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Die Kämpfe Österreichs mit den Osmanen vom Jahre 1526 bis 1537 - Viertes Kapitel

Verhalten des Pfalzgrafen Friedrich in Krems. — Verwüstungen der Akindschi in den Vierteln unter und ober dem Wienerwalde. — Die Türken vor Wiener Neustadt und vor Klosterneuburg. — Matte Verfolgung des abziehenden Türkenheeres. — Weiterer Rückzug und Eintreffen des Sultans in Konstantinopel. — 1529.

 

 

Pfalzgraf Friedrich von Bayern stand seit 24. September, seit er die Nachricht erhalten hatte, dass die Donaubrücken bei Wien abgetragen wären, mit ungefähr 12.000 Mann ziemlich untätig in den Städten Krems, Stein und Mautern. Mit Wien stand er nur in loser Verbindung. Der Beobachtungsposten, welchen er gegenüber der Stadt am linken Donauufer auf den Höhen des Bisamberges stehen hatte, konnte wohl seine eigenen Wahrnehmungen berichten, der Verkehr mit der Stadt selbst war aber nur auf die heimlich und unter der größten Gefahr abzusendenden Boten beschränkt. Dem Ansuchen der am rechten Donauufer gelegenen Abteien Göttweig, Melk und Klosterneuburg, welche alle ihrer Lage nach zur Verteidigung geeignet und zum Teile auch ausgerüstet waren, eine Besatzung zu geben, wurde unter dem Vorwande, dass die Söldner der Reichshilfe sich weigerten, in feste Plätze zu ziehen, weil sie sich nicht der Wut der stürmenden Türken aussetzen wollten, keine Folge gegeben. Auf die dringende Schilderung der Äbte, dass ein großer Haufe der Mordbrenner bereits auf dem Wege wäre, und sie mit ihren wenigen und in den Waffen ungeübten Leuten nicht lange Widerstand leisten könnten, gab Friedrich endlich dem Landesmarschall Wilhelm von Buchheim, welcher bei 1000 flüchtige Landleute gesammelt hatte, einige erfahrene Kriegsleute bei, um die nahe bei Krems gelegenen zwei Abteien Melk und Göttweig mit Besatzungen zu versehen. Auch das Kartäuserkloster zu Aggsbach erhielt durch den Pfleger zu Spitz eine Besatzung. Die Akindschi zogen in der Folge an diesen drei Klöstern vorüber, ohne sie ernstlich zu bedrohen; ihre Besatzungen waren aber zu schwach, um auch nur die zunächst gelegenen Orte vor der Zerstörung schützen zu können.

 

Wenn die Anwesenheit der Reichstruppen in Krems für die Verteidigung Wiens auch von geringem Werte war, so hatte sie doch den Erfolg, die Ausbreitung der Türken auf dem Marchfelde und überhaupt auf dem linken Donauufer zu verhindern. Die gleich beim Übertritte der Türken auf österreichisches Gebiet erfolgte Zerstörung der Stadt Marchegg, wobei deren Bewohner teils niedergemacht, teils in Gefangenschaft geführt wurden,1 konnte nicht mehr verhindert werden; doch wiederholte sich der schon erwähnte Versuch der Nassadisten, bei Ort in das Marchfeld einzudringen, nicht mehr.

 

Auf die Nachricht, dass Türken im Tullnerfelde brennen und rauben, entsandte der Pfalzgraf 600 Reiter und 400 Fußknechte dahin. Die Türken waren aber bereits gegen das Gebirge gezogen und konnten nicht mehr eingeholt werden. Am folgenden Tage, dem 5. Oktober, landeten bei 1000 Türken bei dem westlich von Stockerau gelegenen Orte Schmida und verbrannten das dem Grafen Julius Hardegg gehörige Schloss daselbst. Der Pfalzgraf gab dem Grafen 200 Reiter, mit welchen es ihm gelang, die Türken überraschend anzufallen und sie auf ihre Schiffe zurückzutreiben; bei 400 Feinde wurden niedergemacht oder in das Wasser getrieben. Bei der Verfolgung sprang der Reiter Koberle mit dem Pferde in ein von den Türken schon besetztes Schiff, welches umschlug und gegen 50 Türken, aber auch dem mutigen Reiter den Tod brachte.

 

Am selben Tage trafen fünfzig gegen das Tullnerfeld zu streifende Reiter auf einen Schwarm Türken, der in der Gegend viel Schaden angerichtet hatte. Er wurde verjagt und vier Türken gefangen nach Krems gebracht, welche, peinlich befragt, d. i. gefoltert, aussagten, dass in Wien an vielen Orten gegen die Umfassungsmauer Minen gegraben würden, was Pfalzgraf Friedrich seinem in Wien befindlichen Bruder Philipp bekannt gab. Den nächsten Tag gelang es einer zum Fouragieren ausgerittenen schwachen Abteilung mit Hilfe von Landleuten bei Traismauer 300 Türken, welche eben im Begriffe waren, eine Mühle in Brand zu stecken, zu verjagen. Eine in die Gegend unterhalb Herzogenburg gesandte Streifung brachte die auf Zaunpfähle gesteckten Köpfe erschlagener Türken heim. Fast kein Tag scheint ohne eine Streifung mit mehr oder weniger Erfolg vorübergegangen zu sein.2

 

Nächst Stockerau hatten zwei österreichische Herren von Konring (Kuenring?) das Donauufer mit dem Landesaufgebot und mit Bauern besetzt, um daselbst eine Landung der Türken zu verhindern.

 

Mit in Krems zurückgebliebenen leichten Reitern der österreichischen Truppen3 und mit einigen Abteilungen Reichstruppen wurde nun Korneuburg, wo die aus Hainburg geflohene Abteilung böhmischer Landsknechte wegen ihrer Ausschreitungen aufgelöst werden musste, besetzt.

 

Mittlerweile ließ Pfalzgraf Friedrich in Krems acht Streitschiffe ausrüsten und mit den 500 Galeoten (küstenländischen Schiffsleuten), welche Niklas Rauber gebracht hatte, bemannen; sie sollten mit Proviant und mit 3000 aus Tirol angelangten Fußknechten auf der Donau nach Wien fahren, während Friedrich selbst mit den in Krems angesammelten Reichstruppen und mit den im Vormarsche über Znaim begriffenen mährischen und böhmischen Truppen über Korneuburg — also am linken Ufer der Donau, und nicht im Einklange mit der von Salm geforderten Vorrückung über Tulln — gegen Wien ziehen wollte. Unterdessen traf die Nachricht ein, dass der Sultan von Wien abziehe, und so unterblieb die Ausführung dieses Planes.

 

Wohl unabhängig von den Aktionen der Hauptmacht des türkischen Heeres war die Tätigkeit der Akindschi — der „Renner und Brenner“ — welche demselben in der Stärke von 30.000 Mann vorauszogen und schon vor Wien herumstreiften, als daselbst noch die Vorkehrungen zur Verteidigung getroffen wurden. In der Umgebung aufsteigende Feuersäulen machten ihre Anwesenheit schon aus der Ferne bemerkbar. Mehrere Tausend Menschen, welche mit Weib und Kind und mit ihrer Habe aus Wien in den Wienerwald geflüchtet waren, in der Hoffnung, dort verborgen bleiben zu können, wurden beraubt und auf das Grausamste niedergemacht.4 Nahezu dieselbe Zahl wurde in die Sklaverei geschleppt. Flüchtige Landleute erzählten in Wien von den Grausamkeiten, deren die herumschweifenden Horden sich schuldig machten.5

 

Es waren jedoch nicht die Akindschi allein, welche das offene Land verwüsteten, auch die Belagerungstruppen streiften in der Folge in ihrer dienstfreien Zeit weit hinaus, teils um Proviant und Fourage zu suchen, teils auch nur, um ihrer Raubgier, Mordlust und Zerstörungswut zu frönen, wobei die nächste Umgebung von Wien wohl am meisten zu leiden hatte. Wenn auch nicht alle Orte, in welche die Türken kamen, von Grund aus zerstört wurden, so konnten doch die Kirchen, Pfarrhäuser und Herrensitze, welche sich damals über viele Orte verstreut vorfanden, der Beraubung und Verwüstung kaum entgehen.

 

Welche Ausdehnung die Verheerungen der Türken erreichten, mag aus der Anführung jener Orte, von welchen noch nachzuweisen ist, dass sie im Jahre 1529 ihrer Wut zum Opfer fielen, zu ersehen sein.6

 

Es waren dies in der nächsten Umgebung von Wien die Orte: Fischamend, Schwechat, Ebersdorf, Simmering, St. Marx, Laa, Biedermannsdorf, Inzersdorf, Altmannsdorf, Himberg, Maria-Lanzendorf.

 

Hennersdorf, Vösendorf, Atzgersdorf, Liesing, Kalksburg, Mauer, Laab, Brunn, Enzersdorf, Hietzing,7 Penzing, die Gatterburg (an der Stelle von Schönbrunn), St. Veit, Hütteldorf, Purkersdorf, Mauerbach, wo die Herzogsgräber zerstört wurden, Hernals, Ottakring, Döbling, Sievering, Heiligenstadt, Dornbach und Perchtoldsdorf, wo der Markt niedergebrannt wurde, während die Einwohner sich hinter der Einfriedungsmauer der Kirche zur Wehre setzten. Die Stadt Baden wurde samt der Burg zerstört; die Zisterzienserabtei Heiligenkreuz wurde geplündert und niedergebrannt; in der Umgebung fielen noch Mödling samt dem Schloss, die Burgen Liechtenstein und Laxenburg, dann die Orte Gaaden, Guntramsdorf, Gumpoldskirchen, Traiskirchen, Reisenberg, Trumau, Oberwaltersdorf, Weigelsdorf, Leesdorf, Gainfarn, Kottingbrunn und Leobersdorf. Von letzterem Orte zog ein Schwarm über Pottenstein nach Altenmarkt, Klein-Mariazell, Kaumberg, Hainfeld und Rohrbach, an der mit Mauern umgebenen Abtei Lilienfeld und dem Markte Wilhelmsburg vorüber, über Hofstetten bis Kirchberg an der Pielach; einzelne Reiter kamen bis an die Talenge von Hohenberg, welche von Bauern besetzt war. In der Umgebung von Wiener Neustadt wurde Zillingdorf, Frohsdorf, Lanzenkirchen, St. Ägyd, Lichtenwörth und Fischau niedergebrannt; am Kalten Gang drangen die Akindschi über Piesting nach Hörnstein und Scheuchenstein vor.

 

Vor Orten, die mit Ringmauern umgeben waren, vor verteidigungsfähigen Klöstern und Burgen, wenn sie ihnen nicht im ersten Anlaufe in die Hände fielen (wie die Burg Greifenstein, in welcher das für Österreich wertvolle Archiv des Bistums Passau vernichtet wurde), hielten sich die herumstreifenden Horden nicht lange auf. An Herzogenburg und Tulln zogen sie vorüber, zerstörten aber in der Umgebung St. Andrä am Hagenthal, die Kirchen und Pfarrhäuser in Königstetten, Tulbing, Freundorf und Judenau, und verheerten am 26. September das Franziskanerkloster Paradeis auf dem Riederberg, wo sie 18 Mönche ermordeten. Zwei Schwärme zogen über den Wienerwald gegen St. Pölten — über Sieghartskirchen und über Anzbach und Kirchstetten. In der Umgebung von St. Pölten, das vom Viertelhauptmann ober dem Wienerwalde, Johann von Kornfeil, besetzt worden war, gingen die Besitzungen des Chorherrenstiftes daselbst, dann der Teufelhof und die Orte Litzendorf, Karlstetten und Pyhra in Flammen auf, ebenso Loosdorf und der Markt Melk, während die befestigte Benediktinerabtei daselbst verschont blieb. Von hier wandte sich der Zug über Neumarkt nach Amstetten, wo am 30. September bei 6000 Mann eintrafen, die mordend und brennend bis an die Enns vordrangen. In Ardagger wurde das Kollegiatstift und die Kirche verbrannt; in Strengberg versuchten sie in die Kirche einzudringen, hörten aber, als die Turmuhr zu schlagen begann; in Rohrbach wurden die Bewohner erwürgt, ebenso in Biberbach bei Seitenstetten.

 

In Oberösterreich hatte sich das Landesaufgebot unter Hanns von Starhemberg bei der Stadt Enns gesammelt, konnte aber infolge des raschen Vorgehens der Türken Wien nicht mehr rechtzeitig erreichen. Starhemberg ließ alle Stellen, auf welcher der Übergang über den Ennsfluss möglich gewesen wäre, durch Verhaue und Schanzen sichern und mit Truppen nebst einigen Geschützen besetzen, so dass die Türken denselben nicht zu überschreiten wagten. Sie zogen nun an der Stadt Steyr vorüber, von wo einzelne Haufen im Ennstale aufwärts nach Steiermark und über Weyer und Altenmarkt bis in das Salzathtal gelangten. Hier zerstreuten sie sich jedoch; von den erbitterten Bauern aufgegriffen, wurden sie teils erschlagen, teils gefangen genommen und als Mordbrenner in das Feuer geworfen.

 

Ein größerer Schwarm der Akindschi zog sich über Waidhofen an der Ybbs zurück, das zur Übergabe aufgefordert und mit einem Pfeilregen überschüttet wurde; dieser Schwarm gelangte über Ybbsitz längs des Gebirges gegen Wiener Neustadt und vereinigte sich dort mit den Scharen Mihaloghlis, welche an Güns vorüber nach Hause zogen.

 

Wer sich den zügellosen Schwärmen widersetzte, ebenso alle Priester, welche ihnen in die Hände fielen, wurden niedergemacht. Gefangene wurden bei diesen Raubzügen während des Vorgehens nur wenige gemacht, mit Ausnahme jener, für welche ein Lösegeld zu erwarten war — wie in der Burg Liechtenstein, wo der Sohn des Besitzers, Christoph Freisleben, in die Sklaverei geführt wurde. Anders war es beim Rückzuge; da wurden alle marschfähigen Leute fortgeführt, was sie aber am Fortkommen hinderte, wie alte Leute und Kinder, wurde unbarmherzig ermordet. Demselben Lose verfielen auch jene Gefangenen — oft erst, nachdem sie mehrere Tage hindurch herumgeschleppt wurden —, welche infolge von Ermüdung nicht mehr weiter konnten oder sonst den Unternehmungen dieser Freibeuter hinderlich waren.8 Kaum der dritte Teil der Einwohner der beiden Viertel ober und unter dem Wienerwalde soll dem Blutbade und der Knechtschaft entronnen sein.

 

Während der Kampf um Wien tobte, konnte Wiener Neustadt, von jeher einer der wichtigsten Grenzorte gegen Osten, von den Türken nicht unbeachtet bleiben.9 Obwohl die Stadt seit Kaiser Friedrichs III. Zeit einen nicht unbedeutenden Aufschwung genommen hatte, geschah doch in letzter Zeit trotz der drohenden Türkengefahr nur wenig zur Vervollständigung ihrer Befestigung. Man war daher im letzten Augenblick genötigt, innerhalb der alten Umfassungsmauern Zuflucht zu suchen, und alle außerhalb derselben gelegenen Bauten, darunter das St.-Ulrichskloster samt Kirche, die alte Friedhofskapelle, das Spital bei St. Marx und anderes, der Zerstörung preiszugeben. Als Besatzung waren nur einige deutsche und spanische Landsknechte sowie 41 Knechte aus Bruck an der Mur in der Stadt; sie reichten zur Verteidigung derselben nicht aus; die Vorräte an Waffen im Zeughaus waren auch nur gering.

 

Nachdem die Türken auf dem Vormarsche bereits in Ofen waren, langte endlich auf die an den Statthalter und Regenten gerichtete Vorstellung der Viertelshauptmann Gerbeck Auer mit 600 Knechten des zehnten Aufgebotes am 19. September in Neustadt an. Da der für die Stadt bestimmte Kommandant Andreas Hofmann nicht ankam, vielleicht auch nicht mehr in die Stadt gelangen konnte, wurde der Bischof Dietrich Cramer trotz seines Sträubens zum Befehlshaber erwählt.10 Auch trafen noch einige Reiter in Neustadt ein, die Reste einer Schar, welche einige Tage früher unter Pülcher und Keglevich die Stadt durchzogen hatte, am 25. September aber auf dem Marsche nach Wien von den Türken angegriffen und zerstreut worden war.

 

Bald darauf11 trafen die Türken vor Neustadt ein und verlangten schriftlich die Übergabe der Stadt unter der Drohung, sie im Weigerungsfalle durch Feuer und Schwert zu zerstören. Zum Widerstande entschlossen, lehnten jedoch die Bürger im Vereine mit der Besatzung die Übergabe der „allzeit getreuen“ Neustadt ab und hatten nun durch längere Zeit eine harte Bedrängung auszuhalten. Durch Beschießung wurde den Bürgerhäusern wie der Burg12 mancher Schaden zugefügt, die wiederholten Versuche, durch Stürme in die Stadt zu dringen (an einem Tage sollen deren sieben unternommen worden sein), wurden jedoch tapfer abgewiesen.

 

Ohne weitere Erfolge zu erzielen, zogen die Türken, als sie die Belagerung von Wien aufgaben, auch von Wiener Neustadt ab, nachdem sie in der Umgebung noch die möglichsten Verheerungen angerichtet hatten.

 

Bei der Nähe von Wien war ein Angriff der Türken auf die Stadt Klosterneuburg vorauszusehen. Nachdem der Propst des Stiftes daselbst, Georg Hausmannstetten, bei dem Pfalzgrafen Friedrich vergeblich um eine Besatzung angesucht hatte, floh er mit den meisten Ordensbrüdern nach Linz und Passau, wohin auch die Kleinodien und Reliquien des Stiftes in Sicherheit gebracht wurden, während das vorsichtshalber nach Wien gebrachte Archiv gelegentlich des Brandes des vor dem Schottentor gelegenen Klosterneuburgerhofes zum größten Teil in Flammen aufging.

 

Im Stifte blieb nur der Stiftshofmeister Hans Stolpeckh zurück und fasste, nachdem Melchior von Lamberg eine kleine Anzahl von Knechten angeworben und in die Stadt gebracht hatte, im Verein mit den Bürgern den Entschluss, die Oberstadt mit dem darin gelegenen Stifte hartnäckig zu verteidigen.

 

Schon den 27. September — an demselben Tage, an welchem die türkischen Nassadisten am Morgen ihre Flotte an Wien vorüber nach Nussdorf gebracht hatten — erschien eine Türkenschar vor der Stadt, welche die außerhalb der Stadtmauern gelegene Unterstadt unter Verübung aller möglichen Grausamkeiten plünderte und in Brand steckte. Die Kirche zu St. Martin in der Unterstadt nebst dem Franziskanerkloster daselbst, dessen Mönche teils verjagt, teils niedergemacht wurden, gingen in Flammen auf. Neue Türkenscharen kamen in den folgenden Tagen donauaufwärts, um die Oberstadt, wohin auch die Bewohner der Unterstadt und der umliegenden Orte geflohen waren, einzuschließen. Durch mehrere Schiffe wurde auch der Verkehr der Stadt mit dem linken Donauufer unterbrochen.

 

Durch heftige Beschießung und wiederholte Stürme wurde nun der Besatzung so zugesetzt, dass sie nur durch die weisen Anordnungen ihrer Führer sowie durch die eigene Tapferkeit und Ausdauer gerettet werden konnte.13

 

Mit dem Aufheben der Belagerung von Wien zogen die Türken auch von Klosterneuburg ab, wo schon in den nächsten Jahren im Stifte, in Voraussicht sich wiederholender Gefahren, eine mit Kanonen und sonstigen Waffen ausgerüstete Waffenkammer errichtet wurde.

 

Der Rückmarsch der Türken ging äußerst langsam vor sich. Am 17. Oktober, nachdem der Sultan das Lager nächst Simmering verlassen hatte, langte er vor Bruck an der Leitha an, wo er lagerte, ohne die Stadt zu betreten. Ibrahim folgte ihm einige Tage später, bis an die Grenze Ungarns von Reiterscharen verfolgt. Anhaltende Regengüsse hatten die Wege ungangbar gemacht, die zu überschreitenden Flüsse waren aus den Ufern getreten und versumpften die ganze Gegend. Pferde und Kamele — soweit überhaupt noch vorhanden — waren geschwächt und herabgekommen und blieben, sowie die Fuhrwerke, in dem grundlosen Boden stecken, daher in dem verwüsteten Lande empfindlicher Mangel an Proviant eintrat. Am folgenden Tage traf der Sultan unter Schneegestöber bei Altenburg ein, von wo er die mitgeführten Geschütze und Munitionswagen, von denen schon unterwegs manche zurückgelassen worden waren, nicht mehr weiterbringen konnte. Ibrahim, der einige Tage später Altenburg erreichte, ließ die Geschütze auf den vorhandenen Schiffen verladen, alle Fuhrwerke aber verbrennen. Von den Schiffen der Nassadisten, welche schon in Wien mit Geschützen beladen waren, wurden mehrere bei der Vorbeifahrt an Pressburg durch das Geschützfeuer vom Schlossberge aus in den Grund gebohrt. Den 20. langte der Sultan bei Raab an, wo er das Eintreffen des Großveziers abwartete.

 

Eingerissene Unbotmäßigkeit der Truppen veranlasste den Großherrn, strenge Maßregeln zu ergreifen.14

 

Den 25. Oktober traf der Sultan bei Alt-Ofen ein, wo ihm Zápolya entgegenkam, um mit ihm in Ofen einzuziehen. Am 28. hielt der Sultan Divan, bei welchem ihm Zápolya die Hand küsste und mit den Worten: „Des Padischah Feldzug mag gesegnet sein“ beglückwünschte. Beim Hinausgehen wurde Zápolya nach türkischer Art mit Ehrenkleidern und Reitzeug beschenkt. Vor dem Abzuge nach Ofen nahm der Großvezier die ungarische Krone mit, vielleicht in der Hoffnung, sie einst selbst zu tragen. Auf Befehl des Sultans musste er sie aber nach drei Tagen, nachdem er sie den versammelten Begs als aus der Zeit Nuschirwans stammend gezeigt hatte,15 wieder zurückschicken.

 

Bei Pest ging das türkische Heer über die Donau. Der Sultan brach am 29. Oktober von Ofen auf, langte nach beschwerlichem Marsche am 6. November vor Peterwardein, den 10. vor Belgrad an und traf am 16. Dezember in Konstantinopel ein, wo er, mit sich selbst zufrieden, „mit Glück und Macht vom Wiener Feldzuge einzog“; mit diesen Worten schließt Suleimans Tagebuch über den Feldzug vom Jahre 1529.16

 

 

1Die Herrschaft Marchegg war dem Grafen Salm dem Älteren im Jahre 1528 pfandweise verschrieben worden. Gelegentlich des Türkeneinfalles 1529 wurde die Stadt Marchegg und deren nächste Umgebung gänzlich verwüstet und die Bewohner niedergemacht; nur das Schloss blieb erhalten. Die Witwe Salms siedelte daselbst im Jahre 1531 Landleute aus Schwaben an.

 

2Gelegentlich solcher Streifungen wurde ein Weber aus Oettingen, der sich den Türken angeschlossen hatte, und ein Fleischer aus Tulln, der die Stadt verraten wollte, eingebracht; beide wurden in Krems hingerichtet.

 

3Hans Lutz aus Augsburg, Herold des Pfalzgrafen Friedrich, beschrieb im Jahre 1530 im Auftrage desselben seinen Zug nach Österreich und scheint ihn selbst mitgemacht zu haben. Er führt die in Krems zurückgebliebenen Reiter als zu den Rotten Weichselberger und Bakiö, welchen er „wagkhü pauls“ nennt, gehörig an. Unter der Besatzung Korneuburgs bezeichnet er wieder eine größere Reiterabteilung als zu diesen Rotten gehörig; es scheinen dies aber eher Reiter gewesen zu sein, welche sich hier aus den Vierteln ober und unter dem Wienerwalde zusammengefunden hatten.

 

4Der Bericht eines Ungenannten bei Lewenklau sagt: 9000 wären niedergemacht, dieselbe Zahl gefangen worden.

 

5Peter Stern sagt: „Er (der Sultan) hat den Sackmann und die ihm vorrennen, deren mehrer Teil kein Sold haben, allein auf Gewinn und Raub ausgehen, ob 40.000 stark, weit und breit auf alle Gegenden vorgeschickt, die sich in das Land hinauf ob der Enns hinein in die Steiermark zerstreuten, dieselben Flecken allenthalben durchstreift, verwüst und verbrannt, die Leute vieltausend jämmerlich ermordet, erschlagen und weggeführt und das zum Erbärmlichsten, sie Kinder aus Mutterleib geschnitten, weggeworfen oder an die Spieß gesteckt, die Jungfrauen der Körper man viel auf der Straßen liegen sieht, bis in den Tod genötigt, der selb der Allmächtig gnädig sein und solch Mord und Übel an den grausamen Bluthunden nicht ungerochen lassen.“

 

6Die Anführung der ganz oder teilweise zerstörten Orte gründet sich zumeist auf die historische Darstellung der Pfarren etc. in Österreich — einem nicht vollständig erschienenen Werke —, auf die Melker Chronik, auf Kerschbaumers Geschichte von Tulln und St. Pölten und anderes. Die Zahl der zerstörten Orte ist damit aber durchaus nicht erschöpft, eher weit zu gering angegeben.

 

7Der Ortsname „Hietzing“ kommt schon im 12. Jahrhundert vor; daher ist die Sage, der Name wäre davon herzuleiten, dass ein auf einem Baume angebrachtes Marienbild die darunter sitzenden Bauern durch den Ruf „Hütet Euch“ („Hüt’s Eng“) warnen wollte und davon der Name abzuleiten wäre, unbegründet.

 

8Nach Hammer, „Wiens erste Türkenbelagerung“, hätten die Akindschi nicht nur Österreich durchstreift, sondern wären sogar bis Regensburg gekommen, dessen Brücke die osmanischen Geschichtsschreiber die „Brücke Alexander des Großen“ nennen. Dass einzelne Reiter bis dahin gelangt sein könnten, ist zwar nicht unmöglich, aber kaum wahrscheinlich.

 

9Die Quellen über die Belagerung von Wiener Neustadt beschränken sich auf die Chronik der Stadt von Böheim, der die Archive derselben durchforschte, und auf die Mitteilung eines später durch Dr. J. Mayer aufgefundenen Konzeptes des an den König gerichteten Berichtes über die Belagerung.

 

10Dietrich Cramer, von 1516 bis 1530 Bischof in Wiener Neustadt, war früher ein Krieger, dann Provinzial des Franziskanerordens. Seit 24. Dezember 1528 war er auch Mitglied des Georgsordens, eines von Kaiser Friedrich III. zu Millstatt in Kärnten gegründeten, später nach Neustadt übertragenen geistlichen Ritterordens, der zur Zeit schon seinem Verfalle entgegenging.

 

11Über die Zeit der Belagerung fehlen genauere Angaben, doch ist zu schließen, dass die Türken nicht vor dem 26. September vor Wiener Neustadt eintrafen und noch vor dem 19. Oktober abzogen.

 

12Dass die Türken auch Geschütze zur Verfügung hatten, ist aus dem Umstande zu schließen, dass die Beschädigungen der Burg im nächsten Jahre ausgebessert werden mussten.

 

13Fischers Geschichte von Klosterneuburg bringt die dürftigen Nachrichten aus den wenigen im Archive des Stiftes vorhandenen Quellen. Nach dem Abzuge der Türken bedurfte es der Intervention König Ferdinands, um Lamberg zum Verlassen des Stiftes zu bewegen und die Chorherren wieder in den Besitz desselben zu setzen.

 

14Suleimans Tagebuch sagt: „Weil niemand von den Offizieren im Gefolge des Padischah sich eingefunden hatte, so ward er darüber zornig und ließ etwa 30 von den Offizieren und Großlehensträgern gefangen nehmen und einsperren.“

 

15Der Perserkönig Chosrau I. Nuschirwan war mit Kaiser Justinian I. in den Jahren 541 und 542 im Kriege. Auch in späteren diplomatischen Verhandlungen (1768) wird von türkischen Diplomaten die ungarische Königskrone, welche König Stephan I. vom Papste erhalten hatte, als die Krone Nuschirwans angeführt.

 

16Außer den Tausenden von Gefangenen, welche die Türken von ihren Zügen durch Österreich mitführten, schleppten sie noch unter dem Vorwande, die Güter der Anhänger König Ferdinands zu verwüsten, eine Unzahl von Gefangenen aus Ungarn fort (Engel, Geschichte des ungarischen Reiches, IV, S. 23, gibt, wohl übertrieben, 50.000 an).


Quelle: Leopold Kupelwieser: Die Kämpfe Oesterreichs mit den Osmanen vom Jahre 1526 bis 1537. Leipzig, 1899.

© Carsten Rau