Das Bild, das sich vor unseren Augen entfaltet hat vom Kriegsdienst der deutschen Reiter in Italien, enthält Licht- und Schattenseiten. Wir dürfen einerseits mit Genugtuung auf diese Fülle
überschüssiger Manneskraft in den deutschen Adelsfamilien blicken, die unser Vaterland auch im Mittelalter, wie kaum ein anderes, hervorgebracht hat. Denn ganz abgesehen von den Tausenden unserer
ritterlichen Landsleute, die wir weiterhin noch im gibellinischen und guelfischen Dienste kennenlernen werden, dürfte sich in Deutschland selbst kaum eine gleich lange Liste von Rittern und
Edelknechten, von Grafen, freien Herren und Ministerialen im Solde eines Fürsten finden, wie wir sie allein schon im päpstlichen Dienste antreffen.
Dort unten im Welschland haben sie Jugendmut und Schwert erprobt, viele ihren kriegerischen Geist wachgehalten und Kampftüchtigkeit dazu erworben, auch wertvolle Erfahrungen gesammelt, nicht nur
auf dem Gebiet des Kriegswesens, sondern auch auf dem der allgemeinen Kultur, insofern sie die gerade im 14. Jahrhundert hochentwickelte und der deutschen vielfach überlegene Bildung
italienischer Herren und Städte nach der Rückkehr ins Vaterland dem eigenen Herd und Volk mitteilen konnten. Der Gesichtskreis wurde erweitert.
Für die deutsche Geldgeschichte hat der italienische Solddienst der zwanziger Jahre des 14. Jahrhunderts ebenfalls eine wesentliche Bedeutung. Durch ihre reichen Löhne wurde damals der Goldgulden
zuerst in unserer Heimat verbreitet; seine Vorzüge im Zahlungsgeschäft mussten gewürdigt werden. In den folgenden Jahrzehnten begannen dann auch deutsche Münzstätten, die Prägung desselben.
Eine gewisse kulturelle Bedeutung hat die Italienfahrt so vieler deutscher Ritter ferner deshalb, weil sie gewissermaßen ein Sicherheitsventil für die fehdelustigen Elemente unseres Adels
bildete, die sich wenigstens in fremdem Lande austoben konnten. Und der Kriegsdienst für den Papst, das Oberhaupt der Christenheit, und seinen Staat galt gewiss in jenen Zeiten nicht weniger
ehrenvoll als der für Kaiser und Reich oder auf den Kreuzzügen in Spanien und Kleinasien.
Auch die großen politischen Gegensätze zwischen Weißflügeln und Gibellinen, die sich bis nach Deutschland hin erstreckten, und zwischen den deutschen Fürsten selbst wurden dabei in Italien
ausgetragen. Wir brauchen nur an die Zeit Ludwigs des Bayern zu denken, wo wir Habsburger Ministeriale (zahlreiche vorderösterreichische Adelige), Juliotter und Lütticher Ritter auf Seiten des
päpstlich-guelfischen Heeres finden, während im gegnerischen Lager Anhänger Ludwigs standen.
Damit haben wir aber eine der wesentlichen Schattenseiten unseres Bildes berührt, nämlich den Kampf der deutschen Ritter in Italien gegen ihre eigenen Landsleute. Freilich traten um die Mitte des
Jahrhunderts unter der papstfreundlichen Politik Karls IV. die Gegensätze zwischen der kaiserlichen und der päpstlichen Partei sehr zurück, und die Heere des Kirchenstaates bestanden vorwiegend
aus deutschen Rittern von allen west- und süddeutschen Landschaften. Es ist auch sicher kein Zufall, dass in dem kunstvoll geschmückten Rechenschaftsbericht des Kardinallegaten Albornoz im
Vatikanischen Archiv auf dem Blatt, das seinen Triumph über die unterworfenen Städte darstellt, die schwere, ritterliche Reiterei allein als Schutz und Bedeckung des Kardinals erscheint.
Aber wir haben schon gesehen und werden es in den später zu veröffentlichenden Akten noch deutlicher beobachten können, wie die Gegner ebenfalls deutsche Reiter so zahlreich im Sold hatten. Ja,
man kann beobachten, dass die blutigsten Gefechte zwischen unseren Landsleuten selbst stattfanden. Wir brauchen nur an das verlustreiche Treffen gegen die Große Kompagnie des Grafen Konrad von
Landau vom 26. Juli 1357 zu denken (vgl. oben S. 121). Dieselbe deutsche Freischar Landaus belagerte 1356 Parma, das von 4000 deutschen Reitern der Viscontis verteidigt wurde. Im November
desselben Jahres haben diese oder andere deutsche Reiter der Viscontis den Grafen am Tessin gründlich geschlagen (Ricotti II S. 118). Als der Gibellinenführer Castruccio mit seinen deutschen
Reitern die Florentiner niederwarf, befanden sich unter den Gefangenen viele Landsleute.
Als die deutschen Ritter Pisas im Jahre 1342 Lucca eroberten, hatten sie hauptsächlich gegen deutsch-guelfische Reiter im Dienste von Florenz und Perugia zu kämpfen (piii di 8000 cavalieri da
battaglia, quasi alle tedesche, und von Perugia 300 cavalieri pure tedesche!) usf.
Die zweite Schattenseite unseres Bildes besteht darin, dass so viele urwüchsige deutsche Kraft, soviel Mut und Blut fremden, nichtdeutschen Zwecken dienlich gemacht oder gegenseitig aufgehoben
wurde. Es klingt auch hier das alte traurige Lied vom Kampf der Germanen gegeneinander, solange keine starke Reichsgewalt die übersprudelnde Kraft zusammenfasste und nach einem Ziel hinlenkte.
Aber das ist selbst in den besten Zeiten des römisch-deutschen Kaiserreiches nur in schwachem Maße möglich gewesen, sonst wäre Italien und Europa wirklich und dauerhaft ein germanisches
Herrschaftsgebiet geworden.
Quelle: Karl Heinrich Schäfer: Deutsche Ritter und Edelknechte in Italien während des 14. Jahrhunderts. Paderborn, 1910.
