Da in neuerer Zeit über Entdeckung und erste Erkennung der Pfahlbauten als solcher irrthümliche Ansichten zu verbreiten gesucht werden, so findet sich die Zürcherische antiquarische Gesellschaft veranlasst, den Hergang der Sache einmal einfach und der Wahrheit gemäß zur Kunde des Publikums zu bringen, wobei jedem, was ihm gebührt, gegeben werden soll.
Es war im Februar 1830, als zu Männedorf am Zürichsee eine einer bestimmten Anzahl Bürger zuständige Habe tiefer gelegt ward, um bequemeres Anlanden der Schiffe zu ermöglichen. Das dabei herausgehobene Material ward auf einer benachbarten Wiese ausgebreitet und erwies sich bald als Seeschlamm und Moder, in welchem verfaultes Holz, Knochen und einzelne Kohlen, sowie eine Anzahl Steinbeile sich befanden. Durch einen Anverwandten auf diese Steinbeile aufmerksam gemacht, verfügte sich Herr Dr. Ferdinand Keller, Präsident der antiquarischen Gesellschaft, an Ort und Stelle, um sowohl das Gefundene in Empfang zu nehmen, als auch die Fundstelle einer genaueren Untersuchung zu unterwerfen. Die Reste des Holzes und die Steinbeile, die man damals noch für Abhäuteinstrumente hielt, der Geruch des Moders und Anderes bestimmten Herrn Dr. Keller zur Annahme: es habe hier, am Rande des Sees, eine Art von Gerberei in der Urzeit gestanden, und er teilte dies der Gesellschaft als das Ergebnis wiederholter Betrachtung des Ortes und der Fundgegenstände mit.
Von diesem Augenblick an blieb seine unausgesetzte Aufmerksamkeit auf diese Gegend des Sees gerichtet. Die gänzliche Lösung des Rätsels erfolgte aber erst im Jahre 1854, weil damals in Folge des höchst trockenen Winters der Seespiegel überaus tief stand. Herr Lehrer Aeppli zu Obermeilen berichtete nämlich an das Präsidium der antiquarischen Gesellschaft über das Zutagetreten von Gegenständen in dem vom Wasser verlassenen Seebett, welche über den frühesten Zustand der Bewohner dieser Gegend Aufschluss zu geben geeignet seien. Da Herr Dr. Keller abgehalten war, sich persönlich an Ort und Stelle zu begeben, so veranlasste er Herrn Prof. Escher von der Linth, als Geologen, und Herrn Dr. Heinrich Meier, als Altertumskenner, statt seiner sich nach Meilen (das alte Mediolanum) zu verfügen. Ersterer hatte vor allem die Frage zu beantworten: ob die gefundenen Pfähle früher am Lande gestanden hätten. Herr Prof. Escher sprach hierauf auf das Bestimmteste aus, dass die Pfähle den dortigen Terrainverhältnissen gemäß gleich von Anfang im See gestanden haben müssen.
Von da an begab sich Herr Dr. Keller mehrere Male nach Meilen, und er überzeugte sich, dass dort im See auf den Pfählen einst Hütten standen, ähnlich den Fischerhütten, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in der Limmat errichtet waren, jedoch mit dem Unterschied, dass erstere, gemäß der Art und Beschaffenheit der zwischen den Pfählen gefundenen Geräte, bewohnt, letztere jedoch nicht bewohnt waren, sondern nur zum Fischfang gebraucht wurden.
Die von dieser Entdeckung in verschiedenen Zeitungen gegebenen Berichte zündeten, und es kamen nun von verschiedenen Gegenden der Schweiz, vom Westen und Osten, Anzeigen an die Gesellschaft, dass ähnliche Pfahlbauten in den Seen entdeckt worden seien. Die wichtigste Entdeckung war unstreitig die im Bielersee, weil dort, in der Nähe von Nidau, in einer Untiefe, Steinberg genannt, eine Menge von Pfählen zu Tage traten, zwischen denen eine Masse von Thongeschirr, sowie Stein- und Bronzegeräte, wie schon früher, so auch jetzt wieder entdeckt wurden. Herr Dr. Keller reiste bald nachher dahin, untersuchte mehrere Wochen hindurch die Fundorte und vervollständigte dadurch seine Idee von den Pfahlbauten, d. h. Niederlassungen in auf Pfählen im See errichteten Hütten, die vor ihm niemand ausgesprochen hatte, und die damals noch viele Gegner und Bestreiter fand. Ja, er entschied sich dahin, dass in der Urzeit sich die Bevölkerung zum Teil bleibend auf den Seen, wahrscheinlich zur Sicherung ihrer Personen und ihrer Habe, angesiedelt gehabt.
Dies ist der Hergang der Sache, und es ergibt sich daraus, dass vor Herrn Dr. Keller niemand eine Ahnung hatte, dass diese Pfähle in den Schweizerseen Böden und Hütten trugen, und dass diese Gerüste, die er Pfahlbauten benannte, von den Ureinwohnern bleibend bewohnt wurden.
Zürich, Januar 1866.
Im Namen der Zürcherischen antiquarischen Gesellschaft
Quelle: Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 13. Jahrgang. Nürnberg, 1866. Februar.
