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Anklage gegen Sokrates

Sokrates war, wie Sie wissen, einer der edelsten und sanftmütigsten Männer seiner Zeit – und dennoch hatte er viele Feinde. Vor allem jene beneideten ihn, die seinen Ruf für Weisheit nicht ertragen konnten. Dieser Ruf war so gefestigt, dass sogar das Orakel von Delphi auf die Frage nach dem klügsten Mann Griechenlands antwortete: Sokrates.

Trotz dieser Anerkennung war Sokrates frei von Hochmut. Im Gegenteil – ein wesentlicher Teil seiner Weisheit bestand darin, dass er nie vorgab, etwas zu wissen, was er nicht wusste. Er blieb stets offen für neue Erkenntnisse und war bereit zu lernen, sobald ihm etwas überzeugend dargelegt wurde.

Zu den bekannten Persönlichkeiten Athens jener Zeit gehörte auch Aristophanes, ein berühmter Komödiendichter. Seine Stücke waren von solcher Schärfe und geistigem Witz, dass sie nicht nur damals im Theater des Dionysos großen Anklang fanden, sondern noch lange danach bewundert wurden.

Wie viele seiner Zunft hatte Aristophanes eine besondere Vorliebe dafür, Menschen und Zustände ins Lächerliche zu ziehen. Oft hatte er Sokrates und Alkibiades gemeinsam durch die Straßen gehen sehen – ein ungleiches Paar, dessen Kontrast ihn amüsierte.

Doch so klug Aristophanes war, so wenig war er immer gerecht. Sein Spott konnte zwar Missstände aufdecken, richtete aber ebenso häufig Schaden an. Mit der Zeit entwickelte er eine Abneigung gegen Alkibiades. Da er zugleich sah, wie sehr das Volk diesen bewunderte, kam er zu dem Schluss, dessen Fehlverhalten müsse auf den Einfluss seines Lehrers zurückzuführen sein.

In Wirklichkeit war das Gegenteil der Fall. Sokrates hatte stets versucht, das Beste in seinem Schüler zu fördern. Alkibiades’ Eitelkeit, seine Rücksichtslosigkeit und schließlich sein Verrat waren vielmehr das Ergebnis der unaufhörlichen Schmeichelei, die ihm von falschen Freunden entgegengebracht wurde.

Dennoch ließ Aristophanes seiner Abneigung freien Lauf. Er schrieb die Komödie „Die Wolken“, in der er seine Kritik in spöttischer Form zum Ausdruck brachte. Zwar nannte er keine echten Namen, doch die Anspielungen waren unübersehbar: Im Mittelpunkt stand ein leichtfertiger junger Mann, der auf den Rat seines Lehrers hin ein ausschweifendes Leben führte, seinen Vater in Schulden stürzte, andere täuschte und selbst vor den Göttern keinen Respekt zeigte.

Da die Schauspieler in Auftreten und Darstellung deutlich an Sokrates und Alkibiades erinnerten, wurde das Stück vom Publikum mit lautem Gelächter aufgenommen. Es war ein großer Erfolg: Die Athener sprachen darüber, zitierten die besten Szenen und strömten immer wieder ins Theater, um sich daran zu erfreuen.

Einer Überlieferung zufolge besuchte sogar Sokrates selbst eine Aufführung. Als man ihn fragte, warum er sich das Stück ansehe, soll er ruhig geantwortet haben: „Ich möchte herausfinden, ob unter all den Vorwürfen nicht vielleicht etwas ist, das ich verbessern kann.“

Diese Haltung zeigt, wie sehr ihm an persönlicher Vervollkommnung lag. Sokrates wusste, dass äußere Merkmale – wie sein oft verspottetes Aussehen – unveränderlich waren. Doch seinen Charakter, davon war er überzeugt, konnte und sollte man stets weiterentwickeln.

„Die Wolken“ blieben über viele Jahre hinweg beliebt. Selbst als Alkibiades später zum Verräter wurde und Athen schweren Schaden zufügte, hielt die Begeisterung für das Stück an. In ihrer Empörung begannen viele Athener nun zu glauben, Aristophanes habe vielleicht doch recht gehabt: Ohne schlechten Einfluss wäre Alkibiades womöglich nicht auf diesen Weg geraten.

So wie im Theaterstück der Lehrer für die Fehler seines Schülers verantwortlich gemacht wurde, richtete sich nun auch der Verdacht gegen Sokrates. Immer mehr Menschen gaben ihm die Schuld am Werdegang des Alkibiades.

Schließlich gingen seine Gegner noch weiter. Da sie keinen echten Beweis gegen ihn hatten, griffen sie zu Vorwürfen, die sich leichter erheben ließen: Sie beschuldigten ihn, die Jugend Athens zu verderben und die Götter zu missachten – und zerrten ihn auf dieser Grundlage vor Gericht.