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Der Tyrann von Syrakus

Ihr habt bereits gesehen, welch grausamer Mensch Alexander war. Doch er war keineswegs der einzige Tyrann jener Zeit. Auch Syrakus auf Sizilien – jene Stadt, die Alkibiades einst zu erobern hoffte – wurde von einem Herrscher regiert, der Alexander an Härte und Gemeinheit in nichts nachstand.

Dieser Tyrann, Dionysios, hatte die Macht mit Gewalt an sich gerissen und hielt sie durch unerbittliche Strenge fest. Ständig war er von Wachen umgeben, die bereitstanden, auf sein bloßes Zeichen hin jeden zu töten.

So wurde Dionysios von seinem Volk gefürchtet und gehasst. Man wäre ihn nur zu gern losgeworden, doch niemand wagte es, sich einem so blutrünstigen Herrscher zu nähern. Bald fanden sich an seinem Hof nur noch skrupellose Männer ein.

Diese Höflinge hofften auf seine Gunst und auf reiche Geschenke. Sie schmeichelten ihm unaufhörlich, sagten ihm nie die Wahrheit und taten so, als bewunderten sie jedes seiner Worte und Taten.

Natürlich bewunderten sie ihn nicht im Geringsten. Sie verachteten ihn heimlich, und ihr Lob war ebenso falsch wie ihre Ratschläge schlecht.

Dionysios war jedoch nicht nur grausam, sondern auch eitel. Er hielt sich für zu allem fähig – sogar für einen großen Dichter. Wann immer er ein Gedicht verfasst hatte, las er es seinen Höflingen vor, die sich begeistert stellten, während sie sich hinter seinem Rücken darüber lustig machten.

Ihr Lob schmeichelte ihm, doch er sehnte sich nach der Bestätigung eines Mannes, dessen Urteil wirklich Gewicht hatte: des Philosophen Philoxenos, des gelehrtesten Mannes von Syrakus.

Er ließ Philoxenos zu sich rufen und bat ihn um eine ehrliche Meinung. Philoxenos war jedoch viel zu aufrecht, um zu lügen. Wann immer Dionysios ihn um Rat fragte, sagte er offen die Wahrheit – ob sie dem Tyrannen gefiel oder nicht.

So erklärte er auch diesmal ohne Zögern, die Verse seien wertlos und verdienten den Namen Dichtung nicht.

Diese Antwort verletzte Dionysios’ Eitelkeit so tief, dass er in Wut ausbrach. Er rief seine Wachen und befahl, den Philosophen in ein aus dem Fels gehauenes Gefängnis zu werfen, das man „die Steinbrüche“ nannte.

Dort blieb Philoxenos viele Tage eingesperrt – einzig, weil er dem Tyrannen auf dessen ausdrückliche Bitte hin die Wahrheit gesagt hatte.

Als seine Freunde von der ungerechten Haft erfuhren, waren sie empört. Sie verfassten eine Petition und baten Dionysios um die Freilassung des Philosophen. Der Tyrann las die Bitte und erklärte sich bereit, unter einer Bedingung: Philoxenos müsse mit ihm zu Abend essen.

Der Tisch des Tyrannen war wie immer reich gedeckt. Beim Dessert begann Dionysios erneut, einige seiner neuen Verse vorzulesen. Die Höflinge gerieten in gespielte Begeisterung – nur Philoxenos schwieg.

Dionysios glaubte, die lange Gefangenschaft habe seinen Mut gebrochen und er würde es nun nicht wagen, die Wahrheit zu verweigern. Also fragte er eindringlich nach seiner Meinung.

Philoxenos antwortete nicht. Stattdessen wandte er sich ruhig an die Wachen und sagte mit fester Stimme: „Bringt mich zurück in die Steinbrüche.“ Damit machte er unmissverständlich klar, dass er lieber erneut litt, als eine Lüge auszusprechen.

Die Höflinge erstarrten vor Schreck. Sie rechneten damit, dass Dionysios ihn sofort bestrafen würde – vielleicht noch härter als zuvor. Doch der Tyrann war von diesem moralischen Mut so beeindruckt, dass er Philoxenos freigab und ihm befahl, in Frieden nach Hause zu gehen.