Im Frühjahr 1974 arbeiteten einige Bauern in der Nähe der chinesischen Stadt Xi’an in der Provinz Shaanxi an einem Brunnen. Die Gegend war trocken, Wasser wurde dringend benötigt. Während der
Grabungsarbeiten stießen sie auf merkwürdige Tonscherben, die zunächst wenig Aufmerksamkeit erregten. Erst als weitere Fragmente auftauchten und schließlich Teile menschlicher Figuren sichtbar
wurden, wurde klar, dass hier etwas Außergewöhnliches verborgen lag. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Fund erschien, entwickelte sich zu einer der größten archäologischen Sensationen des 20.
Jahrhunderts.
Unter der Erde lag eine Armee, die mehr als 2200 Jahre lang verborgen gewesen war. Tausende lebensgroße Soldaten aus Ton standen in militärischer Formation, begleitet von Pferden, Streitwagen und
Offizieren. Die Figuren waren Teil eines gewaltigen Grabkomplexes, der für den ersten Kaiser Chinas geschaffen worden war. Heute gehört die Terrakotta-Armee zu den berühmtesten archäologischen
Funden der Welt und zieht jährlich Millionen Besucher an.
Doch die eigentliche Geschichte beginnt nicht im Jahr 1974, sondern mehr als zwei Jahrtausende früher, in einer Zeit, als China noch aus rivalisierenden Königreichen bestand und ein junger
Herrscher den Traum verfolgte, die gesamte bekannte Welt unter seiner Kontrolle zu vereinen.
Der Auftraggeber der Terrakotta-Armee war der erste Kaiser Chinas, Qin Shi Huang. Geboren wurde er 259 v. Chr. unter
dem Namen Ying Zheng. Als er im Alter von dreizehn Jahren den Thron des Staates Qin bestieg, befand sich China in der sogenannten Zeit der Streitenden Reiche. Mehrere mächtige Staaten kämpften um
die Vorherrschaft, und Kriege gehörten zum Alltag.
Innerhalb weniger Jahrzehnte gelang Ying Zheng etwas, das Generationen vor ihm nicht geschafft hatten. Zwischen 230 und 221 v. Chr. eroberte er nacheinander die rivalisierenden Reiche Han, Zhao,
Wei, Chu, Yan und Qi. Nach dem Sieg über den letzten Gegner erklärte er sich zum ersten Kaiser eines geeinten China und nahm den Titel Qin Shi Huang an.
Mit der Einigung des Landes begann eine umfassende Umgestaltung des Reiches. Schriftzeichen, Münzen, Maße und Gewichte wurden vereinheitlicht. Straßen und Kanäle entstanden, Grenzbefestigungen
wurden ausgebaut, und die Macht des Adels wurde zugunsten einer zentralen Verwaltung eingeschränkt.
Doch während Qin Shi Huang sein Reich formte, beschäftigte ihn ein Problem, das selbst die mächtigsten Herrscher der Geschichte nicht lösen konnten: die Sterblichkeit.
Die chinesische Kultur der damaligen Zeit war von der Vorstellung geprägt, dass das Leben nach dem Tod weiterging. Die Toten benötigten auch im Jenseits Nahrung, Schutz und Begleitung. Schon
Jahrhunderte vor Qin Shi Huang wurden bedeutende Persönlichkeiten mit wertvollen Grabbeigaben bestattet. In früheren Epochen kamen dabei sogar Menschenopfer vor. Diener, Soldaten oder Angehörige
wurden manchmal gemeinsam mit Herrschern begraben, damit sie ihnen im Jenseits dienen konnten.
Bis zur Zeit der Qin-Dynastie hatte sich diese Praxis jedoch weitgehend verändert. Statt echter Menschen wurden zunehmend Figuren und Modelle verwendet. Qin Shi Huang griff diese Tradition auf,
dachte jedoch in Dimensionen, die alles bisher Dagewesene übertrafen.
Nach Berichten des Historikers Sima Qian begann der Bau des Mausoleums bereits kurz nach seiner Thronbesteigung im Jahr 246 v. Chr. Damals war der spätere Kaiser erst dreizehn Jahre alt. Das Grab
sollte nicht nur seine letzte Ruhestätte werden, sondern ein vollständiges Abbild seines Reiches.
Die Bauarbeiten erstreckten sich über fast vier Jahrzehnte. Antike Quellen sprechen von bis zu 700.000 Arbeitern. Moderne Historiker gehen davon aus, dass diese Zahl wahrscheinlich übertrieben
ist, doch selbst vorsichtige Schätzungen gehen von mehreren Zehntausend bis Hunderttausenden Beteiligten aus.
Die Baustelle entwickelte sich zu einem der größten Bauprojekte der antiken Welt. Handwerker, Steinmetze, Holzarbeiter, Metallverarbeiter, Künstler und Verwaltungsbeamte arbeiteten gleichzeitig
an unterschiedlichen Teilen der Anlage. Das eigentliche Mausoleum entstand nahe dem heutigen Xi’an, damals im Herzen des Qin-Reiches.
Der Grabhügel selbst erhebt sich noch heute über die Landschaft. Seine ursprüngliche Höhe wird auf etwa 115 Meter geschätzt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er durch Erosion deutlich niedriger,
doch noch immer wirkt er beeindruckend.
Die Terrakotta-Armee war nur ein Teil eines wesentlich größeren Komplexes. Archäologische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich rund um das zentrale Grab zahlreiche Nebengebäude, Werkstätten,
Verwaltungsbereiche und weitere Grabanlagen befanden. Das gesamte Areal umfasste mehrere Quadratkilometer und war im Grunde eine unterirdische Stadt.
Die Idee hinter der Terrakotta-Armee war ebenso einfach wie gewaltig. Der Kaiser wollte im Jenseits über dieselbe militärische Macht verfügen wie zu Lebzeiten. Da Qin Shi Huang sein Reich durch
Kriege geschaffen hatte, erschien ihm eine schlagkräftige Armee auch nach dem Tod unverzichtbar.
Anders als frühere Herrscher ließ er jedoch keine echten Soldaten opfern. Stattdessen ordnete er die Herstellung von Tausenden lebensgroßen Tonfiguren an. Diese sollten seine Streitkräfte
symbolisieren und ihn in der Welt der Geister beschützen.
Die Herstellung einer einzelnen Figur war bereits eine beachtliche handwerkliche Leistung. Die Produktion von Tausenden Figuren erforderte jedoch ein ausgeklügeltes System.
Archäologische Untersuchungen zeigen, dass die Handwerker verschiedene standardisierte Verfahren nutzten. Die Körper wurden aus mehreren vorgefertigten Teilen zusammengesetzt. Beine, Arme,
Oberkörper und Köpfe entstanden zunächst separat. Anschließend wurden sie miteinander verbunden und mit zusätzlichen Details versehen.
Dieses Verfahren ähnelte einer frühen Form industrieller Serienproduktion. Dennoch entstand keine Armee aus identischen Figuren. Nachdem die Grundformen hergestellt waren, bearbeiteten Künstler
jede Figur individuell. Gesichter, Frisuren, Bärte und Gesichtsausdrücke wurden von Hand modelliert.
Dadurch besitzt jeder Soldat ein eigenes Erscheinungsbild. Manche Figuren wirken jung, andere alt. Einige tragen Schnurrbärte, andere Vollbärte. Die Gesichtszüge variieren so stark, dass lange
Zeit angenommen wurde, jede Figur stelle eine reale Person dar.
Heute vermuten Forscher eher, dass die Handwerker auf einen Vorrat unterschiedlicher Gesichtstypen zurückgriffen und diese individuell kombinierten. Dennoch entstand dadurch eine erstaunliche
Vielfalt.
Die Größe der Figuren entsprach ungefähr der tatsächlichen Körpergröße damaliger Soldaten. Die meisten Krieger sind zwischen 1,75 und 1,95 Meter hoch. Offiziere wurden oft etwas größer
dargestellt, um ihren Rang zu betonen.
Besonders bemerkenswert ist die Genauigkeit der militärischen Details. Uniformen, Rüstungen, Waffen und Frisuren entsprechen den Standards der Qin-Armee. Für Historiker sind die Figuren deshalb
eine wichtige Quelle zur Erforschung des chinesischen Militärwesens des 3. Jahrhunderts v. Chr.
Die Armee bestand nicht nur aus einfachen Soldaten. Archäologen fanden Generäle, Offiziere, Bogenschützen, Armbrustschützen, Infanteristen, Kavalleristen und Wagenlenker. Selbst Pferde wurden in
beeindruckender Detailtreue dargestellt.
Ursprünglich waren die Figuren keineswegs so grau, wie sie heute erscheinen. Nach ihrer Fertigstellung wurden sie mit einer Lackschicht überzogen und anschließend farbig bemalt.
Die Farben waren äußerst lebendig. Rot, Blau, Grün, Schwarz, Braun und Violett verliehen den Soldaten ein realistisches Aussehen. Manche Figuren trugen aufwendig bemalte Gewänder, andere
kunstvoll gestaltete Rüstungen.
Als die Armee 1974 ausgegraben wurde, waren viele Farbreste zunächst noch sichtbar. Doch durch den Kontakt mit Sauerstoff trocknete die Lackschicht innerhalb weniger Stunden aus. Die Farben
platzten ab und verschwanden fast vollständig.
Dieser Verlust gehört zu den größten Herausforderungen der modernen Archäologie. Seit Jahrzehnten arbeiten Wissenschaftler an Methoden, um verbliebene Farbreste zu konservieren und zukünftige
Funde besser zu schützen.
Die Waffen der Terrakotta-Armee waren ursprünglich echte Waffen. Viele Soldaten hielten Bronzespeere, Schwerter, Lanzen oder Armbrüste. Zahlreiche dieser Waffen wurden bei den Ausgrabungen
entdeckt.
Besonders überraschend war ihr Erhaltungszustand. Einige Schwerter wirkten nach mehr als zwei Jahrtausenden noch erstaunlich scharf. Lange Zeit glaubte man, die Qin-Handwerker hätten eine frühe
Form von Chrombeschichtung entwickelt. Neuere Untersuchungen legen jedoch nahe, dass die außergewöhnliche Konservierung eher auf Bodenbedingungen und Materialqualität zurückzuführen ist.
Die eigentliche Aufstellung der Armee folgt klaren militärischen Prinzipien. Die bisher freigelegten Gruben enthalten unterschiedliche Truppentypen.
Die größte Grube misst etwa 230 Meter in der Länge und 62 Meter in der Breite. Hier stehen Tausende Soldaten in dichter Formation. Vorne befinden sich Vorhuten, dahinter folgen die Hauptverbände.
Flankensicherungen schützen die Seiten.
Eine weitere Grube enthält Kavallerieeinheiten und Streitwagen. Eine dritte beherbergt höhere Offiziere und Kommandoeinheiten. Zusammen bilden sie eine vollständige Armee, die bereit scheint,
jeden Moment in den Kampf zu ziehen.
Interessanterweise wurde die Terrakotta-Armee kurz nach dem Tod Qin Shi Huangs beschädigt. Archäologische Hinweise deuten darauf hin, dass viele Figuren bereits in der Antike zerstört wurden.
Wahrscheinlich plünderten Aufständische Teile der Anlage während der Wirren nach dem Zusammenbruch der Qin-Dynastie.
Die hölzernen Dächer über den Gruben stürzten ein und begruben zahlreiche Figuren unter Trümmern. Viele Statuen zerbrachen dabei in Hunderte Einzelteile.
Die moderne Restaurierung gleicht deshalb oft einem gigantischen Puzzle. Archäologen setzen die Figuren aus zahllosen Fragmenten wieder zusammen. Manche Soldaten bestehen aus mehreren Hundert
Einzelteilen, die sorgfältig rekonstruiert werden müssen.
Die Entdeckung der Terrakotta-Armee veränderte das Bild der chinesischen Frühgeschichte grundlegend. Zwar war das Mausoleum Qin Shi Huangs aus antiken Quellen bekannt, doch viele Historiker
hatten die Berichte für übertrieben gehalten.
Die Ausgrabungen zeigten jedoch, dass die alten Chronisten die Größe des Projekts eher unterschätzt als übertrieben hatten. Mit jeder neuen Untersuchung wurde deutlich, dass der gesamte
Grabkomplex weit größer war als ursprünglich angenommen.
Bis heute sind nur Teile der Anlage freigelegt. Das eigentliche Grab des Kaisers wurde noch nicht geöffnet. Die chinesischen Behörden verfolgen bewusst eine vorsichtige Strategie. Moderne
Archäologen befürchten, dass eine vorschnelle Öffnung empfindliche Kunstwerke oder organische Materialien zerstören könnte.
Hinzu kommt, dass Messungen erhöhte Quecksilberwerte rund um den Grabhügel ergaben. Dies passt erstaunlich gut zu den Berichten des Historikers Sima Qian. Er schrieb, im Grab seien Flüsse und
Meere aus Quecksilber nachgebildet worden, um das Reich des Kaisers darzustellen.
Ob diese Beschreibung vollständig zutrifft, weiß bislang niemand. Da das zentrale Grab unangetastet geblieben ist, gehören seine Inhalte zu den größten ungelösten Rätseln der Archäologie.
Die Terrakotta-Armee wurde 1987 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Heute zählt sie zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Chinas.
Für Historiker besitzt sie einen unschätzbaren Wert. Sie liefert einzigartige Einblicke in die Militärorganisation, Kunst, Technologie und Verwaltung des frühen chinesischen Kaiserreiches.
Gleichzeitig vermittelt sie ein Bild von den Vorstellungen, Hoffnungen und Ängsten eines Herrschers, der glaubte, selbst nach seinem Tod noch über ein Reich herrschen zu müssen.
Die Entstehung der Terrakotta-Armee war weit mehr als ein gigantisches Grabprojekt. Sie war Ausdruck eines politischen Programms, einer religiösen Vorstellung und eines persönlichen Traums. Qin
Shi Huang hatte China geeint, Gesetze geschaffen, Straßen gebaut und Mauern errichten lassen. Doch all diese Leistungen konnten ihn nicht vor dem Schicksal bewahren, das jeden Menschen
erwartet.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Faszination der Terrakotta-Armee. Sie zeigt den Versuch eines der mächtigsten Herrscher der Geschichte, den Tod zu überwinden und seine Macht in die
Ewigkeit zu verlängern. Mehr als zwei Jahrtausende später stehen seine Tonkrieger noch immer Wache – stumm, unbeweglich und doch lebendiger als viele andere Zeugnisse der antiken Welt. Ihre
Reihen erinnern bis heute an den Ehrgeiz, die Furcht und die Vision eines Kaisers, der glaubte, sein Reich würde niemals enden.
© Bild und Texte: Carsten Rau.
