis 1242. Da musste er sein hohes Amt wegen der schweren Krankheit, die ihn heimsuchte, niederlegen.
1Orbelian 293, Kirakos 117, Wardan 175. Der letztere erzählt, dass zuerst die beiden Söhne von Dschalal-eddin nach Armenien flüchteten mit einem Heere von 200 000 Mann. Bei Kirakos ist davon keine Rede. Es ist ganz klar, dass, wenn der Herrscher von Chwaresm eine so große Armee gehabt hätte, er nicht vor den Tataren zu fliehen gebraucht hätte, umso mehr, da die Tataren, die ihn verfolgten, an Zahl nicht so groß waren. Das georgische Werk gibt die Zahl der Truppen von Dschalal-eddin ebenfalls sehr hoch an, 140 000 (Brosset, 494). Übrigens muss man bei der Benutzung dieses Werkes sehr vorsichtig sein. Diese und andere Zahlen scheinen höchst unzuverlässig. Nach diesem Werk soll Dschalal-eddin in Persien nicht weniger als 600 000 gehabt haben (491). Ferner soll der Sultan von Ikonium Galath-eddin, als er mit Batschu seine Kräfte maß, ein Reiterheer gehabt haben, das mehr als 400 000 Reiter zählen sollte (518–519).
2Wardan 1236 (177), Samuel von Ani 1236 (81), Orbelian 1236 (293), Mechitar von Airiwank 1236 (81), Kirakos erwähnt keine bestimmte Zeit, aber seine ganze Erzählung lässt darauf schließen. Der verdienstvolle Armenist Saint-Martin irrt hier, wenn er meint, diese Begebenheiten in das Jahr 1831 setzen zu dürfen. Vgl. Mémoires II, 860, 871.
3Wardan 1236 (177), Samuel von Ani 1236 (81), Orbelian 1236 (293), Mechitar von Airiwank 1236 (81), Kirakos erwähnt keine bestimmte Zeit, aber seine ganze Erzählung lässt darauf schließen.
4Kirakos (123) und Mechitar von Airiwank sagen sogar ausdrücklich, dass die den Herrscher von Chwaresm verfolgende Armee sehr viel zu tun hatte. Es galt, „die Perser, die Wekranen, die Kusdianen, Chorassan, Medien, Ispahan, Aderbeidjan zu erobern, und alles nach der Reihe erobernd, kamen sie nach Armenien, Georgien und Aghwank“ (Mechitar v. A. 81). Kirakos (123) drückt sich noch klarer aus: „Die Mongolen, um nach Westen kommen zu können, mussten alles, was im Wege stand, niederhauen, zerstören und verwüsten.“
5Nach Kirakos und Raschid-eddin hatte Tscharmaghan folgende vier Generäle in seinem Militärstab: Israr, Ghuthum, Thuthum, Tschaghata. Nach dem georgischen Chronisten kam Tscharmaghan mit folgenden Untergenerälen: Dschaghathar (bei Kirakos Tschaghata), Joser (bei Kirakos Israr, nicht aber Asavur, wie Brosset meint, 511), Bitschoui, der nachmalige berühmte Batschu. Brosset 511.
6Tschingis-Chan gibt den vier Führern dieses Heeres je 10 000 Mann (Brosset 511). Nach Hammer-Purgstall hatte Tscharmaghan nur 30 000 Mann, als er nach Persien und Armenien zog (96). D’Ohsson III 53. Nach Klaproth 40 000 Mann (Aperçu 9). Nach Abul-Ghazi 30 000 Mann, I 146.
7Diese Ebene befindet sich zwischen dem unteren Laufe der Flüsse Kur und Aras. Vgl. Klaproth 10, Patkanow, die Übersetzung von Mal. Anm. 18. Auch bei Kirakos 121, 123, 141, 150, 233; Wardan 144, 151; Orbelian 304. Die einst so fruchtbare und an Weideplätzen reiche Ebene von Mughan liegt heute wasserlos und öde da.
8Die Stadt Gandzak, die Hauptstadt von Aran (das heutige Elisabetpol), ist nicht zu verwechseln mit der gleichlautenden Stadt in Aderbeidjan. Der gewöhnliche Name dieser letzteren war Täbris. Vgl. darüber Manandian 151, Toma-Mezop 17–18, Tschamtschian III 421, Hetum d. O. 14.
9Der russische Historiker sagt sehr richtig, indem er gegen Karamsin polemisiert: „Diese Bewegung der menschlichen Gesellschaft war schrecklich, wie ein Gewitter, Erdbeben oder Hochwasser. Es hieße die großen Geschicke der Geschichte nicht verstehen, wenn man denken wollte, dass die Macht irgend eines Jurijs oder die List irgend eines Daniels dieses Gewitter von unserem Lande hätte fernhalten können.“ Pypin I, 213–214.
10Kurze Angabe über die Ortslage der im Texte genannten Festungen findet man bei Emin in den Anmerkungen zur Übersetzung von Wardan 176. Vgl. auch Malakia 8.
11Gardman war ein bekannter Kreis in der alten Provinz Udi und erstreckte sich am linken Ufer des Kurflusses. Die Hauptorte dieses Kreises waren Pardav, Chaghchagh, Chamkor, Hunarakert. S. Martin I, 89–90.
12Ani, die vielberühmte Residenz der Bagratiden-Dynastie in Armenien, gelegen am Zusammenfluss zweier Ströme, die in den Aras münden. Im 11. Jahrhundert zählte Ani 100 000 Häuser und 1000 Kirchen (nicht 100 000 Einwohner, wie H.-Purgstall übersetzt; im Text bei S. Martin steht ja deutlich „cent mille maisons et mille églises“, S. Martin I, 112). Nach der Aufhebung der Bagratiden-Dynastie wurde Ani ein Zankapfel zwischen den Türken, Griechen, Georgiern, bis es endlich die Tataren nahmen. Der Petersburger Professor N. Marr ist in den letzten Jahren damit beschäftigt, die Wunder dieser alten herrlichen Stadt aufzudecken, und dank seiner unermüdlichen Energie ist vieles schon aufgedeckt worden.
4. Batschu und die Eroberung von Kleinasien.
Noch vor dem Tode von Tscharmaghan wurde ein anderer Fürst, Batschu, vom Großchan zum Nachfolger ernannt, mit dem Befehl, sofort zur Eroberung der kleinasiatischen Reiche aufzubrechen. Batschu war mit Tscharmaghan zu gleicher Zeit nach Westen gekommen. Aber solange Tscharmaghan die Führung der gesamten Armee inne hatte, war Batschu nur ein Unterführer und konnte selbstständig nichts unternehmen1.
Die Ernennung von Batschu erfolgte im Jahre 1242. Er ging sofort daran, die Befehle des Großchans zu erfüllen und Kleinasien zu erobern. Er eröffnete damit die zweite Epoche der mongolischen Eroberungen in den armenischen und kleinasiatischen Ländern.
Das erste, was er tat, war die Belagerung und Einnahme der Stadt Karin (das alte Theodosiopolis, das heutige Erzurum im türkischen Armenien) im Jahre 1242. Die blühende, handelsreiche und schöne Stadt wurde wegen ihres Widerstandes streng bestraft, unzähliger Schätze beraubt und die Bevölkerung niedergemetzelt2. Es war ein ruhmvoller Anfang einer weitgehenden und groß angelegten Aktion. Der damalige Sultan von Ikonien, Chiat-Eddin3, konnte nicht ruhig zusehen, wie die drohende Gefahr sich seinem Reiche näherte. Er sammelte seine Streitkräfte und zog den Tataren entgegen. Das Zusammentreffen fand im westlichen Armenien in der Nähe eines kleinen Städtchens Tschmankatukn statt, wo der Sultan nach einem heftigen und verzweifelten Ringen aufs Haupt geschlagen wurde und die Flucht ergriff. Daraufhin nahmen die Tataren rasch nacheinander viele Städte und Festungen in Kleinasien. Sie zerstörten Caesarea in Kappadokien, plünderten Sebastia, nahmen Erzincan, Ikonion — die Residenz der kleinasiatischen Seldschuken —, dann Türkei4. Rasch und energisch eroberten die Mongolen das reiche, blühende Kleinasien und schwer beladen mit reicher Beute zogen sie sich im Jahre 1243 nach ihren Winterwohnungen in Armenien und Aghwank zurück. Batschu konnte sich rühmen, der Sieger und Eroberer der kleinasiatischen Fürstentümer und Städte zu sein. Vor ihm ergriffen Könige und Sultane die Flucht. Selbst der übermütige Sultan von Ikonien, der mächtigste Herrscher in diesen Gegenden, wurde besiegt und musste von Ort zu Ort fliehen, um nicht in die Hände der Tataren zu fallen. Er hatte seine Frauen und seinen Hausschatz bei dem kleinarmenischen König Hethum in Sicherheit gebracht.
Der armenische König von Kilikien, Hethum, war klug genug, um nicht zu warten, bis die Tataren kämen und sein Reich dem Boden gleich machten. Er war vorsichtig und hatte zu rechter Zeit sein Reich vor dem gewaltigen Gewitter zu schützen verstanden5. Als die Tataren das Reich von Ikonien zerstörten, verlor Hethum keine Zeit, und nach einem mit seinen Brüdern und Reichsfürsten gehaltenen Rat ging er zu Batschu und bot seine Unterwürfigkeit an. Er bat den Tatarenfeldherrn, ein Bündnis „der Liebe und des Gehorsams“ zu schließen, versprach ihm gehorsamer Untertan zu sein, unter der Bedingung aber, dass auch die Tataren sein Land und Reich frei von ihren Streifzügen lassen. Dem Batschu war der freiwillige Gehorsam des armenischen Königs, dessen Reich allerdings ein immerhin mächtiges Bollwerk gegen das ikonische Sultanat war, sehr willkommen. Batschu hatte aber auch eine Bedingung. Hethum musste nämlich die Mutter, die Frauen und die Tochter des ikonischen Sultans den Tataren ausliefern. Das war gewiss gegen das Gastrecht, aber es war auch das einzig politisch Vernünftige. Das Friedensbündnis wurde im Jahre 1243 geschlossen, und seit der Zeit hatte Hethum seitens der Mongolen nichts zu fürchten6.
Nachdem Batschu die Macht der kleinasiatischen Seldschuken gebrochen und ein doppeltes Bündnis mit Hethum geschlossen hatte, wandte er sich nach Georgien, welches schon von Tscharmaghan erobert war, dann aber wegen seiner Berglage und seiner immer noch bedeutenden politischen Macht halb unabhängig geworden war. Damals regierte in Georgien Rusudan, die Schwester des georgischen Königs Lascha. Lascha hatte einen Sohn hinterlassen mit Namen David, der seinem Vater nachfolgen sollte. Rusudan hatte aber das zu verhindern versucht, indem sie diesen David nach Ikonien schickte, damit er dort zugrunde gehe. Sie hatte auch einen Sohn, ebenfalls mit Namen David. Nun wollte die Königin ihren Sohn zum Thronfolger machen. Auf diesem Boden entstanden Thronstreitigkeiten, die von den Tataren sehr klug ausgenutzt wurden. Sie brachten es dahin, dass in Georgien zwei Könige auf einmal regierten: David, der Sohn von Lascha in Tiflis, und der andere David in Svanetien. Das Ergebnis war, dass die Königin und nachher auch der König David sich den Tataren ergaben. Als diese die Spur einer Verschwörung gegen ihre Macht in Georgien entdeckten, nahmen sie viele Fürsten, unter diesen den König David selbst, gefangen. Ein großer Teil der Gefangenen wurde getötet, und auf diese Weise wurde das Land zur Ruhe gebracht.
Von Georgien zog Batschu noch einmal durch das Land. Er rückte diesmal gegen Süden vor. Die Stadt Chlath oder Achlath am Vansee wurde genommen. Dann ging er nach Syrien, nach Amida, Urfa, Scham (= Damaskus), konnte aber daraus nicht viel Nutzen ziehen, da die Tataren die glühende Hitze nicht vertrugen. Deshalb musste Batschu seine Streitkräfte zurückziehen, ohne irgendeinen Erfolg hier zu erreichen. Kirakos sagt nachdrücklich, dass Batschu zurückging, nicht als ob er geschlagen wäre, sondern weil die Mongolen das Klima des Landes nicht vertragen konnten. Die Mongolen kamen jetzt wieder nach Armenien und Aghwank zurück, zu ihren Winterwohnungen in Mughan. Batschu durfte jetzt auf seinen Lorbeeren ausruhen. Kleinasien nebst Armenien und Georgien stand unter seiner eisernen Herrschaft. Tataren geboten überall im Lande. Es blieb nur das Arabische Kalifat in Mesopotamien, das den Tataren noch immer seine Unterwürfigkeit verweigerte. Dessen Eroberung aber war einem anderen Mongolen, diesmal einem kaiserlichen Prinzen, vorbehalten — dem wohlberühmten Hulagu-chan. Diese zweite Periode der Mongoleneroberungen in Westasien dauerte ungefähr zehn Jahre, 1242–1252.
Als das Land beruhigt war und die kriegerischen Operationen aufgehört hatten, kamen aus dem fernen Osten — aus Karakorum — zwei Männer, Arghun und Bucha, um in den eroberten Ländern das Volk zu zählen und zu besteuern7. Nach der politischen, militärischen Eroberung kam jetzt die finanzielle Ausbeutung der Länder. Darin waren die Tataren viel strenger und rücksichtsloser. Wegen der unerhörten Strenge und Härte des Steuersystems mussten viele Fürsten und Könige sich zu dem Großchan begeben. So auch der armenische König Hethum, der sich persönlich an Batschu, dann aber an den Großchan selbst wandte.
Großchan war zu der Zeit Möngke, der im Jahre 1251 den Thron bestieg. Seine Lebensaufgabe war, die tatarischen Besitzungen und Eroberungen abzurunden und zum Abschluss zu bringen. Im Westen bestand noch, wie gesagt, das Arabische Kalifat; jetzt sollte es auch fallen, und zu diesem Zwecke schickte der Großchan seinen Bruder Hulagu-chan nach Westen8.
1In dieser Hinsicht scheinen uns die Vorwürfe gegen Batschu völlig unrichtig und grundlos, welche Raschid-ad-Din dem Hulagu in den Mund legt: „Du bist mit Tscharmaghan zu gleicher Zeit weggegangen; was hast du getan, welche Armee hast du besiegt, welchen Feind hast du zum Gehorsam gezwungen?!“ I, 223. Übrigens berichtet derselbe Raschid-ad-Din in seinem Buche an einer anderen Stelle, dass die Oberherrschaft über die gesamte Armee früher in den Händen von Tscharmaghan war und später an Batschu übergegangen sei. I, 137.
2Die Ernennung von Batschu und die Belagerung und Einnahme der Stadt Karin erfolgten nach Wardan (180) und Kirakos (152) im Jahre 1242. Malakia setzt dies jedoch in das Jahr 1239; damit trifft er aber keineswegs die Wahrheit. Es ist möglich, dass er damit einen kleinen Streifzug erwähnt, der in diesem Jahre stattgefunden haben könnte.
3Sein voller Name war Ghijats ad-Din Kai Chosrau. Er war der Sohn des berühmten Ala ad-Din Kai Kobad und regierte acht Jahre in Ikonien, 1238–1246.
4Kirakos 155, Wardan 180. Bei Malakia geschieht es im Jahre 1240.
5Diesen König Hethum nennen die Araber Hatim, die Kreuzfahrer Haithon. „Mit goldener Krone gekrönt, mit goldenem, geweihtem Zepter in der Hand, auf hohen goldenen Thron gesetzt, füllte er denselben fünfundvierzig Jahre mit umsichtigem Geschick, sein Schiff durch den Flutenschwall ungeheurer Heeresmacht und die Klippen der Eifersucht der Könige Georgiens glücklich durchsteuernd.“ Hammer-Purgstall, Geschichte d. Ilch. I, 163.
6Kirakos 156, Malakia 16. Bei Wardan und Hethum, dem Geschichtsschreiber, gibt es von diesem Bündnis keine Erwähnung.
7Die Ankunft der Steuerbeamten setzt Wardan (182) in das Jahr 1253, Malakia (22) nach 1251 und Kirakos (209) erst 1254. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich, wenn wir erwähnen, dass Arghun zu seinem Amt schon früher ernannt wurde; er war aber nicht gleich nach der Ernennung nach Westen gekommen, sondern erst später. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Malakia das Ernennungsjahr angibt, während Wardan und Kirakos das Jahr seiner Ankunft nennen. Bei dieser Gelegenheit bemerken wir, dass die Vermutung von S. Martin (M. II 282), die Volkszählung und Besteuerung des Landes habe im Jahre 1251 stattgefunden, nicht begründet ist. Wie gesagt, Arghun war früher in Persien und hat da sehr wahrscheinlich im Jahre 1251 die Volkszählung vorgenommen (Raschid-ad-Din I, 178), welche sich aber nicht über Armenien erstreckte, da Arghun in Armenien erst mit Hulagu ans Werk ging.
8Das Ankunftsjahr von Hulagu-chan ist von den armenischen Geschichtsschreibern ziemlich einstimmig angegeben. Nach Hethum, dem Geschichtsschreiber, ist der König Hethum 1253–54 zu dem Großchan gegangen, dort ungefähr neun Monate geblieben und mit Hulagu zurückgekehrt. Es ergibt sich also das Jahr 1255 oder Anfang 1256. So berichten Hethum d. G. (42), Wardan (182), Kirakos (217). Stephanos Orbelian ist sehr kurz und karg an Worten. Einen anderen Ton schlägt anscheinend Malakia an. Nach ihm (25) sei Hulagu erst im Jahre 1257 gekommen; er gibt hier aber sicher nicht das Ankunftsjahr von Hulagu, sondern den Beginn der kriegerischen Operationen gegen das Kalifat an. Auch Raschid-ad-Din (I, 149) und das georgische Werk (Brosset I, 539) stimmen mit den Angaben der armenischen Quellen überein. Vgl. auch Hammer-Purgstall, Geschichte d. Ilch. I, 87.
5. Hulavu-chan und die Aufhebung des Arabischen Kalifats von Bagdad.
Mit Hulavu kamen seine beiden Söhne Abagha und Ismut nach Westen; ferner sein Bruder Suntai, sein Stiefschwager Bugha-Timur, der Neffe Tagutar, sowie drei Vettern: Bulghai, Kuli und Kotar. Der offizielle Befehl der adligen Versammlung — Kurultai — und des Großchans Möngke an seinen Bruder Hulavu lautete: „Die Burgen der Assassinen zu brechen, dem Chalifen das Joch der Untertänigkeit aufzulegen, in allem sich mit der Frau Tokus-Chatun zu beraten.“ Als seinen Sitz wählte er das schon bekannte und von den Tataren lange Jahre benutzte Mughan, wo Batschu sich aufhielt. Jetzt musste Batschu auf Hulavus Befehl mit seinem Haus und Heer nach Kleinasien weichen, wo er nochmals das Land durchzog.
Bevor Hulavu nach Armenien kam, hatte er den ersten Teil des Befehls in Erfüllung gebracht, den er vom Großchan erhalten hatte, nämlich die Aufhebung der Assassinenmacht. Der Meister dieses interessanten Ordens war Alaeddin, der 1255 ermordet wurde. Dessen Sohn Rukn ad-Din hat sich dem Hulavu-chan im Jahre 1256 ergeben. Die Hauptfestungen dieses kriegerischen und mordgierigen Ordens lagen hauptsächlich in der Gegend Kuhistan und besonders in dem Gebirge von Masandaran. Die berühmteste befestigte Ort aber war die Burg von Alamut, auf einem hohen, steilen Hügel nordöstlich von Qazvin gelegen und von einer langen Reihe von Mauern umgeben.
Nach der Einnahme dieser Festung war die Macht der Assassinen völlig gebrochen und ihr Orden aufgehoben1.
Jetzt schritt Hulavu-chan zu den Vorbereitungen zur Belagerung und Einschließung von Bagdad, der Residenzstadt der Chalifen. Er befahl allen seinen Kriegskräften, sich zu konzentrieren und von verschiedenen Seiten her nach Bagdad zu marschieren. Batschu und der König Hethum sollten von Westen her den Weg sperren und an den Ufern des Tigris Wache halten, damit die Araber nicht aus der Stadt zu fliehen versuchten. Hulavu-chan hatte von Bagdad eine große Meinung. Überhaupt überschätzten die ersten mongolischen Fürsten und Feldherrn die Kräfte und die Macht des Kalifats von Bagdad, sonst hätten sie schon früher den Angriff gegen diese Stadt versucht. Sie hätten dafür genug Kräfte gehabt, wagten aber den Sturm nicht, weil sie ihren siegreichen Namen und stolzen Ruf nicht auf die Probe stellen wollten. Dadurch ist es erklärlich, dass jetzt Hulavu-chan alle seine kriegerischen Kräfte, die im westlichen Asien operierten, zur Belagerung der Stadt Bagdad heranzog2. Die Stadt wurde im Jahre 1258 belagert und in demselben Jahre genommen. Mit dem Tode des Chalifen Mustansir (Wardan 184), der sein Ende von der Hand Hulavus selbst erhielt, hörte das Kalifat Bagdad auf zu existieren, nach einem Leben von 515 Jahren3.
Auch über Syriens Schicksal war entschieden worden. In demselben Jahre übertrug Hulavu-chan seinem jüngeren Sohne — Ismut — die Belagerung der Stadt Martyropolis (= Mayyafariqin). Die festen Mauern und der entschlossene Mut der Einwohner hatten die Stadt lange Zeit gegen die Angriffe der Mongolen gehalten. Endlich aber, im Jahre 1260, durch Hungersnot gequält, musste sie sich dem Feinde ergeben, der ohne Schonung mit ihr verfuhr4.
Unterdessen war aber Hulavu-chan nicht müßig. Der westliche Teil Mesopotamiens und Syrien waren von den Tataren entweder gar nicht oder sehr oberflächlich berührt worden. Jetzt waren sie an der Reihe. Umgeben von den verbündeten Königen und Fürsten rückte er mit dem ganzen Vasallenheer gegen das syrische Mesopotamien vor. Sein Hauptziel war diesmal, die Residenzstadt des Sultans von Aleppo zu gewinnen; sie wurde sogleich von ihm belagert. Bald darauf wurden die übrigen großen Städte in dieser Gegend eingenommen: Damaskus, Harran, Urfa, Amida, Mardin. Das gewaltige Eindringen des Feindes hatte jede Möglichkeit irgendeines Widerstandes zunichtegemacht. Das syrische Mesopotamien ging seinem Untergang gänzlich laut- und kraftlos entgegen. Nach der Eroberung des Landes ließ Hulavu einen seiner Generäle, Kith-Bugha, als Statthalter und Oberbefehlshaber der mongolischen Truppen im Lande zurück und ging selbst in seine Winterquartiere nach Armenien und Aghwank zurück.
Die Eroberung von Mesopotamien wird von den armenischen Quellen nicht übereinstimmend erzählt. Abweichend von Kirakos und Wardan berichten Malakia und Hethum der Geschichtsschreiber. Nach Hethum war der Organisator und der Plangeber dieses Feldzuges der armenische König Hethum. Hulavu wollte nach Jerusalem ziehen, Hethum aber machte ihn darauf aufmerksam, dass die Eingangspforte nach Jerusalem die Stadt Aleppo sei; deshalb solle Hulavu-chan zuerst diese Stadt erobern und das ganze Mesopotamien, erst dann aber Jerusalem. Der König Hethum ist so klug und mit den Tataren befreundet, dass er sogar dem Großchan Möngke Ratschläge gibt, und was das Wunderbarste ist, er stellt dem Möngke Bedingungen in einem Augenblick, da er zu ihm als Bittender gegangen war, um die Abschaffung des harten und strengen Steuersystems zu bewirken. Diese Bedingungen sind so charakteristisch sowohl für den Geschichtsschreiber wie auch für die damaligen Verhältnisse und Wünsche, dass wir sie hier anführen. Erstens bat der armenische König Hethum den Großchan Möngke, dass er mit seiner Familie sich zum Christentum bekehre und sich taufen lasse; zweitens, um ewigen Frieden und ewige Freundschaft zwischen ihm und dem Großchan; drittens sollte der Großchan gestatten, in allen eroberten Ländern christliche Gotteshäuser zu erbauen und die Armenier sollten frei bleiben von allen Steuern und Fronarbeiten; viertens solle der Großchan das Heilige Land und das Heilige Grab den Ungläubigen nehmen und den Christen geben; fünftens solle er das Arabische Kalifat in Bagdad aufheben; sechstens sollten alle Tataren bereit sein, dem armenischen Könige militärisch behilflich zu sein, wenn dieser es für nötig hielt; und siebentens sollten alle Provinzen im armenischen Lande, welche von den Tataren erobert waren, dem armenischen König zurückgegeben werden. Der Großchan nahm diese Bedingungen an und trat mit dem armenischen König in ein Schutz- und Trutzbündnis ein5. — Es ist nun ganz klar, dass wir einen höfischen Chronisten vor uns haben, dessen Angaben mit großer Vorsicht und Vorbehalt aufzunehmen sind. Die historische Wahrheit scheint uns zu sein, dass der König Hethum als ein Vasallenfürst den Tataren überallhin folgte, wo sie in der Nähe seines Reiches etwas unternahmen, und dass er als Sachkundiger und treuer Untertan manchmal auch behilflich war in der Überwindung der Schwierigkeiten, die das Land bot.
Nach der Eroberung des syrischen Mesopotamien und Bagdads waren in den Händen der Tataren Armenien, Georgien, Aghwank, Persien, Kleinasien, Mesopotamien, Syrien und Palästina — also das ganze südwestliche Asien. Und Hulavu-chan war in diesen Gegenden der mächtigste aller Herrscher. Militärische Begabung, seine Tapferkeit und Entschlossenheit, vor allem seine königliche Abkunft schufen ihm die höchste Stellung im westlichen Asien. Es fehlte aber nicht an Widerspruch. Königlicher Abkunft war nicht er allein. Unter seinen Feldherrn und Generälen waren manche, welche sich einer gleich hohen Abstammung rühmten. Jetzt, nach der Beilegung des Krieges, fingen die inneren Zwistigkeiten und Herrschaftsansprüche an laut zu werden. Mit Hulavu waren, wie schon erwähnt, sechs königliche Prinzen gekommen (Mal. 23). Jeder von ihnen erhob unverdiente Ansprüche auf große Teile der Herrschaft. Den unruhigen Elementen half von Norden her Berke, der Nachfolger von Batu und Sartaq, der mächtige Gebieter aller Streitkräfte, die jenseits des kaukasischen Gebirges, an der nördlichen Küste des Kaspischen Meeres und an der Mündung der Wolga standen.
Hulavu-chan musste gegen alle diese Anschläge seiner Angehörigen kämpfen. Er ließ alle königlichen Prinzen töten, welche bei ihm waren. Dann lieferte er dem Berke an den Ufern der Wolga eine große Schlacht, die aber unentschieden blieb, da das Eis auf dem Flusse zerbarst und viele Krieger beider Heere in den Fluten den Untergang fanden. Diese feindlichen Angriffe zwischen beiden Lagern dauerten fünf Jahre (bis zum Jahre 1266), da es keinen Hulavu-chan mehr gab.
Nach unseren Quellen beruht die eigentliche Ursache der Feindseligkeiten zwischen dem Süden und Norden auf dem Unterschied der religiösen Sympathien. Hulavu-chan selbst äußert sich unserem Geschichtsschreiber Wardan gegenüber in folgender Weise: „Unsere Brüder führen gegen uns Krieg, weil wir die Christen gern haben und weil das Christentum in unseren Häusern Zutritt hat. Sie aber (unsere Brüder) stehen mit den Mohammedanern gut, und bei ihnen herrscht die mohammedanische Lehre“6. — Gewiss kann die Religion eine Rolle gespielt haben und hat sie auch ohne Zweifel gespielt; es ist aber nicht zu verkennen, dass das Hauptgewicht dabei auf das politische Moment fällt. Die nördlichen Herrscher wollten den Süden, also das ganze Gebiet von Hulavu-chan, unter ihre Botmäßigkeit bringen. Diesen wahren Grund finden wir in dem wertvollen Zeugnis von Marco Polo, dieses scharfsinnigen und klugen Beobachters der Zeit. Er sagt: „Im Jahre 1261 gerieten zwei große Herrscher in Zwietracht, der Herrscher der östlichen (südöstlichen) Tataren, Hulavu, und der Herrscher der westlichen (nordwestlichen) Tataren, Berke. Der Streit entbrannte wegen der angrenzenden Provinzen zwischen den Reichen beider Herrscher. Jeder von ihnen wollte diese Gegenden beherrschen, und keiner von ihnen wollte dem anderen nachgeben. Sie beide beharrten starr auf ihren Ansprüchen“7. Es ist bekannt, dass dies die in Frage kommenden Provinzen Aran und Aderbeidschan waren, südlich vom Kaukasus8.
Mitten in diesen brüderlichen Feindseligkeiten vergaß Hulavu nicht, sein privates Leben noch bequemer auszugestalten. Er war der mächtigste Alleinherrscher in seinem Gebiet; als mild und gnadenreich schildert ihn Malakia: „Viele Könige und Sultane kamen zu ihm mit den Zeichen tiefen Gehorsams, mit kostbaren Geschenken und Gaben; Hulavu-chan wurde in solchem Maße groß und reich, dass niemand sein Heer, seine Pferde und seine Schätze zählen konnte. Teure Kleinode und Perlen waren bei ihm wie Sand im Meere, ich schweige von der Fülle an Gold, Silber, Rossen und Herden, die weder Maß noch Zahl hatten“ (31). Dieser reiche und mächtige Hulavu wollte sich einen Sommerpalast bauen lassen. Als dazu geeignete Stelle wählte er den Ort der Sommerresidenz der armenischen Könige der Arsakiden-Dynastie, auf dem Feld Darn, welches von den Tataren den Namen Alatagh erhielt9.
Im Jahre 1265 erschien am Himmelsgewölbe in Armenien und in den umliegenden Ländern ein seltsames Phänomen — ein wundersamer Stern, welcher von den Geschichtsschreibern als ein Vorzeichen von Hulavus Tod gedeutet wurde. Denn Hulavu-chan ist kurz nach dieser Erscheinung gestorben10. Sein Nachfolger wurde sein ältester Sohn Abagha im selben Jahr 1265. Dieser regierte 18 Jahre und starb im Jahre 128311.
Mit Hulavu-chan ist die dritte Periode und damit auch der ganze Zyklus der mongolischen Eroberungen im westlichen Asien abgeschlossen. Hier gab es kein Land mehr, welches von den Mongolen nicht wenigstens einmal erobert worden wäre. Die folgende lange Zeit, eigentlich die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts und darüber hinaus, ist eine Periode innerer Kämpfe unter den Tatarenfürsten und Chanen im westlichen Asien, eine Zeit systematischer Ausbeutung der Völker und Länder durch diese Chanen und deren Steuerbeamte. Alles, was die Quellen in dieser Epoche von den Tataren berichten, lässt sich auf das Gesagte reduzieren. Die Wiedergabe dieser Dinge bietet an sich nichts Charakteristisches für die Geschichte dieser Zeit, deswegen unterlassen wir es, und das umso mehr, als wir in einzelnen Abschnitten die inneren Verhältnisse in Bezug auf die mongolische Verwaltung, Religion und Einrichtungen wiederzugeben haben. Außerdem werden wir im Anhang eine genealogische Übersicht aller mongolischen Chanen und Fürsten geben, welche bei den armenischen Geschichtsschreibern vorkommen; auch die Nomenklaturen der Tatarengeneräle und Feldherren, welche in Armenien und in den Nachbarländern tätig waren.
1Kirakos 219, 20. Hethum d. G. nennt die Hauptstadt der Assassinen Dikaton (44). Von den Assassinen berichtet recht ausführlich Marco Polo I, Kap. 57, 41–43. Vgl. auch bei Hammer-Purgstall, Geschichte d. Ilch. 103.
2Batschu gibt diesem Gedanken folgendermaßen Ausdruck (in seiner Antwort an Hulavu-chan): „En effet, cette ville à raison de son immense population, de ses armées nombreuses, de la quantité d’armes et munitions qu’elle renferme, des chemins étroits et difficiles, qu’il faut franchir pour y arriver, ne peut que difficilement être envahie par une armée.“ Raschid-ad-Din I, 225.
3Der Untergang des Bagdadischen Kalifats und die Einnahme der Stadt sind von den armenischen Quellen ziemlich ausführlich geschildert worden. Am längsten verweilt dabei Kirakos (220–224), der die Erzählung eines Augenzeugen mitteilt. Die letzten Tage des Kalifats sind interessant beschrieben von Kirakos, Hethum d. G. (45–46), Wardan (184), Malakia 26. Auch sehr vieles ist darüber bei Marco Polo zu lesen, I, Kap. XXV, S. 33–36.
4Belagerung und Einnahme der Stadt Bagdad ist nach Kirakos im Winter erfolgt. Im Frühling des folgenden Jahres war Ismut schon vor den festen Mauern der Stadt Mufarghin, also im Frühjahr 1259; dann kam die längere Belagerung, und die Stadt wurde 1260 genommen. Damit stimmen Malakia (27), Wardan (184), Raschid-ad-Din (I, 375) überein.
5Hethum d. G. (440–441). Ein anderes sehr amüsantes Bild dieser Freundschaft zwischen Hethum und dem Chan zeichnet derselbe Geschichtsschreiber: Der Sohn von Hulavu, Abagha, bietet das ikonische Königreich dem armenischen König Leo (Sohn des Hethum) an, „weil dessen Vater und er selbst den Tataren immer treu waren“.
6Dieselben Gründe bringen auch die mohammedanischen Schriftsteller. Raschid-ad-Din erzählt, dass Berke sehr aufgeregt war, dass Hulavu so rücksichtslos gegen die Mohammedaner vorgehe.
7Marco Polo, Kapitel 221, Seite 338. Dieses Motiv lässt sich auch bei Raschid-ad-Din erkennen: „La puissance de Berke lui devient importune.“ I, 391.
8D’Ohsson III, 379.
9Mal. 32, Kirakos 233, Orbelian 304, Patkanow: Die Übersetzung von Mal. S. 71–73.
10Mal. 36, Kirakos 234. Nach Hethum (50) und Orbelian (307) starb Hulavu im Jahre 1264.
11Orbelian 307, Mal. 37, Hethum 50.
Quelle: Georg Altunian: Die Mongolen und ihre Eroberungen in kaukasischen und kleinasiatischen Ländern. Berlin, 1911.
© Carsten Rau
