Kaiser Karl V. und König Ferdinand kommen in Wien an. — Das um Wien versammelte Heer löst sich auf. — Vergebliche Friedensverhandlungen mit der Pforte. — Schluss. — 1532 bis 1536.
Als Kaiser Karl V. mit seinem Bruder am 23. September 1532 nach Wien kam, hatte sich daselbst ein Heer von nahezu 90.000 Mann — 80.000 Mann Fußvolk, 6000 schwer bewaffnete Reiter — und eine beträchtliche Anzahl Geschütze angesammelt. Hätte man dieses Heer nach Ungarn führen können, so hätte aller Wahrscheinlichkeit nach die Herrschaft Zapolyas bald ein Ende gefunden. Nach dem Abzug der Türken aber, als alle Gefahr vorüber war, hatte der Kaiser den Entschluss gefasst, den Krieg nicht weiter fortzusetzen, sondern sich über Italien nach Spanien zu begeben. Einen Teil der Truppen nahm der Kaiser wieder mit sich; die nur zur Abwehr der Türken bestimmten Reichstruppen verweigerten den Kampf gegen Zapolya und wurden entlassen; nur die angeworbenen italienischen Truppen ließ der Kaiser im Solde seines Bruders zurück; als ihnen aber der Sold nicht regelmäßig gezahlt wurde, verjagten sie ihre Hauptleute und zogen plündernd in ihre Heimat. Auch die Böhmen und Mährer verweigerten die Heerfolge, und so verblieben fast nur das Fußvolk aus Tirol und der Grafschaft Pfirt nebst einigen Reitern, die noch bereit waren, nach Ungarn zu ziehen.
Zu seinem Schmerz sah Ferdinand das stattliche Heer sich auflösen und wagte nicht einmal selbst nach Ungarn zu gehen, wo ihn nur Klagen und Vorwürfe erwartet hätten.1 Mit dem Rest der Truppen — nicht viel mehr als 5000 Mann — zog nun Katzianer, dem der Oberbefehl übertragen wurde, nach Ungarn. Er fühlte sich aber zu schwach, um weiter vorzudringen, und knüpfte mit Gritti, der von der Belagerung von Gran abgestanden war, Unterhandlungen an, die zu einem Waffenstillstand führten und den Abschluss eines Friedens anbahnen sollten. Da indessen die Herzöge von Bayern und der Landgraf von Hessen einem Ausgleich Zapolyas mit Ferdinand entgegenarbeiteten, hatten die Verhandlungen zu keinem Erfolg geführt. Da traf aber aus Constantinopel die Nachricht ein, dass der Sultan sehr friedlich gesinnt wäre und ein Friede zustande kommen dürfte.
Der nicht eben sehr erfolgreiche Ausgang des letzten Feldzuges, die Einnahme Korons auf Morea durch Doria und die Kriegspläne gegen Persien hatten den Sultan gegen Ferdinand viel friedliebender gestimmt und trugen wesentlich dazu bei, die Unterhandlungen, welche dieser in Constantinopel anknüpfte, zu erleichtern und zu beschleunigen. Das Begehren um sicheres Geleite für eine Botschaft wurde gleich gewährt, und der Gesandte Hieronymus von Zara konnte seine Reise so beschleunigen, dass er schon am 12. Januar 1533 in Constantinopel anlangte und wenige Tage später vom Sultan und vom Großvezier empfangen wurde. Der Sultan gestand nun auf Grund des gegenwärtigen Besitzes einen Waffenstillstand zu und erklärte, den König Ferdinand zu seinem Sohn anzunehmen, nur möge der König als Zeichen seiner Ergebenheit die Schlüssel von Gran übersenden, ohne dass deshalb der Besitz der Stadt beansprucht würde.2 Auch zum Abschluss eines Waffenstillstandes mit dem Kaiser und dem Papst erklärte sich der Sultan gegen Rückgabe von Koron, welche Festung letzterer dem Johanniterorden zuzuweisen wünschte, bereit. Hierüber musste Hieronymus weitere Verhaltungsbefehle einholen und sandte seinen Sohn Vespasian von Zara in Begleitung eines Tschausch nach Wien. Es war dies der erste Botschafter des Sultans, der mit großer Feierlichkeit empfangen und mit einem Antwortschreiben rückgesendet wurde, in welchem Ferdinand sich zur Annahme eines Friedens bereit erklärte.
Während dieser Verhandlungen verständigte Hieronymus von Zara die Befehlshaber an den Grenzen von dem Abschluss des Waffenstillstandes und ermahnte sie ernstlich, sich jeder Feindseligkeit zu enthalten.3 Ferdinand schickte Anfang 1534 den Rat Duplicius Cornelius Schepper auf Wunsch des Kaisers Karl nach Constantinopel, der die Interessen des Letzteren wahren sollte, ohne als dessen Gesandter aufzutreten.
Bei den sich nun entwickelnden Unterhandlungen, die sich noch lange hinzogen, ließ Ibrahim den Gesandten seinen ganzen Hochmut fühlen und glaubte, dem König Ferdinand besonderes Wohlwollen zu zeigen, wenn er sich als dessen Bruder bezeichnete. Da die Gesandten seine langen Reden meist schweigend anhörten, zeigte er sich sehr entgegenkommend; sie setzten zwar nicht durch, dass der Sultan „seinem Sohne“ Ferdinand ganz Ungarn überließ, weil — wie Ibrahim hervorhob — er es bereits dem König Johann geschenkt habe, doch würde er seine Zustimmung nicht versagen, wenn Ferdinand seinen Gegner freiwillig zur Abtretung des Landes bewegen könnte. In feierlicher Audienz erklärte der Sultan sodann am 23. Juni, dass Ferdinand so lange Frieden haben könne, als er selbst wolle und ihn nicht breche, und dass er für seinen Sohn alles tun werde, ja ihn auf seinen Wunsch selbst mit Geld und Truppen unterstützen wolle. Auch der Königin Marie sollten die ihr in Ungarn als Witthum verschriebenen Einkünfte sichergestellt werden. Um diese Frage zu regeln und die Grenzen zwischen den Besitzungen beider Gegenkönige festzustellen, sollte Gritti nach Ungarn geschickt werden. Dagegen sollte Kaiser Karl V. nur dann den Frieden erhalten, wenn er selbst darum ansuchen würde.
Unterdessen hatten sich aber die Verhältnisse der Pforte zu Österreich geändert. Koron war von den Türken erobert worden; Ibrahim war nach Asien gereist, um den Krieg gegen Persien vorzubereiten, und sein Stellvertreter Ajas Pascha hielt sich durch die Versprechungen desselben in keiner Weise für gebunden. Er und Gritti stellten geradezu in Abrede, dass die Zusicherung gemacht worden sei, Ferdinand solle seine Besitzungen in Ungarn ohne Störung behalten. Der Sultan selbst erklärte in der Abschiedsaudienz am 2. Juni 1534 zu Schepper in gereiztem Ton: „Das Königreich Ungarn gehört mir, und ich habe in selbigem meinen Sklaven Janus Kral eingesetzt, der nichts ohne mich tun kann. Ich habe ihm jenes Reich gegeben und kann es ihm wieder nehmen, wenn ich will. Ich kann über dasselbe, wie über seine Bewohner, die alle meine Sklaven sind, verfügen. Was Janus Kral tut, tut er in meinem Namen; daher möge sich Ferdinand hüten, etwas gegen ihn zu unternehmen.“4
Nur so viel wurde erreicht, dass Gritti nach Ungarn aufbrach, um zwischen Ferdinand und Zapolya zu vermitteln. König Ferdinand hatte das gewünscht, obwohl es sehr zweifelhaft war, ob dieser mit Versprechungen sehr freigebige, im Übrigen aber sehr zweideutige Charakter seine Sache fördern werde.
Als Gritti, der sich über Zapolya und seinen Anhang in Ungarn stets verächtlich äußerte, im August 1534 in Begleitung von 2000 Türken zu Kronstadt in Siebenbürgen eintraf, trat die Missstimmung gegen ihn so deutlich zutage, dass die Ungarn sich weigerten, seinen Anordnungen Folge zu leisten. Hierüber aufgebracht, wollte sich Gritti der Person des von Zapolya eingesetzten Wojwoden, des Großwardeiner Bischofs Emerich Czibak, bemächtigen, der, als er sich im Kampfe verzweifelt wehrte, niedergemacht wurde. Diese blutige Tat erregte jedoch den Hass der Ungarn noch mehr. Ein mit Hilfe Peters, des Wojwoden an der Moldau, in Eile zusammengezogenes Heer, an dessen Spitze Stephan Mailath — bisher als Anhänger Ferdinands bekannt — und Gotthard Kun standen, zog vor Mediasch, wohin Gritti sich geflüchtet hatte, und nötigte ihn, sich zu ergeben. Mailath ließ ihm das Haupt abschlagen. Wenn Ferdinand hoffte, der Sultan werde wegen der Ermordung seines Bevollmächtigten Zapolyas seine Gunst entziehen, so war das eine arge Täuschung; er ließ diesen ungeachtet der erwähnten Vorkommnisse doch nicht fallen, weil die Spaltung Ungarns zu sehr seinem Interesse entsprach.
Die Verhandlungen, die zwischen Ferdinand und Zapolya geführt wurden, zum Teil selbst mit Intervention des Kaisers, hatten keinen Erfolg. Als im September 1535 der Pforten-Dolmetscher Junisbeg nach Ungarn kam, um im Auftrag des Sultans eine Untersuchung über den Mord Grittis anzustellen, nahm Zapolya die Unterhandlungen mit Ferdinand wieder mit mehr Ernst auf, doch scheiterten dieselben sowohl an den unerhörten Forderungen seiner Gesandten, als auch an dem Widerstand des Bruders Georg (wie sich Martinuzzi nannte), den Zapolya zum Bischof von Großwardein und zum obersten Schatzmeister ernannt hatte. Durch seine umsichtige Verwaltung und große Sparsamkeit hatte Martinuzzi sich das Vertrauen seines Herrn in dem Maße erworben, dass sein Einfluss den aller anderen Großen in den Hintergrund drängte. Ein bis zum nächsten Osterfest (1537) verlängerter Waffenstillstand hinderte aber Zapolyas Truppenführer nicht, die Stadt Kaschau noch im Dezember 1536 hinterlistig zu überfallen und dort schlimmer zu wüten, als selbst die Türken.
Ebenso wie in Ungarn die Verhandlungen keinen Erfolg hatten, so schwanden auch die Aussichten, von der Pforte einen Frieden oder auch nur einen längeren Waffenstillstand zu erlangen. Wenn es auch von Seite der Pforte in den letzten Jahren wegen der Kriege gegen Persien und gegen Venedig zu einem vollständigen Bruch nicht kam, so währten doch die Raubzüge und Einfälle an der Grenze fort. Es war nach und nach zur Gewohnheit geworden, solche Einfälle, wenn sie keinen großen Umfang annahmen, oder Überfälle auf Schlösser nicht als Bruch des Waffenstillstandes anzusehen.
Nicht ohne Grund wird in dem Bericht, welchen später die Gesandten Franz Rizi und der Freiherr von Sprinzenstein, die nicht mehr mit dem inzwischen in Ungnade gefallenen Ibrahim,5 sondern mit dem Großvezier Ajas Pascha zu verhandeln hatten, an König Ferdinand erstatteten, zum Schluss auch angeführt: »Wenn Eure Majestät, was aller Reiche erste und höchste Pflicht, mehr den beständigen Frieden, als den fortwährenden Krieg vor Augen haben, würdet Ihr den Türken wenig Glauben schenken und werden, wenn Eure Majestät die widersprechenden Antworten der Türken beachtet habt, in Eurer Weisheit leicht einsehen und für klug erachten, dass man fernerhin nicht Gesandte zum Hohn, sondern Heere zur Rache nach der Türkei sende.«6
Noch Jahre vergingen in wiederholten Kämpfen, bis Österreich den Türken mit genügender Macht entgegentreten konnte. Ofen wurde 1543 von den Türken erobert und blieb durch 152 Jahre in ihrem Besitz, und damit auch der größte Teil Ungarns. Am 1. August 1664, bei St. Gotthard, gelang es das erste Mal unter Montecuccolis Befehl, die Türken in offener Feldschlacht zu besiegen. Nochmals, im Jahre 1683, machten die Türken den Versuch, sich der Stadt Wien zu bemächtigen; von Guido Graf Starhemberg durch 61 Tage verteidigt, wurde die Stadt mit Hilfe deutscher und polnischer Truppen durch den Herzog Karl V. von Lothringen entsetzt. Erst den entschiedenen Siegen des Prinzen Eugen von Savoyen bei Zenta am 11. September 1697, bei Peterwardein am 5. August 1716 und bei Belgrad am 18. August 1717, dann des Feldmarschalls Laudon im Jahre 1788 gelang es, die Macht der Türken zu brechen und sie über die Grenzen Ungarns zu weisen, die sie seither mit einem größeren Heer nicht mehr überschritten haben.
Raubzüge an den Grenzen der österreichisch-ungarischen Monarchie währten noch bis in dieses Jahrhundert, doch dürften auch diesen durch die gänzliche Umgestaltung der politischen Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel und durch die Stellung, welche die nun geeinte Monarchie gegen die Grenzländer einzunehmen berufen ist, für immer ein Ende genommen haben.
1In einem Brief an seine Schwester, die verwitwete Königin Marie, de dato Wien, 2. Oktober 1532, äußert sich König Ferdinand eingehend über die misslichen Verhältnisse und erwähnt: „Hätte ich mehr zu erhalten gewusst, so würde ich in Person nach Ungarn gegangen sein, aber mit so wenig Macht hat es mir weder ratsam noch ausführbar erschienen, und ich muss das jetzt Gott befehlen, und an einen Frieden denken, so wie man ihn wird haben können.“ (Buchholz, Band IV, S. 117.)
2Die Auslieferung der Festschlüssel fand Anstoß bei den ungarischen Magnaten; König Ferdinand beschwichtigte sie aber damit, dass er naiv meinte, wenn man welche brauchte, könne man ja andere machen lassen; Suleiman wies übrigens die Schlüssel bei der Übergabe durch Hieronymus lächelnd zurück.
3Die betreffenden Schreiben sind alle in der Zeit vom 21. Januar bis 28. Februar 1534 aus Constantinopel datiert.
4Bericht Scheppers, Gesandtschaft Karls Ferdinands 1534 (Gevay, S. 57). Unklar lässt die Abschiedsaudienz noch am 2. Juni 1534 in Gegenwart Ibrahim stattfinden, was wohl unrichtig ist.
5Ibrahim, der sich in seinem Übermut der Gunst des Sultans sicher wähnte, maßte sich nach seiner Rückkehr aus Persien den Titel »Seraskier Sultan« an und erregte durch seine Macht, wie durch seinen unerhörten Reichtum, die Eifersucht Suleimans, der ihn in einer Nacht des Ramazans (13. März 1536), als er sich wie gewöhnlich ins Serail begab, um dort zu speisen und dann im selben Schlafgemach mit dem Sultan zu übernachten, nicht ohne Kampf erwürgen ließ (Hammer, Band II, S. 123).
6Gesandtschaftsbericht des Freiherrn Franz von Sprinzenstein an König Ferdinand aus den ersten Tagen des Oktobers 1537 (Gevay, Urkunden etc. aus 1536 bis 1537, S. 26).
Quelle: Leopold Kupelwieser: Die Kämpfe Oesterreichs mit den Osmanen vom Jahre 1526 bis 1537. Leipzig, 1899.
© Carsten Rau
