
Kaiser Nintoku gehört zu den bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Herrschern der frühen japanischen Geschichte. Sein Name ist untrennbar mit einem der größten Grabbauwerke der
Menschheitsgeschichte verbunden, dem gewaltigen Daisen-Kofun in der heutigen Stadt Sakai bei Osaka. In den traditionellen japanischen Chroniken erscheint er als idealer Herrscher, als
fürsorglicher Vater seines Volkes und als Monarch, der das Wohl seiner Untertanen über seinen eigenen Reichtum stellte. Gleichzeitig stehen Historiker vor der schwierigen Frage, wie viel von den
überlieferten Berichten tatsächlich historisch ist und wie viel auf späteren Legenden beruht.
Die Gestalt Nintokus bewegt sich an der Grenze zwischen Mythos und Geschichte. Anders als Herrscher späterer Jahrhunderte hinterließ er keine zeitgenössischen schriftlichen Aufzeichnungen. Alles,
was über ihn bekannt ist, stammt aus Quellen, die mehrere Jahrhunderte nach seiner angeblichen Regierungszeit niedergeschrieben wurden. Dennoch gilt er als eine der zentralen Figuren der
Kofun-Zeit, jener Epoche zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert n. Chr., in der sich die Grundlagen des japanischen Staates herausbildeten.
Nach der traditionellen Chronologie Japans war Nintoku der 16. Tennō, also der 16. Kaiser Japans. Die wichtigsten Informationen über sein Leben stammen aus zwei Werken des frühen 8. Jahrhunderts:
dem Kojiki und dem Nihon Shoki. Beide Texte wurden auf Anordnung des Kaiserhofes verfasst und sollten die Herkunft sowie die Legitimität der Herrscherdynastie dokumentieren.
Laut diesen Chroniken wurde Nintoku als Sohn von Kaiser Ōjin geboren. Sein persönlicher Name wird gewöhnlich als Ōsazaki no Mikoto angegeben. Die Quellen schildern ihn als außergewöhnlich
intelligenten, gerechten und mitfühlenden Herrscher.
Die traditionelle Datierung seiner Regierungszeit reicht von 313 bis 399 n. Chr. Moderne Historiker betrachten diese Angaben jedoch mit großer Skepsis. Viele der frühen Kaiserlisten enthalten
wahrscheinlich überhöhte Regierungsdauern und künstlich verlängerte Generationenfolgen. Zahlreiche Forscher vermuten daher, dass Nintoku tatsächlich später gelebt haben könnte, möglicherweise im
5. Jahrhundert.
Diese Unsicherheit ist typisch für die frühe japanische Geschichte. Während China bereits seit Jahrhunderten eine entwickelte Schriftkultur besaß, begann die systematische Geschichtsschreibung in
Japan erst deutlich später. Die Autoren des Kojiki und Nihon Shoki mussten daher auf mündliche Überlieferungen, Hoftraditionen und genealogische Listen zurückgreifen.
Trotz dieser Probleme gehen viele Historiker davon aus, dass hinter der Figur Nintokus eine reale historische Persönlichkeit stand. Seine Bedeutung wird insbesondere durch archäologische Funde
gestützt.
Das bekannteste Denkmal, das mit ihm in Verbindung gebracht wird, ist der sogenannte Daisen-Kofun. Traditionell wird dieses gewaltige Grab als Mausoleum Kaiser Nintokus angesehen. Es handelt sich
um den größten bekannten Kofun Japans und um eines der größten Grabmonumente der Erde.
Die Anlage besitzt die charakteristische Schlüssellochform der Kofun-Zeit. Aus der Luft betrachtet besteht sie aus einem kreisförmigen hinteren Abschnitt und einem trapezförmigen Vorderteil. Die
Gesamtlänge beträgt etwa 486 Meter. Damit ist das Grab länger als viele moderne Wolkenkratzer hoch sind.
Die von mehreren Wassergräben umgebene Anlage bedeckt eine Fläche von rund 320.000 Quadratmetern. Vergleicht man die Ausdehnung des gesamten Komplexes, gehört er zu den größten Grabanlagen der
Welt. Selbst berühmte Bauwerke wie die Pyramiden von Gizeh oder das Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers nehmen nicht mehr Raum ein.
Der Bau eines solchen Monuments erforderte gewaltige Ressourcen. Zehntausende Menschen müssen über Jahre hinweg an seiner Errichtung gearbeitet haben. Erde musste bewegt, Gräben angelegt und die
monumentale Form präzise gestaltet werden. Allein diese Tatsache deutet darauf hin, dass die Herrscher der damaligen Yamato-Elite bereits über erhebliche politische Macht verfügten.
Die genaue Untersuchung des Grabes ist allerdings schwierig. Das Areal wird von der kaiserlichen Haushaltsbehörde Japans als kaiserliches Mausoleum verwaltet. Aus Respekt vor der kaiserlichen
Tradition sind umfassende archäologische Ausgrabungen bis heute nur sehr eingeschränkt möglich.
Deshalb bleibt unklar, wer tatsächlich in dem Grab bestattet wurde. Die traditionelle Zuordnung zu Nintoku beruht vor allem auf den Angaben der späteren Chroniken. Dennoch halten viele
Wissenschaftler es für wahrscheinlich, dass die Anlage einem außergewöhnlich mächtigen Herrscher der Yamato-Periode gehörte.
Besonders bekannt ist eine Episode aus den alten Chroniken, die Nintokus Charakter veranschaulichen soll. Der Legende nach bestieg der Kaiser eines Tages einen Hügel und blickte über das Land.
Dabei bemerkte er, dass aus den Häusern nur wenige Rauchfahnen aufstiegen.
In einer Zeit, in der jede Mahlzeit über offenen Feuerstellen zubereitet wurde, galt Rauch als Zeichen wirtschaftlicher Aktivität. Nintoku schloss daraus, dass seine Untertanen in Armut
lebten.
Daraufhin soll er für mehrere Jahre sämtliche Steuern und Frondienste aufgehoben haben. Während dieser Zeit verzichtete der Hof angeblich auf zahlreiche Bauprojekte und luxuriöse Ausgaben. Erst
nachdem wieder Rauch aus den Häusern aufstieg und sich die Lebensverhältnisse verbessert hatten, wurden die Abgaben erneut eingeführt.
Historiker betrachten diese Geschichte nicht als wörtlichen Tatsachenbericht. Vielmehr handelt es sich wahrscheinlich um eine moralische Erzählung, die das Idealbild eines gerechten Herrschers
vermitteln sollte. Dennoch ist die Geschichte bemerkenswert, weil sie zeigt, welche Eigenschaften spätere Generationen mit guter Herrschaft verbanden.
Im Zentrum steht nicht militärischer Ruhm oder territoriale Expansion, sondern Fürsorge für die Bevölkerung. Dieses Motiv wurde später zu einem wichtigen Bestandteil der politischen Ideologie des
japanischen Kaiserhauses.
Die Kofun-Zeit war eine Phase tiefgreifender Veränderungen. Während Nintokus vermuteter Lebenszeit entwickelte sich das Yamato-Herrschaftszentrum zu einer dominierenden Macht auf den japanischen
Hauptinseln. Regionale Fürsten wurden zunehmend in ein größeres politisches Netzwerk eingebunden.
Archäologische Funde zeigen, dass sich Handelskontakte zur Koreanischen Halbinsel intensivierten. Über Korea gelangten neue Technologien nach Japan, darunter verbesserte Eisenverarbeitung,
Reitausrüstung und fortschrittliche Handwerkstechniken.
Besonders wichtig war die Einführung des Pferdes. Berittene Krieger gewannen zunehmend an Bedeutung und veränderten die militärischen Verhältnisse. Viele Eliten der Kofun-Zeit ließen sich mit
Pferdeausrüstung bestatten, was auf den hohen Status dieser Neuerung hinweist.
Auch die Beziehungen zu China wurden enger. Chinesische Spiegel, Schmuckstücke und Luxusgüter fanden ihren Weg nach Japan. Gleichzeitig orientierten sich die politischen Eliten zunehmend an den
hoch entwickelten Staatsmodellen des Festlandes.
Die Gesellschaft der Kofun-Zeit war stark hierarchisch organisiert. An der Spitze standen mächtige Herrscherfamilien, darunter die Vorfahren des späteren Kaiserhauses. Darunter existierten
verschiedene Gruppen von Kriegern, Handwerkern, Bauern und spezialisierten Dienstleuten.
Die monumentalen Gräber spiegeln diese soziale Ordnung wider. Je höher der Rang einer Person war, desto größer und aufwendiger fiel in der Regel die Bestattung aus. Die größten Kofun dienten
offenbar der Demonstration politischer Macht weit über den Tod hinaus.
Nintoku nimmt innerhalb dieser Entwicklung eine besondere Stellung ein. In der späteren Tradition wurde er zu einem Symbol für die Blüte der frühen Yamato-Herrschaft. Seine Regierungszeit galt
als Periode von Wohlstand, Stabilität und gerechter Verwaltung.
Historiker weisen jedoch darauf hin, dass viele dieser Vorstellungen erst Jahrhunderte später formuliert wurden. Die Autoren des Nihon Shoki schrieben im frühen 8. Jahrhundert unter der
Herrschaft eines bereits stark zentralisierten Staates. Sie hatten ein Interesse daran, die Vergangenheit als kontinuierliche Geschichte legitimer Kaiserherrschaft darzustellen.
Deshalb verbinden sich in der Figur Nintokus historische Realität und politische Erinnerung auf besondere Weise. Er ist zugleich ein möglicher Herrscher der Kofun-Zeit und ein literarisches
Idealbild des guten Monarchen.
Moderne Forschungen konzentrieren sich daher nicht nur auf die Frage, was Nintoku tatsächlich getan hat, sondern auch darauf, warum spätere Generationen ihn in dieser Form darstellten. Die
Legenden über seine Gerechtigkeit verraten oft ebenso viel über die Werte des 8. Jahrhunderts wie über die Verhältnisse des 5. Jahrhunderts.
Trotz aller Unsicherheiten bleibt Kaiser Nintoku eine Schlüsselfigur der japanischen Frühgeschichte. Sein Name ist mit der Entstehung des Yamato-Staates, den monumentalen Kofun-Gräbern und den
Anfängen der kaiserlichen Tradition verbunden. Das riesige Grab, das ihm zugeschrieben wird, dominiert noch heute die Landschaft der Kansai-Region und erinnert an eine Epoche, in der die
politische Macht Japans erstmals sichtbar Gestalt annahm. Zwischen archäologischen Monumenten, historischen Rätseln und jahrhundertealten Legenden steht Nintoku bis heute als Symbol für die
geheimnisvollen Ursprünge des japanischen Kaiserreiches.
© Bild und Texte: Carsten Rau.
