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Alexander und Diogenes

Alle verneigten sich vor Alexander und begegneten ihm mit Ehrfurcht und Respekt, als er triumphierend durch Griechenland zog – alle außer dem Philosophen Diogenes.

Dieser Mann gehörte zu einer Gruppe von Denkern, die man Kyniker nannte – „hundeähnlich“ –, weil sie bewusst auf alle üblichen Annehmlichkeiten verzichteten. Diogenes, der berühmteste unter ihnen, lebte in einem großen Tonkrug nahe dem Tempel der Ceres. Sommer wie Winter trug er nur einen groben Wollmantel und ernährte sich ausschließlich von roher Kost. Sein einziges Gefäß war eine Holzschale.

Eines Tages sah er jedoch ein Kind, das aus seiner hohlen Hand trank. Sofort warf Diogenes seine Schale weg und sagte, er könne ebenso gut auf Luxus verzichten wie das Kind. Von da an trank er nur noch aus der Hand.

Wie ihr seht, war Diogenes ein ungewöhnlicher Mensch. Er prahlte damit, immer die Wahrheit zu sagen und alle Menschen gleich zu behandeln. Einmal begegneten ihm einige seiner Schüler, als er mit einer Laterne durch die Straßen ging, in jede Ecke leuchtete und jeden Menschen aufmerksam musterte. Auf die Frage, wonach er suche, antwortete er knapp: „Einen ehrlichen Mann.“

Alexander hatte von diesem eigenwilligen Philosophen gehört und wollte ihn unbedingt kennenlernen. Also begab er sich mit seinem ganzen Gefolge zum Tempel der Ceres. Diogenes lag vor seinem Tonkrug in der Sonne und wärmte sich.

Alexander trat näher, stellte sich zwischen ihn und die Sonne und versuchte, ein Gespräch zu beginnen. Doch Diogenes antwortete mürrisch und schenkte ihm kaum Beachtung.

Schließlich stellte sich Alexander stolz vor: „Ich bin Alexander, der König!“

„Und ich“, erwiderte Diogenes im gleichen Tonfall, „bin Diogenes, der Kyniker!“

Da der Philosoph nur knappe und unhöfliche Antworten gab, wollte Alexander gehen. Zuvor fragte er jedoch, ob er etwas für ihn tun könne.

„Ja“, fuhr Diogenes ihn an, „geh mir aus der Sonne!“

Die Höflinge waren empört über diese Unverschämtheit und tuschelten spöttisch über den Philosophen. Alexander hörte sie und sagte ruhig: „Wäre ich nicht Alexander, wäre ich gern Diogenes.“

Damit wollte er ihnen zeigen, dass er – wenn er schon nicht über alles herrschen könnte – lieber wie Diogenes alles Irdische verachten würde.

Seltsamerweise starben Alexander, der König, und Diogenes, der Kyniker, in derselben Nacht und aus demselben Grund. Diogenes starb in seinem Tonkrug nach einem übermäßigen Mahl aus rohem Ochsenfleisch; Alexander starb in einem Palast in Babylon, nachdem er bei einem Festmahl maßlos gegessen und getrunken hatte.