Wie Sie wissen, gründeten die Griechen entlang der Küsten Kleinasiens und auf zahlreichen Inseln Kolonien. Ihre Seefahrer wagten sich zudem bis nach Italien und Sizilien vor, wo sie eine Reihe
bedeutender Städte errichteten.
Im Laufe der Zeit wuchsen diese Siedlungen an Reichtum und Einfluss. Mit der steigenden Zahl griechischer Bewohner dehnten sie ihren Besitz immer weiter aus. Besonders in Sizilien und Süditalien,
wo der Boden außerordentlich fruchtbar war, gelangten viele dieser Städte zu großem Wohlstand. Dank ihrer zahlreichen Schiffe betrieben sie regen Handel und wurden weithin für ihren Geschäftssinn
bekannt.
Eine der frühesten griechischen Kolonien in Süditalien war die Stadt Sybaris. Ihr Reichtum war so groß, dass ihre Bewohner mehr Geld besaßen, als sie sinnvoll ausgeben konnten. Sie verwendeten
beträchtliche Summen darauf, ihre Häuser zu verschönern und ihr Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.
Schon bald wurde Sybaris sprichwörtlich für Luxus und Bequemlichkeit. Die Einwohner führten ein Leben im Überfluss, das im ganzen griechischen Raum bekannt war. Eine oft erzählte Anekdote
berichtet von einem Bewohner, der seinen Dienern befahl, ihm ein Lager aus frischen Rosenblättern zu bereiten.
Als er sich darauf niederlegte und einschlief, erwachte er kurze Zeit später voller Unmut: Ein zerknittertes Rosenblatt, so klagte er, habe seinen Schlaf gestört und seine empfindliche Haut
gereizt.
Seitdem wird die Redewendung vom „zerknitterten Rosenblatt“ verwendet, wenn jemand über eine unbedeutende Kleinigkeit klagt. Und wer sich allzu sehr dem Luxus hingibt und übermäßig auf sein
körperliches Wohl bedacht ist, wird bis heute als Sybarit bezeichnet.
Doch der Wohlstand dieser Stadt war nicht von Dauer. Schließlich geriet Sybaris in Konflikt mit der benachbarten Kolonie Kroton. Es kam zum Krieg – und die an Bequemlichkeit gewöhnten Sybariten
unterlagen. Ihre Stadt wurde zerstört.
In der Folge gewannen andere Kolonien an Bedeutung: Kroton und Tarent auf dem italienischen Festland sowie Messina und Syrakus auf Sizilien entwickelten sich zu den führenden Zentren griechischer
Macht im Westen. Ihr Reichtum blieb auch in Athen nicht unbemerkt.
Alkibiades erkannte die Chancen, die darin lagen, und drängte die Athener, eine Flotte auszurüsten, um diese Gebiete zu erobern und ihrem Einfluss zu unterstellen. Nikias jedoch und seine
Anhänger warnten vor diesem ehrgeizigen Vorhaben. Dennoch setzte sich Alkibiades mit seiner Überzeugungskraft durch.
Schließlich wurde eine große Flotte zusammengestellt. Gemeinsam mit Nikias und Lamachos wurde Alkibiades zum Befehlshaber der Expedition ernannt. Alles war bereit zur Abfahrt aus dem Hafen von
Piräus – doch kurz zuvor ereignete sich ein Vorfall, der die Stadt erschütterte.
Über Nacht waren sämtliche Standbilder des Gottes Hermes, die in Athen als Grenzmarkierungen und Wegweiser dienten, mutwillig beschädigt worden. Die Empörung war groß. Die Bürger versammelten
sich auf dem Marktplatz, um über dieses Sakrileg zu beraten, denn die Statuen galten als heilig.
In dieser aufgeheizten Stimmung nutzten die zahlreichen Gegner des Alkibiades die Gelegenheit. Sie beschuldigten ihn, die Tat im Anschluss an das Abschiedsfest begangen zu haben, das er vor
seiner Abreise gegeben hatte.
Alkibiades wies die Anschuldigungen entschieden zurück und verlangte, dass man ihn unverzüglich vor Gericht stelle, damit er seine Unschuld beweisen könne, bevor die Flotte auslaufe. Doch seinem
Wunsch wurde nicht entsprochen: Der Prozess wurde vertagt – und so musste er unter dem Schatten dieses Vorwurfs in See stechen.
