Aus Angst vor der Rückkehr in seine Heimatstadt – wohl wissend, dass man ihn dort für das Unglück Athens verantwortlich machen würde – ergriff Alkibiades die Flucht. Nach einer Zeit des
Umherirrens fand er schließlich Zuflucht in einer Burg, die er auf dem Chersones hatte errichten lassen.
Von ihrer erhöhten Lage aus konnte er das Meer zu beiden Seiten überblicken. Dabei bemerkte er, dass sowohl die spartanische als auch die athenische Flotte ganz in seiner Nähe vor Anker lagen –
ohne voneinander zu wissen. Doch schon bald erkannte Alkibiades, dass die Spartaner die Anwesenheit ihrer Gegner entdeckt hatten und einen Überraschungsangriff vorbereiteten.
Ohne zu zögern verließ er seine sichere Zuflucht und machte sich, unter Einsatz seines Lebens, auf den Weg zu den Athenern, um sie zu warnen. Doch diese wiesen ihn kühl zurück. Sie misstrauten
ihm, verachteten seinen Rat und erklärten, er habe jedes Recht verwirkt, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen.
Von seiner Anhöhe aus musste Alkibiades schließlich mit ansehen, wie die athenische Flotte vollständig vernichtet wurde. Nur wenigen gelang die Flucht in seine Burg. Ein einzelnes Schiff entkam
und segelte eilig nach Athen, um die Katastrophe zu melden und vor der drohenden Gefahr zu warnen.
Nur wenige Tage später rückte das siegreiche spartanische Heer nahezu widerstandslos in Athen ein. Es gab kaum noch kampffähige Männer, die sich ihnen hätten entgegenstellen können. Die Spartaner
zwangen die Stadt zur Unterwerfung und machten unmissverständlich klar, dass Athen fortan ihrem Willen zu folgen habe. Als Zeichen dieser Demütigung ließen sie am Jahrestag des Sieges von Salamis
unter festlicher Musik die Langen Mauern niederreißen.
Damit fand der Peloponnesische Krieg sein Ende – jener lange Konflikt, der bereits zu Lebzeiten des Perikles begonnen hatte. Von nun an gründete sich Athens Bedeutung vor allem auf seine
kulturellen Leistungen, auf Literatur und Kunst.
Auf Anordnung Spartas wurden die Gesetze Solons außer Kraft gesetzt, und dreißig Männer übernahmen die Herrschaft über die Stadt. Doch diese Regierung erwies sich als hart und grausam. Schon bald
waren sie unter dem Namen „die Dreißig Tyrannen“ bekannt – und ebenso gefürchtet wie verhasst.
Das Leid unter ihrer Herrschaft wurde für die Athener so groß, dass sie sich schließlich nach der Rückkehr Alkibiades’ sehnten. Trotz all seiner Fehler erinnerte man sich an seine Großzügigkeit
und hoffte auf seine Hilfe.
Als die Tyrannen und ihre spartanischen Verbündeten von dieser Stimmung erfuhren, fürchteten sie eine Rückkehr des einstigen Volkslieblings. Um dies zu verhindern, bestachen sie den persischen
Statthalter, Alkibiades töten zu lassen.
Eines Nachts drang eine Gruppe von Mördern in sein Haus ein und setzte es in Brand. Alkibiades wurde aus dem Schlaf gerissen und versuchte, gemeinsam mit seinem Gefolge zu fliehen. Doch kaum
hatte er den Ausgang erreicht, sah er sich von Feinden umzingelt.
Geistesgegenwärtig wickelte er seinen Mantel um den linken Arm, um ihn als Schutzschild zu nutzen, und stürzte sich mit gezogenem Schwert auf seine Angreifer. Zunächst wichen diese erschrocken
zurück. Doch aus sicherer Entfernung bewarfen sie ihn mit Speeren und Steinen, bis er schließlich tödlich getroffen zusammenbrach.
Sein Leichnam blieb zunächst unbeachtet liegen, bis ihn seine Frau fand, die ihn trotz allem innig liebte. Sorgsam hüllte sie ihn in ihren Mantel und ließ ihn unweit des Ortes bestatten.
So endete das Leben des einst gefeierten Alkibiades: Mit nur vierzig Jahren starb er fern seiner Heimat – fern von jenem Volk, das ihn einst bewundert hatte und das er schließlich durch seinen
Ehrgeiz und seine Eitelkeit ins Unglück gestürzt hatte.
