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Die Kämpfe Österreichs mit den Osmanen vom Jahre 1526 bis 1537 - Zweites Kapitel

Das Heer des Sultans bricht von Konstantinopel auf. — Zápolya vom Sultan zu Mohács empfangen. — Ofen von den Türken eingenommen. — Des Sultans Zug bis vor Wien. — Die Stadt Wien. — Vorbereitungen zur Verteidigung der Stadt. — Niklas Graf zu Salm der Befehlshaber in der Stadt. — Die Akindschi treffen vor der Stadt ein. — Besatzungstruppen. — Pfalzgraf Philipp langt mit den Reichstruppen in Wien an. — Die vorbereitete Flottille wird verbrannt. — Ausfall der Reiter Hardeggs. — Ankunft der türkischen Flottille. — 1529.

 

Montag, den 10. Mai 1529 (am 2. Ramadan 935 der Hedschra), brach Sultan Süleiman mit einem Heere von 250.000 bis 300.000 Mann und 300 Geschützen von Konstantinopel auf.1 Anhaltende Regengüsse erschwerten den Marsch schon zu Beginn desselben. Am 20. Mai langte das Heer in Adrianopel an, wo fünf Tage Rast gehalten wurde. Hier traf Beram Pascha, der Beglerbeg von Anatolien, im Lager ein. Strenge Mannszucht wurde gehalten; ein Richter und ein Prediger wurden wegen schlechter Proviantlieferung und wegen Unterschlagung von Geldern gehängt. Am 5. Juni traf das Heer in Philippopel ein. Infolge anhaltenden Regens trat die Mariza über die Ufer; eine Brücke wurde abgerissen und der Lagerplatz überschwemmt, viele Leute ertranken und erlagen dem Hunger oder Krankheiten, die durch die Ungunst der Witterung hervorgerufen wurden. Nach mehrtägiger Rast traf das Heer nach Überschreitung der Balkanpässe am 20. Juni bei Sofia, am 30. Juni nach Überschreitung des Kunoviza-Gebirges in Niš und am 2. Juli in Kruševac (Aladschahisar) ein.

 

Am 14. Juli gelangte das Heer an die Save und lagerte zwischen Havala und Belgrad; hier stieß auch das anatolische Heer zum Lager.

 

Noch herrschte strenge Mannszucht. Ibrahim ließ einem Sipahi, weil er sein Pferd in ein Getreidefeld trieb, den Kopf abschlagen. Zum Übergange über die Save mussten erst die Brücken hergestellt werden, was an mehreren Orten zwischen Belgrad und Mitrovica geschah.2

 

Am 3. August war der Flussübergang beendet, am 5. langte das Heer bei Esseg an. Des Hochwassers wegen musste die Drau oberhalb der Stadt überbrückt werden. Nach geschehenem Übergang wurden die Brücken am 15. August wieder abgetragen. Über Baranyavár zog nun das Heer nach Mohács, wo am 10. August gelagert wurde.

 

Zápolya, dem der Sultan schon im November 1528 den Befehl erteilt hatte, ihn zwischen Belgrad und Peterwardein zu erwarten, erschien der Überschwemmung wegen erst auf dem Felde von Mohács — jener blutigen Wahlstatt, auf welcher drei Jahre früher das ungarische Heer vernichtet worden war — vor dem Sultan, um ihm zu huldigen. Von den Bischöfen Frangepan und Statilo, dem Kanzler Verbőczy und anderen Edelleuten sowie von 300 Reitern begleitet, wurde Zápolya mit großen Ehren und mit dem Prunk des osmanischen Hofzeremoniells als König empfangen und mit Kaftan nebst drei reich gezäumten Pferden beschenkt, musste sich aber, wie andere Vasallen des Sultans, der türkischen Gewohnheit des Handkusses fügen.3

 

Nachdem am 20. August der Marsch gegen Ofen fortgesetzt worden war (Zápolya zog mit seinem Heere am linken Ufer der Donau gegen Pest), brachte Balibeg4 mit 500 Reitern den Kronhüter Peter Pereny ein, welchen Anhänger Zápolyas auf der Flucht bei Siklós gefangen hatten.

 

Vor Ofen, das schon tags vorher zur Übergabe aufgefordert worden war, langte der Sultan am 3. September an und lagerte auf den Weinbergen. Nach kurzer Rekognoszierung durch Ibrahim wurde die Stadt vom Gerhardsberge (Blocksberg) aus beschossen.

 

Die schwache Besatzung der Stadt, zwei Fähnlein österreichischer Landsknechte unter den Hauptleuten Christoph Besserer aus Ulm und Hans Traubinger wurde nach mehreren Stürmen und nachdem das untere Tor genommen worden war, gezwungen, sich in das unter dem Befehl Thomas Nádasdy stehende, zur Verteidigung wenig geeignete Königsschloss zurückzuziehen. Die wohlhabendere, meist deutsche Bevölkerung der Stadt war noch vor Ankunft der Türken geflohen; die Zurückgebliebenen schlossen sich der Besatzung an. Vom Feind hart bedrängt, verlangte die Besatzung gegen die Ermahnungen Besserers und Nádasdys die Übergabe und zwang sie dazu, indem sie sich ihrer Personen bemächtigte. Zwei Mann aus der Mitte der Besatzung verhandelten mit Ibrahim und übergaben die Festung am 8. September gegen Zusicherung freien Abzugs. Unter den Janitscharen, denen man die Plünderung versagt hatte und die jetzt ihr „Sturrrageschenk“ begehrten, kam es zu einer Meuterei, die mit Gewalt unterdrückt werden musste.

 

Als nun die Besatzung, welcher sich der Rest der Bewohner angeschlossen hatte, abzog, wurde sie in den Weinbergen von den Janitscharen überfallen, zuerst geplündert und der Waffen beraubt, und endlich bis auf wenige Reiter, denen es gelang zu entfliehen, niedergemacht. Die zu Gefangenen gemachten Einwohner wurden im Lager verkauft. Nádasdy entkam nach Pest zu Zápolya, der ihn gegen das Versprechen, nicht zu Ferdinand zurückzukehren, entließ. Von einer Seite wurde der Feigheit der Besatzungstruppen, von der anderen dem Verrat Nádasdys die Schuld der schleunigen Übergabe Ofens zugeschrieben; was wahr ist, wird wohl kaum jemals an den Tag kommen. Jedenfalls hätte ein ernster Widerstand der Besatzung den Zug Süleimans gegen Wien kaum aufgehalten, höchstens verzögert.

 

Am 10. September besetzte der Großwesir die am linken Ufer der Donau gelegene, mit Mauern umgebene Stadt Pest.5 Am 14. September brach der Sultan gegen Wien auf, nachdem er Johann Zápolya durch den zweiten Befehlshaber der Janitscharen und durch den Bastarden Gritti in die Königsburg zu Ofen einführen ließ. Gritti, der das türkische Heer begleitet hatte, wurde als mit europäischen Verhältnissen vertraut dem Zápolya als Ratgeber beigegeben, während der Sandschakbeg von Ilbesan, Chosrubeg6, mit 3000 Mann zu seinem Schutze, vielleicht auch zu seiner Überwachung, in Ofen zurückblieb.

 

Muhammed, der Beg von Seraendria, wurde zur Kundschaft vorausgeschickt. Die gegen Wien gelegenen festen Plätze fielen nun meist ohne Widerstand in die Hände der Türken. Visegrád (Plintenburg) samt der Reichskrone ging verloren, da der Palatin Báthory zu spät für deren Sicherheit sorgte. In Gran öffnete der Erzbischof Paul Várday den Türken die Tore, während er vorher den österreichischen Truppen den Eintritt verwehrt hatte. Tata (Totis) und Komorn waren von ihren Besatzungen verlassen. Raab, das ohnehin nicht zu halten war, hatte Lamberg, nachdem er die Geschütze nach Wien gebracht und die Stadt in Brand gesteckt hatte, geräumt. Beim Übergang über den Raabfluss traf Muhammed auf die Reiter des Paul Bakić, die er hinderte, die Brücke abzubrennen.

 

Mit der Nachricht, dass „die Ungläubigen“ von Wien nach anderen Orten fliehen, schickte Muhammed einige Gefangene in das Lager des Sultans. Altenburg wurde eingenommen. Die böhmische Besatzung daselbst soll sich ohne Kampf ergeben und nach Österreich entlassen worden sein, wo ihr vor Wien angelangt die Aufnahme verweigert worden wäre.7

 

Beim Vorüberziehen an Pressburg weigerte sich der Kommandant Johann Szalay, Stadt und Schloss, das von 600 österreichischen Fußknechten unter dem Hauptmann Wolfgang Oeder besetzt war, zu übergeben. Das am anderen Ufer der Donau vorüberziehende Türkenheer konnte nicht aufgehalten werden, doch gelang es, mehrere stromaufwärts fahrende, mit schweren Geschützen beladene Schiffe in den Grund zu bohren.

 

Am 23. September, nach Überschreitung des Leithaflusses, hielt Suleiman — der der Meinung war, hier bereits auf deutschem Gebiet zu stehen — Musterung über seine Truppen.8

 

Während die Akindschi — die »Renner und Brenner« — in der Stärke von 30.000 Mann unter ihrem erblichen Führer Michaloghli schon seit dem 18. September die Grenzen Österreichs überschritten hatten und sich mordend und brennend über den ganzen südlich der Donau gelegenen Landstrich ausbreiteten,9 langte der Sultan selbst erst am 25. September vor Brück an der Leitha an. Bürger der Stadt waren dem Sultan entgegengezogen, um ihre Unterwerfung anzubieten, jedoch die Stadt erst dann zu übergeben, wenn es den Türken gelungen wäre, Wien einzunehmen. In der Tat zogen die türkischen Scharen an der Stadt vorüber, ohne sie zu behelligen.10 Aus Hainburg war die Besatzung von 200 Mann schon vor dem Eintreffen der Türken an das linke Donauufer geflüchtet und nach Korneuburg gezogen.11

 

Während der Großwesir Ibrahim schon am 25. September mit den rumänischen Truppen vor Wien stand, langte Sultan Suleiman am 26. vor der Stadt an und bezog ein Lager auf dem Laaer Berg.12

 

Die Stadt Wien — ursprünglich als römisches Lager erbaut — war schon seit langer Zeit einer der wichtigsten Punkte für die Verteidigung Deutschlands gegen Osten. Mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse unterlag die Befestigung der Stadt starken Veränderungen. Seit Beginn des XV. Jahrhunderts bestanden zum Teil noch die Umfassungsmauern aus der Zeit des Königs Ottokar, die in dem Maße sich veränderten und ausbreiteten, als die Stadt sich im Laufe des Jahrhunderts erweiterte. Seither entstanden aber unmittelbar vor den Mauern der Stadt neue Vorstädte, die man durch Erweiterung der Festungswerke schützen wollte.

 

Der Stadtteil vor dem Stubenthor am rechten Ufer des Wienflusses mit dem St. Niklaskloster war nach außen mit Wall und Graben umgeben, und an seinem Ende — ungefähr dort, wo jetzt die Salmgasse in die Landstraße mündet — durch die Niklaspforten geschlossen. Der Stadtteil zwischen dem Kärntnertor und dem Wienfluss, in welchem das Bürgerspital mit dem Franziskanerkloster und der St. Kolomanskirche lag, sollte durch ein Bollwerk am rechten Wienufer bei dem St. László-Turm — ungefähr wo jetzt das Freihaus an die Wiedner Hauptstraße heranreicht — geschützt werden. Vor dem Burgthor waren etwas entlegenere Häusergruppen bei St. Thibald — in der Gegend der Kirche auf der Laimgrube — und bei St. Ulrich durch Türme geschützt. Vor dem Schottentor stand innerhalb einer Mauer der Klosterneuburgerhof und die St. Magdalenakirche.13

 

Bei den Fortschritten, welche die Türken seit dem Jahre 1525 in Ungarn machten, musste in Wien mit Ernst an eine Verbesserung der Festungswerke gedacht werden. Seit der Verwendung von Feuergeschützen genügten die vorhandenen Festungswerke nicht mehr; sie sollten vollständig umgeändert, völlig neu erbaut werden. Wenn man sich dessen in Wien auch bewusst war, so fehlte es doch bei dem Umstand, dass der Wohlstand der Stadt infolge der Änderung der Verkehrswege nach dem Orient und durch die in letzter Zeit in den östlich gelegenen Ländern herrschenden anarchischen Zustände sowie durch eine arge Feuersbrunst im Jahre 1525 wesentlich gelitten hatte, an den Mitteln, die erforderlichen Ausgaben zu bestreiten. Die Heranziehung des Erlöses der nun verkauften Kirchenkleinodien konnte dem Geldmangel nur ungenügend abhelfen.

 

Die größte Aufmerksamkeit scheint man bisher der Befestigung der Vorstädte zugewendet zu haben, welche man dem Feinde nicht preisgeben wollte.14 Erst im letzten Augenblick — im Jahre 1529, als man das türkische Heer schon im Anzug wusste — scheint man zur Einsicht gekommen zu sein, dass man in so kurzer Zeit die beabsichtigten Arbeiten nicht bewältigen könne und dass man bei der Ausdehnung, welche die Vorstädte bereits erlangt hatten, mit den vorhandenen und im günstigsten Falle vielleicht noch zu bewältigenden Kräften das Auslangen nicht finden würde, um sie längere Zeit halten zu können. Man fasste also endlich den Entschluss, die Vorstädte ganz aufzugeben und alle Mittel nur zur Verteidigung der inneren Stadt zu verwenden. Nur die Vorstadt vor dem Stubenthor über der Wienbrücke gegen die Donau — das Nonnenkloster St. Nikolaus eingeschlossen — sollte gehalten werden und wurde noch verstärkt.

 

Die entfernter gelegenen Vorstädte behinderten die Verteidigung der inneren Stadt nicht; jener Teil aber, der sich unmittelbar an die Umfassung derselben anschloss, wie zwischen dem Stubenthor und dem Kärntnertor und gegen die Burg zu, dann vor dem Schottentor, welcher der Annäherung des Feindes wesentlich Vorschub leisten konnte, musste beseitigt werden. Mit der Demolierung derselben wurde aber — vielleicht, um den Bewohnern Zeit zur Räumung zu lassen — bis zum letzten Augenblick gezögert.

 

Gegen den feindlichen Ansturm war die innere Stadt nur durch die aus verschiedenen Zeiten herrührende Mauer in der Höhe von vier bis sechs Metern und einer Breite bis drei Metern umgeben, die durch teilweise schon baufällige, erst in letzter Zeit wieder hergestellte Türme verstärkt war. An der Innenseite dieser Mauer lief ein stellenweise auch nur hölzerner Auftritt für die Verteidiger, so schmal, dass oft nur ein Mann darauf stehen konnte, und so unbequem, dass man nur auf engen Stiegen oder mit Leitern zu ihm gelangen konnte. Verstärkt war diese Hauptumfassung durch ein Bollwerk vor dem Biberthurm, eine Katze (Cavalier) vor der Predigerkirche nächst dem Stubenthor und einem hölzernen, erst im Laufe der Belagerung aufgestellten Bollwerk vor dem Augustinerkloster. Von den Türmen und Toren scheint nur der Kärntnerturm nebst dem Tor, der Burgthurm, das Schottentor und der Turm im Elend für Geschütze eingerichtet gewesen zu sein.

 

Dass Ausfallpforten, d. h. enge Türchen, welche in den Graben führten, vorhanden waren, wird nicht erwähnt, und es ist dies auch aus keiner Zeichnung zu entnehmen; doch fehlten sie bei Befestigungen jener Zeit in der Regel nie, und da Ausfälle kleinerer Abteilungen wiederholt vorkamen, obwohl alle Tore, das Salzthor ausgenommen, in der Folge vermauert wurden, so dürften sie auch hier nicht gefehlt haben. Die Hauptumfassung war von einem meist trockenen Graben vom Biberthurm bis gegen den Salzthurm umgeben; gemauerte Contreescarpen fanden sich nur in der Nähe der Brücken, welche wohl abgesperrt, aber nicht abgetragen waren.15 Ein bedeckter Weg fehlte ganz, ebenso wird das Vorhandensein von Außenwerken während der ganzen Belagerung nicht erwähnt.

 

Für die Verteidigung der Stadt gegen die Donau und für die Erhaltung der Verbindung mit dem linken Ufer des Stromes sollte bei Zeiten durch die Herstellung einer Flottille gesorgt werden, deren Erbauung dem Hieronymus von Zara16 und Simon Salnazo übertragen wurde. Bemannt sollte die Flottille mit Galeoten — küstenländischen Matrosen — werden, weil die deutschen Schiffer mit den neuartigen Schiffen nicht umzugehen verstanden.

 

Zur Armierung der immerhin umfangreichen Festung standen nur 74 brauchbare Geschütze von verschiedenstem Kaliber zur Verfügung.17 Es waren dies 6 Singerinnen, deren Geschosse bei 20 Nürnberger Pfunden wogen; 3 Karthaunen mit 15-pfündigen Geschossen; 43 Falkaunen, auch Quartalschlangen genannt, mit 10-pfündigen Geschossen; 4 Nothschlangen und 10 Halbschlangen, lange Rohre mit 5- bis 7-pfündigen Geschossen; 4 Falkonetel mit 1- bis 2-pfündigen Geschossen; 5 Haufnitzen (Haubitzen); 2 eiserne Steinmörser, dann 1 großer Mörser für 100-pfündige und 5 kleine für 25-pfündige Steinkugeln. Außerdem war noch eine größere Zahl der Stadt gehörige einfache und halbe Hacken (Wallbüchsen) verschiedenen, unter 1 Pfund wiegenden Kalibers vorhanden.

 

Der schon seit dem Feldzug in Ungarn 1527 als oberster Feldhauptmann im königlichen Kriegsdienst stehende Niklas Graf zu Salm18 wurde mit dem Bestallbrief do. Wien, 31. März 1528, für die niederösterreichischen Lande19 auf ein weiteres Jahr im Oberbefehl bestätigt, und diese Bestallung mit dem Erlass vom 2. August 1529 auf ein weiteres Jahr, vom 1. April 1529 beginnend, erneuert.20

 

Als Suleimans Zug gegen Wien nicht mehr bezweifelt werden konnte, traf Salm alle Anstalten, welche er zur Verteidigung der Stadt für notwendig erachtete. Die seit 1527 unter Hans Katzianer21, Lienhard von Vels, Niklas von Thurn und Paul Bakic in Ungarn stehenden Truppen zog Salm rechtzeitig nach Wien. Ihre Zahl war nicht sehr bedeutend; bei dem Umstand, dass sie den Sold nur sehr unregelmäßig erhielten, waren sie stark zusammengeschmolzen.

 

Für die Verteidigung von Wien wurde dem Grafen Salm der kaiserliche Feldmarschall Wilhelm Freiherr von Roggendorf22 als Stellvertreter beigegeben.

 

Um die Bewohner der meist bedrohten Viertel Niederösterreichs, für die nach den Nachrichten, welche aus Ungarn einliefen, das Schrecklichste zu befürchten war, noch rechtzeitig auf die kommenden Ereignisse aufmerksam zu machen, erging an dieselben mit 29. August 1529 ein Aufforderungsmandat23:

 

»Wegen der herannahenden Türkengefahr die Feldfrüchte und ihre sonstige bewegliche Habe in die nächsten Städte und Schlösser zu bringen, und auf gegebene Alarmzeichen (durch Krähfeuer, Rauch oder Schüsse) die Glocken läuten zu lassen. Die Untertanen haben sich mit ihren Waffen in Bereitschaft zu halten, die Befehle der Obrigkeit zu erwarten und denselben Folge zu leisten.«

 

Bei der außerordentlichen Verantwortung, welche auf den Machthabern in Wien lastete, waren dieselben auch zur Ergreifung der außerordentlichsten Maßnahmen bereit. Die Furcht, dass die zur Verteidigung von Wien erforderlichen Truppen nicht rechtzeitig eintreffen würden, veranlasste am 13. August die Gesamtregierung, dem König Ferdinand den Vorschlag zu machen, im äußersten Falle Wien von den Bewohnern räumen zu lassen, die Geschütze zu entfernen, die Vorräte zu vernichten und die Stadt an allen Orten anzuzünden. Dem Feinde würde hierdurch die Möglichkeit genommen, in Wien zu überwintern, um im nächsten Frühjahr weiter vorzudringen, und die Bewohner, deren Leben im Falle der Einnahme der Stadt durch den Feind ohnehin geopfert wäre, würden gerettet. Die Räte Hans von Eibiswald und Trojan von Auersperg wurden nach Linz gesandt, um sich von König Ferdinand einen schriftlichen Bescheid zu erbitten.24

 

Die Ausbesserung der an den Stadtmauern und Türmen sowie überhaupt der an den Festungswerken befindlichen Baugebrechen wurde mit großem Eifer in Angriff genommen. Einer der vorzüglichsten Leiter dieser Arbeiten war der Bau- und Brückenmeister Johann Tscherte. Selbst an Neuherstellungen dachte man noch in den letzten Wochen; ein Regierungsmandat an die Waldbesitzer der Umgebung verpflichtete dieselben zur Abgabe von Holz an die Stadt, »um zwei Pasteyen, Pulverchen und Wehren« zu errichten.25

 

Auf alle Vorbereitungen zur Verteidigung der Stadt, besonders aber auf deren ausreichende Verproviantierung, wirkte der beständige Geldmangel nahezu lähmend. Oft mussten die dringendsten Vorkehrungen ungenügend ausgeführt werden oder gänzlich unterbleiben, da die erforderlichen Geldmittel fehlten. Um dem Geldmangel abzuhelfen, bestand auch die Absicht, die bei den Bürgern befindlichen Gold- und Silbergegenstände gegen spätere Entschädigung der Münze abzuführen, doch kam dieser Gedanke nicht zur Ausführung. Eine diesbezügliche geheime Aufforderung des Königs an den Bürgermeister beantwortete dieser am 18. September mit dem Hinweis darauf, dass eine solche Aufforderung, wenn rechtzeitig ergangen, wohl den entsprechenden Erfolg gehabt hätte, dermalen aber zu spät käme, nachdem der größte Teil der Bürger die Stadt mit Weib und Kindern verlassen und wohl auch ihre Wertsachen mitgenommen habe.26 In der Tat hatte die Flucht der Einwohner schon am 17. September eine solche Ausdehnung angenommen, dass vom Stadtrat nur mehr der Bürgermeister Wolfgang Treu, die Stadträte Sebastian Eiseier, Wolfgang Mangold und Sebastian Schranz, dann der Stadtrichter Paul Bernfuss, und von 35.000 wehrfähigen Einwohnern kaum 400 zurückgeblieben waren. Der Umstand, dass die Absicht, die Stadt erforderlichenfalls ganz preiszugeben, unter der Bevölkerung kaum ganz unbekannt geblieben sein dürfte, vermag wohl die Flucht so vieler Bürger zu erklären.27

 

Während die »Renner und Brenner« schon seit 19. September in der Nähe von Wien streiften, erstattete der oberste Feldhauptmann, Niklas Graf zu Salm, am 20. in Gemeinschaft mit dem Statthalter, den Referenten und den Kriegs- und Kammerräten der niederösterreichischen Lande einen eingehenden Bericht an König Ferdinand über die Lage der Stadt Wien und über die Truppenmacht, welche hier versammelt war.28 In demselben wird gemeldet, dass über die Frage, ob mit den Truppen außerhalb der Stadt ein Lager zu beziehen sei, um dort den Feind zu erwarten und eine Schlacht zu wagen, oder ob es vorzuziehen sei, sich in die Stadt zurückzuziehen und es auf eine Belagerung ankommen zu lassen, ein Kriegsrat abgehalten wurde.

 

Der Bericht gibt an, dass die Truppen mit heutigem Tage nicht über 12.000 Mann zählen, wie aus dem beiliegenden Ausweis zu ersehen ist.29 Es wird weiter hervorgehoben, wie bedenklich es ist, sich in einem so ausgedehnten und ungenügend befestigten Ort, wie es Wien mit seinen Vorstädten ist, einschließen zu lassen, umso mehr als die Die Stadt war schlecht verproviantiert und würde daher bald Mangel leiden. Alle diese Umstände erwogen, beschloss der Kriegsrat, Wien bis zur Ankunft der Reichshilfe besetzt zu halten und mittlerweile alles zu tun, was sich zur Erhaltung der Stadt notwendig erweist. Der Bericht erwähnt ferner, dass, nachdem der Kriegsrat den vorstehenden Beschluss gefasst hatte, Paul Bakic mit der Meldung einlangte, der Feind — nochmal so stark wie bei Mohács — sei mit seiner Hauptmacht bereits bis Altenburg vorgerückt; seine Ankunft vor Wien sei in fünf oder sechs Tagen zu erwarten, daher sei zu besorgen, dass der Feind viel eher als die Reichshilfe ankommen werde. Schließlich wird König Ferdinand noch auf das Eindringlichste gebeten, ungesäumt und in Eile alle Vorkehrungen zu treffen, damit rechtzeitig Hilfe und Entsatz anlangen. Auch wird noch gemahnt, rechtzeitig für die Bezahlung des Kriegsvolkes Sorge zu tragen.

 

Früher als erwartet kam die Hauptmacht der Türken heran. Es ergab sich daher von selbst, dass der Gedanke, dem Feinde in offener Feldschlacht entgegenzutreten, aufgegeben und nur auf die Verteidigung der Stadt Bedacht genommen werden musste.

 

Die Truppen wurden nun in die Stadt gezogen; von den Vorstädten blieb nur jener Teil vor dem Stubenthore mit dem St.-Niklas-Kloster, der vollständig von einem Wall umgeben war, besetzt. Um dem Feinde nicht Schutz und Stützpunkte zu geben, wurden die übrigen Vorstädte mit Rücksicht auf die schon in der Nähe schwärmenden Akindschi der Plünderung preisgegeben und in Brand gesteckt, was nicht ohne Ausschweifungen der zügellosen Soldaten vor sich ging. Mutwillig wurden die großen Weinlager der Bürger zerstört und mancher Proviant ging verloren; auch an Misshandlungen der Einwohner, die sich dem gewaltsamen Vorgehen der oft betrunkenen Soldaten widersetzen wollten, fehlte es nicht. Schon ergriff die Plünderungslust auch die in der Stadt verbliebenen Truppen; in die Häuser der wohlhabenden Bürger und selbst in die Burg wurde eingebrochen.30 Erst ein am Lugeck aufgestellter Galgen musste den Ausschreitungen ein Ende machen.31

 

Es fehlte an Zeit und an Arbeitskraft, um die nächst der Stadtmauer gelegenen Gebäude vollkommen zu demolieren oder gar den Schutt derselben fortzuräumen und auszugleichen, und so boten die Reste dieser Bauten dem Feinde immer noch Gelegenheit, sich ohne besondere Opfer unmittelbar vor den Festungswerken festzusetzen und einen Teil der Belagerungsarbeiten von hier aus einzuleiten. Von hervorstechenderen Gebäuden fielen hier das Bürgerspital zum heiligen Geist, das Franziskanerkloster und das Nonnenkloster St. Margaretha vor dem Kärntnerthore, dann der Klosterneuburgerhof32 vor dem Schottenthor, zum Opfer. Auch das alte Herzogsschloss auf dem Leopoldsberge wurde gesprengt und demoliert, um dem Feinde keinen Halt zu bieten.

 

Schon seit 19. September waren die Scharen der Akindschi in der Umgebung der Stadt zu sehen: Feuersäulen zeigten schon aus der Ferne ihre Anwesenheit, fliehende Landleute brachten die Nachrichten von ihren Grausamkeiten in die Stadt. Während die Vorstädte niedergebrannt wurden, wagten sich Akindschi schon bis in deren Bereich. Sie zündeten das Kloster St. Theobald und das Kartäuserkloster auf dem Kahlenberge an und erwürgten die Siechen im Spital zu St. Marx.

 

Eine von Paul Bakic unternommene Streifung brachte nebst mehreren Köpfen erschlagener Türken auch einen Gefangenen ein, der »peinlich befragt«, d. h. gefoltert, am nächsten Tage, wohl weil seine Aussagen nicht befriedigten, mit vier anderen Türken zusammengebunden nächst der Schlagbrücke in die Donau geworfen wurde.33

 

Am 21. September rückte ein Teil der sehnlichst erwarteten Reichstruppen, zwölf Fähnlein, in Wien ein. Zwei Fähnlein konnten des widrigen Windes wegen zu Schiff nur bis Hollenburg kommen, wo sie landeten, und zu Fuß über Traismauer und Tulln angesichts des bis zu letzterem Orte bereits vorgedrungenen Feindes erst am 25. in Wien eintrafen. Während die in Passau kriegsbereit stehenden Truppen eingeschifft wurden und gegen Wien fuhren, hielt sich der Pfalzgraf Friedrich von Bayern zwei Tage in Linz bei König Ferdinand auf und langte zu Schiff erst in Grein an, als ihm die Nachricht gebracht wurde, dass Suleiman bereits vor Wien stehe und aller Verkehr mit der Stadt unterbrochen sei. Eintretende Nebel verhinderten den Pfalzgrafen durch mehrere Tage, die Fahrt fortzusetzen, und veranlassten ihn, in Krems an der Donau zu landen.

 

Zugleich mit den Reichstruppen traf Pfalzgraf Philipp34 mit 100 Reitern in Wien ein. Er kam freiwillig in die Stadt und erklärte, alle Gefahren und Leiden mit der Besatzung teilen zu wollen, obwohl ihm die Gefahr, der er sich aussetzte, geschildert und das Verbleiben in Wien widerraten wurde. Nachdem Pfalzgraf Friedrich nicht mehr in die Stadt gelangen konnte, vielleicht auch nicht wollte, übernahm Philipp als Höchster im Range den Befehl über die in Wien eingetroffenen Reichstruppen.35 Das mutige und ruhige Auftreten des jungen Fürsten wirkte auch ermutigend auf die Besatzung sowie auf die in der Stadt zurückgebliebenen Bürger.36

 

Vom linken Ufer der Donau anlangende Flüchtlinge brachten gleichzeitig die Meldung, dass die türkischen Kassadisten — so wurde die Besatzung der donauaufwärts fahrenden Kriegsschiffe (Nassaden) genannt — im Marchfeld gelandet wären und Ort sowie mehrere Flecken der Umgebung verbrannt und verwüstet hätten.37

 

Noch im letzten Augenblick, zum Teil schon im Angesicht des Feindes, wurde gegen die Donauseite zu der dort schwachen Hauptumfassung ein hölzerner Wall vorgelegt und beim Salzthurm ein neues Bollwerk errichtet. Die Stadttore wurden nach und nach vermauert und verrammelt, zuletzt das Stubenthor; nur das Salzthor blieb offen.38 Der Feuersgefahr wegen wurden alle Holz- und Strohdächer abgedeckt und durch eine Erdschicht ersetzt.

 

Die mit vielem Aufwand hergestellte Donauflottille von achtundzwanzig größeren Schiffen musste verbrannt und versenkt werden, um nicht in die Hände der Türken zu fallen, weil die zur Bemannung derselben bestimmten Galeoten — Schiffsleute aus dem Küstenland —, die Niklas Sauber beistellen sollte, nicht rechtzeitig eintrafen.39

 

Am Morgen des 23. September, nach einer stürmischen Nacht, fielen 500 Reiter unter Hardegg bei dem noch nicht vermauerten Stubenthor und durch die Niklaspforte aus, um den herumstreifenden Horden ein Ziel zu setzen. Sie gerieten aber bei St. Marx in einen Hinterhalt. Von mehreren Seiten mit überlegenen Kräften angefallen, kamen sie in Unordnung und mussten sich mit einem Verlust von drei Toten und sieben Gefangenen zurückziehen. Unter letzteren befand sich auch der Fahnenjunker Christian Zedlitz, welcher mit dem Pferd gestürzt war und seine Fahne dem Reiter Wilhelm Oberbeck zuwarf, der sie glücklich in die Stadt zurückbrachte. Als die Vorstadt vor dem Stubenthor am rechten Wienufer nach der Rückkehr der Reiter Hardeggs von der Besatzung geräumt worden war, wurde sie alsbald von den Türken besetzt und samt dem St.-Niklas-Kloster niedergebrannt.

 

Am folgenden Tage mussten die Gefangenen mit auf Spieße gesteckten Köpfen dreier der gefallenen Kameraden und mit vier von den im Siechenhaus zu St. Marx ermordeten Pfründnern dem Sultan Brück entgegengehen. Vor den Sultan geführt, wurden sie verhört: Ihre Aussagen, dass die Besatzung entschlossen sei, sich bis zum Tode zu wehren, nahm der Großherr sehr ungnädig auf. Über die Stärke der Besatzung und den Aufenthalt des Königs Ferdinand gefragt, wurde geantwortet: „Die Besatzung bestünde aus 20.000 Mann zu Fuß und 2.000 Reitern und der König befinde sich 25 Meilen von Wien, in Linz.“ Der Sultan entgegnete: „Den König werde er zu finden wissen, wo immer er sei.“ Von den Gefangenen wurden drei, darunter Zedlitz40, zurückbehalten, die übrigen aber mit drei Dukaten beschenkt in die Stadt entlassen, mit dem Auftrag, dort bekanntzugeben, der Sultan wolle die Stadt schonen und sie von seinem Kriegsvolk gar nicht betreten lassen, wenn sie sich ergebe, widrigenfalls aber werde er sie verderben und verbrennen und weder Jung noch Alt schonen.

 

Am 24. September kamen die türkischen Schiffe — angeblich bei 400 — donauaufwärts bis zur Taborbrücke. Die Kassadisten versuchten, dieselbe anzuzünden und durch Abwerfen der Streuhölzer ungangbar zu machen; auch verbrannten sie das für die Erhaltung der Brücke angehäufte Bauholz.

 

1Über die Vorgänge während des Anmarsches des türkischen Heeres sowie über manche Ereignisse während der Belagerung der Stadt Wien selbst gibt das Tagebuch Süleimans (im Jahre 1858 herausgegeben und übersetzt von Dr. W. S. A. Bernhauer), soweit es die Verhältnisse auf Seiten der Türken betrifft, ausführliche und ihrer Art nach auch glaubwürdige Auskünfte.

 

2Süleimans Tagebuch erwähnt, dass der Übergang über die Save auch bei Schabaz (Böğürdelen) und bei Mitrovica bewirkt wurde. Übrigens werden hier auch nur unbekannte Orte angeführt, wie die Festungen Morovik und Lorakh, die Schlösser Surtin und Kak und das Dorf Loradolakea.

 

3Hammer II, S. 68, nach türkischen und ungarischen Quellen.

 

4Der in der Schlacht bei Mohács oft erwähnte Balibeg wurde zu Skutari wegen Unterdrückung seiner Untertanen 1528 aufgeknüpft (Hammer II); der gleichnamige Beg von Zvornik dürfte dessen Sohn gewesen sein.

 

5Süleimans Tagebuch führt an: „Lager in der Nähe der Festung Óvár (Altenburg). Auf das die Straße passierende Heer feuerten die Ungläubigen der Festung mit Kanonen; sie wollten sich nicht unterwerfen und stellten sich, als ob sie Kampf anfangen wollten. Im Lager wurde der Befehl verkündet: Niemand sollte sich an irgendjemanden vergreifen, um ihn zum Gefangenen zu machen.“

 

6Während ungarische Quellen Hassanbeg angeben, nennt Süleimans Tagebuch den Sandschakbeg von Ilbesan Chosrubeg.

 

7Diese Milde lässt schließen, dass die Angaben einer gleichzeitigen anonymen Druckschrift nicht aus der Luft gegriffen sein dürften: „Daß sich die Besatzung ohne alle Notzwang der Bewohner und ihrer Hauptleute kleinmütig und verzagt unbedacht ihrer Ehre ergeben“ und sich das Leben gesichert hätten; von dort wäre ein der deutschen Sprache kundiger Mann nach Wien gesendet worden, der mit der Antwort zurückkam: „daß sie zuvor in der Stadt Wien nur zu viel Volk betten und der Bewohner gar nicht bedürfen, sondern er (der Sultan) mit denselben nach Gelegenheit jener Handlung um seines Zusagens wohl handeln und verfahren möchte.“

 

8Suleimans Tagebuch führt an: »Er (der Sultan) verlangte daher von den Hauptleuten sämtlicher Kompanien die Listen ab, und es fehlte wenig, so wären den Hauptleuten die Köpfe abgeschlagen worden. Dieses Mal bemerkten die Hauptleute seine Stimmung und gaben die Listen der anwesenden Soldaten her.«

 

9Mit welcher Eile die Akindschi das Land überzogen und selbst in die entferntesten Täler eindrangen, zeigt, dass sie schon am 24. September in Enzersdorf und Mauerbach, am 25. in Klein-Zell und am 30. in Amstetten eingetroffen waren. Nur bei wenigen Orten sind noch genaue Angaben über die Zeit ihres Eintreffens erhalten.

 

10Suleimans Tagebuch führt nur an: »Lager zu Brück.« In einer anonymen Flugschrift wird angeführt: »Die Bürger obbemelter Stadt Prugh an der Leyta haben sich dem türkischen Kaiser ergeben, darauf der Kaiser ihre Ambassaden oder Botschafter mit Erklärungen von Sammat begabt, und damit vor allem sein Volk unbehelligt gelassen. Nachdem er der Türken aber die Stadt mit schlechten Eeren verlassen. So acht man dafür, die gedachten Bürger samt anderen, so in seiner Potestat sein, müssen das entgelten und den Sammat wohl bezahlen.«

 

11In Korneuburg exzedierten die aus Hainburg dahin geflüchteten Truppen in der Folge derart, dass die Bürger sich nach Krems an Pfalzgraf Friedrich um Hilfe wenden mussten, der sie nach Abnahme der Fahnen und Waffen des Landes verwies.

 

12In der Angabe des Datums weichen die türkischen und deutschen Quellen voneinander ab. Nach Suleimans Tagebuch wäre der Großwesir Sonnabend, den 25. September (in Bernhauers Übersetzung heißt es »Sonntag, den 21. des Monates Dsulliigya = 20. September«, was wohl ein Druckfehler ist, da unmittelbar danach »Montag, den 23. = 27. September« angeführt ist), der Padischah aber Sonntag, den 22. = 26. September angekommen. In deutschen Quellen (Hammer, Stern etc.) ist der 24. September als Ankunftstag des Sultans angeführt.

 

13Der älteste Plan von Wien, im Museum der Stadt, ist aus der Zeit 1488 bis 1455. Ohne Anspruch auf geometrische Korrektheit — Kirchen und größere Gebäude sind nur im Aufriss angedeutet — gibt er nur Auskunft über den Umfang der Stadt und deutet die angeführten Vorstädte wohl an, gibt aber über ihre genauere Lage keinen Aufschluss. Aus der Zeit der Belagerung selbst oder aus der ihr vorausgehenden, ferner der ihr unmittelbar folgenden Zeit ist kein Plan vorhanden; was man daher von diesen nächst der Mauer entstandenen Vorstädten weiß, gründet sich auf andere schriftliche Dokumente und auf Meldeimans Rundsicht.

 

14Im Jahre 1527 wurde die nicht unbedeutende Summe von 8986 Pfund Pfennigen für Befestigungsarbeiten ohne nähere Bezeichnung an Johann Tscherte, Jörg Lang und den Stadthauptmeister Heinrich Spettl ausgegeben. Während in Italien schon zu Ende des XV. Jahrhunderts Befestigungsbauten nach italienischer und spanischer Manier mit bastionierten Fronten hergestellt wurden, begnügte man sich in Wien noch immer mit den alten Stadtmauern und den die Gräben kaum flankierenden, meist viereckigen Türmen. Erst im Jahre 1530 — also ein Jahr nach der Belagerung — wurde eine Bastion vor der Burg erbaut, und die Herstellung von weiteren fünf Bastionen in Angriff genommen (siehe Camesina, „Urkundliche Beiträge zur Geschichte Wiens im XVI. Jahrhundert“). August Hirschvogels Plan von Wien vom Jahre 1517 — die älteste geometrisch richtige Aufnahme der Stadt — ist für die Zeit der Belagerung nicht maßgebend, da in derselben die seither ausgeführten und entworfenen Festungsbauten auch schon eingezeichnet sind.

 

15Meldemans Rundsicht: »Der Stadt Wien Belagerung, wie die auf dem hohen Sankt Stephans-Turm allenthalben gerings um die ganze Stadt, zu Wasser und zu Land mit allen Dingen anzusehen gewesen ist, und von einem berühmten Maler, der auf dem S. Stephans-Turm in derselben Belagerung verordnet gewesen ist, mit ganzem Fleiß verzeichnet und abgemacht, geschehen nach Christi Geburt M. CCCC XX IX, und im XXX. in Druck gebracht. Gemacht zu Nürnberg durch Nikiaßen Meldeman, Briefmaler bei der langen Brücken, wohnhaft nach Christi Geburt M. CCCC XXX Jahr.« Diese Rundsicht kann keinen Anspruch auf geometrische Richtigkeit machen, ist aber die einzige gleichzeitige Darstellung der Belagerung. Nach einem durch einen unbekannten Wiener Maler unmittelbar aufgenommenen Bild, im Auftrag der Stadt Nürnberg hergestellt, bringt diese Rundsicht, der eine Beschreibung beigegeben ist, welche von jener des Peter Stern von Laibach wenig abweicht, fast alle wichtigeren Ereignisse während der Belagerung und gibt Auskunft über den Bauzustand der Befestigung. (Camesina hat diese sehr seltene Rundsicht 1833 in sehr gelungener Ausgabe vervielfältigt.) Die beiliegende Kopie dieser Rundsicht ist in verkleinertem Maßstab dem in der Albertina befindlichen Original entnommen. Die Ansicht der Stadt von Guidemund, ebenfalls Briefmaler in Nürnberg, ist ebenso wie Wohlinets Ansicht vom Jahre 1517 ein Phantasiestück. Die Ansicht der Stadt auf Salms Grabmal gibt ebensowenig Aufschluss über die Befestigung der Stadt wie jene auf dem Maximilian-Monument in Innsbruck, welche aus der Zeit des Bildhauers Colin (1563) ist.

 

16Hieronymus von Zara erscheint schon im Jahre 1514 als Arsenal-Obrister; er verblieb bis zum Jahre 1533 in Wien. Hernach zum Oberwaldmeister für Görz, den Karst und Istrien ernannt, trat er dort dem unbefugten Holzbezug der Venetianer mit Energie entgegen (Newald, S. 76).

 

17Nach „Paul Pessels Beschreibung“ betrug die Zahl der Geschütze 74. Hammer und andere geben nur 72 an, andere sogar bis 300, was unbedingt unrichtig ist.

 

18Niklas Graf zu Salm, zum Unterschied von seinem gleichnamigen Sohne „der Ältere“ genannt, stammt aus dem in den Vogesen heimischen Geschlechte „Ober-Salm“. Er war 1459 geboren und begann seine kriegerische Laufbahn im Dienste Österreichs 1483. Unter Kaiser Maximilian zog er 1490 nach Ungarn, kämpfte im Schweizer Krieg 1499, im Landshuter Erbfolgekrieg 1504, im venezianischen Krieg 1509–1516, verteidigte 1522–1523 die österreichischen Länder gegen die Einfälle der Türken, nahm 1525 in der Schlacht bei Pavia den König Franz von Frankreich gefangen und dämpfte im selben Jahr den Bauernaufstand in der Steiermark. Vor der Schlacht bei Mohács wurde ihm der Oberbefehl in Ungarn angeboten, den er wegen seines hohen Alters ablehnte. Gegen Zápolya kämpfte Salm mit Glück (Newald, Das Salm-Monument, S. 6).

 

19Unter den „niederösterreichischen Landen“ ist nicht Österreich unter der Enns (Niederösterreich) zu verstehen, sondern ganz Österreich mit Steiermark, Kärnten und Krain samt dem Küstenlande.

 

20Der nachstehende Bestallbrief vom 2. August 1529 (k. u. k. Hof-Kammerarchiv, Kammerbuch Nr. 27, Fol. 290) setzt die Stellung des Grafen Salm als Höchstkommandierenden in den niederösterreichischen Landen, mithin auch in Wien, während der Dauer dieses Jahres außer allen Zweifel:

»Wir Ferdinand etc. bekennen, dass wir den Edlen, unsern lieben getreuen Niklasen den Älteren Grafen zu Salm, noch auf ein Jahr lang von dem ersten Tag des Monats April nächstverscheinend zu unserm obersten Feldhauptmann unserer niederösterreichischen Lande auch unseres Hofgesinds und aller unser Besoldten Dienst bestellt haben …« (vollständiger Text wie Original).

 

21K. u. k. Kriegsarchiv, Fascikel VIII, 8. Katzianers Rückberufung aus Ungarn betreffend.

 

22Wilhelm Freiherr von Roggendorf entstammte einer steirischen Familie und wurde im Jahre 1480 geboren. Im venezianischen Krieg unter Kaiser Maximilian verdiente er sich die ersten Sporen und wurde bei Calliano schwer verwundet. Trotz seiner Jugend ernannte ihn Kaiser Karl V. bei seiner Thronbesteigung zum Statthalter in Friesland. Im Geldrischen Krieg 1517 zeichnete er sich aus, 1522 kämpfte er in Spanien gegen die Mauren und 1524 im Krieg gegen Frankreich. Schon war er zum Vizekönig in Katalonien bestimmt, als ihn Ferdinand nach Österreich berief, um seine bewährte Kraft gegen die Türken zu verwenden.

 

23K. u. k. Kriegsarchiv, Fascikel VIII, 9. Warnungsmandat König Ferdinands vom 29. August 1529 an die zwei Viertel unter dem Wienerwald und unter dem Manhartsberg.

 

24Das Original ist im k. u. k. Kriegsarchiv, Fascikel VIII, I, wohin es aus dem Archiv des k. k. Ministeriums des Innern abgegeben wurde. Die zehn aufgedrückten Siegel lassen jene des Statthalters Georg von Fuchheim, des Kanzlers Habenhaupt von Suchia, des Vicedoms Beck von Leopoldsdorf und der Käthe Felician von Mischach, Rudolf von Hohenfeld und Haus von Silberberg noch deutlich erkennen. Im siebenten Absatz wird darauf hingewiesen, dass die Stadt ohne ausgiebige Hilfe dem Andränge der Türken nicht widerstehen könne, dass man die Verantwortung nicht tragen könne, wenn die gesamte christliche Einwohnerschaft im Falle der Einnahme der Stadt im Sturm niedergemacht würde und den Türken alle Geschütze und die angesammelten Kriegsmittel sowie alle Vorräte an Lebensmitteln in die Hände fielen. Es würden ihnen dadurch die Mittel geboten, den Winter in Wien zu verbleiben und von hier aus gekräftigt gegen Deutschland vorzugehen. Schließlich wird der Vorschlag gemacht, wenn eine ausreichende Hilfe nicht gewährt werden könne, die Stadt von ihren Einwohnern zu räumen, alle Kriegs- und Lebensvorräte in Sicherheit zu bringen und sie dann niederzubrennen, in der Erwartung, dadurch das Leben so vieler Menschen zu retten und den Türken ein weiteres Vorgehen unmöglich zu machen oder doch wesentlich zu erschweren. Vollinhaltlich ist dieses Dokument bei Newald, »Das Salm-Monument«, Beilage VI, S. 113–115, mitgeteilt.

 

25Regierungsmandat an die Waldbesitzer der Umgebung, zwecks Abgabe von Holz für Verteidigungsanlagen.

 

26Brief des Bürgermeisters Wolfgang Treu an König Ferdinand vom 18. September 1529 über den Abzug der Wiener Bürger (K. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Fascikel I B. Vollinhaltlich in Newald, »Das Salm-Monument«, Beilage 1, S. 115).

 

27Nach Hammer hätte die Übertragung des Hoflagers nach Linz erst den Anstoß zur eiligen Flucht der wohlhabenderen Bürger gegeben, was unrichtig ist. König Ferdinand war in der letzten Zeit nicht in Wien, und das Hoflager befand sich schon seit Juni in Linz, wo die Königin ihrer Niederkunft entgegen sah.

 

28Der Bericht ist im k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Fascikel I B, und vollinhaltlich abgedruckt bei Buchholz, Geschichte des Regenten Ferdinand I., III. Band, S. 619.

 

29Der dem vorerwähnten Berichte beiliegende Ausweis bringt folgende Truppen:

Fussknecht an das Reich:

 

Vels 2200

Reyschach 2000

kerner 400

Grumoser 300

Beheim 2000

Zehendtmann 1500

Steyrer u. Spanier 1500

 

Nachfolgendt was vom Reich khumben sol, auch von Bayern, Salzburg unnd Nuernberg khnecht :

 

Das Reich 7000

Bayern 2000

Salzburg 500

Nuernberg 1000

 

Pferdt

Das Reich 1600

Bayern 100

 

Gerayssigen:

Lanndt Oesterreich 500

Hardegkh 130

Katzianer 160

kerner 200

Niklas von Thurn 250

Salm, Kogendorf, Stathalter u. dergleichen 136

Gering pferdt mit dem von Thurn 1200

 

30Johann Purkhard, Custos der Kapelle in der Burg, bittet den König um Ersatz des beim Abbrennen erlittenen Schadens und klagt, dass die Landsknechte auch in der Burg plündern wollten, was durch ihn verhindert wurde.

 

31Uhlich: Geschichte der ersten türkischen Belagerung Wiens, S. 53. Auch in Meldemans Rundsicht ist der Galgen im Innern der Stadt ungefähr am Lugeck eingezeichnet.

 

32Gelegentlich des Brandes dieses Hofes geriet auch ein wertvoller Teil des Klosterarchivs in Verlust.

 

33Ein gründlicher und wahrhafter Bericht zeigt, dass mit türkischen Gefangenen auch kaum menschlicher umgegangen wurde als mit den christlichen Gefangenen im türkischen Lager.

 

34Philipp, Pfalzgraf am Rhein und Herzog in Baiern, ein Vetter oder jüngerer Bruder Friedrichs, war 1503 geboren. Seine hervorragende Tapferkeit im Krieg Kaiser Karls V. in Italien erwarb ihm den Namen des „Streitbaren“. Nach der Belagerung Wiens ernannte ihn König Ferdinand zum Statthalter in Württemberg, welches Herzogtum nach dem verlorenen Treffen bei Laufen 1534, in welchem er verwundet und gefangen worden war, von Österreich abgetrennt wurde. Philipp zog sich hierauf zurück und starb im Jahre 1548.

 

35Dass Philipp in Wien den Oberbefehl führte oder selbst nur als Ehrenpräses dem Kriegsrat vorstand, wie auch in neueren Geschichtswerken angeführt wird, ist vollkommen unrichtig. Wenn er in Meldemans Rundsicht als „Obrister des Kriegsvolks der Stadt“ angeführt ist, so kann sich das wohl nur auf das Kriegsvolk aus dem Reich beziehen. Sein Siegel und seine Unterschrift ist auch auf keinem der Kriegsratsbeschlüsse zu finden, und diese wurden ihm von Salm ebenso zugestellt wie den übrigen Unterbefehlshabern. Mit Bericht vom 26. September 1529 (Original im k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Fase IB, vollinhaltlich abgedruckt in Hormayers Taschenbuch, 1827, S. 142) beantragt der Kriegsrat, König Ferdinand möge dem Pfalzgrafen Philipp „einen gnädigen Dankbrief für sein freiwilliges Ausharren in Wien zuschreiben“.

 

36Im selben Bericht vom 26. September wird angeführt: „Dass die Bürger, so in der Musterung in die viertausend vorhanden gewesen, nun kaum in die hundert und wenig darüber, alhie, sondern all gewichen sein, das etwas spotlich zu hören“, woraus zu schließen ist, dass, wenn auch die vorstehende Angabe übertrieben sein dürfte, doch die mehrfach angeführten Angaben, es hätten sich 1500 Bürger und Studenten unter den Verteidigern befunden und es wären 700 Bürger geblieben, nicht begründet sind.

 

37In einer Nachschrift zum Bericht vom 26. September wird noch gemeldet, dass die Türken auch am linken Ufer der Donau in großen Haufen heraufziehen, was sich in der Folge nicht bestätigte; auch wird die Besorgnis ausgesprochen, dass die Türken die Donaubrücken angreifen und zerstören würden. Schließlich wird noch gebeten, das Geld zur Besoldung der Truppen nach Korneuburg zu senden, von wo für die Weiterbeförderung desselben gesorgt würde.

 

38Stern von Labach u. a. erwähnen ausdrücklich, dass „die Stadttore all, ausgenommen der Salzturm, den man zum Ausfallen offen gelassen, verpolwert und zum Teil vermauert worden“ sind. Das Stubenthor wurde zuletzt vermauert; der Ausfall am 23. kann daher nur durch selbiges geschehen sein. Wenn auch anzunehmen ist, dass Ausfallpforten in den Graben vorhanden waren, so konnten durch selbige doch nur Ausfälle mit kleineren Abteilungen gemacht werden.

 

39In Meldemans Rundsicht wären die Schirte unterhalb der Schlagbrücke versenkt worden.

 

40Zedlitz, in allen ritterlichen Künsten bewandert und von hervorragender Kraft, zog die Aufmerksamkeit des Sultans derart auf sich, dass er ihn die ganze Zeit während der Belagerung ehrenvoll hielt und ihn zum Schluss reich beschenkt entließ.


Quelle: Leopold Kupelwieser: Die Kämpfe Oesterreichs mit den Osmanen vom Jahre 1526 bis 1537. Leipzig, 1899.

© Carsten Rau