Als Perikles starb, dauerte der Peloponnesische Krieg bereits mehr als drei Jahre an – und ein Ende war noch lange nicht in Sicht. Die Athener brauchten dringend eine neue Führungspersönlichkeit
und entschieden sich schließlich für Nikias als seinen Nachfolger.
Nikias galt als aufrichtig und ehrenhaft, doch zugleich war er zögerlich und wenig entschlussfreudig. Wann immer er politische Verantwortung übernahm, rang er lange mit Entscheidungen und wirkte
unsicher. Viele erinnerten sich deshalb wehmütig an die Entschlossenheit und Stärke des verstorbenen Perikles.
Zur gleichen Zeit lebte in Athen ein weiterer bedeutender Mann: der Philosoph Sokrates. Er war bekannt für seine Weisheit und seinen aufrechten Charakter, doch die Politik lag ihm fern. Statt
sich um Staatsgeschäfte zu kümmern, widmete er sich ganz dem Denken, Forschen und dem Unterricht junger Athener.
Wie sein Freund Anaxagoras war auch Sokrates ein tiefgründiger Denker, der unermüdlich nach Wahrheit suchte. Besonders beschäftigten ihn die großen Fragen des Lebens: Wie war die Erde entstanden?
Wer hatte dem Menschen das Leben gegeben? Und was geschah mit der Seele, wenn der Körper zu Staub zerfiel?
Sokrates war von einfacher Herkunft und arbeitete als Steinmetz. Doch jede freie Minute nutzte er, um nachzudenken, zu lernen und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Mit der Zeit gelangte er –
entgegen der weit verbreiteten Überzeugungen seiner Mitbürger – zu der Einsicht, dass die überlieferten Geschichten über die griechischen Götter kaum der Wahrheit entsprechen konnten.
Er war überzeugt, dass es ein höheres Wesen geben müsse: einen einzigen Gott, größer als alles andere – gut, gerecht und mächtig. Einen Gott, der die Welt erschaffen hatte, sie lenkte und über
das Handeln der Menschen wachte, indem er die Tugendhaften belohnte und die Bösen zur Rechenschaft zog.
Aus dieser Überzeugung leitete Sokrates auch seine Lebensweise ab. Er lehrte, dass der Mensch gütig und nachsichtig sein solle, dass man Kränkungen vergeben und nicht mit Vergeltung beantworten
müsse. Damit stellte er sich gegen eine weit verbreitete Haltung der Antike, nach der Unrecht stets mit Unrecht beantwortet werden sollte.
Was Sokrates lehrte, lebte er auch selbst – konsequent und unbeirrbar. Besonders deutlich zeigte sich das im Umgang mit seiner Frau Xanthippe, die für ihr schwieriges Temperament bekannt war. Ihr
Name wurde später sprichwörtlich für eine streitsüchtige und jähzornige Frau.
Wenn Xanthippe in Wut geriet, überschüttete sie Sokrates mit Vorwürfen. Er jedoch blieb ruhig, widersprach nicht und ließ sich nicht provozieren. Wurde ihm die Situation zu unerquicklich, zog er
sich still zurück und ging seinen eigenen Wegen nach.
Doch gerade diese Gelassenheit brachte Xanthippe oft nur noch mehr in Rage. Eines Tages, als Sokrates sich wie so oft ihrem Zorn entzog, griff sie nach einem Krug Wasser und schüttete ihn ihm
kurzerhand über den Kopf.
Sokrates nahm es gelassen. Er strich sich das Wasser aus dem Gesicht, lächelte und sagte zu den Umstehenden nur: „Nach dem Donner folgt der Regen.“
