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Der Streit der Brüder

Das Unglück Thebens nahm auch nach der Verbannung des Ödipus kein Ende, und das Schicksal blieb der unglücklichen Stadt weiterhin feindlich gesinnt. Zwar war die Pest inzwischen vorüber, doch nun entbrannte ein Streit zwischen den beiden jungen Prinzen um die Herrschaft.

Beide beanspruchten den Thron für sich, und keiner war bereit, ihn mit dem Bruder zu teilen. Nach langem Konflikt einigte man sich schließlich darauf, dass jeder abwechselnd ein Jahr regieren sollte.

Eteokles, der ältere Bruder, erhielt selbstverständlich als Erster die Herrschaft. Währenddessen besuchte Polyneikes Adrastos, den König von Argos, der ihn freundlich aufnahm und großzügig bewirtete. Als das Jahr verstrichen war, kehrte Polyneikes nach Theben zurück, um nun selbst die Regierung zu übernehmen.

Doch als er in die Stadt kam, weigerte sich Eteokles, die Macht abzugeben. Er ließ seine Wachen rufen und nutzte seine Stellung, um Polyneikes aus Theben zu vertreiben. Dies galt als schweres Unrecht, da ein gegebenes Versprechen als bindend angesehen wurde. Polyneikes war darüber so erzürnt, dass er ankündigte, mit einem Heer zurückzukehren und seinen Bruder mit Gewalt zur Einhaltung der Abmachung zu zwingen.

Daraufhin eilte er erneut nach Argos und gewann dort Adrastos sowie fünf weitere Könige und berühmte Krieger dafür, ihn bei der Rückeroberung des Thrones zu unterstützen.

Als Eteokles von dem heranrückenden Heer der sieben Könige erfuhr, beschloss er, Theben entschlossen zu verteidigen. Er verstärkte die Stadtmauern, legte große Vorräte an und gewann sieben Verbündete für die Verteidigung. Dann schloss er die Tore der Stadt und erwartete den Angriff.

Währenddessen zogen die sieben Heerführer aus Argos in Richtung Theben. Auf ihrem Weg erreichten sie den Wald von Nemea, wo Herakles einst einen furchterregenden Löwen erlegt hatte. Dieses Tier hatte lange Zeit in der Gegend Angst und Schrecken verbreitet. Als Herakles später mit dem Fell des Löwen bekleidet aus dem Wald trat, wurde er von den Menschen begeistert gefeiert.

Zu Ehren dieses Sieges wurden an diesem Ort Spiele abgehalten, die sogenannten Nemeischen Spiele, die fortan regelmäßig stattfanden. Wenn die Menschen sich dort versammelten, um Wettkämpfe und Ringkämpfe zu sehen, erinnerten sie sich an den Sieg über den Löwen und an die sieben Könige, die diese Spiele begründet hatten.

Als Polyneikes und seine Verbündeten schließlich vor Theben ankamen, fanden sie die Stadt vollständig verschlossen. Trotz tapferen Kampfes gelang es ihnen nicht, einzudringen, und die Belagerung dauerte sieben Jahre.

Schließlich waren sowohl die Bewohner der Stadt als auch die Belagerer erschöpft, und man einigte sich darauf, den Konflikt auf einer nahegelegenen Ebene durch eine offene Schlacht zu entscheiden.

Die beiden Brüder selbst führten ihre Heere an, doch ihr Hass war so groß, dass sie, kaum dass das Zeichen zum Kampf gegeben wurde, direkt aufeinander losstürmten und beide im Zweikampf fielen, bevor jemand eingreifen konnte.

Dieses tragische Ende erfüllte beide Heere mit Schrecken, und man schloss einen Waffenstillstand, um die gefallenen Anführer zu bestatten. Wie es damals Brauch war, verbrannte man die Leichen auf einem Scheiterhaufen. Anschließend wurden die Aschen in getrennten Urnen beigesetzt, da die Griechen erzählten, die Brüder hätten sich so sehr gehasst, dass sich selbst ihre Asche nicht vermischen dürfe.

Die Geschichte von Ödipus und seiner Familie ist zwar ein Mythos, doch ein besonders berühmter. Sie wurde in zahlreichen griechischen Gedichten, Erzählungen und Theaterstücken verarbeitet und gehört daher zu den grundlegenden Überlieferungen der griechischen Geschichte.