Während der Achäische Bund alles daransetzte, Griechenland zu neuer Stärke zu führen, blieb Sparta untätig. Die Spartaner hatten sich seit den Tagen des Lykurg stark verändert: Sie befolgten
seine strengen Gesetze nicht mehr und waren – statt tapfer und genügsam – gierig, träge und lasterhaft geworden.
Einer ihrer Könige hieß Leonidas, doch er ähnelte seinem berühmten Namensvetter, dem Helden der Thermopylen, in keiner Weise. Er heiratete eine Frau aus dem Osten, lebte in prunkvoller
Bequemlichkeit und führte ein Leben wie ein orientalischer Fürst.
Sein Mitkönig hingegen war so geizig, dass er ungeheure Schätze anhäufte. Als er starb, besaßen seine Frau und seine Mutter angeblich mehr Gold als die gesamte Stadt. Ihm folgte sein Sohn Agis,
dessen einziges Ziel es war, Sparta zu seiner alten Größe zurückzuführen.
Agis lebte wie die Spartaner der klassischen Zeit: tugendhaft, tapfer und äußerst sparsam. Doch als er die Zahl der echten Spartiaten ermittelte, stellte er fest, dass nur noch etwa siebenhundert
übrig waren. Der erste Schritt zur Erneuerung musste daher die Wiederherstellung der Gleichheit sein – eine gerechte Neuverteilung von Land und Vermögen.
Agis begann damit, seine eigene Mutter und Großmutter zu überzeugen, ihren Reichtum aufzugeben. Leonidas jedoch verabscheute diesen Plan und stellte sich offen dagegen, obwohl sein Schwiegersohn
Kleombrotos Agis unterstützte.
Das Volk hingegen sehnte sich nach der alten Gleichheit und war so empört über Leonidas’ Widerstand, dass es sich gegen ihn erhob. Man schlug vor, ein altes Gesetz wieder anzuwenden, das einem
König die Herrschaft verbot, wenn er eine Ausländerin geheiratet hatte.
Leonidas floh in den Tempel der Athene. Als die Ephoren ihn vor Gericht laden wollten, weigerte er sich aus Angst um sein Leben. Diese Weigerung galt als Verbrechen, und so erklärten die Ephoren
ihn für abgesetzt und setzten Kleombrotos als neuen König ein.
Leonidas, der sein Leben im Luxus verbracht hatte, war nun völlig verlassen – außer von seiner Tochter Chilonis. Sie gab ihren Mann und den Thron auf, um ihren unglücklichen Vater zu trösten. Sie
blieb bei ihm im Tempel, pflegte ihn und wich nicht von seiner Seite. Als ihr Mann sie zurückrief, antwortete sie, ihr Platz sei bei ihrem leidenden Vater, nicht bei einem wohlhabenden
Gemahl.
Als bekannt wurde, dass die Spartaner planten, Leonidas zu töten, half Agis ihm zur Flucht. Chilonis folgte ihrem Vater ins Exil.
Der Aitolische Bund, damals sehr mächtig, entsandte nun ein Heer über die Landenge, um Sparta anzugreifen. Agis führte die Spartaner in die Schlacht und erwies sich als so geschickter Feldherr,
dass er einen großen Sieg errang und die Aitoler von der Halbinsel vertrieb.
Während Agis abwesend war, weigerten sich viele der reichsten Spartaner weiterhin, ihren Besitz abzugeben. Als Kleombrotos sie zum Gehorsam aufforderte, rebellierten sie und riefen Leonidas
zurück.
Kleombrotos blieb nur die Flucht in denselben Tempel, in dem einst sein Schwiegervater Schutz gesucht hatte. Dort traf er Chilonis wieder, die – ihrer Natur treu – nun den Unglücklichsten
beistand: ihrem Ehemann.
Leonidas war so erzürnt, dass er Kleombrotos wohl hart bestraft hätte, wäre Chilonis nicht vor ihm niedergefallen und hätte ihn inständig um Gnade gebeten. Ihre Tränen rührten ihn, und er
verschonte Kleombrotos – unter der Bedingung, dass dieser ins Exil gehe.
Trotz der Bitten ihres Vaters, bei ihm zu bleiben, bestand Chilonis darauf, ihren Mann zu begleiten. Sie nahm eines ihrer beiden Kinder an sich, gab Kleombrotos das andere und verließ die Stadt –
stolz und entschlossen, an der Seite ihres Mannes zu leben.
