Auflösung der Besatzungstruppen von Wien. — Salm zieht nach Ungarn und stirbt. — Unterhandlungen mit den Türken. — Lamberg und Jurischitsch als Gesandte in Konstantinopel. — Vergeblicher Versuch Ferdinands, sich Ofens zu bemächtigen. — Einfälle der Türken nach Kroatien und Krain. — Zápolya sucht Hilfe beim Pascha von Semendria. — Dieser fällt in Ungarn ein und verwüstet das Land. — Vorkehrungen gegen den zu gewärtigenden Türkeneinfall. — Aufbruch Suleimans von Konstantinopel. — Die Gesandten Ferdinands, Lamberg und Nogarola, werden in Nissa empfangen und mitgeführt. — Das Türkenheer wendet sich von Belgrad aus direkt gegen Wien und langt vor Güns an. — 1529—1532.
Eine nachhaltige Verfolgung der Türken gleich nach ihrem Abzuge von Wien machte die Erschöpfung der Besatzungstruppen sowie die meuterische Bewegung unter denselben nicht möglich. Um jedoch keine Zeit zu verlieren, entsandte Graf Salm zur Verfolgung der Türken den Grafen Hardegg nach Ödenburg, dann den Niklas Rauber, Niklas Thurn, Sigmund Paradeiser und Christoph von Lamberg mit ihren Reitern über Bruck an der Leitha, um Altenburg wieder zu gewinnen; weiters drei Fähnlein Tiroler Landsknechte, die am 25. Oktober in Wien angelangt waren, nach Pressburg, und ein Fähnlein Landsknechte aus Augsburg, unter dem Hauptmanne Bernhard Schludi (welches jedoch vor der Belagerung nicht in die Stadt kommen konnte), um Hainburg zu besetzen. Pfalzgraf Friedrich verlangte aber schon am 30. Oktober die Rückberufung der Reichstruppen aus Hainburg, weil dieselben nur zur Verteidigung Wiens gegen die Türken, keineswegs aber zur Wiedereroberung Ungarns bewilligt worden wären. Hans Katzianer und Paul Bakić drangen am linken Donauufer vor, um die Truppen Zápolyas aus Tyrnau und Trentschin zu vertreiben.
Hätte Ferdinand noch nach dem Abzuge der Türken aus Ofen über alle die Truppen, die sich um Wien zu sammeln im Begriffe waren, verfügen können, so würde Zápolya auf die Dauer schwerlich zu widerstehen vermocht haben. Doch waren es nicht die Reichstruppen allein, die sich weigerten, nach Ungarn zu gehen, auch in den österreichischen Erbländern war das Gefühl der Zusammengehörigkeit noch so gering, dass Salm, als er nach Ungarn aufbrach, kaum 4000 Mann zusammenbrachte, mit welchen es ihm gelang, Altenburg, Raab, Komorn, Martinsberg und endlich auch die Stadt Gran einzunehmen, während der Erzbischof Várday1 die Übergabe des Schlosses daselbst verweigerte. Von Güns aus machte Niklas Jurischitsch vergeblich den Versuch, Steinamanger zu nehmen, das von Anhängern Zápolyas, die Güns sowie Ödenburg bedrohten, stark besetzt war.
Als Zápolya dem Erzbischof in Gran eine Donauflottille und einen Haufen Reiter zu Hilfe sandte, gab Salm die Fortsetzung des Feldzuges auf und bezog Winterquartiere bei Pressburg und Tyrnau.
Graf Salm selbst zog sich nach Pressburg zurück, von wo er am 24. März 1530 mit Rücksicht auf sein hohes Alter und auf die Verwundung, welche er in Wien erhielt, deren Zustand sich infolge des Winterfeldzuges verschlimmert hatte, um seine Enthebung vom Dienste eines obersten Feldhauptmannes ansuchte,2 welche ihm mit dem Erlasse de dato Prag, 16. April 1530, auch gewährt wurde. Salm zog sich nun ganz zurück und erlag auch bald, den 4. Mai 1530, seinem Leiden. Er starb wahrscheinlich in seinem Schlosse zu Marchegg;3 begraben wurde er in Wien, wo Kaiser Ferdinand I. seinem altbewährten Feldherrn ein Denkmal errichten ließ.4
Für Zápolya hatte der Zug Suleimans die erwarteten Vorteile nicht gebracht: sein Gegner war nicht besiegt, er selbst war der Gnade des Sultans preisgegeben, kein Heer blieb zu seinem Schutze zurück, in den Augen der Christenheit war er nun ein Verräter am Glauben, seine geheimen Verbündeten schämten sich seiner Freundschaft, und selbst König Franz von Frankreich, der nach dem Friedensschlusse mit dem Kaiser seiner nicht mehr bedurfte, riet ihm, die Länder Ferdinands nicht mehr mit den Türken in Gemeinschaft anzugreifen, und hielt die Hilfsgelder zurück. Den Besitz der Hauptstadt und der ungarischen Krone hatte Zápolya zwar erworben, doch missbilligten seine eifrigsten Anhänger im Lande ernstlich seine offene Verbindung mit den Ungläubigen. Noch nachteiliger für ihn war die Art der Hilfe der Türken, welche in dem verbündeten Ungarn sich nahezu ebenso benahmen wie in Feindesland.
Suleiman vermied zwar durch seinen rechtzeitigen Abzug von Wien, sich der dort ansammelnden Macht von ungefähr 80.000 Mann entgegenstellen zu müssen; ein entscheidender Erfolg über das türkische Heer war aber durch die tapfere Verteidigung Wiens nicht erreicht worden, und es war vorauszusehen, dass ein abermaliger Einfall der Türken in nicht zu langer Zeit zu erwarten wäre. Nur durch eine Vereinbarung mit der Pforte hielt es Ferdinand für möglich, den unumschränkten Besitz Ungarns wieder erlangen zu können. Um Zeit zu neuen Rüstungen zu gewinnen, entschloss er sich daher im Einverständnisse mit Kaiser Karl V. zur Absendung einer Gesandtschaft an den Sultan, mit welcher wichtigen Mission Joseph von Lamberg und Niklas Jurischitsch5 betraut wurden. Die Gesandten sollten darauf hinweisen, dass König Ferdinand nun gut gerüstet sei und, nachdem der Kaiser jetzt mit allen christlichen Fürsten in Frieden lebe, er auch von diesen unterstützt würde; es daher auch für die Türken von Vorteil wäre, in guter Nachbarschaft zu leben. Sie bekamen die Vollmacht, für die Herausgabe der von den Türken eroberten Festungen oder doch für eine derselben eine Geldsumme anzubieten, im Notfalle auch diese Forderung ganz fallen zu lassen und endlich sogar eine jährliche Pension bis zu 100.000 Dukaten für eine längere Friedensperiode anzubieten. An reichlichen Geldversprechungen für den Großvezier sollten sie es nicht fehlen lassen. Wenn der Sultan sich verpflichtet fühle, den Zápolya zu unterstützen, so würde der König sich auch herbeilassen, mit diesem eine Vereinbarung zu treffen. Bemerkenswert ist auch, dass den Gesandten aufgetragen wurde, die Verhandlungen nur in deutscher Sprache zu führen, was dieselben bei dem Umstande, als sich ein Dolmetsch für die unmittelbare Übersetzung nicht fand und die kroatische oder lateinische Sprache zur Vermittlung dienen musste, wesentlich erschwerte.6 Wohl wegen Erwirkung eines Geleitbriefes verzögerte sich die Abreise der Gesandten bis zum Herbste, so dass sie erst am 17. Oktober 1530 in Konstantinopel eintreffen konnten, wo sie zwar feierlich empfangen, aber im Chan der Gesandten fast wie Gefangene gehalten wurden.
Erst am 25. Oktober wurden die Gesandten vor den Großvezier geführt, der ihnen nach langen höhnischen Reden, in denen er den König nur Ferdinand nannte und den Kaiser nur als König von Spanien anführte, eine Audienz beim Sultan versprach. Eine zweite Unterredung mit Ibrahim am 31. Oktober zeigte schon, dass die Gesandtschaft einen Erfolg nicht haben konnte. Nur wenn Ferdinand ganz Ungarn aufgäbe, das dem Sultan gehöre und vom Wojwoden Zápolya7 nur in dessen Namen verwaltet werde, und wenn Kaiser Karl, der des Sultans Feind wäre, Deutschland verlasse und nach Spanien zurückkehrte, wäre nach Ibrahims Meinung ein Friede möglich. Eine feierliche Audienz beim Sultan am 7. November war wohl nur Formsache; er hörte die Vorträge der Gesandten an und nickte mit dem Kopfe, worauf der Großvezier in den nächsten Tagen eine Antwort verhieß. Zwei Tage später zu Ibrahim berufen, erklärte dieser in langer Rede, der Sultan könne das zweimal eroberte Ungarn nicht aufgeben.8 Von der Erfolglosigkeit ihrer Verhandlung überzeugt, baten sie um eine Abschiedsaudienz, die ihnen am 15. November gewährt wurde. Im Abschiedsschreiben an Ferdinand stellte Suleiman sogar die Behauptung auf, dass nicht nur Ungarn, sondern auch die deutschen Länder Ferdinands rechtlich ihm gehörten, weil er sie mit seiner Person besucht und mit seinem Antlitze erblickt habe. Die Gesandten wurden noch fünf Wochen in Konstantinopel zurückgehalten und kehrten erst im Februar 1531 nach Hause zurück.
Während des Jahres 1529 blieben die windischen Lande und Krain von Türkeneinfällen verschont, und infolge dessen blieb auch die Grenze daselbst ziemlich vernachlässigt. Sowohl die Parteigänger Ferdinands — Pekry an der Spitze — in Kroatien wie die Stände in Krain ersuchten zu Anfang des Jahres 1530 dringend um Hilfe. Und wie notwendig es war, diesen Ländern beizustehen, zeigte sich auch schon im Februar, als eine Türkenschar Kroatien durchzog und in Krain einfiel. Gottschee wurde verheert und dieser Raubzug bis Ostern viermal wiederholt, wobei gegen 3000 Menschen in Gefangenschaft gerieten.9 In Kroatien, wo Pekry von dem zum obersten Feldhauptmann in Innerösterreich ernannten Hans Katzianer10 nur ungenügend unterstützt wurde, behaupteten sich zwar die Anhänger Ferdinands; ganz unterdrücken konnten sie aber die Partei Zápolyas unter Tálly und dem Agramer Bischof Erdődy, die es stets mit den Türken hielten, nicht. Als eine Reiterschar unter Jakob von Lamberg nach Agram und Warasdin geschickt wurde, um Kroatien im Widerstande gegen die Türken zu unterstützen, protestierten wieder die dortigen Großen. Mangel an Geld und Uneinigkeit mit den kroatischen Edelleuten hinderten Katzianer, sie ernstlich gegen die Türken zu unterstützen, welche sich an einzelnen Grenzorten festgesetzt hatten, um von dort Raubzüge zu unternehmen. Krain wurde nun von einer im Vereine mit Kärnten und Steiermark aufgestellten, in den Waffen geübten Bauernschar von 2000 Mann besetzt. Außerdem wurde im Mai zu Windischgraz von den drei Ländern für die Beistellung von leichten Reitern unter den Hauptleuten Niklas von Thurn, Heinrich Wernecker und Jakob Raunacher gesorgt, da sich dieselben gegen die überraschenden Einfälle der Türken wirksamer erwiesen als die Fußknechte. Auch die über Krains Grenzen gelegenen Plätze Clissa, Zengg, Ottoschatz, Bründl, Wichitsch, Repitsch und Comen wurden von Krain aus besetzt, befestigt und mit Proviant versehen. Die vom Reichstag zu Augsburg den Ständen dieser Länder zugesagte Hilfe wurde aber nicht beigestellt.
Siebenbürgen war schon im Jahre 1529, nachdem die Anhänger Ferdinands unter Valentin Török und Stephan Mailáth am 22. Juni vom Wojwoden der Moldau bei Marienburg geschlagen worden waren, zum größten Teil für Ferdinand verloren gegangen. Nur mit Mühe vermochten sich die Sachsen unter ihrem Grafen Markus Pempflinger ihrer Feinde zu erwehren.
In Ungarn hatten die Truppen Ferdinands während dieser Zeit auch keine wesentlichen Fortschritte gemacht. Litten die Einwohner schon durch den Kampf beider Parteien, so wurde die Not durch die Ausschweifungen der Soldaten Ferdinands noch wesentlich vermehrt; sie machten zwischen den Getreuen und Rebellen oft wenig Unterschied. Übrigens war Zápolya in keiner günstigeren Lage, da er die Folgen seines Bündnisses mit den Türken nur zu bald hart genug zu fühlen bekam.
Die Furcht, der deutsche Reichstag in Augsburg unter Vorsitz des Kaisers könnte dem König Ferdinand ausgiebige Hilfe bewilligen, und die Besorgnis, die Gesandtschaft Ferdinands in Konstantinopel könnte doch einen Erfolg haben, veranlassten Zápolya, den Pascha von Semendria, Mehemedbeg, zu einem Zuge nach Mähren und den angrenzenden, von den Türken im Vorjahre verschonten Teil Niederösterreichisches anzueifern, da diese Länder noch eine reiche Beute versprächen. Dieser erschien auch, nachdem ihm Zápolya einen Verwandten, Peter Petrovich, als Führer mitgegeben und das Versprechen abgenommen hatte, sich in Ungarn aller Gewalttätigkeiten zu enthalten, Ende August 1530 mit 25.000 bis 50.000 Mann vor Ofen und drang bis an die Waag vor. Als ihm Alexander Thurzó, der die Brücken über den Fluss abreißen ließ, hier Widerstand leistete, entschloss sich Mehemed zum Rückzug und plünderte nun, alles verwüstend und niederbrennend, ohne Rücksicht, ob es Anhänger oder Gegner Zápolyas betraf, die Gegend zwischen der Waag und Pest vollständig aus. Tausende von Menschen wurden hingeschlachtet und bei 50.000 in Gefangenschaft geführt. Zápolya, der sich König nannte, sah die Vorwürfe, die er dem an Pest vorüberziehenden Mehemedbeg machte, mit Hohn beantwortet und seine Bitten um Freilassung der Gefangenen abgewiesen. Er klagte vergeblich bei Gritti, welchen er nach Konstantinopel gesandt hatte, um den Anträgen Ferdinands entgegenzuarbeiten.
Im Herbste 1530 machte König Ferdinand abermals den Versuch, Ofen einzunehmen. Wilhelm von Roggendorf zog mit 10.000 Mann österreichischer Truppen, denen sich Ungarn in gleicher Zahl anschlossen, donauabwärts. Erzbischof Várday, über die Verwüstung seiner am linken Donauufer gelegenen Güter durch Mehemedbeg erbost, schloss mit Roggendorf einen Vertrag und übergab ihm Gran. Vor Ofen, dessen Besatzung durch 3000 Türken unter Gritti verstärkt worden war, langte Roggendorf am 31. Oktober an; seine Truppen waren aber zu schwach, die Stadt vollkommen einzuschließen. Zápolya rief nun Nádasdy herbei, der im Begriffe war, Szigeth zu belagern. Dieser hob die Belagerung auf und ging über Stuhlweißenburg nach Ofen. Anfangs durch Reiter aufgehalten, erreichte er aber die Stadt auf Umwegen doch.
Roggendorfs Truppen gelang es zwar, in Ofen die untere Stadt einzunehmen und eine Bresche in die Mauer der Oberstadt zu legen, doch blieben die wiederholten Stürme auf letztere erfolglos, ebenso der Versuch, durch Minen die Mauern der Oberstadt niederzulegen, weil das Pulver zur Sprengung derselben mangelte und dessen Transport auf der Donau durch widrige Winde und zu Land durch schlechtes Wetter aufgehalten wurde. Zunehmende Kälte, Mangel an Lebensmitteln und das Auftreten von Seuchen nötigten Roggendorf zur Aufhebung der Belagerung. Er zog gegen Ende Dezember nach Gran zurück, wo er überwinterte. Wenn auch der Angriff auf Ofen misslang, so gelangten doch Gran und Visegrád wieder in den Besitz Ferdinands, und infolge dessen sah Zápolya sich veranlasst, einen Waffenstillstand einzugehen, der später durch Vermittlung des Königs von Polen bis 1. Mai 1532 verlängert wurde.11
Das Jahr 1531 verstrich ohne einen namhaften Einfall der Türken auf österreichisches Gebiet, doch war vorauszusehen, dass dieselben für das nächste Jahr zu einem gewaltigen Kriegszug rüsteten und dass Zápolya, der nicht aus aufrichtiger Friedensliebe den Waffenstillstand geschlossen hatte, nur bis zum Aufbruch des türkischen Heeres Zeit gewinnen wollte.
In Krain, Kärnten und Steiermark, den zunächst beteiligten Ländern, traten im Dezember 1531 die vereinigten Stände in Unterdrauburg zusammen, um über die zur Sicherung ihrer Grenzen zu ergreifenden Maßnahmen zu verhandeln. Nebst 2000 bewaffneten Bauern in Krain wurden noch christliche Flüchtlinge aus den türkischen Ländern — Uskoken genannt — vorläufig in der Zahl von 300 angeworben und mit ihren Familien an der Grenze von Möttling und Sichelburg, welche Gegend daher auch den Namen „Uskoken-Gebirge“ erhielt, angesiedelt.12 Außerdem wurden noch 400 leichte Reiter an der Grenze in Dienst gestellt.
Die im Juni 1531 nach Prag einberufenen ungarischen Räte des Königs meinten, dass, wenn der bis Mai 1532 mit Wissen und Zustimmung des Sultans abgeschlossene Waffenstillstand mit Ungarn von den Türken auch gehalten würde, doch nach Ablauf desselben ihre Rückkehr nach Ungarn wieder zu erwarten wäre. Wenn bis dahin der König nicht imstande wäre, durch eigene Kraft oder im Verein mit anderen Fürsten einen Kriegszug zu unternehmen und Ungarn zu unterwerfen — zumal, wenn man erführe, dass die Türken nicht in andere Kriege verwickelt wären —, so wäre es ratsam, wegen Abschlusses eines Waffenstillstandes erneut mit dem Sultan zu verhandeln. König Ferdinand beschloss daher abermals die Absendung einer Gesandtschaft nach Konstantinopel und betraute damit den Grafen Georg von Nogarola und Josef von Lamberg. Die Gesandten erhielten noch viel weitergehende Vollmachten als ihre Vorgänger. Wenn sie sähen, dass der Sultan auf ihre Vorschläge nicht eingehen wolle, so sollten sie für die Bewilligung einer längeren Waffenruhe auch zugeben, dass Zápolya jenen Teil Ungarns, welchen er innehabe, ja sogar das ganze Land unter der Bedingung behalte, dass er nicht mehr heirate und im Falle seines Ablebens den König Ferdinand zu seinem Erben einsetze. Wegen der vorher notwendigen Einholung eines Geleitbriefes verzögerte sich die Abreise der Gesandten bis zum nächsten Jahre.13
Am 5. Januar 1532 wurde Ferdinand zum römischen König gewählt und am 11. zu Aachen gekrönt. Trotzdem besserten sich seine Verhältnisse nicht. König Franz von Frankreich ließ ungeachtet des Friedens mit Kaiser Karl V. nicht ab, dem Hause Habsburg überall Feinde zu erwecken. In Deutschland versagten die protestantischen Fürsten Ferdinand die Anerkennung als König und schlossen gegen ihn zum Schutze ihres Glaubens das Bündnis zu Schmalkalden.14 Hand in Hand mit ihnen gingen die sonst streng katholischen Herzöge von Bayern, denen Zápolya die Überlassung jener Länder Österreichs zusagte, welche er im Verein mit den Türken erobern würde.
In der zu Innsbruck im Februar 1532 von Ferdinand einberufenen Ständeversammlung der österreichischen Länder bildete die Türkenhilfe den Hauptgegenstand der Beratung. Bisher nur ausnahmsweise bewilligt, wurde sie nun eine beständige Steuer; endlich mussten sich aber die Stände in die unvermeidlichen Opfer fügen. Kaum waren indessen die Stände heimgekehrt, so verbreitete sich die Nachricht, dass der Sultan schon zu einem neuen Zug rüste.
Als Nogarola und Lamberg den Geleitbrief erhalten hatten, reisten sie Ende Mai 1532 ab, trafen aber den Sultan mit seinem Heere am 12. Juni schon unterwegs in Nissa.
Das türkische Heer, bestehend aus den Truppen von Rumelien, 40.000 Mann, jenen von Anatolien, 30.000 Mann, den Janitscharen, 12.000 Mann, dann 20.000 regulären Reitern und den Akindschi — den „Rennern und Brennern“ —, ungefähr 130.000 Mann und 300 Geschützen, war schon am 25. April von Konstantinopel aufgebrochen.15 Solange das Heer türkisches Gebiet durchzog, wurde strenge Mannszucht gehalten.
In Nissa wurden die Gesandten zuerst zum Großvezier geführt, der ihnen in langer, anmaßender Rede erklärte, der Sultan wolle mit Ferdinand, der sich fälschlich König von Ungarn nenne, das ihm gar nicht gehöre, nichts zu tun haben; er sei nur ein „kleines Herrl in Wien“ und halte sein Wort nicht. Der Sultan suche nur den König von Spanien, der oft schon gesagt habe, er wolle über das Meer wider die Türken ziehen: nun wolle ihm der Sultan die Mühe ersparen und selbst ihn in Deutschland aufsuchen. Auf eine Teilung Ungarns könne man sich gar nicht einlassen, da das Heer des Sultans das ganze Land erobert habe.16 Die darauffolgende Audienz beim Sultan war nur eine Formsache.
Das türkische Heer langte am 21. Juni in Belgrad an. Ferdinands Gesandte wurden am 5. Juli abermals zur Audienz befohlen und zugleich mit den Botschaftern des Königs von Frankreich empfangen. Eine schriftliche Antwort wurde ihnen versprochen; sie erhielten dieselbe aber erst am 17. Juli. In einem Briefe teilte der Sultan dem König mit, er ziehe gegen den König von Spanien, der sich oft gebrüstet habe, er wolle gegen den Türken marschieren. Wenn Karl V. Mut habe, so möge er ihn im Felde erwarten, sonst aber Tribut schicken.17 Entlassen wurden die Gesandten aber noch nicht; sie sollten den Sultan bis an die österreichische Grenze begleiten.
In Belgrad schlossen sich dem türkischen Heere noch 15.000 Tataren unter Schahib Girai, dem Bruder ihres Khans, dann die Truppen aus den Grenzländern unter Chosrevbeg an. Die schweren Geschütze sowie auch anderes zur Belagerung von Wien vorbereitetes Material wurden hier auf die Flottille verladen, um auf der Donau über Ofen geschickt zu werden. Beim Vormarsch wurde die Save zwischen Belgrad und Mitrovitz an mehreren Orten überschritten.
Am 19. und 20. Juli übersetzte das türkische Heer die Drau bei Esseg auf einer Schiffsbrücke. Suleiman zog nun bis Mohács und wandte sich dann auf dem nächsten und bisher von den Türkeneinfällen noch meist verschont gebliebenen Wege durch den südwestlichen Teil Ungarns, über welchen sich das Heer bis an die steirische Grenze ausdehnte,18 gegen Wien, in dessen Umgebung sich bereits die zur Abwehr des feindlichen Angriffes bestimmten Truppen versammelten.
Die kleineren festen Plätze und Schlösser, welche das türkische Heer auf seinem Zuge durch Ungarn berührte — ohne Rücksicht, ob sie dem König Ferdinand oder Zápolya anhingen —, wurden, wenn sie sich nicht freiwillig ergaben, mit Gewalt genommen, geplündert und meist niedergebrannt, so Sziklós, Egerszeg, Kapornak, Hidvég, Körmend, Heervár, Steinamanger und andere.19 Nur Güns, eine kleine, mit altertümlichen, aber noch gut erhaltenen Befestigungen versehene, auf dem geraden Weg nach Wien gelegene Stadt, leistete ernsten Widerstand.
1Der Erzbischof verweigerte die Übergabe des Schlosses unter dem Vorwande, dass er selbes der Kirche zu erhalten verpflichtet wäre. Sein Benehmen während des Einfalles der Türken will dieser Kirchenfürst in einem Briefe an den ungarischen Kanzler König Ferdinands damit rechtfertigen, dass er vorgab, aus Treue gegen den König in das türkische Lager geflüchtet zu sein, um nicht Zápolya Dienste leisten zu müssen (Buchholz, IV, S. 57).
2Salm, der bereits ein Alter von 70 Jahren erreicht hatte, sagte in seinem Enthebungsgesuch: „So ich aber des Schadens halber, so ich in der Belagerung Wien, mit gnädiger Erlaubnis zu schreiben, an einem Schenkel empfangen, und das mir derselbe den Zug gen Gran fast erfroren und zu Besserung geschickt, und sonst gemeld Hauptmannschaft nimmer vor sein kann oder mag, sondern größlich mein Notdurft erfordert, dass ich mir an solchem Schaden helfen lasse und anheims bleibe, ist mein untertänigster gehorsam Bitt, E. k. Mst. wolle mich nun weiter solcher Hauptmannschaft, weil nun das Jahr, da ich mich E. Mst. zu gutem bewilligt, dieser Tage verschienen, genichter Ursach und meiner Schwachheit und Unvermögens halber gnädiglich entheben, denn ich mich der, wie vor gemeldet, nimmer zu beladen weiß.“ (Das Original im k. u. k. Kriegsarchiv, Fascikel VIII, 9, vollinhaltlich mitgeteilt bei Newald, Beilage 8.)
3Über den Ort, wo Salm starb, sind die Ansichten geteilt; für Marchegg, das als früheres Pfandgut kurz vor seinem Tode ganz in sein Eigentum überging, wo das Schloss auch erhalten war, spricht die Nähe von Pressburg und der Umstand, dass Salm sich am 12. März daselbst befand, sich dann zum Kriegsrat wieder dahin verfügte und dort bis zu seiner Enthebung verblieb. Für Wien spricht nur der Umstand, dass er daselbst ein Haus besaß (an Stelle des jetzt dem Grafen Pallavicini gehörigen Palais auf dem Josefsplatze), und dass ärztliche Hilfe dort eher zu finden war. Entschieden unrichtig ist aber die Angabe, dass er im Salmhof bei Marchegg — einem erst in späterer Zeit erbauten Wirtschaftshofe — gestorben wäre.
4Das von Kaiser Ferdinand errichtete, aber erst nach dessen Tod in der Dorotheerkirche (dermalen Gotteshaus der Lutheraner Augsburgischen Bekenntnisses) aufgestellte Denkmal wurde gelegentlich der Aufhebung des Dorotheerklosters abgetragen und war nahe daran, gänzlich zerstört zu werden. Seit 1879 befindet es sich in der Votivkirche.
5Niklas Jurischitsch — so schreibt er sich selbst — entstammte einer adeligen Familie aus Zengg. Während der Belagerung Wiens im Jahre 1529 tat er den zurückweichenden Türken an der steirischen und krainischen Grenze großen Abbruch, wofür ihm mit Resolution de dato Krems, 9. November 1529, die Herrschaft oder das Pfandrecht auf Güns verliehen wurde. Im Jahre 1532 war er des Heiligen Römischen Reiches Ritter, römisch-königlicher Majestät Rat, Hauptmann zu St. Veit am Flaum (Fiume), Hauptmann und Pfandherr zu Güns. Im Jahre 1538 war er oberster Feldhauptmann über die niederösterreichischen und windischen Lande und Landeshauptmann in Krain. Er starb vermutlich im Jahre 1544, seine Grabstätte ist unbekannt. In Wien besaß er ein Freihaus in der Schenkenstraße, wo jetzt das Gebäude des ungarischen Ministeriums steht.
6Instruktion König Ferdinands I. für Joseph von Lamberg und Nikolaus Jurischitsch vom 27. Mai 1530 (Gévay, Urkunden und Actenstücke, 1530, S. 1–23).
7Johann Zápolya, Graf der Zips und Wojwode von Siebenbürgen, wird von König Ferdinand als „Wojwode“ oder „Wojwode Johann“, von seiner Partei als „König Johann“ und von den Türken als „Janus Woydu“ oder „Janus Kral“ angeführt.
8Bericht Lambergs und Jurischitschs an König Ferdinand vom 25. Februar 1530 (Gévay, Urkunden etc. vom Jahre 1530, S. 27 f.).
9Valvasor und nach ihm Hammer führen diese Einfälle an. Dimitz (Geschichte Krains) führt nur an, dass den Bewohnern von Gottschee, der Kriegsbedrängnisse wegen, Steuern nachgelassen wurden und dass Einfälle stattfanden.
10Freiherr Hans Katzianer von Katzenstein, aus einem alten Krainer Geschlechte stammend, wurde zu Ende des 15. Jahrhunderts zu Katzenstein in Oberkrain geboren. Schon in jungen Jahren bewährte er sich als Führer einer Reiterschar; in Wien war er einer der tapfersten Verteidiger und tat sich bisher als kühner und unternehmender Reiterführer in den Kämpfen Ferdinands um die ungarische Krone hervor.
11Nach der Belagerung kam Hobordansky, Ferdinands früherer Botschafter, zu Zápolya, angeblich mit einem Schreiben Várdays; er wurde beschuldigt, einen Mordanschlag gegen Zápolya versucht zu haben, weil er ihm die Schuld an der Ermordung seiner Eltern und Geschwister gab. Zápolya behielt ihn als Gefangenen zurück, Ferdinand fasste den Entschluss, Hobordansky gegen Franz Bodo auszuwechseln; bevor es aber dazu kam, ließ ihn Zápolya in einen Sack nähen und in der Donau ersäufen.
12Das war die Entstehung der Enklaven der Militärgrenze auf Krainer Boden. Mit dem Jahre 1530 hatte die Einwanderung der Flüchtlinge begonnen, und bis zum Jahre 1541 hatten bereits 3000 Slawen griechischer Religion aus Serbien und Bosnien den Görzenberg und die Umgebung von Möttling, Sichelburg und Kostel bevölkert. Sie wurden militärisch organisiert und unter Hauptleute gestellt, welche den Sold aus dem Vizedomamt bezogen (Dimitz, Geschichte Krains).
13Instruction für Leonhard Graf von Nogarola und Josef von Lamberg vom 5. November 1531 (Gevay, Urkunden etc. vom Jahre 1530 bis 1532, S. 15).
14Buchholz, Urkundenband, S. 21, bringt den Protest der Fürsten und Stände vom 4. April 1531 gegen die Türkenhilfe.
15Nach Hammer, II, S. 87. Hiezu waren noch die in Belgrad zum Heere zugestoßenen Tataren und Grenztruppen mit ungefähr 30.000 Mann, also insgesamt bei 160.000 Mann, zu rechnen. In Laskys Schreiben an die Herzöge von Bayern zählte das Heer des Sultans 70.000 Reiter, 100.000 Azapen (Fußtruppen), 18.000 Janitscharen, 15.000 Martolosen und 20.000 Pioniere, also zusammen über 220.000 Mann und 800 Geschütze, was wohl übertrieben sein dürfte.
16Gesandtschaftsbericht vom 11. September 1532, in welchem unter anderem angeführt wird, dass Ibrahim die Frage stellte, ob der Weg nach Regensburg über Bosnien oder über Ungarn und Wien näher wäre? (Gevay, Urkunden etc. vom Jahre 1530 bis 1532, S. 27.)
17Schreiben des Sultans an König Ferdinand aus Esseg, 12. Juli 1532 (Gevay, S. 89).
18Briefe von Bernhard von Teuffenbach vom 7. August aus Mahren bei Fürstenfeld, dann von Franz Batthyány aus Güssing vom 8. August an Ungnad, und vom Hauptmann Hans Wernecker vom 10. aus Radkersburg und vom 15. und 16. aus Graz an die krainische Landschaft und die Stände melden übereinstimmend, dass über der ungarischen Grenze die meisten Orte in Flammen stehen, und bringen Nachricht über Einfälle von Türkenscharen bei Kaltenbrunn, Fürstenfeld und bei Hartberg (Anton Steinwenter, „Suleiman vor Marburg, 1532“).
19Hammer, II, S. 88, nach Suleimans Tagebuch, welches noch als eingenommene feste Plätze nachstehende, in der Gegend nicht mehr auffindbare Namen von Orten nennt, wie Babócsa, Bélavár, Berzence, Kápolna, Csikso, Safade, Wutus, Pölöske, Rum und Mesteri.
Quelle: Leopold Kupelwieser: Die Kämpfe Oesterreichs mit den Osmanen vom Jahre 1526 bis 1537. Leipzig, 1899.
© Carsten Rau
