Böotien war nun von der Sphinx befreit. Als die Thebaner die Nachricht von ihrem Tod erfuhren, empfingen sie Ödipus mit großer Freude. Als Dank für seinen Mut übertrugen sie ihm nicht nur den
Thron, sondern gaben ihm auch die Hand der verwitweten Königin Iokaste. Ohne es zu wissen, erfüllte Ödipus damit den zweiten Teil der Prophezeiung – er heiratete seine eigene Mutter.
Mehrere Jahre vergingen, in denen Ödipus Theben mit so viel Weisheit regierte, dass das Volk ihn innig liebte und in allen Schwierigkeiten seinen Rat suchte. Doch die glückliche Zeit endete. Eine
schwere Seuche brach aus, und viele Einwohner starben. Alle möglichen Heilmittel wurden ausprobiert, alle Götter um Hilfe angerufen – vergeblich.
Verzweifelt sandte Ödipus einen Boten nach Delphi, um das Orakel zu befragen, wie die Pest beendet werden könne. Dieses Mal erhielt er eine klare Antwort: Die Seuche würde erst weichen, wenn der
Mörder des Königs Laios gefunden und bestraft sei.
Zum ersten Mal wurden Nachforschungen angestellt. Dabei stellte sich heraus, dass Ödipus selbst den König getötet hatte. Gleichzeitig gestand der Diener, das königliche Kind damals nicht getötet
zu haben. Und der Hirte berichtete, wie er das ausgesetzte Kind gefunden und nach Korinth gebracht hatte, wo es vom König adoptiert worden war.
Als Ödipus all dies hörte, stürzte er in tiefe Verzweiflung. Nun wusste er nicht nur, dass er seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet hatte – er erkannte auch, dass die Pest seinetwegen
über Theben gekommen war.
Von Entsetzen und Trauer überwältigt, nahm sich Königin Iokaste das Leben. Als Ödipus von ihrem Tod erfuhr, eilte er in ihr Gemach, löste eine der Schnallen ihres Gewandes und stach sich damit
die Augen aus. Er erklärte, dass diese Augen, die so viel Leid gesehen hatten, nie wieder das Licht des Tages erblicken sollten.
Um Theben von seinem verfluchten Einfluss zu befreien und die Stadt, wenn möglich, vor weiterem Unheil zu bewahren, verließ Ödipus das Land. Alt, blind und arm wanderte er fort – keinen seiner
Reichtümer wollte er mitnehmen.
Traurig ging er davon und überließ das Königreich seinen beiden Söhnen Eteokles und Polynikes. Er trug ihnen auf, gut für ihre Schwestern Antigone und Ismene zu sorgen.
Ismene weinte bitterlich, als sie sich von ihrem Vater verabschiedete. Antigone jedoch legte ihm die Hand auf die Schulter, versprach ihm unerschütterliche Treue und verließ mit ihm die Stadt,
ihn liebevoll stützend.
Vater und Tochter irrten von Ort zu Ort, ohne irgendwo Ruhe zu finden. Die Menschen scheuten sich, Ödipus auch nur anzusehen, denn man glaubte, er sei von den Göttern verflucht, weil er so
schreckliche Taten begangen hatte.
Nach vielen Tagen des Wanderns erreichten die Verbannten schließlich den Rand eines dunklen Waldes, der den Furien heilig war – jenen Göttinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Verbrecher
zu verfolgen und sie im Leben wie im Tod zu quälen.
Als Antigone ihrem blinden Vater beschrieb, wo sie angekommen waren, befahl er ihr, am Wegesrand zu warten. Er selbst tastete sich in den Wald hinein. Kaum war er verschwunden, zog ein gewaltiges
Gewitter auf. Die Luft verdunkelte sich, Blitze zuckten, Donner rollte, die Bäume bogen sich im Sturm. Antigone rief immer wieder nach ihrem Vater, doch keine Antwort kam zurück.
Als der Morgen graute, suchte sie nach ihm, fand jedoch keine Spur. Die Menschen der Umgebung erzählten ihr, die Furien hätten ihren Vater fortgetragen, um ihn für seine Verbrechen zu bestrafen.
Traurig kehrte Antigone nach Theben zurück.
Dort eilte sie sofort zum Palast, um ihren Brüdern und ihrer Schwester vom Tod des Vaters zu berichten. Doch als sie ihr einst so glückliches Zuhause betrat, erfuhr sie, dass es Schlimmeres als
den Tod gibt: Ihre Brüder waren keine Verbündeten mehr – sie hatten einen erbitterten Streit begonnen.
