· 

Sokrates’ Lieblingsschüler

Wie ihr bereits wisst, war Sokrates ein Lehrer – allerdings nicht im Sinne einer festen Schule mit Schreibtischen, Büchern oder Tafeln. Seine „Unterrichtsräume“ waren die Werkstatt, schattige Säulengänge oder die Gärten der Akademie. Dort versammelten sich seine Schüler um ihn, um seinen Gedanken zu lauschen.

Während er an einem Stein arbeitete oder langsam auf und ab ging, sprach er ruhig und mit großer Klarheit. Seine Worte waren so einprägsam, dass selbst die reichsten und vornehmsten jungen Männer Athens stolz darauf waren, sich seine Schüler zu nennen. Sokrates verkehrte zudem im Haus der berühmten Aspasia und zählte Persönlichkeiten wie Perikles, Phidias und Anaxagoras zu seinen Freunden. Zu seinen bekanntesten Schülern gehörten Platon, Xenophon und Alkibiades.

Platon und Xenophon zeichneten sich schon früh durch Besonnenheit und Selbstbeherrschung aus. Ganz anders hingegen Alkibiades: Er war ein Liebling der Gesellschaft, auffallend schön, klug und voller Energie. Früh verwaist, stand er unter der Vormundschaft des Perikles und erbte ein großes Vermögen. Bewundert und verwöhnt, entwickelte er jedoch auch eine ausgeprägte Eitelkeit und einen starken Eigensinn.

Bereits als Kind zeigte sich sein ungestümer Charakter. Ohne Eltern, die ihn lenkten, brachte ihn sein Trotz immer wieder in gefährliche Situationen. Eine bekannte Geschichte erzählt, wie er eines Tages mit anderen Kindern auf der Straße spielte, als ein Wagen heranrollte. Während die anderen Kinder zur Seite sprangen, blieb Alkibiades stehen. Als der Fahrer nicht anhielt, legte er sich kurzerhand quer über die Straße – direkt vor seine Spielsachen – und zwang den Mann so zum Anhalten.

Das war natürlich höchst unvernünftig. Eine strenge Strafe hätte ihm vielleicht gutgetan. Doch statt ihn zurechtzuweisen, war der Kutscher so beeindruckt von seinem Mut, dass er umkehrte und einen anderen Weg nahm.

Als Alkibiades älter wurde, suchte er die Nähe Sokrates’, um von ihm zu lernen. In dessen Gegenwart legte er seine Eitelkeit ab, sprach überlegt und zeigte sich von seiner besten Seite – gebildet, aufmerksam und offen. Diese Entwicklung beeindruckte Sokrates so sehr, dass er den jungen Mann bald ins Herz schloss.

Oft gingen die beiden gemeinsam durch die Straßen Athens. Es muss ein bemerkenswerter Anblick gewesen sein: der einfache, vom Leben gezeichnete Philosoph neben dem stattlichen, aristokratischen Jüngling, der aufmerksam jedes Wort seines Lehrers aufnahm.

Doch Alkibiades verbrachte nicht seine ganze Zeit mit Sokrates. Sobald er dessen Nähe verließ, suchte er die Gesellschaft Gleichaltriger, die ihn bewunderten und ihm nach dem Mund redeten. Seine Schönheit, sein Reichtum und seine Großzügigkeit machten ihn zum Mittelpunkt jeder Runde. Doch gerade diese ständige Schmeichelei schadete ihm.

Um die Erwartungen seiner Bewunderer zu erfüllen, ließ er sich immer häufiger zu übertriebenem Verhalten hinreißen. Er veranstaltete kostspielige Feste, rühmte sich seiner Leistungen und legte großen Wert auf äußeren Glanz. So zog er sogar in seiner ersten Schlacht in einer prunkvollen, mit Gold verzierten Rüstung in den Kampf.

Sein Schild war reich geschmückt und zeigte eine Darstellung von Eros, der die Blitze des Zeus schleuderte. Statt ihn auf die Unangemessenheit dieses Prunks hinzuweisen, bestärkten ihn seine Gefährten noch in seiner Selbstdarstellung und verglichen ihn gar mit einem Gott.

Mitten im Gefecht stürzte sich Alkibiades furchtlos in die Reihen der Feinde. Doch seine auffällige Rüstung bot weniger Schutz als eine schlichtere Ausrüstung. Bald war er umzingelt und schwebte in höchster Lebensgefahr. Seine angeblichen Freunde hatten ihn längst im Stich gelassen.

In diesem entscheidenden Moment trat Sokrates hervor. Ohne zu zögern, drang er in das Kampfgetümmel ein, packte den Verwundeten und trug ihn aus der Gefahrenzone. Anschließend versorgte er ihn mit großer Sorgfalt.

Alkibiades war tief bewegt von dieser Tat. Dankbar und beeindruckt bezeichnete er Sokrates von da an stolz als seinen Freund. Doch trotz aller Ratschläge des Philosophen kehrte er immer wieder in jene Gesellschaft zurück, die ihm schadete – und gerade weil er freundlich und großzügig war, wuchs seine Beliebtheit dort von Tag zu Tag.