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Das Söldnertum und die deutschen Ritter.

Es handelt sich hier nicht um die Frage, ob die deutschen Ritter für Sold gedient haben. Diese ist ja ohne weiteres zu bejahen und bietet keinen Anlass, über sie geringschätzig zu denken. Denn schon im 13. Jahrhundert sind Ritter für Sold nach Italien in kaiserlichen Kriegsdienst und nach Kleinasien in die Kreuzzüge geritten (vgl. oben S. 50). Und auch heute dienen Soldaten und Offiziere, hohe und höchste Beamte um Sold, und im 14. Jahrhundert sehen wir den König von Böhmen im französischen, wie den Grafen von Savoyen im päpstlichen Solde das eigene und ihrer Mannen Leben aufs Spiel setzen. Es ist dies mit dem Dienst unzähliger deutscher Gelehrter und Künstler, Architekten und Ingenieure, Kaufleute und Offiziere der Gegenwart zu vergleichen, die in fast allen Ländern und Städten des Auslandes von fremdem Gelde besoldet für fremde Zwecke arbeiten.

Hier steht vielmehr die Frage zu beantworten, ob die deutschen Ritter des 14. Jahrhunderts in Italien in dem Sinne Söldner waren, dass sie bald dem Freund, bald dem Feind ihre Dienste anboten, heute dem Guelfen, morgen dem Gibellinen, heute dem Papst und morgen dem Kaiser, je nach dem höheren Solde, der ihnen geboten wurde. Dies ist angesichts einer Reihe von Tatsachen im Wesentlichen zu verneinen. Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, dass die deutschen Ritter in Italien schon vor dem Kampf zwischen Ludwig dem Bayer und Friedrich dem Schönen von Hause aus in Guelfen und Gibellinen unterschieden wurden. Als im Jahre 1315 die guelfische Stadtrepublik Parma 50 deutsche Ritter in Dienst nahm, so erzählen die Parmenser Annalen, dass es vielen Italienern seltsam erschien, dass Anhänger der kirchlichen Partei Deutsche anwarben. Aber man konnte darauf antworten, dass diese Deutschen Guelfen seien. Wir wissen auch, dass die in S. Miniato dal Tedesco bei Florenz liegenden deutschen Truppen sich schon bald nach dem Tode Kaiser Friedrichs II. mit dem Ort selbst den Guelfen anschlossen und bei diesen dann treu ausharrten. Im Jahre 1265 beschlossen die Guelfen von Orvieto, 200 deutsche Ritter anzuwerben, die sie also für zuverlässige Parteiangehörige hielten.

Bekannte, hervorragende Guelfen waren die schon im 13. Jahrhundert mächtigen Grafen von Habsburg mit ihren Lehnsleuten und die ebenso einflussreichen Herzöge von Braunschweig, auch ein Zweig der Grafen von Montfort, von Hohenstaufen und von Zähringen.

Gewiss waren die deutschen Ritter in erdrückender Mehrzahl, wie ihre Fürsten, reichs- und kaisertreu. Aber da brach gerade in Deutschland selbst der unglückselige Streit um Reich und Krone zwischen Bayern und Österreich aus. Der wurde nun in Italien blutig weitergeführt und zwar so, dass (wenigstens nach dem Tode des wackeren Grafen Wernher von Homberg, vgl. unten Abschnitt 17) in der Regel die österreichisch gesinnten Herren und Vasallen auf die Seite der Guelfen, die Anhänger Bayerns aber auf Seiten der Gibellinen traten. Freilich wissen wir recht wohl, dass in Deutschland selbst nur wenige der in die damaligen Kämpfe verwickelten Herren sich rühmen konnten, ihrer einmal ergriffenen Partei treu geblieben zu sein. So geschah es auch in Italien. Gleich die erste Liste von 8 deutschen Bannerführern im Dienste des Kardinallegaten um 1321/22 (2. Buch S. 1 ff.) zeigt, dass sie auf den Ruf des in der Lombardei erschienenen Reichsvikars in das kaiserliche Lager übergingen (vgl. oben S. 11). Einen ähnlichen Vorgang erwähnten wir oben (S. 15) für das Jahr 1334: Als die deutschen Ritter im Dienste von Parma gegen die Herren von Correggio das kaiserliche Banner entrollten, gingen zahlreiche Deutsche der gegnerischen Seite zu ihnen über.

Eine viel schwierigere und verwickelte Lage trat für die deutschen Ritter in Italien mit der Thronbesteigung Karls IV. ein. Denn dieser war ausgesprochen guelfen- und papstfreundlich. Infolgedessen musste sich bei den Gibellinen selbst und mehr noch bei unseren ritterlichen Landsleuten eine Unsicherheit und Unstetigkeit hinsichtlich ihrer eigenen Stellung und ihres freundlichen oder feindlichen Verhältnisses zu Papsttum und Guelfenpartei geltend machen. Einen sehr bemerkenswerten Fall, der oben (S. 90) schon erwähnt ist, müssen wir uns hier ins Gedächtnis zurückrufen. Graf Konrad von Landau trat nämlich 1356 mit dem größten Teil seiner Reiter in den Dienst des kaiserlichen Statthalters Bischof Markwald von Augsburg in Pisa. Die Visconti von Mailand, als Gegner von Papst und Guelfen, schickten ein überlegenes Heer von 4000 deutschen (gibellinischen) Rittern gegen Markwald. Als aber die deutschen Gebieter im Heere der Visconti das kaiserliche Banner Bischof Markwalds sahen, weigerten sie sich, gegen dasselbe anzureiten, und so mussten sich die Visconti zurückziehen.

 

Als 1368 der Patriarch von Aquileja als kaiserlicher Statthalter nach Pisa kam, schworen ihm alle deutschen Reiter sofort Treue, dagegen verweigerten dies die Engländer.

Ferner machen wir auch in Italien die Beobachtung, dass die Deutschen, ähnlich wie im eigenen Vaterlande, gar oft unter sich gespalten waren, und zwar nicht nur zwischen Nord- und Süddeutschen (de bassa oder inferiori und de alta oder superiori Alamannia), wie sie oft unterschieden werden (vgl. die Wappenurkunde deutscher Ritter von 1361).

Wir haben bereits oben S. 122 darauf hingewiesen, wie im Juni 1334 ein verhängnisvoller Streit zwischen den ober- und niederdeutschen Rittern ausbrach, infolgedessen die niederdeutschen beschlossen, den Dienst im Heere der verbündeten Gibellinen zu verlassen und zu dem guelfischen Heere von Parma überzugehen.

Einer der hervorragenden Führer in der Reiterschar Johanns von Bongard war Benz von Wolfach. Diesen aber trennte lange Zeit erbitterte Feindschaft vom Grafen Konrad von Landau, sodass des letzteren Reiter oft gegen die von Bongards Kriegsdienst leisteten. Erst 1359 gelang es, beide auszusöhnen (Brief des Mantuaner Gesandten vom 13. April 1359 im Archiv Gonzaga).

Die auffallendste Parteischwenkung hat Herzog Werner von Urslingen 1348/49 unternommen, indem er mit seiner Schar in Unteritalien aus dem Dienste des abziehenden Königs Ludwig von Ungarn austrat und nach einjähriger Zwischenzeit zu dessen Gegnerin, der Königin Johanna von Neapel, überging und dann bald wieder in den ersten Dienst zurücktrat. Man hat ihm das in allen Chroniken und Darstellungen zum größten Vorwurf gemacht. Allein bei näherem Zusehen wird das Verhalten Werners doch verständlich, ja verzeihlich. Es war begründet teils in einer auffallenden Zurücksetzung, ja plötzlichen Dienstentlassung seitens des Königs von Ungarn und teils in persönlicher Feindschaft, die zwischen ihm und dem zum kgl. Statthalter ernannten Ulrich Wolf von Wolfurt entbrannte, wie wir oben (S. 84 f.) gesehen haben. Sobald dieser Gegensatz beigelegt worden war, trat Werner wieder in den ungarischen Dienst. Dagegen wissen wir, dass er später trotz Ausbleiben der „Gagen“ und trotz verschiedener an ihn herantretender Lockungen sein gegebenes Versprechen hielt, nie mehr gegen den (abwesenden) König von Ungarn zu kämpfen, sondern lieber nach Deutschland heimkehrte. Derselbe italienische Chronist, der uns dies berichtet, erzählt kurz vorher, wie die neapolitanischen Adeligen den gleichen Eid schworen, aber nur, um ihn zu brechen. So erklärt sich die den italienischen Chronisten auffällige, von uns schon oben erwähnte Tatsache, dass gefangene deutsche Ritter von Lombarden und Deutschen stets freigelassen wurden auf ihr Wort hin, nicht mehr gegen ihre Sieger zu kämpfen. Man traute ihnen, im Gegensatz zu den Italienern, zu, dass sie ihr Versprechen halten würden.

Ein glänzendes Beispiel der gelobten Treue gab Ulrich Wolf von Wolfurt in Neapel, der mit seinen deutschen Rittern im Jahre 1348 die strengste Belagerung einer erdrückenden Übermacht aushielt und auch den verlockenden Anerbietungen der Königin Johanna widerstand und schließlich, als Hunger und italienischer Verrat den Untergang drohte, ohne Geld und Lebensmittel, aber mit allen Ehren abzog. Das gleiche Verhalten wird von zwei deutschen ritterlichen Brüdern, Dietrich und Rochus, erzählt, die in dem festen Ort Trani in Apulien von König Ludwig von Ungarn als Burghauptleute (castellanus et capitaneus) zurückgelassen worden waren. Sie wurden von überlegenen Gegnern zur Übergabe aufgefordert, antworteten aber, dass sie ihrem Versprechen treu verbleiben würden. Ein darauffolgender zweimaliger wütender Sturmangriff wurde von ihnen glänzend abgeschlagen, sodass sie im Besitz der Stadt blieben.

Ein ähnliches Beispiel der Treue gegen den Kriegsherrn haben wir aus dem Jahre 1338 in einem deutschen Grafen (comes de Sping, dessen Herkunft und Geschlecht noch zu erforschen bleibt) mit seinen ritterlichen Landsleuten im Dienste der Scaliger von Verona. Ihm war die Obhut der Stadt Treviso anvertraut worden. Die Feinde drängten, der Sold blieb lange Zeit trotz aller Vorstellungen und trotz der dringenden Not aus. Die Reiter wurden ungeduldig, die reiche Stadt Venedig aber bot ihm und seinen Deutschen hohe Summen für die Übergabe des Ortes an. Der Graf wies den Antrag mit Entrüstung zurück. Dann, nach abermaligem Warten, erhielt er den rückständigen Sold und übergab die Stadt ihrem rechtmäßigen Herrn. Dagegen wissen wir von dem Engländer John Hawkwood und seiner „perfida gens Britonum“ (vgl. oben S. 9 Anm. 4), dass er seinen Soldherrn Galeazzo Visconti bei der Belagerung von Asti treulos im Stich ließ und zu dessen Gegnern überging (TempleLeader S. 57 f.). Er hat auch wiederholt und sogar schriftlich mit Eid und Siegel das Kreuz zu nehmen versprochen, aber nichts gehalten (ebd. S. 66), während der deutsche Ritter Malherba sein persönliches Gelübde ausführte und mit 25 auf eigene Kosten ausgerüsteten Reitern nach Kleinasien zog und dort den Heldentod fand (Muratori, Antiquit. III col. 364 f.).

Für manche Parteischwenkung unserer Landsleute und besonders der „Großen Kompagnie“ müssen wir ferner berücksichtigen, dass die italienischen Fürstenhäuser und Stadtrepubliken ihre Parteistellung oft auffallend schnell gewechselt haben. Man denke nur an Bologna, das von 1350–60 seinen Herrn viermal wechselte (Pepoli, Visconti, Oleggio, Kardinallegat), die Gonzaga von Mantua-Reggio standen teils auf der gibellinischen Seite Viscontis, teils auf der guelfisch-kirchlichen des Kardinallegaten und der Correggio (vgl. m. Wappenurkunde 1. Teil). Deshalb schrieb am 30. Mai 1359 unmittelbar vor dem dort ausbrechenden Bruderkrieg der deutsche Ritter Friedrich von Ehingen an Ugo Uno von Gonzaga, den Beherrscher Mantuas und Schwiegersohn Viscontis, „seinem lieben Freunde“ (amico suo carissimo), „dass Gott seinen Boten senden möge, wie es bei Jakob und Esau geschah, der euch und den Herrn Feltrino (v. Gonzaga) auseinander brächte“ (Archiv Gonzaga). Man sieht hieran nebenbei auch, dass den deutschen Rittern die biblischen Geschichten des Alten Testaments nicht unbekannt waren.

Von dem mächtigen Gibellinenhause der Scaliger von Verona wissen wir, dass von 1339–51 Mastino de la Scala im Bunde mit dem Papst stand und ihm seine deutschen Ritter zur Verfügung stellte, wie im Jahre 1350 auch die Markgrafen von Este und die Visconti dem Kardinallegaten ihre Deutschen zu Hilfe sandten (2. Buch S. 145 ff.). Auch der deutsche Kaiser selbst überließ der Kirche mehrere Fähnlein im Krieg (ebd. S. 36 f.), während (1368 und) 1376–78 gerade die mächtigsten guelfischen Städte Toskanas sich zum Bund gegen den Papst vereinten.

Die italienischen Untertanen selbst haben aber nicht selten in einem Jahr zwei bis dreimal (treulos) den Herrn gewechselt. Und diese Herren waren zuweilen allerdings unerträglich in ihrer Tyrannei und Grausamkeit. Von Luchino Visconti, Herrn von Mailand, wird zuverlässig berichtet, dass er ums Jahr 1340 einen deutschen Junker, den Sohn seines eigenen, ihm befreundeten Reiterhauptmanns, den blutgierigen Palasthunden vorwerfen ließ, weil der Junker einen der bissigen Lieblingshunde Luchinos beim Eintritt in den Palast verwundet hatte.


Quelle:  Karl Heinrich Schäfer: Deutsche Ritter und Edelknechte in Italien während des 14. Jahrhunderts. Paderborn, 1910.