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Aristides der Gerechte

Die Athener waren überglücklich. Nach dem Sieg über die Perser glaubten sie, keine Bedrohung mehr fürchten zu müssen. Doch darin täuschten sie sich. Der Großkönig hatte bereits zweimal erlebt, wie seine Pläne gescheitert waren – aber er dachte nicht daran, seine ehrgeizigen Ziele aufzugeben.

Im Gegenteil: Er schwor, mit einer noch größeren Streitmacht zurückzukehren und die stolze Stadt, die sich ihm widersetzt hatte, endlich zu unterwerfen. Themistokles erkannte die Gefahr und warnte eindringlich davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Er drängte die Athener, ihre Flotte auszubauen und sich auf einen neuen Krieg vorzubereiten.

Aristides hingegen vertrat eine andere Ansicht. Er hielt es für sinnvoller, die Landstreitkräfte zu stärken, statt weitere Schiffe zu bauen. Da beide Feldherren zahlreiche Anhänger hatten, führte dieser Gegensatz bald zu heftigen Spannungen. Die Lage spitzte sich so weit zu, dass ein innerer Konflikt drohte, sollte nicht einer von beiden die Stadt verlassen.

Um eine Entscheidung herbeizuführen, versammelten sich die Athener auf dem Marktplatz. Dort sollten sie darüber abstimmen, welcher der beiden Anführer verbannt werden sollte. Für dieses bedeutende Ereignis ruhte das öffentliche Leben: Handwerker legten ihre Arbeit nieder, und selbst die Bauern kehrten von den Feldern zurück.

Während Aristides unter den Bürgern umherging, wurde er von einem einfachen Mann angesprochen. Der Bauer erkannte ihn nicht und bat ihn, ihm zu helfen: Er solle den Namen auf eine Tonscherbe schreiben, da er selbst nicht lesen oder schreiben könne.

„Welchen Namen soll ich aufschreiben?“, fragte Aristides ruhig.

„Schreiben Sie ‚Aristides‘“, antwortete der Mann.

„Warum wollen Sie ihn verbannen? Hat er Ihnen je Unrecht getan?“, fragte Aristides weiter.

„Nein“, erwiderte der Bauer, „aber ich bin es leid, ihn ständig ‚den Gerechten‘ nennen zu hören.“

Ohne ein weiteres Wort schrieb Aristides seinen eigenen Namen auf die Scherbe und reichte sie dem Mann zurück. Als die Stimmen schließlich ausgezählt wurden, ergab sich eine deutliche Mehrheit gegen ihn: Sechstausend Bürger hatten für seine Verbannung gestimmt.

So musste Aristides, der als „der Gerechte“ bekannt war, seine Heimat verlassen und ins Exil gehen.

Dieses Ereignis wurde zu einem weiteren Beispiel für die Unbeständigkeit der athenischen Gunst. Aristides hatte nichts Unrechtes getan – im Gegenteil, er hatte stets im Interesse seiner Stadt gehandelt. Doch gerade seine Integrität machte ihn für manche unerträglich. Seine Gegner, selbst nicht frei von Ehrgeiz und Eigennutz, empfanden seine Tugend als stillen Vorwurf – und setzten alles daran, ihn aus der Stadt zu verdrängen.