Der Sultan langt vor Wien an. — Verteilung der Truppen und Geschütze in der Stadt und dem Lager der Türken außerhalb derselben. — Ausfall der Besatzung auf den Werd und Zerstörung der Donaubrücken. — Minenkampf. — Missglückter Ausfall am 6. Oktober. — Pfalzgraf Friedrich in Krems zögert mit der Hilfe. — Ungünstiges Wetter für die Belagerer. — Wiederholte Stürme gegen die Stadtmauern. — Graf Salm beim letzten Sturm verwundet. — Suleiman entschließt sich zum Rückzuge und zieht von Wien fort. — Pfalzgraf Friedrich trifft nach dem Abzuge der Türken in Wien ein. — Beiderseitige Verluste. — Vom 25. September bis 20. Oktober 1529.

Verteidigungsbezirke:
I. Reichstruppen unter Pfalzgraf Philipp.
II. Eck von Reischach mit Truppen aus den Vorlanden, Tirol, Kärnten und Krain.
III. Abel von Holneck mit Steirern.
IV. Leonhard von Vels mit dem alten Haufen.
V. Weiprecht von Ebersdorf mit Österreichern und Spaniern.
VI. Ernst von Brandenstein mit Böhmen.
Am 25. September hielt der Sultan Rast. Nachdem seine Aufforderung zur Übergabe der Stadt unbeantwortet blieb, ordnete er den Vormarsch des ganzen Heeres gegen Wien und das Beziehen der Lager nahe der Stadt an.
Als am Morgen desselben Tages, schon im Angesichte des Feindes, die letzten zwei Fähnlein Reichstruppen — eines aus Nürnberg — in der Stadt anlangten, meldeten sie, dass ihnen zwischen Traismauer und Tulln 5000 Flüchtlinge — Bürger mit Weib und Kind, Mönche und Nonnen — begegnet wären; dieselben wurden bald darauf von herumschwärmenden Türkenhaufen überfallen und nahezu alle niedergemacht.
Nach dem Eintreffen der letzten Reichstruppen war die Besatzung von Wien, die wehrfähigen Bürger eingeschlossen, auf 17.000 Mann Fußtruppen, 1400 schwere und 1200 leichte Reiter gestiegen.1
Den 26. September, nachdem das ganze türkische Heer vor der Stadt erschienen war, wurde dieselbe in sechs Verteidigungsabschnitte — Quartiere — geteilt und wie folgt besetzt:
Vom Rotenturm über den Biberturm, das Stubentor und bis zur Hälfte der Mauer zwischen diesem und dem Kärntnertor stand der Pfalzgraf Philipp mit den Reichstruppen, 5000 Mann zu Fuß und 100 Reitern. Über die Fußtruppen, welche in zwei Regimenter zu je sieben Fähnlein formiert waren, standen die Obersten Kunz Gotzmann und Jakob von Werdenau, welche beide als Kriegsräte bei dem Pfalzgrafen Friedrich in Krems zurückgehalten worden waren, dann die Hauptleute Georg von Laufenholz, Hans Taubenlang, Hans Gundelfingen, Hans von Riedlingen, Michael von Lamberg, der Zächemnacher von Nürnberg, Caspar Altmulstainer, Ludwig von Grafeneck, Rudolf von Papenheim, Georg Langarter von Greifenstein, Hans Mergel von Memmingen, Hans Hablitz, Wilhelm Talhaimer und Christoph Judt. Ferner war bei den Reichstruppen noch der Oberste Zeugmeister Michael Bächem mit 24 „Büchsenmeistern“.
Diesem Abschnitte schloss sich über dem Kärntnertor bis zum Augustinerkloster Eck von Reischach mit 3000 Mann aus den Vorlanden, Tirol, Kärnten und Krain an, in sechs Fähnlein unter dem Obersten Hans Ulrich von Rottenburg, mit den Hauptleuten Hans Dietrich von Hohenegg, Maximilian Auer von Herrnkirchen, Georg Hans von Pürkstall, Hans von Faulach, Stephan von Khevenhüller und Wolf Pfaffenlapp. In diesen Abschnitt, welcher dem Angriffe der Türken zumeist ausgesetzt war, wurden in der Folge die mit Schießgewehren besser ausgerüsteten Spanier beordert, während das Fähnlein der Kärntner sie „am Elend“ ersetzen musste.
Abel von Holleneck mit seinem Fähnlein und jenem des Antoni Rud von Kolnburg (1000 Steirer) besetzte die Strecke vom Augustinerkloster bis zum Burggarten.
Die Burg und die Strecke bis zum Schottentor verteidigte Leonhard Freiherr von Vels mit 2200 Mann des alten Haufens — so wurden die früher in Ungarn verwendeten Söldner genannt — in sieben Fähnlein unter den Hauptleuten Gilg Freiherr von Vels, Caspar Ritschan, Wolf Hagen, Sigmund und Maximilian Leisser, Hans Surg von Surgenstein und Hans von Kromoser. Hier waren auch zwei Kompanien der bewaffneten Bürger unter ihren Hauptleuten Hans von Greiseneck und Leonhard Hauser eingeteilt, während den übrigen Bürgern die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt und die Feuerpolizei unter Leitung des Bürgermeisters und des Stadtrichters zufiel.
Bis zum Werdtor stand Weiprecht von Ebersdorf mit 2000 Mann Österreichern unter den Hauptleuten der beiden Wienerwaldviertel, Lamigius von Puechheimb zu Rappottenstein und Grumbach und Hans von Lapitz, dann jene der beiden Manhartsbergviertel, Sigmund von Puechheimb zu Göllersdorf und Sebastian Hager zu Allentsteig, und den Hauptleuten des österreichischen Aufgebotes Hans Enzeweiser und Richard Ifanger. „Am Elend“ standen noch 700 mit Hakenbüchsen bewaffnete Spanier unter dem Maestre de campo Ludovicus de Avalos und den Hauptleuten Melchior de Villarnell, Johann de Salinas und Johann de Aquilera. Die Spanier wurden in der Folge durch ein Fähnlein Kärntner ersetzt.
Vom Werdtor bis zum Salzerturm und dann bis zum Rotenturm stand endlich der Trabantenhauptmann und Oberst Ernst von Brandenstein mit 2000 böhmischen Fußknechten in vier Fähnlein, geordnet unter den Hauptleuten Wilhelm Zwirchzedizky von Wartenberg, Peter von Proseikh, Peter Ginach von Malitzina und Peter Wopitsch.
Hinter den Verteidigungsabschnitten waren die Abteilungen der Reiter verteilt, welche als solche wenig Verwendung fanden, da Ausfälle, solange die Stadt eingeschlossen war, nur durch das Salzertor stattfinden konnten; doch beteiligten sich die Reiter auch eifrig an den Kämpfen auf den Wällen zu Fuß. Hinter dem Abschnitt am Kärntnertor standen Hans Katzianers 160 Reiter unter Niklas Schinzenpeiner und der Kärntner Hauptmann Leonhard Lochner zu Liebenfeld mit 200 Pferden. Hinter den Böhmen stand mit 500 Pferden Johann Graf zu Hardegg, welchem sich 32 treu gebliebene Ungarn angeschlossen hatten.2 Der Rest der Reiter unter Wolfgang von Rogendorf3, Niklas von Thurn, Sigmund Weichselberger und Paul Bakić war auf den verschiedenen Plätzen der Stadt verteilt.
Über das Geschützwesen und die Munition stand der Kriegsrat und Oberstzeugmeister von Niederösterreich, Ulrich Leysser, welcher nur über 74 Feuerwerker verfügte.
Die Geschütze wurden längs der Umfassung verteilt, ihre Stellung aber auch während der Belagerung nach Bedarf verändert. Auf dem Bollwerk vor dem Biberturm zur Bestreichung der Schlagbrücke stand eine Singerin und zwei Falkonete, auf dem Turm selbst ebenfalls zwei Falkonete. Im Garten des Predigerklosters wurden durch die Mauer vier Scharten gebrochen und dahin eine Halbschlange und ein Falkonett bestimmt. Auf der „Katze“ (Cavalier) am Chor der Kirche stand eine Halbschlange und ein Falkonett, auf dem Dache des Klosters, gegen das Stubentor gerichtet, zwei Halbschlangen. Zwischen dem Stuben- und Kärntnertor wurden zehn Scharten gebrochen, für die acht Falkonette und eine Singerin bestimmt waren, welche auf die gegenüberstehenden Häuser gerichtet wurden; die Scharten mussten später wieder vermauert und die Geschütze auf die hinter der Mauer stehenden Häuser gestellt werden. Auf dem St.-Jakobskloster standen zwei Falkonette; in Eck von Reischachs Stellung standen drei Haubitzen, eine Singerin und drei kleine Mörser; auf einem Hause unweit des Kärntnerturmes zwei Falkonette, oben auf dem Turme eine große Notschlange, eine Halbschlange und ein Falkonett, in demselben zwei eiserne Falkonette und auf dem Ravelin davor ein Falkonett. Auf der Kirche St. Clara stand eine Halbschlange und auf dem Dache des Klosters ein Falkonett, das später gegen die Bresche gerichtet wurde; auf dem Platze daselbst standen zwei Haubitzen, ein großer und zwei kleine Mörser. Gegen das Augustinerkloster zu wurden drei Scharten gebrochen und dahinter eine Kartaune, eine Singerin und eine große Notschlange aufgestellt. Später wurde am Augustinerkloster ein hohes, hölzernes Bollwerk aufgestellt, um damit den Feind aus den Vorstädten zu vertreiben; bevor es noch vollendet war, zogen die Türken aber ab. Daneben, im Burgturm, waren zur Bestreichung des Grabens zwei Steinbüchsen und oben zwei Falkonette angebracht. In der Burg stand eine Haubitze und fünf Falkonette. Zwischen der Burg und dem Schottentor stand eine Kartaune, und für acht in die Mauer gebrochene Scharten waren nach Bedarf drei Halbschlangen bestimmt. Auf dem Schottentor standen zwei Falkonette; auf dem Ravelin davor eine Singerin und eine Halbschlange. Bei dem Judenturm standen eine Kartaune, zwei Falkonette, und auf demselben eine große, lange Notschlange. Unterhalb der Renngasse stand eine Singerin und eine Halbschlange, auf die Donau und auf den Wörth — die Insel — gerichtet. Vor dem Werdtor und auf dem Salzerturm standen je zwei Falkonette.
Die Leitung der fortifikatorischen Arbeiten während der Belagerung blieb in den Händen des Brückenmeisters und königlichen Baumeisters Tscherte.
Die Proviantierungsangelegenheiten leitete der Vizedom Dtr. Marks Pöck von Leopoldsdorf mit Hilfe des Unterproviantmeisters Jobst Lilgenberger.
Als Kriegsräte verblieben in Wien die Räte Hans Greissenegg, Helfrich von Meggau, Erasmus von Obritschan und der Unterfeldmarschall Hans Apfalter. Unter den Kriegssekretären war auch Peter Stern von Laibach, der die Belagerung der Stadt als Augenzeuge beschrieb.
Ohne bei den Truppen oder Ämtern eingeteilt zu sein, blieben noch in Wien: die Befehlshaber der aus Ungarn zurückgezogenen Truppen, Hans Katzianer, Niklas von Thurn, Paul Bakić, der Hauptmann von Raab Christoph von Lamberg, dann der königliche Oberstallmeister Wilhelm von Herberstein, der königliche Jägermeister Jörg Wolframstorfer, der Hauptmann von Zengg Erasmus Scheuer, die Grafen Wolf zu Oettingen und Ruprecht zu Manderscheid und die Herren Hans Haug zum Freinstein, Hieronymus Rickh und Sigmund Gindeschaufer.
Wie die Besatzungstruppen aus den deutschen, den österreichischen Ländern und aus Spanien zusammengesetzt waren, so beteiligte sich auch der Adel dieser Länder zahlreich in den verschiedensten Stellungen, vorzüglich aber als einfache Krieger an der Verteidigung der Stadt. Außer den bereits Genannten finden sich unter ihnen nebst vielen anderen die Namen: Bibra, Grafeneck, Kellersberg, Khevenhüller, Kinsky, Nimptsch, Pappenheim, Rechberg, Salamanca, Schamberg, Schaumburg, Schönburg, Schwarzenberg, Schulenburg, Starhemberg, Seckendorf, Seidlitz, Sinzendorf, Trautmansdorff und Vetter. Diego de Serava4, der Erzieher spanischer Edelknaben, welche ihm entflohen waren, um in den Reihen der Verteidiger Wiens zu kämpfen, stellte sich nach ihrer Auffindung voll Feuer selbst an ihre Spitze.
Vom Stephansturm aus wurden alle Bewegungen der Türken genau beobachtet und die vom Feinde beabsichtigten Stürme durch eine in der bedrohten Richtung ausgesteckte Fahne angezeigt. Salm selbst weilte oft oben, eilte jedoch bei drohender Gefahr sofort auf den Wall.
Von den Mitgliedern der Regierung verblieben während der Belagerung in Wien: der Statthalter von Niederösterreich, Georg von Puchheim, die Räte Felician von Petschach5, Hans von Eibeswald, Trojan von Auersperg, Raimund von Dornberg, Seyfried von Khollonitsch und Dtr. Hans Kaufmann.
Am selben Tage, den 26. September, bezog das türkische Heer sämtliche Lager rings um Wien. Für den Sultan wurde das Lager in der Entfernung einer Meile von der Stadt, bei Ebersdorf, an der Stelle, wo jetzt das Neugebäude steht, errichtet.6 Auf freiem Feld stand weit sichtbar das prächtige, mit allem orientalischen Luxus ausgestattete Zelt des Großherrn; den freien Platz um selbes umgaben die Lagerstätten seines Hofstaates, seiner Leibgarde (500 Bogenschützen, Solak genannt) und der zu seiner Umgebung gehörigen sechs Rotten Reiter. Vor dem Lager des Sultans — der Stadt zu — war jenes der Janitscharen, des Kernes des osmanischen Heeres; hinter demselben — gegen Schwechat zu — war das Lager des Beglerbegs von Anatolien. Von Simmering gegen den Laaerberg war das Lager des Großveziers Ibrahim Pascha mit jenem des Defterdar (Kanzler und Schatzmeister) mit dem gesamten Verwaltungsapparat. Nicht weit davon lagerten auch die den Heereszug begleitenden Ungarn, später auch der im Lager eingetroffene verräterische Erzbischof von Gran.7
Vor St. Marx, gegen den Wienerberg zu, stand der Artilleriepark, bei 300 Geschützen, darunter jedoch nur wenige schwere, da viele der letzteren, der schlechten Wege halber, in Ungarn zurückgelassen wurden.8 Benennung und Kaliber der Geschütze war verschieden: Schlangen, Kartaunen (türkisch Sarbun), Falken (Schahi), Falkauen und Falkonette (Kolumburne), Haubitzen (Obizzi oder Bedluschka), Steinbüchsen und Mörser, Feuerkatzen und Feuerhunde. Der Artillerie- und Munitionspark wurde zu seinem Schutze mit einem tiefen Graben und Wall umzogen, außerhalb welchem der Topdschibaschi (Artilleriegeneral), dann der Dschebedschibaschi (Oberzeugwart) und der Toparabadschibaschi (der Befehlshaber des Trains) lagerten.
Hinter dem Wienerberg bezog der Befehlshaber der Vorhut, Kutschuk Balibeg, der Pascha von Belgrad, sein Lager; vor demselben, der Stadt zu, bis zum Klagbaum (Wieden), der Pascha von Bosnien, Chosrevbeg, der Befehlshaber der Nachhut. Bei St. Ulrich vor dem Burgtor lagerte der Beglerbeg von Rumelien mit den Truppen aus Bulgarien und Serbien, gegen Döbling zu der Sandschakbeg von Semendria Mohamedbeg, und bei Heiligenstadt der Pascha von Mostar. Vor dem Stubentor — vorgeschoben gegen die Angriffsfront — stand der Sandschakbeg von Rum (Amasia in Kleinasien), und längs der Donau zu, von Schwechat aufwärts bis gegen die Schlagbrücke, lagerte Kasimbeg mit den Martolosen (besoldete osmanische Sicherheitskräfte) und Nassadisten (osmanischen Flussmatrosen) auf ungefähr 500 kleineren Donauschiffen.
Wien war nun nahezu eingeschlossen, nur gegen Norden war eine Verbindung mit dem Lande noch möglich. Noch am selben Tage setzten sich die Janitscharen in den Vorstadthäusern vor dem Kärntnertor fest; sie brachen Scharten in die zum größten Teile noch stehengebliebenen Mauern und führten dahinter Geschütze auf. Nächst dem Graben besetzten auch Schützen die Ruinen der dem Kärntnertor gegenüber stehenden Häuser und überschütteten die Stadt unaufhörlich mit einem Kugel- und Pfeilregen.9 Die Geschosse fielen auf die Dächer der Häuser nieder wie ein Hagel; durch die Kärntnerstraße konnte man kaum gehen.
Die Belagerungsarbeiten — Annäherungen und Batterien — wurden sogleich in Angriff genommen und hierzu die Linie vom Augustinerkloster bis gegen das Stubentor zu ausersehen, wo die niedergebrannten Vorstädte den Türken die besten Deckungen gewährten, welche auch sogleich zu Aufstellungen von Geschützen verwendet wurden. Batterien wurden nächst dem Lasloturm — ungefähr am Anfang der Wiedner Hauptstraße — für acht schwere Geschütze, und bei der Spitalmühle an der Wien, ungefähr an der Stelle des Kurpavillons im Stadtpark, errichtet.10
Bei der großen Stärke des türkischen Heeres konnte die Mannschaft für den eigentlichen Angriff fortwährend gewechselt werden, und so scheinen auch auf der Angriffsfront ununterbrochen 5000 bis 6000 Mann in Verwendung gestanden zu sein.
Den 27. September, gegen 9 Uhr morgens, fuhren Nassadisten mit ungefähr 200 Schiffen donauaufwärts bis zur langen Brücke, um die Stadt von jeder Verbindung abzuschneiden und sich in den Auen festzusetzen. Bei dem Mangel der Flottille konnte ihr Vorgehen auf dem Flusse nicht verhindert werden. Um die Nassadisten zu vertreiben, fielen acht Fähnlein — ungefähr 3000 Mann — und einige Hundert Reiter durch das Salzertor aus und setzten über die Schlagbrücke in die Auen.11 Es gelang zwar, die Besatzung der Schiffe wieder in dieselben zurückzutreiben, doch konnte die Zerstörung der über die Donau führenden Brücken nicht gehindert werden. Nachdem die Brücken für die Verteidigung der Stadt nun keinen Wert mehr hatten, beteiligten sich auch Ausfalltruppen an der Zerstörung derselben. Die Nassadisten zogen nun mit ihren Schiffen aufwärts bis Nussdorf, wo sie sich festsetzten, während die Ausfalltruppen nach ihrem Rückzuge auch die Schlagbrücke über den Donauarm abtrugen.12 Die Verbindung mit dem linken Donauufer war nun vollständig unterbrochen; nur wenige Waghälse durchschwammen noch während der Belagerung die Donau, um den Verkehr zwischen König Ferdinand und dem Grafen Salm zu vermitteln. Am selben Tage trat auch Pfalzgraf Friedrich mit den unterdessen bei Krems gelandeten Reichstruppen am linken Donauufer den Marsch gegen Wien an, kehrte aber auf die Nachricht, dass alle Übergänge über die Donau ungangbar wären, gleich wieder um und begnügte sich, auf dem Bisamberg einen Beobachtungsposten zurückzulassen, der ihm über die Vorgänge in der Stadt berichten sollte.13
Dienstag, den 28. September, unternahmen die Belagerten einen Ausfall beim Burgtor gegen das Kärntnertor zu und überfielen die Türken, von welchen sie den Tschausch (Generalstabsoffizier) Farfara Iskender und zwei Jajabaschi (Hauptleute) nebst einigen Janitscharen niedermachten, während der eigene Verlust nicht mehr als drei Mann betragen haben soll.14 Am Nachmittag gegen zwei Uhr kamen acht Schiffe von Nussdorf gegen die lange Brücke herab, um hier zu landen; dieses Vorhaben vereitelten jedoch die Spanier, indem sie vom Werdtor aus die Ruderer erschossen, so dass die Schiffe wieder umkehren mussten.15
Von diesem Abende an verstummten die Glocken der Stadt, nur die Viertelstunden wurden mit der Primglocke — einem kleinen, die Chorherren am Morgen zum Gebet rufenden Glöckchen — geschlagen.
Von nun an verging fast kein Tag, an dem nicht die Deutschen, die Böhmen oder die Spanier — besonders die letzteren — in kleinen Truppen, mit 30 bis 100 Mann, vom Salzertor aus, vielleicht auch durch Ausfallpforten, Ausfälle gegen die vor dem Schottentor gelegenen Weingärten unternahmen, die Feinde alarmierten und einige niedermachten, nicht selten aber auch selbst erhebliche Verluste erlitten.16
Am St.-Michaelstage, Mittwoch, den 29. September, wollten die Türken Rast halten. Ein Ausfall der Spanier unter ihrem Hauptmann alarmierte aber das türkische Lager und veranlasste den Großvezier, mit seiner Reiterei die Pferde zu besteigen. Die Spanier wurden nun nach hartem Kampfe zurückgeworfen, wobei ihr Fähnrich Antonio Consargo blieb.17 Der Großvezier umritt nun auch die Stadt, um sich vom Fortschreiten der Belagerungsarbeiten zu überzeugen, trug aber, um unerkannt zu bleiben, statt seines weißen, mit Goldstreifen durchwirkten Turbans einen farbigen Schal um den Kopf geschlungen.18 Zu dem schon seit mehreren Tagen herrschenden ungünstigen Wetter gesellte sich hierauf auch Frost, der von den an wärmeres Klima gewohnten Türken schwer ertragen wurde.19
Von nun an wurde in der Stadt die Verteilung der Lebensmittel eingeschränkt. Auf Anordnung des Proviantmeisters Pöck von Leopoldsdorf erhielt jeder Hauptmann für sein Fähnlein oder seine Rotte täglich einen Ochsen. Die Feldschreiber mussten aufnehmen, was in den Häusern an Wein, Korn, Mehl, Fleisch, Salz und Schmalz vorhanden war, um danach die Verteilung vornehmen zu können.20
Am 30. September hielt die ungünstige Witterung an, Sturm und Regen währten die ganze Nacht über. Hierdurch begünstigt, wurde die Wache der Landsknechte an der Schlagbrücke durch den Ulufedschibaschi Perwanibeg mit einer Kompanie überfallen, die meisten der Landsknechte niedergestochen, der Rest zurückgetrieben.21
Von der Schlagbrücke bis zum Salzerturm leistete die aus Floßbäumen hergestellte Vorwehr den am jenseitigen Ufer aufgestellten Geschützen, insbesondere einer großen Kanone, guten Widerstand.
Freitag, den 1. Oktober, ritt der Großvezier mit allen Agas in das Lager des Sultans nach Ebersdorf.
Am Morgen erschien vor dem Biberturm ein Türke, der Einlass begehrte und angab, seine Eltern wären Christen gewesen und von den Türken erschlagen worden. Durch ihn erfuhr man, was bisher noch nicht bemerkt worden war, dass die Türken zu beiden Seiten des Kärntnertores Minen gruben, um auf diese Weise die Umfassungsmauern in Bresche zu legen. Man wollte ihm anfangs keinen Glauben schenken und folterte ihn auch noch, um Angaben über die Stärke des türkischen Heeres zu erhalten.22 Georg Hofer, der unter Abel von Holneck stand, erbot sich, den Minen entgegenzuarbeiten, und es gelang ihm in der Tat, eine der Minen nächst dem Kärntnerturm am folgenden Tage, gerade eine Stunde bevor sie zum Sprengen bereit war, aufzufinden und unschädlich zu machen.23 Von nun an war die Aufmerksamkeit der Belagerten auch besonders auf die feindlichen Minen gerichtet, da man besorgte, dass die Türken mit denselben die Mauern und Türme einzuwerfen beabsichtigten und dann stürmen wollten. In den Kellern der dem Walle zunächst stehenden Häuser wurden nun bleibende Wachen aufgestellt, welche auf jedes unterirdische Geräusch zu achten hatten. Durch die Bewegung einiger auf einer stark gespannten Trommel gelegter Erbsen oder des Wassers in einem offenen Becken glaubte man auf die Annäherung feindlicher Minenarbeiter schließen zu können. Sobald ein verdächtiges Geräusch gehört wurde, arbeitete man dagegen, und es gelang auch manchmal, das Pulver aus den fertigen Minen wegzunehmen oder unbrauchbar zu machen, auch in die feindlichen Minen einzudringen und die Arbeiter niederzumachen oder sie durch Gegenminen zu verschütten.24 Dass die Minenarbeiten der Türken von den Belagerten nicht früher schon entdeckt wurden, findet seine Erklärung wohl in dem Umstande, dass sie unter dem Schutze der Ruinen der Vorstadt, vielleicht sogar mit Benützung der ohne Zweifel dort vorhandenen Keller ausgeführt worden sein dürften.
Dass der Hauptangriff der Türken sich auf jenen Teil des Umfanges der Stadt beschränkte, welcher von dem Bollwerk nächst dem Augustinerkloster bis zur halben Front zwischen dem Stubentor und dem Kärntnertor reichte, wo Eck von Reischach den Befehl führte, stand nun außer Zweifel. Wo die niedergebrannten Vorstädte ohnedies bis an den Graben reichten, hatten sie sich demselben in tief eingeschnittenen Laufgräben genähert und sich hinter einem Erdaufwurf festgesetzt.25 Das Feuer der Geschütze war nun namentlich gegen den Stephansturm und gegen sonst hervorragende Gebäude gerichtet, wogegen der Schaden, welchen die türkische Artillerie den Festungswerken zufügen konnte, sowohl ihres schwachen Kalibers als auch der mangelhaften Geschützbedienung wegen, verhältnismäßig gering war. Mit desto größerem Eifer hatten sich die Türken nun auf den Minenkrieg geworfen, den sie mit vielem Geschick und mit Aufwand außerordentlicher Arbeitskräfte zu führen verstanden.
Sonntag, den 2. Oktober, fielen einige Leute beim Schottentor gegen den Pascha von Semendria aus, wurden aber blutig zurückgewiesen.26 Infolge dieses Ausfalles entstand großer Lärm. Durch anhaltendes Feuer wurde der Kärntnerturm seiner Zinnen beraubt; um seine Verteidigungsfähigkeit zu erhalten, mussten dieselben während der Nacht durch ein neues hölzernes Bollwerk ersetzt werden.
Den 3. Oktober währte das Geschütz- und Kleingewehrfeuer ununterbrochen fort. Die Schlagbrücke vor dem Kärntnertor wurde von den Türken angezündet, wobei mehrere Janitscharen verwundet wurden. Der Lehensträger von Valona, der Subaschi Komani Kasimbeg, wurde von einer Bombe getötet.
Das feindliche Feuer währte die Nacht zum 4. Oktober über fort. Als am Morgen in der Stadt das Feuer wieder aufgenommen wurde, zersprang auf dem Kärntnerturm ein Geschütz. Die Besatzungstruppen blieben den Tag über in Bereitschaft, weil man fürchtete, die Türken würden den Versuch machen, die Mauer zu ersteigen. Eck von Reischach ermunterte seine Leute durch eine kräftige Ansprache. Janitscharen, die in den Graben kamen, steckten Fähnchen durch die Schießlöcher; durch den Ausfall einiger Leute wurden sie wieder vertrieben. Gegen die Minen wurde von Seiten der Belagerten eifrig gegraben.
Eine Frau, welche aus den Händen der Türken entflohen war, wurde über die Mauer gezogen; sie klagte, dass man ihren Mann vor ihren Augen niedergemacht, ihre Kinder erwürgt und ihre Tochter geschändet habe.27
Am 5. Oktober erging an die Begs von Semendria und Bosnien der Befehl, mit allen ihren Leuten die Minenarbeiten zu fördern und Reisigbündel zum Füllen des Grabens sowie Leitern zum Sturme herbeizuschaffen. Als der Großvezier eine Batterie besuchte, wurde er von der Stadt aus erkannt und die Batterie mit Kugeln überschüttet. Auch die Türken blieben in Erwartung eines Ausfalles der Besatzung den ganzen Tag über in Bereitschaft. In der Stadt wurden abends noch Vorbereitungen für einen Ausfall getroffen.
Im Lager des Sultans erschien an diesem Tage auch der Erzbischof von Gran.28
Am Morgen des 6. Oktober sollte ein Ausfall unternommen werden. Vier Fähnlein des alten Haufens, je vier Fähnlein der beiden deutschen Regimenter und mehrere Abteilungen der Böhmen und Spanier sowie der übrigen Truppen, ungefähr 5000 Mann,29 wurden ausgewählt und brachen, durch die Nacht begünstigt, unbemerkt beim Salzertor aus. Sie sollten längs des Grabens bis zur Burg vorrücken, um dann bei Anbruch der Dämmerung hervorzubrechen und die Arbeiter in den Gräben sowie die Batterien zu überfallen und auch im Rücken zu nehmen. Wäre der Anschlag gelungen, so würde dem Feinde wohl großer Abbruch geschehen sein; im Falle des Misslingens aber musste der Rückzug längs des Grabens sich für die Ausfallenden sehr ungünstig gestalten. Der Vormarsch verzögerte sich; bevor noch die vorderste Abteilung ihr Ziel erreicht hatte, wurde es Tag, und durch das Geräusch, vielleicht auch infolge eines von einem einzelnen Manne ausgestoßenen Schreis,30 wurde der Feind aufmerksam und trieb die in dem Graben stehende Masse zurück. Der Rückzug scheint bald in wilde Flucht ausgeartet zu sein; die Leute drängten sich und warfen sich gegenseitig nieder. Hauptmann Wolf Hagen mit mehreren Leuten bemühte sich, den Rückzug zu decken, wurde aber bald überwältigt und später niedergemacht.31 Der Verlust der Belagerten betrug mehr als 500 Mann, während der Verlust der Türken — darunter auch Küstendil Alibeg, unter dem Namen Samu Ramadan bekannt — nicht bedeutend gewesen zu sein scheint.32 Gegen Mittag häuften die Türken nächst dem Graben Holz und Faschinen an, die auf Kamelen herbeigeschafft wurden. Die einen Sturm gewärtigende Besatzung blieb bis zum Morgen des folgenden Tages unter den Waffen.
Kaum war aber am 7. Oktober die Besatzung mit Ausnahme der Bereitschaft in die Quartiere abgerückt, als sie wieder von Neuem alarmiert wurde, sodass einzelne Fähnlein über 24 Stunden wachen mussten. Die Türken suchten nun die Mauer im Bereiche von Reischachs Quartier zu untergraben und durch aufgehäuftes Pulver zu sprengen, wodurch wohl die Mauer bei St. Clara beschädigt, aber doch zumeist nur Lärm gemacht wurde.
Nachts kam ein Schreiben des Königs Ferdinand und des Pfalzgrafen Friedrich mit dem Versprechen von Entsatz.33 Durch Geschützfeuer und Feuerwerke gaben die Landsknechte ihrer Freude Ausdruck. Nicht in Kenntnis über die Bedeutung des Lärmes blieb der Sultan mit allen Paschas und ihren berittenen Rotten in Erwartung eines Ausfalles über die Nacht zu Pferde.
Im Laufe des 8. Oktober fanden wieder kleinere Kämpfe statt. Gegen Abend wurde ein gefangener Türke eingebracht, der aussagte, dass der Sultan seinem Herrn, einem Hauptmanne, mitgeteilt habe, er wolle die Mauern der Stadt an fünf Orten untergraben lassen und hoffe, sie in drei Tagen niederwerfen zu können und dann einen Sturm zu unternehmen; hierzu wäre der halbe Teil aller Truppen, zu Fuß und zu Pferd, mit 400 Leitern ausgerüstet, zu verwenden. Vier Paschas hätten den Befehl, diese zum Sturme bestimmten Truppen zu führen. In der Stadt wolle der Sultan alles erwürgen lassen und die Stadt selbst in den Grund brennen.34
Schon am 9. Oktober, nachdem die Türken sich vergeblich bemühten, durch eine Schießscharte unter dem Kärntnertor in die Stadt zu dringen, sprangen um zwei Uhr nachmittags zwei Minen in der Mauer vom Kärntnertor gegen St. Clara zu, worauf sogleich ein bis fünf Uhr währender Sturm folgte,35 den die Besatzung mit geringem Verluste abschlug, während von den Türken viele getötet wurden. Durch die Minen wurden mehrere der Verteidiger sowohl nach der Seite der Stadt wie in den Graben geschleudert, ohne dadurch wesentlichen Schaden zu leiden. Graf Salm selbst, Katzianer und andere Führer hielten sich von nun an abwechselnd Tag und Nacht an den meist gefährdeten Stellen auf.
Nach dem abgeschlagenen Sturme konnte es nicht mehr zweifelhaft sein, dass das Breschelegen und Anstürmen auf die eingeworfenen Stadtmauern nun unmittelbar aufeinander folgen werde, um die Besatzung zu betäuben und zu ermüden und sie endlich widerstands-unablässig zu machen. Suleiman musste auch schon zur Überzeugung gekommen sein, dass er einen Erfolg entweder schnell erreichen oder der vorgerückten Jahreszeit wegen darauf verzichten müsse.
Salm richtete am selben Tag ein Schreiben an den Pfalzgrafen Friedrich, in welchem er erwähnt, dass den Türken der Anzug eines Entsatzes wohl nicht unbekannt wäre, dass bei ihnen großer Hunger herrsche und das Volk sich zur Einbringung von Lebensmitteln oft weit zerstreue, daher ein Angriff durch die Entsatztruppen jetzt besonders günstig wäre; doch müsse derselbe über Tulln und den Wienerwald geschehen. Salm bittet ferner in zwei „Postscripta“ vom 10. Oktober, Friedrich möchte den Brief „eilend und eilend“ an König Ferdinand schicken, und bittet um Beschleunigung des Entsatzes, da die zur Verfügung stehenden Truppen viel zu wenig und zu schwach sind, um der großen Macht der Türken, welche nun die Stadtmauer vom Burgtor bis zum Stubentor zu untergraben suchen, länger zu widerstehen und die Stadt zu erhalten. Schließlich wird die Bitte um Beschleunigung des Entsatzes noch wiederholt.36
Den 10. Oktober währte das Feuer der Angreifer ununterbrochen fort. Wiederholt wurden Versuche gemacht, die Mauer zu ersteigen, vielleicht weniger in Erwartung eines Erfolges als um die Besatzungstruppen zu ermüden. Die Minenarbeiten sowie auch die Versuche, ihnen entgegenzutreten, wurden eifrig fortgesetzt.37 Die tags zuvor erzeugten Breschen wurden verbaut und hinter denselben noch ein neuer Wall und Graben aufgeführt. Auf dem Stephansturm und auf dem Platze vor dem St.-Clara-Kloster ertönten nach dem Kriegsgebrauch die Heerpauken, Trommeln, Trompeten und Pfeifen zur Aufmunterung der Besatzung, und „daß die Feinde ohne Zweifel ein sonder Verdruß an solchem Trutz gehabt“.
Montag, den 11. Oktober früh, war wieder blinder Lärm. Das Dach des Kärntnerturmes fiel ein und erschlug einen jungen Adeligen namens Altenhausen mit sechs Landsknechten und Spaniern.38 Um 8 Uhr morgens sprang eine Mine unterhalb des Kärntnertores; unmittelbar darauf folgte ein Sturm, der bis Mittag dauerte39 und in Anwesenheit des Sultans selbst unternommen wurde.40 Da die Mauer nicht in der erwarteten Breite einstürzte, konnte der Sturm nur vom Beglerbeg von Janina, Luftibeg, und von jenem zu Valona, Suleimanbeg, unternommen werden, die schließlich nach bedeutenden Verlusten vom Kampfe abstehen mussten;41 auch der Verlust der Belagerten betrug mehr als zwanzig Mann.42
In einem Berichte, welchen Salm am selben Tage um 4 Uhr nachmittags an den Pfalzgrafen abschickte, sprach er die Erwartung aus, dass die Mauer noch an zwei Orten gesprengt und dann ein allgemeiner Sturm unternommen werden würde; er knüpft daran die Meldung, dass die Besatzung schon ganz ermüdet und erschöpft ist, bereits an allem Mangel leidet und von Stunde zu Stunde schwächer wird. Von Neuem bittet er: „eilend und eilend zu Hilfe, Trost und Rettung zu kommen und daselbst keinen Augenblick in längerem Verzug stellen“.43
Am 12. Oktober um 3 Uhr morgens, nach einer hellen Mondnacht, sprangen abermals zwei Minen in der Mauer zwischen dem Kärntner- und Stubentor und eröffneten eine weite Bresche. Die Türken schienen es auf eine Überraschung der Besatzung abgesehen gehabt zu haben, denn dem Auffliegen der Minen folgte unmittelbar ein Sturm, dem die Landsknechte und Spanier mit fliegenden Fahnen entgegentraten. Der Sturm wurde aber nicht mehr mit dem Feuer unternommen, wie die früheren Male; man konnte von der Stadt aus sehen, wie die Leute mit Prügeln und Säbeln zum Vorgehen angetrieben werden mussten.44
Der kurze Bericht des Kriegsrates, welcher noch um 3 Uhr nachmittags mit der Anzeige vom letzten Sturm an den Pfalzgrafen Friedrich abging,45 weist auf die wiederholt gestellte Anforderung um dringende Hilfe hin und lässt nur zu gut erkennen, dass man in Wien endlich müde war, die Vorstellungen abermals zu wiederholen und die Verantwortung für eine etwa eintretende Katastrophe dem Pfalzgrafen Friedrich überließ.46
Den Führern wie den Besatzungstruppen in Wien musste nun klar sein, dass, wenn nicht rasch Hilfe käme, der weitere Kampf um die Stadt nahezu hoffnungslos wäre. Nur die geringe Hoffnung auf Rettung und das Bewusstsein, welches Los den Unterliegenden bevorstand, mussten zum Anspannen aller Kräfte drängen. Es war ein Kampf um das eigene Leben und um das seiner Kampfgenossen.
Im türkischen Lager versammelte der Großvezier am Nachmittage die Begs aus Rumelien (d. i. aus den europäischen Provinzen) und pflog mit ihnen Rat: „Man sagte, es sei nicht mehr an der Zeit anzustürmen; deutlich sei die Furcht vor dem Mangel an Lebensmitteln, und sehr zweckmäßig, von diesem Feldzuge nach Hause zurückzukehren. Bei dieser ihrer Aussage beschlossen sie, für den nächsten Donnerstag (d. i. den 14. Oktober) einen Sturm, der gewagt werden sollte; die Festung sollte genommen werden oder nicht, so sollte man sich dann auf den Rückweg begeben. Den Janitscharen wurden je 1000 Aspern versprochen.“47
In der Tat waren die Zustände im türkischen Lager auch derart, dass an den Rückzug ernstlich gedacht werden musste. Die mitgebrachten Lebensmittel gingen zu Ende, die Umgebung Wiens war weit und breit verheert, die vorgefundenen Vorräte an Feldfrüchten mutwillig verbrannt, das Schlachtvieh umgekommen; Regen und Kälte veranlassten Krankheiten unter Menschen wie unter dem Vieh. Auch den Kriegssatzungen des Islams war entsprochen worden, welche nicht mehr als dreimaligen Anlauf, sei es in der Schlacht oder wider befestigte Plätze, erfordern; drei Hauptstürme mit wiederholtem Anlaufe hatten bereits stattgefunden.48 Alles dies, wie die augenscheinliche Unzufriedenheit im türkischen Heere, mag den Sultan bewogen haben, den durch Ibrahim überbrachten Ratschlägen Rechnung zu tragen.
Der 13. Oktober verlief in der Stadt ohne besondere Vorfälle. Das Geschützfeuer wurde von beiden Seiten lebhaft fortgesetzt. Im türkischen Lager verkündeten Herolde den am nächsten Tage vorzunehmenden Sturm und riefen die Belohnungen aus für jene Leute, welche die Stadtmauern zuerst ersteigen würden.49 Der Padischah kam vor die Stadt, um die Breschen zu besichtigen, welche durch die Minen bereits erzeugt waren, und drückte dem Großvezier seine Zufriedenheit darüber aus.50
Katzianer und Bakić unternahmen mit ihren Reitern vom Salzthor aus einen Ausfall gegen den Pascha von Semendria und brachten einige Gefangene ein, welche angaben, dass am folgenden Tage ein letzter Sturm stattfinden werde, der Sultan aber im Falle des Misslingens die Absicht habe, nach Konstantinopel zurückzukehren.51
Der 14. Oktober, der letzte Tag der Belagerung, brach nun an. Schon am Morgen standen die Heerhaufen der Türken unter dem Großvezier, dem Beglerbeg von Anatolien und dem Aga der Janitscharen zum Kampfe bereit; nicht ohne Mühe konnten sie zusammengehalten werden.52 Gegen Mittag flogen nächst dem Kärntnerthor zwei Minen auf, eine dritte, gegen die Burg gerichtete, wurde rechtzeitig entdeckt und durch Wegnahme einiger Tonnen Pulver unschädlich gemacht. Links vom Kärntnerthor stand Eck von Reischach, rechts davon Graf Niklas Salm, der durch einen abspringenden Steinsplitter dem Anschein nach nur unbedeutend am Schenkel verwundet wurde.53
Das Auffliegen der Minen gab das Zeichen zum Sturme.54 Trotz der zugesicherten Belohnungen waren die wiederholten Anläufe vergeblich, und endlich gegen 2 Uhr nachmittags erhielten die Janitscharen den Befehl, von weiteren Stürmen abzustehen und sich zurückzuziehen. Es war das letzte Aufgebot des Mutes, um den heldenmütigen Widerstand der Stadt zu brechen. 350 Leichen füllten den Graben vor den Breschen, welche eine Gesamtlänge von ungefähr 80 Meter hatten. Der Verlust auf Seite der Verteidiger wird als sehr gering angegeben.55
Am Nachmittag zeigte sich im türkischen Lager eine auffällige Bewegung. Ein Ausfall einiger Reiter brachte mehrere weidende Pferde.
und Kamele ein. Um 9 Uhr abends entstand im Lager der Türken Lärm; Schüsse fielen und Jammergeschrei erfüllte die Luft. Bald auch fingen die Zelte der nächststehenden Lager und die einzelnen, der Verwüstung bisher entgangenen Häuser der Vorstädte in Flammen auf. Am folgenden Morgen zeigte sich, dass die Türken vor ihrem Abzug bei 2000 Gefangenen, deren Transport ihnen lästig war — ältere und gebrechliche Leute sowie Kinder — niedergemacht oder in die Flammen geworfen hatten.
Aus Suleimans Tagebuch ist zu entnehmen, dass es dem Sultan ernst war, von Wien fortzuziehen. Wenn auch das Aufgeben einer mit so großem Aufwand begonnenen Unternehmung einer Niederlage gleichzuhalten ist, so geschah — wie nach misslungenen Feldzügen bei den Türken üblich war — doch alles, um den gefassten Entschluss zu beschönigen.56
Der 15. Oktober verging beim türkischen Heer mit Vorbereitungen für den Abzug. Als man das in der Stadt wahrnahm, eröffnete man gegen Abend aus allen Geschützen ein Freudenfeuer. Die Nassadisten, welche mit ihren Schiffen von Nussdorf herabkamen und mit dem Verladen von Geschützen beschäftigt waren, wurden, als sie nahe der Stadt vorüberfuhren, mit Erfolg beschossen.
Am folgenden Tage, den 16. Oktober, nachdem die Türken ihre Lagerplätze nächst der Stadt räumten, fand in der St.-Stephans-Kirche ein feierlicher Dankgottesdienst für die Befreiung vom Feinde statt; mit allen Glocken wurde geläutet und ununterbrochen aus allen Geschützen gefeuert.
Einzelne Leute zogen aus der Stadt in das von den Türken geräumte Lager und in die Vorstädte hinaus, wobei es an ernsten Zusammenstöße mit Nachzüglern des türkischen Heeres fehlten nicht. Von beiden Seiten wurden Gefangene gemacht.
Während der Sultan nach Verteilung von Geschenken — an den Großvezier einen prachtvollen Säbel und an die Begs die üblichen Ehrenkleider — und nach Ausfolgung des versprochenen Sturmsoldes an die Janitscharen aus seinem Lager gegen Brück an der Leitha abzog, blieb Ibrahim mit den rumelischen Truppen zur Deckung des Abzuges bis zum 17. Oktober auf dem Wienerberg stehen.57 Boten, welche vom Kriegsrat in Wien in das türkische Lager gesandt wurden, um über die Auswechslung der Gefangenen zu verhandeln, fertigte Ibrahim mit hochmütigen Reden ab; die Verhandlungen schienen von beiden Seiten keinen besonderen Erfolg gehabt zu haben,58 doch wurde Christoph Zedlitz, der am 23. September in Gefangenschaft geratene Fähnrich Hardeggs, mit türkischen Gewändern reich beschenkt, nach Wien entlassen.59
An den folgenden Tagen unternahmen Hans Katzianer60 sowie die Reiterführer Paul Bakic und Siamund Weichselberger wiederholt Streifzüge in die Umgebung der Stadt, von welchen sie nebst einer großen Zahl von Pferden und Schlachtvieh auch einige Kamele einbrachten, einige Gefangene machten und auch viele Landleute aus der türkischen Gefangenschaft befreiten.
Den 18. Oktober langten die beiden Obersten der Reichstruppen, Kunz Gotzmann und Jakob von Wernau, unter Bedauern, die Stadt nicht früher erreicht zu haben, aus Krems über Stockerau in Wien an.
Am 20. Oktober traf der Pfalzgraf Friedrich in Wien ein und übernahm den Befehl über die Reichstruppen von seinem Bruder Philipp.61
Im ersten Augenblick waren in Wien alle Leiden vergessen, und dem Grafen Niklas Salm, wie den übrigen Heerführern und der ganzen Besatzung, Dank und volle Anerkennung für die bewiesene Tapferkeit und Ausdauer gezeigt.
An König Ferdinand wurden eiligst Boten mit der Nachricht vom Abzug des türkischen Heeres und der Befreiung von Wien gesandt.
Schwere Opfer hatte aber die Verteidigung der Stadt auch erfordert. Der Verlust der Besatzungstruppen betrug 1.700 Mann, und von den in der Stadt gebliebenen Bewohnern sollen während der Belagerung gegen 700 gestorben sein.
Die Aufhebung der Belagerung von Wien war der erste misslungene Kriegszug Suleimans. Nicht die Ungunst der Witterung, die Klagen der aus südlichen Gegenden stammenden Truppen über Kälte, der Mangel an Lebensmitteln, das Überhandnehmen von Krankheiten und das Murren der Janitscharen, die ja schon in Ofen kaum befriedigt werden konnten, allein brachte den Sultan zum Entschluss, die Belagerung von Wien aufzugeben: die Kenntnis, dass Pfalzgraf Friedrich eine täglich sich mehrende Macht in Krems angesammelt hatte, dass Jahn von Bernstein mit 24.000 Mann von Znaim her im Anmarsch sei, dass aus Böhmen noch weitere Truppensendungen zu erwarten wären und dass an der Westgrenze Österreichs gegen 30.000 Mann Reichstruppen zum Einmarsch bereitstanden, machten diesen Entschluss notwendig.
Über die Verluste des türkischen Heeres sind verlässliche Angaben wohl nicht vorhanden, doch dürften sie, wie sie selbst sagen, während der Belagerung bei 40.000 Mann eingebüßt haben.62
1Im k. u. k. Kriegsarchiv, Fasz. VIII, 5, ohne Datum ist nachstehendes „Verzeichnis der Hauptleute und wieviel Mann ein jeder in der Wiener Belagerung anno 29 unter ihm gehabt hat“:
Leonhard von Veltss, Ritter, kaiserl. Maj. Rat und Kämmerer, hielt unter ihm Fähnlein 7
Eck von Reischach, Ritter, kaiserl. Rat, Fähnlein 6
Hans Brunnmeister Fähnlein 2
Ruprecht von Ebersdorf Fähnlein 1
Caspar Ritschan Fähnlein 1
Wolfgang Hagen Fähnlein 1
Maximilian Leisser Fähnlein 1
Sigmund Leisser Fähnlein 1
Hans Surg von Surgenstein Fähnlein 1
Maximilian Auer von Hernkirchen Fähnlein 1
Hanns von Faulach Fähnlein 1
Abel von Holneck aus Steyer Fähnlein 1
Antoni Rud von Kholnburg aus Steyer Fähnlein 1
Christof Saler aus Kärnten Fähnlein 1
Christof von Neunfels Fähnlein 1
Wolfgang von Pfaffendorf Fähnlein 1
Hispanische Hauptleute:
Ludwig von Avales, Johann von Aquilera, Johann von Salinas, Melchior von Sillavuel: 500 Mann Hispanier.
Pfalzgraf Philipp, neben dem, dass er mit 14 Fähnlein zu Wien zeitlich angekommen, führt noch: 100 Reiter
Wolfgang von Rogendorf, kaiserl. Rat: 500 Reiter
Bartelme Weißenecker aus Steyer 250 Reiter
Leonhardt Lochner aus Kärnten 200 Reiter
Hanns Graf von Hardeck aus Österreich 250 Reiter
Niklas Schinzenbauer führt unter Hansen Khazianer 160 Reiter
Hans Khazianer aber hielt unter ihm eine Anzahl geringer Pferde.
Etliche ungarische Herren brachten mit sich 28 Ringe Pferde.
Niklas von Thurn hielt auch unter ihm eine Anzahl spanischen und deutschen Kriegsvolks.
Es haben sich auch an die 12 vom Adel, die sich damals keinem Hauptmann untergeben wollten, in und außer der Besatzung wider den Feind ritterlich gebrauchen lassen.
2Die Edelleute Georg von Székely, Georg Hatalini, Adam Honory und Johann Norowsky mit ihren Leuten.
3Wolfgang von Rogendorf, ein Bruder Wilhelms von Rogendorf, war Befehlshaber über 500 Reiter.
4Eine lateinische Beschreibung der Belagerung wird mit Unrecht dem Diego Serava zugeschrieben, dem sie nur von einem ungenannten Verfasser gewidmet ist.
5Felician von Petschach wird schon den 26. Oktober seines besonderen Eifers wegen durch Rogendorf dem König empfohlen.
6Der Raum, welchen das Lager Suleimans einnahm, wurde später unter Kaiser Rudolf II. zu einem Lustgarten verwendet; wo das Zelt des Sultans stand, erhob sich ein kaiserliches Lustschloss; auch wurden in den weitläufigen Umfassungsgebäuden allerlei wilde Tiere gehalten. Gegenwärtig befindet sich daselbst ein Artilleriedepot.
7Erzbischof Várday war ein Mann, der es stets mit der Partei hielt, welche ihm augenblickliche Vorteile gewährte. In Suleimans Tagebuch ist er als „Fürst mit Namen Ersek“ (Erzbischof) angeführt, was sich nur auf diesen und nicht, wie Hammer meint, auf den Gelehrten Athinai beziehen kann. In einem Schreiben vom 8. Oktober 1530 an den Papst sucht Várday in recht lahmer Weise sein Verhalten zu verteidigen.
8Einige der schwersten Geschütze sollen schon des schwierigen Transportes wegen in Belgrad zurückgelassen worden sein.
9Hammer führt an, dass die Pfeile mitunter köstlich geschmückt und sogar mit Perlen besetzt waren, und bringt als Beispiel die Inschrift eines Pfeiles aus der zweiten Türkenbelagerung, zu welcher Zeit Bogen und Pfeil wohl nur mehr eine Zierwaffe waren.
10In Meldemanns Rundsicht ersichtlich.
11Paul Pessels Beschreibung.
12Paul Pessel, Peter Stern und Meldemanns Rundsicht.
13In Meldemanns Rundsicht durch vier Reiter auf dem Bisamberg angedeutet.
14Peter Stern und Meldemann geben den 27., Pessel den 29. September an, während in Suleimans Tagebuch der 28. angeführt ist, was mit Rücksicht auf die Einzelheiten sowie in Übereinstimmung mit dem „Gründlichen Bericht“ richtig sein dürfte. Nach Pessel wäre dieser Ausfall mit 2000, nach Stern und Meldemann mit 8000 Mann gemacht worden, wobei über 200 Janitscharen niedergemacht wurden, was jedoch sehr unwahrscheinlich ist, wenn der eigene Verlust nicht mehr als drei Mann betragen haben soll. Ausfälle mit größeren Truppenmassen durch die Ausfallpforten dürften überhaupt kaum unternommen worden sein.
15Die Nachricht von diesem Versuch der Türken, in den Auen festen Fuß zu fassen, bringt nur der „Gründliche Bericht“.
16Paul Pessels Beschreibung.
17Pessel bringt wohl die Nachricht vom Tode Consargos, aber nicht wann er fiel. Dass Ibrahim zu Pferde stieg, bringt Suleimans Tagebuch. Pessel meint auch, wenn der Ausfall früher stattgefunden hätte, wäre es möglich gewesen, den Großvezier zu fangen; doch scheinen die Nachrichten über die Ausfälle der letzten Tage nicht verlässlich.
18Vier Jahre später erzählte das Ibrahim selbst den Botschaftern Dupicius Schepper und Niklas Jurischitz in Konstantinopel.
19Suleimans Tagebuch meldet schon am 27. heftigen Regen. Der „Gründliche Bericht“ sagt: „Es regnet auch dieselbige Nacht fort und fort, und es sollten billig die Hundsköpfe draußen erfroren sein, aber Unkraut verdirbt nicht.“
20Nach Peter Stern. Hammer führt an: Vom 1. Oktober wurden für jede Rotte täglich 8 Brote und 15 Maß Wein angewiesen; weil aber der Landsknecht, des österreichischen Weines ungewohnt, leicht in Rausch verfiel und diesen zu lange ausschlief, wurde drei Tage später der Anteil des Weines um fünf Achtteile verringert.
21Nach Peter Stern und Suleimans Tagebuch. Hammer übersetzt „Perwanibeg“ mit „Schmetterlingsfürst, der Oberst der berittenen Rotte der Ulufedschi, d. i. der Söldlinge“.
22Pessel sagt, „er wurde peinlich befragt“, d. h. gefoltert. Seine Aussagen sind noch bekannt; erst als er durch die peinliche Befragung sich zu den unglaublichsten Aussagen über die Stärke des türkischen Heeres veranlasst sah, wurde ihm Glauben geschenkt. Weil sich seine Angaben über die Minen bestätigten, sicherte ihm Wilhelm von Rogendorf „sein Lebelang ehrliche Unterhaltung und Provision“ zu.
23Georg Hofer war vermutlich ein steirischer Bergknappe (in Pessels Verzeichnis der Edelleute erscheint er nicht). In einer Eingabe der Kriegsräte vom 9. November 1529 (k. u. k. H.-K.-A., Fasz. III, 610) wurden Hofer 200 Gulden als Belohnung und eine lebenslängliche Provision versprochen und um Genehmigung derselben gebeten. Auf der Außenseite derselben befindet sich die Erledigung: „Fiat ain Provision umb 32 Gulden auf dem Wechselamt zu Schladming.“
24Dass die Straßenbenennung „Heidenschuss“, die Straße zwischen Hof und Freiung, mit der Türkenbelagerung von 1529 in Verbindung gebracht wurde, ist eine Mythe. Das Haus daselbst, an dem ein Barbar zu Pferde mit Bogen und Pfeil angebracht ist, führte, nach einem Dokument im Schottenkloster, schon 1528 den Namen „wo der Hayd scheußt“, der wohl auf den Einfall der Tataren 1242 zurückzuführen sein dürfte. Lazius führt im 16. Jahrhundert den Heidenschuss mit den Worten an: „Ubi Tartarus sagittas ejaculatur.“ Dass die Türken mit einem Minengang bis unter den Heidenschuss gelangt und dort von einem im Keller arbeitenden Bäcker entdeckt worden wären, ist wohl auch nur Sage, da eine Mine in der Belagerungszeit unmöglich weit vorgeschritten sein konnte. Das angeblich auf die Entdeckung einer Mine beruhende, erst zu Beginn dieses Jahrhunderts abgekommene Privilegium eines feierlichen Umzuges der Bäckerzunft muss wohl auf die Entdeckung einer der Stadtmauer näher gelegenen Mine zurückzuführen sein.
25Hammer sagt, die Annäherung geschah in mehr als vierzigmal gebrochenen Laufgräben, was wohl übertrieben ist. Auch in Meldemanns Rundsicht ist ein ausgedehntes System von Laufgräben nicht zu ersehen, und bei den Umständen, die sich dem Belagerer so günstig von selbst boten, nahezu ganz entbehrlich.
26Peter Stern erwähnt den Ausfall von „etlich Knecht“ vor das Schottentor. Suleimans Tagebuch führt den Ausfall als gegen Mohamed Beg von Semendria (der in der Nähe des Schottentores gegen die Donau zu stand) an und sagt, dass die Ungläubigen mit einem Verluste von 30 Mann, denen die Köpfe abgeschnitten wurden, und von 10 lebend Gefangenen zurückgetrieben wurden.
27Peter Stern erzählt diese Begebenheit und erwähnt ausdrücklich, dass die Frau über die Mauer gezogen wurde, was wohl auch darauf hinweist, dass selbst die Ausfallpforten nicht für alle Fälle genügten und daher die Nachrichten über Ausfälle nur mit Vorsicht aufzunehmen sind.
28Suleimans Tagebuch sagt: „Ein ungläubiger Fürst, mit Namen Ersek (Erzbischof), der nach ihrem Glauben von allen in ihrem Reiche befindlichen Gelehrten der erste sein sollte — es mochte keinen größeren Fürsten als ihn geben — unterwarf sich dem Padischah und kam in das kaiserliche Lager.“ Es kann dies nur der Graner Erzbischof Paul Várday gewesen sein, der das Heer begleitete, und nicht, wie Hammer meint, der Gelehrte Simon Athinai.
29Sowohl Pessel wie Peter Stern bringen die Nachricht von diesem Ausfall, und auch in Meldemanns Rundsicht ist derselbe durch im Graben ziehende Kriegsleute angedeutet; ebenso ist er in Suleimans Tagebuch angeführt. Dass dieser Ausfall aber, wie Pessel und Stern behaupten, mit 8000 Mann unternommen wurde — fast mit der Hälfte der Besatzungstruppen — ist unwahrscheinlich. Wenn 17 Fähnlein auch dabei beteiligt waren, wie Stern und Pessel sagen, so müsste jedes Fähnlein bei 500 Mann stark gewesen sein, was nicht sein kann. Den Ausfall für ganz unwahrscheinlich zu halten, wie Neuwald in „Graf Salm“, ist bei der Übereinstimmung der angeführten drei Quellen aus beiden Lagern nicht anzunehmen.
30Pessel sagt, der Marsch wäre infolge des Schreiens durch einen „erlösen Knecht“ verraten worden.
31Wolf Hagen scheint mit einigen Landsknechten gefangen und später erst in der Kirche St. Merten erwürgt und enthauptet worden zu sein, da er nach Aufhebung der Belagerung dort gefunden und dann erst begraben wurde.
32Suleimans Tagebuch sagt: Aus der Festung fallen die Ungläubigen aus und kämpfen stark; endlich werden sie geschlagen und eine Anzahl zieht sich zurück in die Festung; indem eine andere Anzahl hinein will, trifft sie mit den gläubigen Kämpfern zusammen. Wie nun die erste Abteilung nach der Festung zurückeilt, so schlägt diese aus Furcht, es könnten mit ihren Mitbrüdern die Gläubigen sich vermischen und in die Festung eindringen, das Tor zu, und der außerhalb der Festung bleibende Teil der Ungläubigen springt über die Klinge: mehr als 500 werden die Köpfe abgeschnitten und auch einige lebendig gefangen genommen.
33Im „Gründlichen Bericht“.
34In einem Schreiben vom 9. Oktober meldet der Kriegsrat dem Pfalzgrafen Friedrich: „Das wir angestern abends einen Türken gefangen, der hat an gütlicher und peinlicher Frag bekennt, und der türkische Kaiser seinem Herrn, der ein Hauptmann über 100 Pferd sei, zugeschrieben und zu entboten hab. Er hab an fünf Orten die Stadt zu graben befohlen, dass er verhoffe, den dritten Tag als morgen, die Mauer zu fällen, und dann den Sturm gewaltig anzulaufen, und in solchem gewaltigen Sturm hab er verordnet, halben Teil seines Volks zu Ross und zu Fuß gemengt und vier Pascha jeden zu solchem Sturm zugeordnet, vierhundert Sturmlaitern, und so wolle er alles, so in der Stadt ist, erwürgen und die Stadt in Grund verbrennen …“ (k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Fasz. I B; Neuwald bringt in Beilage 11 den Brief im Wortlaute.)
35In einem vom 10. Oktober datierten „Postcripta“ zu dem vorerwähnten Schreiben erwähnt Salm, dass „der Turkh den neunten Tag Octobris um zwei Uhr zwei Löcher, das eine fast groß und das andere ziemlich groß, mit Pulver in die Stadtmauer geworfen“ und alsogleich bis fünf Uhr gestürmt hat.
36Im zweiten „Postscriptum“ zum vorerwähnten Briefe.
37Suleimans Tagebuch vom 10. erwähnt: „Einige Minen unter der Festung waren gesprengt worden, zwei davon hatten die Ungläubigen entdeckt und zunichte gemacht.“
38Peter Sterns Bericht.
39Der Bericht des Kriegsrates vom 11. um 4 Uhr nachmittags an den Pfalzgrafen Friedrich sagt: „Wir zeigen E. F. G. in aller Eil an, dass der Türke an heut den elften Tag Oktober um acht Uhr abermals unterhalb Kärntnertor die Mauer zum Teil zersprengt und gefällt und den Sturm in demselben Loch gewaltiglich angetreten und gestürmt, von bestimmt acht Uhr bis auf Mittag heftig …“ (k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Faszikel I B, vollständig mitgeteilt bei Neuwald.)
40In vorstehendem Berichte wird gesagt: „Es hat auch der Türke (d. i. der Sultan) mit seinem gewaltigen Haufen den Sturm, als wir gesehen, selber persönlich verhalten.“
41Suleimans Tagebuch sagt: „Nachdem die Festung am Ende nicht erobert werden konnte, so blieben mehrere tot auf dem Platze.“
42Peter Stern meint, der Verlust der Türken habe bei 1000 betragen, während „auf unserer Seiten 30 Knecht und etliche durch Pulver und Schießen hart beschädigt worden seien“.
43Bericht an den Pfalzgrafen (k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Faszikel I B).
44Peter Stern und Pessel.
45Der Bericht sagt: „Wir zeigen E. F. G. an, daß der Türckh an heute den zwölften Tag Octobris um drei Uhr die Mauer abermals an zweien Orten grausamlich zersprengt und zerfeilt und dann in selben Rauch mit aller Macht und Gewalt den Sturm angeloffen, also daß Zersprengen und Anlaufen ein Ding gewesen, aber wir aus Gnaden des allmächtigen solchen Sturm erhalten. Aber wir tragen endlich Fürsorge, wo uns E. F. G. laut unseres vorigen Schreibens nicht förderlich Hilfe kommt, daß wir uns nicht erhalten werden mögen; darum wollen E. F. G. auf unser voriges Schreiben eilendigst bedacht sein, als uns nicht zweifelt. Datum zwölften Tag Octobris eilend und eilend.“ (k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Faszikel I B.)
46Auch dem König Ferdinand machte das stete Zögern des Pfalzgrafen Sorge. Mit einem Schreiben vom 12. Oktober fordert er ihn auf, etwas zur Rettung Wiens zu unternehmen, etwa über Tulln oder, damit auch die Mährer nicht müßig stehen, auf einem anderen Wege gegen Wien zu gehen, damit dem Kriegsvolk daselbst neue Hoffnung erwachse; er meint, es könnten ihm da die Galeoten, Schiffsleute, welche ihm Niklas Rauber zugebracht hatte, sehr dienstbar sein. (k. u. k. Kriegsarchiv, mitgeteilt bei Hammer, Wiens erste Türkenbelagerung, S. 91.)
47Aus Suleimans Tagebuch.
48Nach Hammers Angabe (Wien, erste Belagerung, S. 31).
49Suleimans Tagebuch sagt: „Der Erste, welcher die Festung erstürmt, erhält, wenn er ein Subaschi ist, ein Sandschak; wenn er ein Sipahi ist, ein Subaschilik, und wenn er noch kein Lehen hat, so erhält er ein Großlehen von 30.000 Aspern.“
50Suleimans Tagebuch sagt: „Der Padischah besichtigt die Breschen, welche die Minensprengung gemacht hatte, und da ihm dies alles wohlgefiel, lobte er den Pascha dafür sehr.“
51Peter Stern erwähnt diesen Ausfall, der durch Suleimans Tagebuch bestätigt wird: „Von denen, die auf die Weide gingen, nahmen die Ungläubigen eine große Menge weg.“ Istuanfy bringt über diesen Ausfall unwahrscheinliche Angaben und erwähnt, dass Ibrahims Barbier dabei gefangen wurde, der sich später mit schwerem Gelde auslöste.
52Nach Istuanfy sagten sie, sie wollten lieber von der Hand ihrer Kriegsobersten gefällt werden, als von den langen spanischen Rohren und den deutschen Bratspießen, wie sie die langen Schwerter nannten.
53Die Verwundung Salms ist in keinem Berichte erwähnt; sie kann daher nur am 14. Oktober geschehen sein, nachdem von diesem Tage an keine Berichte mehr an den Pfalzgrafen abgeschickt wurden. Wäre sie früher geschehen, wäre sie gewiss auch gemeldet worden. Dass Salm verwundet wurde, ist aus seinem Brief an König Ferdinand vom 24. März 1580 (k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, vollinhaltlich mitgeteilt bei Newald, Beilage 14) zu ersehen, in welchem er um seine Dienstentlassung bittet: „So ich aber schadenshalber, so ich tun der Belagerung Wien, mit gnädiger Erlaubnis zu schreiben, an einen Schenkel empfangen. Und dass mir derselb den Zug gen Gran fast erfroren…“
54Peter Stern, Werdenau-Ausgabe, führt diesen Sturm an, Pessel nicht. Dass hierüber kein Bericht an den Pfalzgrafen gemacht wurde, ist begreiflich, da am Nachmittag Suleimans Absicht, abzuziehen, nicht unbekannt war und Friedrichs Eintreffen wenig Wert mehr hatte. Suleimans Tagebuch erwähnt zwar nicht direkt den Sturm, führt aber an: „Er befahl auch, dass … die in den Schanzen befindlichen Janitscharen vom Kampfe ablassen sollen“, also ein Kampf vorausgegangen sein muss.
55Peter Stern gibt die Zahl der gefallenen Türken mit 350 an und sagt: „Seind auf unser selten nicht mehr denn ein Hyspanier, und etlich Knecht beschädigt worden“, was wohl kaum glaubwürdig ist.
56Suleimans Tagebuch vom 14. führt an: „Da dem Padischah gemeldet wurde, dass der König nicht mehr in der Festung sei, so wurde den Leuten in derselben Gnade gewährt, und ihnen mit allen ihren Familien und Habe die Freiheit geschenkt… Der Beschluss, nach Constantinopel zurückzukehren, steht nun fest.“ Die Erzählung, dass ein Traum den Sultan zum Aufgeben der Belagerung veranlasst habe, verdient wenig Beachtung. Dass das Misslingen der Belagerung von Wien eine Folge von dem Verrat des Großvezirs Ibrahim gewesen wäre, welcher von Kaiser Karl V. bestochen worden sei — wie Robertson, Ulich und andere nach ihnen erzählen — ist durch nichts glaubhaft gemacht.
57Während des Abzuges der Türken kamen drei Landsknechte vor die Mauern der Stadt, welche angaben, sich selbst aus der Gefangenschaft befreit zu haben, und begehrten Einlass. Sie machten sich durch Ausgabe von türkischem Geld auffällig bemerkbar; als verdächtig eingezogen, wurden sie »peinlich verhört«, wobei sie angaben, mit Geld bestochen worden zu sein, um die Stadt an mehreren Orten anzuzünden, worauf die Türken wieder umkehren und ohne Mühe nach Wien eindringen würden. Der zur Deckung des Rückzuges vor der Stadt genommene Aufenthalt Ibrahims schien die Glaubwürdigkeit dieser Angaben zu bestätigen, weshalb die drei Knechte hingerichtet und geviertelt wurden. Wahrscheinlich ist aber, dass ihre Angabe nur eine Folge der Tortur war.
58Suleimans Tagebuch sagt: »Aus der Festung kam ein Ungläubiger und brachte von den in der Festung befindlichen Fürsten und den übrigen Leuten die Nachricht von ihrer Unterwürfigkeit und verlangte vom Pascha Gnade, die er ihm auch gewährte. Alle Ungläubigen der Festung Wien, die in die Gefangenschaft geraten waren, wurden freigegeben. Von den in der Festung gefangenen Moslems ließen die Ungläubigen auch drei frei.«
59Zedlitz wurde während der Belagerung gut gehalten, er kämpfte noch im Jahre 1532 gegen die Türken, starb aber kurze Zeit darauf. Dass ihm, wie später behauptet wurde, während der Gefangenschaft heimlich ein langsam wirkendes Gift beigebracht worden wäre, ist unwahrscheinlich.
60Katzianer kehrte von einem Streifzug mit großer Beute zurück; er soll im Kampf mit eigener Hand sechs Türken erschlagen haben.
61Die so tapfere Verteidigung Wiens hatte noch ein unschönes Nachspiel. Die Truppen aus Deutschland verlangten mit Ungestüm einen Sturmsold, bedrohten ihre Hauptleute und wollten, da ihren Anforderungen nicht gleich entsprochen werden konnte, sich an dem Eigentum der Bürger vergreifen. Ihrem Beispiel folgten bald auch die Truppen Reischachs und Leonhards von Vels; nur mit Mühe gelang es, sie zu befriedigen und aus Wien zu entfernen.
62Cantemir gibt den Verlust der Türken mit 80.000, die Chronik von Melk mit 60.000, Istuanfy mit 20.000, Ortelius gar nur mit 10.000 Mann an. Unter den Verlusten der Türken nach eigener Angabe sind wohl auch die zahlreichen Verluste der Akindschi während ihrer Raubzüge inbegriffen.

a Lager des Sultans, gegen Schwechat zu der Beglerbeg von Anatoli.
b Lager des Großvezirs
c Artillerie-Park, vor demselben gegen das Stubentor zu der Sandschakbeg von Rum.
d Lager des Paschas von Belgrad.
e Lager des Paschas von Bosnien.
f Lager des Beglerbeg von Rumili.
g Lager des Sandschakbeg von Semendria.
h Lager des Paschas von Mostar.
k-i Lager der türkischen Flotille.
Quelle: Leopold Kupelwieser: Die Kämpfe Oesterreichs mit den Osmanen vom Jahre 1526 bis 1537. Leipzig, 1899.
© Carsten Rau
