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Deutsche Ritter und Edelknechte im Dienste des Auslandes

Deutsche Kaufleute und Gelehrte, deutsche Ingenieure und Unternehmer, die ihre Arbeit und Wissenschaft in den Dienst fremder Nationen stellen, um ihnen Kultur und Bildung des Vaterlandes mitzuteilen, trifft man in der Gegenwart in allen Weltteilen. Einer ähnlichen Erscheinung der Ausfuhr deutscher Kraft und deutschen Blutes begegnet man auch im Mittelalter. Auch da sind es nicht die Schlechtesten unseres Volkes, die teils infolge der heimatlichen Übervölkerung und der Kargheit des väterlichen Erbteils, teils auch geführt von dem urgermanischen Wandertrieb und den Überlieferungen ihrer Vorfahren, ins Ausland ziehen und dort Leib und Leben aufs Spiel setzen für fremde, nichtdeutsche Unternehmungen und Herren.

 

Es sind die deutschen Ritter und Edelknechte, vom Herzog und Grafen bis zum einschildigen Ministerialen und Mittermann, die wir im 13., 14. und 15. Jahrhundert fast in allen Teilen der damals bekannten Welt nachweisen können. Sie stellen in jenen Zeiten, wo es in erster Linie auf körperliche Vorzüge, auf Manneskraft und Mut, auf stählernen Arm und ein gutes Schwert ankam, oftmals die Besten unseres Volkes dar.

 

Mochte auch der eine oder andere mit einigen Schätzen in die alte Heimat zurückkehren, was machte das gegenüber dem ungeheuren Verlust an Kraft und Arbeit, an Blut und Leben, die unser Vaterland durch ihre Auswanderung in die Fremde erlitt!

 

Deutsche Ritter finden wir im Dienst und auch auf dem Boden von England und Serbien, in Navarra wie in Frankreich, in den nordischen Ländern wie in Kleinasien und Konstantinopel. Die allermeisten aber erscheinen in Italien von der Etsch bis nach Kalabrien, in dem schönen Land, das seit den ältesten Zeiten unserer Geschichte, wie kein zweites, Sehnsucht und Wanderziel germanischer Stämme und wagemutiger deutscher Jugend bildete.

 

Angesichts der Menge unserer dort im Mittelalter, namentlich im 14. Jahrhundert, Kriegsdienste leistender ritterlicher Landsleute denkt man unwillkürlich an die Zeit der römischen Imperatoren zurück, wo sich uns in gewissem Sinne dasselbe Schauspiel darbietet. Denn seit Cäsar traten die kriegsgeübten Germanen von beiden Ufern des Rheins mehr und mehr in den römischen Heerdienst, auch in den der kaiserlichen Gardereiter, der equites singulares. Sogar in den ritterlichen Offizierstellen wurden sie in größerer Zahl angetroffen. Seit Konstantin dem Großen erhielten die germanischen Elemente allmählich das Übergewicht. Sie wuchsen sich zum Fundament der Reichsverteidigung aus, bis sie unter Odoaker auch die Regierung in die Hand nahmen.

 

Im Mittelalter aber machten die Römerzüge der deutschen Könige und Kaiser von Karl und Otto dem Großen bis auf Heinrich VII. und seine Nachfolger den Ritt ins Welschland bei den meisten Adelsfamilien unseres Vaterlandes gleichsam traditionell. Galt doch der Ritterschlag auf der Tiberbrücke an der Engelsburg unter St. Michaels Schwert als eine besonders hohe Ehre für den reisigen Edelknecht. Äneas Silvius, der bekannte Schriftsteller und spätere Papst Pius II., weiß davon in seiner Geschichte Kaiser Friedrichs III. zu berichten.

 

Dort auf der Engelsbrücke hatte ja schon mancher deutsche Edle für seinen Kaiser ruhmvoll gekämpft mit Einsetzung des eigenen Lebens. Und wie wurde weiter in Italien jedem gewappneten Reiter Gelegenheit geboten, sich in den unaufhörlichen Kämpfen zwischen Weif und Gibelline auszuzeichnen! Da konnte in der offenen Feldschlacht die überlegene deutsche Manneskraft noch siegreich kämpfen und Lorbeeren pflücken, deren Ruhm auch in der Heimat von den Volksgenossen anerkannt und weitergetragen wurde. Dort mochte man des Südlands strahlende Sonne genießen und die Ewige Stadt mit all ihren Wundern und Heiligtümern, mit ihrer zahllosen Kirchenpracht aufsuchen und zugleich der Seele Heil helfen und sichern. Mancher Rittersmann und Edelknecht hatte schon, nicht nur in den Tagen der Staufen, als Reichsbeamter, als Burgherr oder im Rat und Dienst der Städte einen ehrenvollen Platz unter Italiens Himmel gefunden.

 

Hier traf er auch in allen größeren Städten Nord- und Mittelitaliens von Treviso bis nach Neapel hin deutsche Landsleute und Brüderschaften in Genua, Mailand, Florenz und Pisa, wie in Venedig, Lucca, Siena und Rom. Denn auch den Handwerker, Schuhmacher, Bäcker, Weber, Steinmetz, Architekten und Maler trieb ein alter Zug nach Süden, wo er nicht selten sein Glück machte. In den größeren Universitätsstädten Nord- und Mittelitaliens, wie namentlich in Bologna und Siena, Padua und Pavia, gab es zahlreiche deutsche Studenten, meist aus adligen oder besseren Bürgersfamilien, mit denen auch der Edelknecht und Ritter Verkehr pflegte, wenn nicht gar blutsverwandt oder verschwägert.

 

Und was für unsere reisigen Landsleute noch wichtiger sein musste: Drüben über den Bergen begegneten sie ritterlichen Volksgenossen auf eigenem Besitz, nicht nur in den deutschen Burgen von Friaul, Welschtirol und der Lombardei, sondern auch in den zahlreichen Niederlassungen des Deutschen Ritterordens, der für Italien einen besonderen Generalprovinzial besaß. In Rom, Viterbo, Montefiascone, Neapel, Bari, Barletta, Brindisi, Reggio, Palermo, Messina, Girgenti, Bologna, Rimini, Venedig, Padua, Treviso, Brixen fand man seine Ordenshäuser und Vertreter, ebenso bei Arezzo und Parma Besitzungen und Gerechtsame desselben Ordens schon seit dem 13. Jahrhundert.

 

In den Städten erhoben sich allenthalben deutsche Kirchen, nicht nur in Rom, Neapel und bei den genannten Deutschordens-Niederlassungen, sondern auch in Pisa, Lucca, Florenz, Parma, Verona und anderen Orten, wo deutsche Ritter Kapellen zu Ehren St. Georgs gegründet hatten.

 

Zahlreiche deutsche Priester wurden noch im 15. Jahrhundert in der Diözese Padua für die Seelsorge der dortigen deutschen Gemeinden geweiht.

 

Die Vorliebe für die Italienfahrt blieb auch nach dem Untergang der Hohenstaufen und des Lützelburgers allzu frühem Tod in den deutschen ritterlichen Geschlechtern lebendig. Sie wurde neu angefacht durch Ludwigs des Bayern Römerzug und Herzog Leopolds von Österreich papst- und weisungsfreundliche Politik sowie namentlich durch Kaiser Karls IV. enge Verbindung mit der Kurie.

 

Jetzt sehen wir die deutschen Reiter nicht nur auf selten der meist gibellinischen Herren und Städte, wie der Visconti in Mailand, der Gonzaga in Mantua, der Herren von Correggio, der della Scala in Verona, der Ubaldini, der Malatesta in Rimini, der Ordelaffi von Forli, der D’Este von Ferrara und anderen, sondern auch im Dienst der Guelfen von Florenz, Bologna, Siena, Perugia, Rom und auch in Venedig, ganz besonders zahlreich aber im Sold der päpstlichen Kurie und des Kirchenstaates. Zwischen 1320 und 1360 werden über 700 deutsche Reiterführer und Bannerherren genannt, mit etwa 10.000 Reitern, von denen an 1.400 ebenfalls namentlich aufgeführt werden.

 

Über die später auftretenden und an Zahl und Bedeutung weit geringeren englischen Söldner in Italien besitzen wir die Monographien von Temple-Leader und Marcotti, über französische Söldner das Buch von Simon Luce, besonders die Abschnitte 10 und 11, über das italienische Söldnerwesen die Arbeiten von Canestrini und Ricotti. Von deutscher Seite gibt es nur die von beschränktem Gesichtskreis und unter dem Einfluss ungünstiger Vorurteile geschriebene, aber nicht verdienstlose Monographie Bronners über Herzog Werner von Urslingen; dazu ist neuerdings ein kleiner Aufsatz von H. Niese über deutsche Söldner im Dienste von Siena und Massa Marittima aus den Jahren 1366–1367 erschienen, in dem die Namen von zwei conestabiles und von 48+9 Reitern überliefert werden. Aus einem Bologneser Verzeichnis über die nach der Schlacht bei Fossalta mit König Enzio gefangenen Reiter sind weitere 62 Namen festgestellt worden. Sie stammen fast ausnahmslos aus dem niederen Adel und sind sonst unbekannt.

 

Noch hat es niemand unternommen, eine Geschichte der deutschen Ritter und Edelknechte in fremdem Herrendienst zu schreiben, und selbst die dringend notwendige Untersuchung über die deutschen Bannerherren, Ritter und Reisigen im italienischen Solddienst wurde bisher nicht in Angriff genommen.

 

Daher blieb die deutsche Geschichtsliteratur in der Beurteilung jener Erscheinung noch ganz von ausländischen, nichtdeutschen Schriftstellern abhängig. Allen voran sind es die glänzenden Florentiner Historiker Villani (Giovanni und Matteo) und einzelne italienische Städtechroniken, die von ihrem ausgesprochen guelfischen, nationalistischen Standpunkt aus das denkbar schlimmste Urteil über die ihnen im Feld überlegenen deutschen Reiterscharen verbreitet haben. Es ist in gewissem Sinne mit jenen Verleumdungen zu vergleichen, die in manchen französischen Geschichten, Romanen und Zeitungen über das Benehmen der deutschen Offiziere und Soldaten im Feldzug von 1870/71 ausgestreut werden. Wären wir auf solche Literatur allein angewiesen, in was für einem Zerrbild würde das deutsche Heer erscheinen!

 

Ein solches Zerrbild wird uns fortwährend in der Beurteilung der deutschen Reiterführer und Edelknechte von den Schriftstellern geboten, die den Gegenstand berühren. Unsere Reiter werden Abenteurer und zuchtloses Gesindel, Wegelagerer und Raubritter genannt, die nach Italien gekommen seien, bloß um zu stehlen und ihren Leidenschaften zu frönen. Sie hätten vom Raube gelebt. Den bekannten und hervorragenden Reiterführern wie Herzog Otto von Braunschweig, Herzog Werner von Urslingen, den Grafen von Landau und anderen wirft man unberechtigten Gebrauch eines ihnen nicht gebührenden Titels vor.

 

Ein neuerer italienischer Forscher berichtet sogar, dass Herzog Werner von Urslingen im Jahr 1350 Bologna feindlich und grausam überfallen habe, während er gerade in diesem Jahr im Sold und Kriegsdienst der Stadt Bologna und unmittelbar danach im Dienst des päpstlichen Kardinallegaten stand. Ein anderer moderner Italiener zeigt, dass die gleichzeitigen geistlichen Provinzialstatthalter oft noch weit schlimmer als die angeblichen Abenteurer der Ritter waren.

 

Manche deutsche Forscher stellen die „grauenhaften“ Handlungen von Konrad Landau, Johann von Habsburg und Hänschen Baumgarten als Gegenstand des Abscheues hin, obwohl sie es besser wissen sollten. Demgegenüber können wir feststellen, dass die Reiter ihre Titel mit Fug und Recht von ihren heimatlichen Vorfahren her führten und dass sie im ehrenvollen, oft langjährigen Dienst der Kirche unter den päpstlichen Kardinallegaten und Provinzialstatthaltern standen. Von Raub, Plünderung, Grausamkeit und Mord ist in unseren Quellen nirgends die Rede, auch nicht von Meuterei und Felonie. Sie dienten treulich mit Schwert und Lanze ihrem Soldherrn nach Vertrag und Recht, wie tapfere Krieger ihrem Fürsten.

 

Nur 1323 verließen viele deutsche Reiterfähnlein in der Lombardei das Heer des päpstlichen Legaten und gingen ins Lager der kaiserlichen Partei, als sich durch die Schlacht bei Mühldorf der deutsche Kronstreit entschieden hatte und ein königlicher Statthalter Ludwigs des Bayern in Mailand entsprechende Erklärungen und Anordnungen ergehen ließ. Man wird infolgedessen den Übertritt der deutschen Reiter in diesem Fall verzeihlich finden. Sonst aber verließen sie ihren Soldherren nur dann, wenn ihnen weiterer Sold verweigert oder der Abschied bewilligt worden war.

 

Daher bildete sich die erste Freischar oder Ritterbund im Jahr 1328, als sie von Kaiser Ludwig dem Bayern keinen Sold mehr empfingen.

Mit alledem soll nicht in Abrede gestellt werden, dass einzelne Ausschreitungen, Übergriffe und Grausamkeiten vorgekommen sind, ebenso wie plötzliche Parteischwenkungen der deutschen Reiter-Freischaren. Aber wir haben sie nicht auf Rechnung unserer Reiter, sondern auf die der mittelalterlichen Kriegführung überhaupt zu setzen. Man lese nur, wie es im Patrimonium Petri in Tuszien unter Clemens V. zuging, oder man sehe, wie es in den Soldheeren Friedrichs II. mit der Disziplin bestellt war. Noch schlimmer stand es in anderen gleichzeitigen Heeren.

 

Verglichen mit der Kriegführung und dem Benehmen der englischen Kompagnien in Frankreich und der des Sire John Hawkwood in Italien erscheint selbst bei den italienischen Schriftstellern des Mittelalters die deutsche Reiterei in günstigerem Licht. Die italienischen Söldner waren geradezu berüchtigt für Zügellosigkeit und Grausamkeit, wie sich namentlich beim Zug der Paduaner gegen Vicenza im Jahr 1314 zeigte. Es geschah sogar, dass die deutschen Reiter schließlich Padua von der grausamen Behandlung der Italiener befreien mussten.

 

Wenn man dem Herzog Werner von Urslingen die Zerstörung Anagnis und die Verhängung des Standrechts über die Einwohner vorwirft, darf man nicht vergessen, dass die Anagnesen zuvor Verrat geübt und seine zwölf besten Hauptleute heimtückisch ermordet hatten. Auch sei auf ein Schreiben der Stadt Treviso vom Oktober 1328 verwiesen, das über die Ermordung und Einkerkerung der deutschen Besatzung einer nahen Burg klagt. Ebenso erfolgreich, aber heimtückisch, war der Überfall der italienischen Landbevölkerung auf Graf Landau und seine Schar am 25. Juli 1358 im Apenninpass Val di Lamone, was die deutschen Reiter gegen diese Hinterlist verhärtete. Nicht minder wichtig: Italienische Städte wie Siena verkauften den deutschen Reitern von Rats wegen vergiftete Lebensmittel oder verweigerten ihnen höhnisch den Einkauf von Speise und Trank.

 

Zur Erklärung mancher Plünderungszüge sei auf zahlreiche Stellen in Soldurkunden verwiesen, wo die „Verwüster“ (guastatores) im päpstlichen Heer genannt werden – Italiener, die dem feindlichen Land und der Landbevölkerung den größtmöglichen Schaden zufügen mussten und denen die deutschen Reiter zur Bedeckung mitgegeben wurden. Ebenso wissen wir, dass Kardinal Albornoz mehrere Ortschaften vollständig zerstören ließ, die sich gegen ihn erhoben hatten. Ferner dürfen wir nicht vergessen, dass die deutschen Reiter-Freischaren oft viel italienisches Fußvolk mit sich führten. Auf dieses Fußvolk bezieht sich auch die Aussage von Ricotti, dass der Kern der Söldnerscharen aus italienischen Verbannten, Dieben, Landstreichern und Deserteuren bestand.


Quelle:  Karl Heinrich Schäfer: Deutsche Ritter und Edelknechte in Italien während des 14. Jahrhunderts. Paderborn, 1910.