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Das Schwert des Damokles

Dionysios, der Tyrann von Syrakus, war trotz all seines Reichtums und seiner Macht ein zutiefst unglücklicher Mensch. Vor allem quälte ihn die ständige Angst, ermordet zu werden; denn seine Grausamkeit hatte ihm unzählige Feinde eingebracht.

Man erzählt, er habe sich so sehr gefürchtet, dass er nie ohne bewaffnete Wachen und ein Schwert in der Hand das Haus verließ. Kein Raum wurde betreten, bevor seine Diener nicht jeden Winkel durchsucht hatten, um sicherzugehen, dass sich dort kein Attentäter verbarg.

Seine Vorsicht nahm schließlich groteske Formen an. Niemand durfte in seine Nähe, ohne zuvor gründlich durchsucht worden zu sein. Als sein Barbier einmal scherzhaft bemerkte, das Leben des Tyrannen liege täglich in seiner Hand, ließ Dionysios ihn nie wieder an sein Gesicht. Stattdessen mussten seine Frau und seine Tochter ihn rasieren – bis er auch ihnen misstraute und sich entweder selbst rasierte oder den Bart einfach wachsen ließ.

Misstrauen macht niemanden glücklich. Da Dionysios glaubte, jeder Mensch denke so böse wie er selbst, erwartete er ständig, ausgeraubt, überfallen oder ermordet zu werden.

Selbst im Schlaf fand er keine Ruhe. Um nicht überrascht zu werden, ließ er sein Bett von einem tiefen Graben umgeben, über den eine Zugbrücke führte. Diese zog er nachts selbst hoch, damit niemand ihn im Schlaf erreichen konnte.

Unter den Höflingen, die ihn täglich besuchten, befand sich ein Mann namens Damokles. Er war ein unermüdlicher Schmeichler und pries Dionysios bei jeder Gelegenheit als den glücklichsten, mächtigsten und beneidenswertesten Menschen der Welt.

Irgendwann hatte Dionysios genug von diesem süßlichen Lob. Als Damokles einmal sagte: „Wenn man mir nur so gut gehorchen würde wie dir, wäre ich der glücklichste Mensch“, beschloss der Tyrann, ihm eine Lektion zu erteilen.

Er ließ Damokles in prächtige Gewänder kleiden, bettete ihn auf ein weiches Lager vor einem üppigen Festmahl und befahl den Dienern, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Damokles war entzückt. Er lachte, sang, aß und trank und genoss seine vermeintliche Glückseligkeit.

Doch als er zufällig zur Decke blickte, erstarrte er. Direkt über seinem Kopf hing ein scharfes Schwert – befestigt an einem einzigen Pferdehaar. Er erbleichte, das Lachen verstummte, und sobald er sich wieder bewegen konnte, sprang er entsetzt vom Lager auf. Jeder Augenblick hatte ihn in Lebensgefahr schweben lassen.

Dionysios tat überrascht und forderte ihn auf, sich wieder hinzusetzen. Doch Damokles weigerte sich und deutete mit zitternder Hand auf das Schwert. Da erklärte ihm der Tyrann, dass niemand glücklich sein könne, der ständig von Angst bedroht werde – eine Wahrheit, die Damokles sofort begriff.

Seit jener Zeit vergleicht man jeden Menschen, der trotz äußerem Wohlstand in ständiger Gefahr lebt, mit Damokles und sagt, ein Schwert schwebe über seinem Haupt.