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Die Feldzeichen

Funde

Wir betrachten die Feldzeichen und Fahnenlanzen unserer Zeit an dieser Stelle, weil sie wegen des Schaftes in nahem Zusammenhang mit den Lanzen stehen. Ein buntes Tuch an eine Lanze befestigt – und die frühmittelalterliche Fahne ist fertig.

 

Feldzeichen und Fahnen aus der Karolingerzeit und überhaupt aus dem früheren Mittelalter sind uns leider keine erhalten. Wir sind daher, um Kenntnis von diesem für das Heerwesen so wichtigen Abschnitt zu erhalten, allein auf die Darstellungen von Fahnen und Feldzeichen in den Miniaturen und auf die Schilderungen der Quellenschriften angewiesen.

 

Miniaturen

In den benutzten Darstellungen der Miniaturen und Verwandtem habe ich 40 Fahnen und Fahnenlanzen – davon die Hälfte im Teppich von Bayeux – gefunden, nebst drei Feldzeichen (dracones).

 

Zunächst betrachten wir die Art und das Aussehen der Fahnen. Wir können zwei Gattungen unterscheiden: die eigentliche Fahne und die Fahnenlanze. Diese erstere teils mit, teils ohne Spitze, die letztere immer mit Spitze versehen.

 

Aus merowingischer Zeit sind mir keine Darstellungen bekannt.

 

Die karolingische Fahne endet gewöhnlich in drei Wimpeln. Das Tuch scheint entweder an der Stange angeheftet oder mit Ringen daran befestigt zu sein. Die Farbe ist meist einfach; Rot und Blau scheinen bevorzugt worden zu sein.

 

Die größere Zahl der Fahnen dieser Zeit ist auf Elfenbeinschnitzereien zu finden, eine auch auf einem Mosaikbild. Diese Elfenbeinschnitzereien zeigen übereinstimmend gleiche Form (Cahier Mel. d’Arch. II t. 7 – t. 4 – t. 5). Eine der deutlichsten Zeichnungen einer Fahne weist das Psalterium aureum St. Gallen (Rahn t. XV) auf. Ein langes, schmales Tuch, das in drei Wimpel ausläuft, deren Enden mit Knöpfen versehen sind, ist mit der Stange durch drei Ringe verbunden; die Stange krönt ein Speereisen ohne Flügel.

 

Die Fahne, die Petrus auf dem im Lateran befindlichen Mosaikbild im Triclinium Leos III. Karl dem Großen überreicht (die Darstellung stammt aus dem 9. Jahrhundert), zeigt die gleiche Form wie im Psalterium aureum, nur fehlen die Knöpfe am Ende der drei Wimpel; das Tuch ist direkt an der Stange befestigt. Diese endet in einer Spitze, die Ähnlichkeit mit einer Flügellanze aufweist, darunter eine Quaste.

 

Die gleichen Spitzen wie an dieser Fahne finden wir in der Bibel Karls des Kahlen (Bastard t. IX und XXI), beide Male von Engeln wie Lanzen getragen. Die Queransätze dieser Lanze sind spitz zulaufend, hakenförmig nach unten gebogen. Ähnliche Knäufe an Szeptern, nur stumpf, kommen ebenfalls vor. Diese Lanzenform, die den Funden fehlt, dürfte der Ursprung der Lilie im französischen Wappen gewesen sein.

 

Die Fahne selbst ist grün mit konzentrischen Kreisen versehen: das Zentrum weiß, der erste Ring rot, der zweite schwarz; ferner sind zerstreut weiße Punkte angebracht. Da aber dieses Mosaikbild mehrmals restauriert wurde und die Art der Renovation mir unbekannt ist, möchte diese Fahne doch nicht ganz beweiskräftig sein (Jäger, Weltgesch. II, 74).

 

Aus der geringen Zahl der auf Miniaturen befindlichen größeren eigentlichen Fahnen darf man nicht schließen, dass sie in eigentlich karolingischer Zeit selten geführt wurden; sie wurden nur selten dargestellt, das heißt bloß, wenn größere Kriegsscharen auftreten. Erst im 11. Jahrhundert, im Teppich von Bayeux, erhält die Fahne größere Verbreitung.

 

Bei all diesen Fahnen dürfen wir nicht an unsere Fahnen denken, die erst im Spätmittelalter in Gebrauch kamen. Die großen Fahnen jener Zeit waren höchstens so groß wie die spätmittelalterlichen Reiter- und Rennfähnlein.

 

Eine bedeutend kleinere Abart der Fahne ist die Fahnenlanze, die wir häufiger antreffen. Sie besteht meist aus zwei Wimpeln, die an der Lanze – welche verschiedene Formen aufweisen kann – unter der Tülle befestigt sind, ähnlich wie die Wimpel an den modernen Kavallerielanzen. Ausnahmsweise wird ein dreieckiges Tuch dazu verwendet.

 

Eine sehr ausgiebige Quelle für das Aussehen der Fahnen im 11. Jahrhundert – aus der wir auch auf frühere Zeiten einen Rückschluss ziehen dürfen, da die Gestalt der Fahnen im Frühmittelalter nicht sehr veränderlich war – erschließt sich uns im Teppich von Bayeux.

 

Die Hauptfahne Wilhelms des Eroberers treffen wir dort in zwei Gestalten: einmal ein rechteckiges Fahnentuch, dessen erste Hälfte in einem viereckigen Feld ein Kreuz mit abgerundeten Ecken zeigt; die zweite Hälfte endet in vier Wimpelzacken. Die Fahne ist blau, das Kreuz gelb, ebenso der erste Teil der zweiten Hälfte, alle Teile purpurn eingefasst.

 

Die andere Fahne ist trapezförmig; die erste Hälfte weist ein Kreuz auf, in dessen Ecken vier Kugeln liegen. Die zweite Hälfte ist durch zwei vertikale Felder geteilt – im ersten befinden sich drei Kugeln, das zweite ist leer –, beide schmal und enden in drei Wimpel.

 

Die angelsächsische viereckige Hauptfahne zeigt als Bild eine von einem Viereck eingeschlossene Kugel und fünf Wimpel. Der Träger ist zu Fuß, die normannischen Fahnenträger alle zu Pferd. Daneben sehen wir Fahnen, die ein Kreuz im Rechteck haben, nebst fünf Wimpeln, oder vier Kugeln in einem Viereck mit drei Wimpeln.

 

Die meisten Fahnen sind dreifach bewimpelt, meist vertikal in drei Streifen geteilt, die öfter in einem dieser drei Streifen drei bis vier Kugeln zeigen. Auch auf den Masten der normannischen Schiffe befinden sich mehrere dreiwimpelige Fahnen; auf dem Hauptschiff ist anstelle der Fahne oberhalb des Mastkorbs ein Kreuz angebracht.

 

Daneben scheinen auf der Flotte auch Signalfahnen verwendet worden zu sein: Ein mit einer solchen ausgerüsteter Mann steht auf dem Hinterteil eines Schiffes; dazu führt er ein Horn zum Signalisieren mit sich.

 

Neben diesen Formen stoßen wir noch auf eine Fahne von ganz absonderlicher Gestalt. Sie hat die Form eines Halbkreises, die Rundung nach außen; an den Rändern befinden sich neun Zacken, im Innern ein Vogelbild. Ob die Ornamentik dieser Fahnen willkürlich oder bedeutungsvoll ist, ist ungewiss und schwer zu entscheiden – ich glaube eher das Erstere.

 

Über die Farbe dieser Fahnen zu berichten, ist mir nicht möglich, da mir nur Fotografien und Zeichnungen vorlagen.

 

Diese Fahnen sind teilweise nicht viel größer als die karolingischen und ottonischen Fahnenlanzen, und viele dürfen wir direkt als Fahnenlanzen ansprechen. Sie werden nur von Anführern getragen. Ihre Stangen, ausnahmslos mit Spitzen versehen, werden zum Kampfe gebraucht – wie später in der Ritterzeit.

 

Außer den Fahnen waren noch Feldzeichen anderer Art im Gebrauch, und zwar von der karolingischen Periode bis ins 11. Jahrhundert – die sogenannten Drachenfeldzeichen (dracones).

 

Ganz vorzüglich stellt sich uns ein solcher draco im Psalterium aureum dar (Rahn t. X). Auf langer Stange wird der draco von einem Reiter getragen. Der grüne Kopf mit rot umrandeten Augen scheint aus fester Substanz – wahrscheinlich Metall oder Holz – gewesen zu sein; an ihm ist die Stange befestigt. Der Rachen, weit aufgesperrt, scheint Flammen zu speien, die wahrscheinlich durch rote, grüne und gelbe Tuchstreifen dargestellt wurden.

 

Der schlangenartige Leib ist lang, von hellgelber Färbung, mit roten und grünen Streifen und Punkten; daran befinden sich rote Flossen oder Flügel. Der Leib endet in einem rot umrandeten Skorpionschwanz. Wenn nun der Wind in diesen offenen Rachen blies, wurde der Leib wie ein Schlauch aufgeblasen und kam dadurch in schlangenartige Bewegungen, welche den Feind schrecken sollten.

 

Ganz widersinnig meint Demmin (Kriegswaffen, 680): „Es könnte sich aber auch hier um eine Falarica, d. h. Handbrandpfeil oder Brandfackel handeln.“ Nach der Darstellung im Psalterium aureum und auch früheren ist das völlig ausgeschlossen.

 

Wir begegnen dann erst wieder im Teppich von Bayeux auf angelsächsischer Seite zwei Drachenfeldzeichen. Diese Dracones sind an Stangen, nur wenig über Mannshöhe, angebracht – mit offenem Rachen, zwei mit Krallen versehenen Tatzen am Vorderleib, kurzen Flügeln und langem Schwanz. Die Drachenfeldzeichen verschwinden dann völlig im späteren Mittelalter; gefunden wurde nichts Derartiges, so wenig wie Fahnen.

 

Die Schriftquellen geben uns darüber besseren Aufschluss als die Funde und ergänzen die Darstellungen der Miniaturen.

 

Schriftquellen

Nach römischem Gebrauch werden in unseren schriftlichen Zeugnissen die Feldzeichen mit signum oder vexillum benannt. Ob sie aber nach Art der Römer aussahen, ist sehr zweifelhaft. Fahnen, wie sie uns die Miniaturen zeigten, führte das Weltreich erst ganz spät in der Kaiserzeit. Die vexilla waren an Querstangen befestigt, wie heute noch die Kirchenfahnen. Solche vexilla treffen wir ausnahmsweise zur Karolingerzeit noch in der Bibel von St. Paul (Westwood XXVIII).

 

Die Fahnen der karolingischen und der folgenden Perioden hingegen sind am Schaft mit einer Seite befestigt, entweder mit Nägeln oder mit Ringen. Das nähere Aussehen dieser Fahnen von der Völkerwanderungs- bis zur Karolingerzeit beschreiben uns die Quellen nur ganz allgemein. Wir sind hier auf die Miniaturen angewiesen. Jedenfalls waren nur die Bezeichnungen römische, nicht die Form der Fahnen.

 

Die Zahl der in den Quellen vorkommenden Fahnen beträgt etwa 80. Ihre verbreitetste Bezeichnung lautet signum (etwa die Hälfte), dann folgt vexillum, bandum, fano, guntfano. Wir sehen uns die über Fahnen handelnden Stellen zunächst genauer an.

 

Paul. Diac. I, 20 nennt uns die einheimische Benennung bei Gelegenheit des Todes des Herulerkönigs Rodolf: vexillum, quod bandum appellant. – Im origo gentis Langobardorum c. 4 wird vando (i. e. bandos) in gleicher Bedeutung erwähnt – ebenso in der historia Langobardorum Codicis Gothani c. 4: tulit bandonem – und im Glossar. Cavense et Vatican. c. 17: bandum i. e. vexillum. Dieses bandum scheint die ursprüngliche Fahnenbezeichnung gewesen zu sein.

 

In den Annales Fuldenses treffen wir dann ad 891 (Schlacht bei Löwen gegen die Normannen): signa horribilia per castra movebant. Diese schreckenerregenden Feldzeichen dürften wahrscheinlich Drachenfeldzeichen gewesen sein. Bei der gleichen Gelegenheit werden den Normannen signa regia 16 abgenommen – das weist auf eine ziemlich große Verbreitung der Fahnen hin, eine solche, wie wir sie aus den Miniaturen nicht kennen. Diese signa regia sind nicht beschrieben; ob sie identisch mit den signa horribilia waren, ist zweifelhaft, denn diese können keine gewöhnlichen Fahnen gewesen sein, weil der Ausdruck horribilis nicht dazu passen würde.

 

In den Annales Bertiniani a. 865 werden besonders vexilla Nortmannica erwähnt; diese müssen also anders ausgesehen haben als die fränkischen – wie, können wir nirgends erfahren. Die Normannen auf dem Teppich von Bayeux haben keine Andeutungen solcher Feldzeichen; die dort dargestellten gleichen völlig der karolingischen Form.

 

Daneben haben spezielle Stadtbanner existiert. Poeta Saxo vita Caroli a. 796,5: vexillaque miserat urbis Romuleae Carolo (der Papst). – Einhardi annales a. 800: Ebenso sendet der Patriarch von Jerusalem Karl dem Großen eine Fahne.

 

Neben den übrigen Fahnen führte man bei den Franken noch eine Hauptfahne, das vexillum regium (Regino a. 876: qui regium vexillum ferebat Richer I c. 9 erwähnt es mehrmals). An der gleichen Stelle erfahren wir etwas Näheres über den an sehr vielen Stellen vorkommenden signifer. Er schildert dort die Schlacht, die 892 König Odo bei Montpensier gegen die Normannen liefert. Die Franken sind am Unterliegen, die Blüte des Heeres gefallen, ebenso der Bannerträger; da erbietet sich Ingo, das Banner zu tragen: ego ex mediocribus regis agaso, si maiorum honori non derogatus signum regium per hostium acies efferam. Darauf der König: Nostro dono ac principum voluntate signifer esto.

 

Wir erkennen daraus, wie wichtig das Amt des signifer war – dass der König mitten in der Schlacht noch die Zustimmung der principes haben musste, um ausnahmsweise einen Mittelfreien zum königlichen Bannerträger zu ernennen. Nur die vornehmsten Krieger konnten sonst das Banner tragen, und zwar an der Spitze der Angriffskolonne (Annales Fuldenses a. 844: Rhaban signifer cum aliis multis ex nobilibus Procop. bell. Goth. V. 8).

 

Neben dem Hauptbanner trifft man noch weitere in den fränkischen Heeren, gerade wie auf dem Teppich von Bayeux neben den größeren Hauptbannern noch kleinere vorhanden sind. Die öfters vorkommenden Bezeichnungen signis oder vexillis levatis, erectis, illatis, collatis, sublatis etc. weisen auf eine Mehrzahl von Fahnen neben dem Königsbanner.

 

Richer III c. 69 a. 978 berichtet: ibat exercitus ergo per cuneos simbolo (vexillo) distinctos. Das Heer marschierte also in Haufen, die sich durch ihre Fahnen untereinander unterschieden; das beweist ganz sicher die Existenz von Abteilungsfahnen neben dem Hauptbanner.

 

Wie so ein Banner aussah, schildert uns Widukind res gestae Saxon. I c. 11, allerdings aus alter Zeit (a. 531): arripiens signum, quod apud eos (Sachsen) habebatur sacrum, leonis atque draconis et desuper aquilae volantis insignitum effigie. – Da Widukind ein so altes Feldzeichen nicht mehr gesehen haben kann, wird er wohl ein zeitgenössisches oder nicht viel hinter seiner Zeit zurückliegendes Banner beschrieben haben. Klar ist sein Bericht keineswegs: geziert mit dem Bilde (bzw. der Figur) eines Löwen und Drachen und darüber eines fliegenden Adlers. Wenn nicht gerade drei Tiere dargestellt wären, könnte man hier an einen draco denken; es ist aber wahrscheinlicher, dass sich diese Tierdarstellungen – die ja dem Bildkreis der karolingischen Malerei und Kleinkunst durchaus nicht fern lagen – auf dem Fahnentuch befanden. Vielleicht war der Adler nach römischer Art als Metallfigur an Stelle der Fahnenspitze angebracht; ibid. I 12 steht der Ausdruck ponunt aquilam, was auf das römische Legionsfeldzeichen passen würde. Ferner I 38 wird das Hauptbanner Heinrichs I. a. 933 in der Ungarnschlacht bei Merseburg erwähnt: coramque eo (Heinrich) angelum, hoc enim vocabulo effigieque signum maximum erat insignitum – ferner III 44 a. 955, Ungarnschlacht Ottos des Großen auf dem Lechfeld: coramque eo angelus penes quem victoria, denso agmine circumseptus.

 

Beide Stellen scheinen sich auf das Reichsbanner zu beziehen; auf dem Fahnentuch ist ein Engel abgebildet – der Erzengel Michael. Lindenschmit (Altert., S. 279 ff.) ist anderer Ansicht:

 

Die Annahme, dass diese Darstellung nur die Übertragung eines altnationalen heidnischen Bildes war, von gleichen Attributen in ähnlicher Gesamterscheinung (wie Wodan, die geflügelten Walküren, Schwanjungfrauen), würde durch die ganze Verfahrensweise der christlichen Kirche gerechtfertigt, welche in der Überzeugung von der Unmöglichkeit, die uralten geheiligten Symbole auf einmal vertilgen zu können, eher darauf bedacht war, entsprechende christliche Bilder und Begriffe an ihre Stelle einzuführen und dem Volke die Auffassung der neuen Lehre damit zu erleichtern, dass man es nicht plötzlich und überall aus der altüberlieferten Richtung seiner Vorstellung zu drängen suchte.“

 

Ich glaube nicht, dass diese Hypothese richtig ist. Lindenschmit meint in der Engeldarstellung das tuffa oder pinna genannte Feldzeichen, das bei Spätrömern und Angelsachsen vorkam, zu finden – ein wahrscheinlich aus Flügeln hergestelltes Zeichen. Das Vorkommen des Erzengels Michael in der Malerei jener Zeit ist aber nicht so selten, dass man aus zweifelhaftem Urgermanentum eine Erklärung für Widukinds Erzählung herbeizuholen braucht.

 

In den übrigen Quellen außer Beda wird die Tuffa vom 6. bis zum 11. Jahrhundert nie erwähnt; ebenfalls ist sie den bildlichen Darstellungen völlig unbekannt. Wenn die Tuffa ein angelsächsisches Nationalzeichen gewesen wäre, würde sie – wie der hochaltertümliche Draco – auch auf dem Teppich von Bayeux zu finden sein. Ein so sonderbares Federnfeldzeichen würde Widukind anders beschrieben haben; effigies könnte übrigens nie diese Bedeutung haben, wie Lindenschmit annimmt.

 

Er stützt sich noch darauf, dass die Krieger aus Sachsen, Friesland und Thüringen in diesen Schlachten anno 933 und 955 kaum erst äußerlich Christen gewesen seien. Es wäre aber doch sonderbar, wenn die christliche Lehre nach hundertjährigem Bestehen in Sachsen und Friesland – in Thüringen noch viel länger, seit dem 7. Jahrhundert – nach Karls des Großen drakonischen Gesetzen gegen das Heidentum, allen den Klostergründungen und allen Anstrengungen des römischen Stuhls usw. so wenig fest begründet gewesen wäre, dass man unter einem heidnisch-christlichen Symbol als Reichsfahne in den Kampf zog.

 

Wenn auch einzelne heidnische Sitten sich im Verborgenen noch lange gehalten haben, würde trotzdem im 10. Jahrhundert ein heidnisches Sinnbild auf dem Reichsbanner unmöglich gewesen sein – das hätte die Kirche niemals zugelassen. Ich glaube daher, dass auf dieser Reichsfahne wirklich der Drachentöter und wehrhafte Erzengel Michael dargestellt war, wie er auch in Miniaturen vorkommt (z. B. Westwood angl. sax. a. ir. mss. t. 29 Cottonianpsalter Utrecht; Stuttgarter Psalter Demmin 360; Reliquiar in Labarte Album II t. 2; Bibel von St. Paul etc.), und halte die Annahme Lindenschmits für unrichtig.

 

Die Existenz einer Reichsfahne oder Hauptfahne um das Ende des 9. Jahrhunderts – sei es nun mit oder ohne Bild – steht ganz fest; die übrigen Fahnen werden immer im Plural genannt.

 

Der Fahnenträger signifer, ahd. guntfanere (Gl. II 617,32) – antesignanus, qui in hostem fert guntfanonem (II 378,2), lat. auch guntfanonarius (capitulare v. 865 c. 13) – trägt meist die Reichsfahne. Von den übrigen Fahnenträgern erfahren wir in den Quellen beinahe nichts; dass Könige die Fahne selbst trugen, kam auch vor: Ludwigslied 27: Thö nam her gödes urlub, huob her gundfanon üf, reit her thara in Vrankön irgangan Northmannon.

 

Die kaiserliche Fahne erwähnen Ottonis II. Diplom. 280 Capua 982: sub fanone nostro hoc est imperiali vexillo. – In den ahd. Glossen steht II 610,44 vexillum und II 610,31 signum für fano, ebenso vexillum für gundfano (I 356,1).

 

Über das Aussehen dieser Fahnen sind wir, abgesehen von den vorher angeführten Stellen, nur im Allgemeinen unterrichtet. Dass sie aber vielfach sehr kostbar verziert und aus reichem Stoff gewesen sein müssen, ergeben die folgenden Belege, die sich zwar meist auf Kirchenfahnen beziehen, jedoch immerhin – wenn wir sie mit den im Beowulf vorkommenden Kriegsfahnen in Beziehung bringen – einen Rückschluss auf das Aussehen der Kriegsbanner zur Karolinger- und der nachfolgenden Periode zulassen.

 

Angilberti abbatis de eccles. Centulensi libell. c. 3: fanones de palleo aureo paratos 10 Cartula traditionis Emhildae abb. de monasterio Milize 8. Febr. 800: donamus … fanones auro argentoque parati 7 Benedicti chronicon c. 23: vexillum aureum mire magnitudinis imposuit Cartula traditionis Madalwini chorepiscopi ad Burcardum eps. Pataviensem Passau 8. Sept. 903: cum anfanone auro et gremmis (= gemmis) paratum Gesta abbat. Fontanellensium c. 17: fanones ac lintea non occurrunt memoriae quod fuerint numero ibid.: fanones optimos, unum auro decoratum, alterum stauratio (d. h. kostbare, mit Seide und Gold gestickte Stoffe) – Gesta abbat. Trudonens. Cont. III c. 3 a. 870: 4 fanones ad offerendum Traditiones quaedam factae eccl. Herbipolensi saec. IX: 5 fanones siricae (seidene).

 

[Obige Zitate aus Schlosser, Schriftquellen zur karolingischen Kunst.]

 

In Kirchenschätzen erwähnen die Schriftquellen des Öfteren noch fanones; dass diese ähnlich geschmückt gewesen sind, ist klar – gewöhnliche Fahnen würden gleichzeitig mit anderen wertvollen Gegenständen nicht aufgezählt worden sein. Wir werden uns die im Beowulf angeführten Fahnen ähnlich zu denken haben:

 

B. 47: ein goldenes Banner – 1022: ein goldenes Banner zum Lohn des Sieges, ein geschmücktes Banner – 2768: So sah er auch liegen ein Banner ganz von Golde, hoch auf dem Horte, das größte Handwunder, in Maschen gewirkt; auf dem war ein Lichtschein, dass er den Grund der Höhle wahrnehmen konnte, das Kunstwerk beschauen – 2777: das Banner nahm er, der Handwunder größtes.

 

Auch ohne nähere Bezeichnung kommt das Banner im Beowulf vor.

 

Diese Fahnen und Banner müssen äußerst wertvoll und kostbar gewesen sein. In den Kirchenschatzinventaren figurieren sie neben den reichsten goldenen und silbernen Kultgeräten, und auch die Fahne im Beowulf befindet sich unter dem unermesslichen Schatze der Drachenhöhle. Wahrscheinlich war das seidene Tuch (sirica) reich mit Gold und Silber bestickt, sogar mit eingefassten Gemmen besetzt – mühsame Handweberei oder Stickerei, jedenfalls weithin sichtbar schimmernd (Beowulf 2768) – vexilla levata coruscant (Angilberti carm. de Carolo magno III 476).

 

Aus allen diesen Schriftquellen geht hervor, dass der Gebrauch der Fahne zur Karolingerzeit für Kriegszwecke als Feldzeichen in weit größerem Maße verbreitet war, als wir aus den Miniaturen ersehen konnten.

 

Eine Abart der Fahne ist die in den Miniaturen öfters zu findende Fahnenlanze, die hasta signifera; über ihren Zweck und ihre Bestimmung erfahren wir nur ganz wenig in den schriftlichen Zeugnissen. Sicher ist, dass sie bei der Belehnung durch den Kaiser dem zu Belehnenden überreicht wurde: hasta signifera ducatum dedit (Thietmar chron. VI 3; vergleiche Ottoevangeliar f. Aachen).

 

Zur Karolingerzeit scheinen diese Wimpel an der Lanze bloß zur Zierde angebracht worden zu sein; erst später erhielten sie die obige Bedeutung.

 

Miniaturen und Schriftquellen

Die Darstellung der Fahne in den Miniaturen und Schriftquellen ergänzen sich gegenseitig: Geben erstere die Form, so letztere den Stoff, das Material, den Zweck und den Gebrauch. Wo beide Quellen das Gleiche schildern wollen, passt es aufeinander. Die Zeichnung des Draco entspricht der Erzählung. Farben geben uns die Miniaturen wie die schriftlichen Zeugnisse an. Große Haupt- und kleine Nebenfahnen treffen wir in beiden Quellen.

 

In den karolingischen Miniaturen fehlen die Fahnenbilder; erst im Teppich von Bayeux treten Anfänge auf, während die Schriftquellen schon aus früher Zeit solche erwähnen. Hier haben wir es aber wahrscheinlich mit einer Versetzung eines jüngeren Brauchs in das Altertum zurück zu tun. Aussehen und Zweck der Fahnenlanzen ist in beiden Quellen analog.

 

Wir haben also erfahren, dass die Fahne von der Karolingerzeit an immer mehr Geltung im Kriegswesen erlangt hat und zur Unterscheidung der taktischen Einheiten im Kriege angewendet wurde – teils als Hauptfahne des Königs oder Kaisers, teils als Fahne der einzelnen Heeresabteilungen. Schade, dass uns gar keine Funde dieses wichtigen Heergeräts erhalten sind.


Quelle: Die Trutzwaffen der Karolingerzeit vom 8. bis zum 11. Jahrhundert