Die Herstellung von Butter gehörte über Jahrhunderte zu den anspruchsvollsten Aufgaben der bäuerlichen Hauswirtschaft. Doch das Buttern war weit mehr als ein mechanischer Prozess; es war ein sensibler chemischer Umwandlungsprozess, der nach damaligem Verständnis ständig durch äußere, oft übernatürliche Einflüsse bedroht war. Die kulturhistorische Analyse der „Wörter und Sachen“ (Band 5, 1913) zeigt, dass das Butterfass nicht nur als technisches Gerät, sondern als ein hochgradig rituell aufgeladener Gegenstand begriffen wurde. Die Bezeichnungen der einzelnen Teile und die damit verbundenen Bräuche offenbaren eine tiefe psychologische Angst vor dem Misslingen der Arbeit und dem „Raub“ des Ertrags durch magische Mächte.
Die Mechanik des Gelingens: Stoß- und Schlagfässer
Die Sachkultur der Butterherstellung kannte zwei dominierende Grundformen: das vertikale Stoßbutterfass und das spätere, horizontale Schlag- oder Rollbutterfass. Das Stoßfass bestand aus einer
hohen, konischen Holzbütte und dem „Stößel“ oder „Butterstock“, an dessen unterem Ende eine gelochte Scheibe angebracht war. Die terminologische Vielfalt für diesen Stößel – oft als „Patsch“,
„Rührstiel“ oder „Mampf“ bezeichnet – deutet auf die physische Schwere der Arbeit hin. Die präzise Passform des Deckels, durch den der Stößel geführt wurde, war entscheidend, um das Verspritzen
des Rahms zu verhindern.
Technisch gesehen basiert das Buttern auf der Zertrümmerung der Fettkügelchen im Rahm, bis diese verkleben. Da dieser Prozess stark von der Temperatur und dem Säuregrad des Rahms abhängt, konnte
er oft Stunden dauern oder völlig misslingen, wenn der Rahm „nicht kommen wollte“. In der Sprache der Sachforschung wird deutlich, dass für diesen technischen Fehler oft keine physikalischen,
sondern moralische oder magische Ursachen verantwortlich gemacht wurden. Ein Fass, das nicht „gab“, wurde als verhext oder „beschrien“ betrachtet. Die Reaktion darauf war eine Erweiterung der
technischen Handhabung durch rituelle Handlungen: Man legte geweihte Gegenstände unter das Fass oder umwickelte es mit spezifischen Kräutern, um die funktionale Ordnung wiederherzustellen.
Die Sprache des Schutzes: Tabus und Zaubersprüche
Ein faszinierender Aspekt in Band 5 ist die Untersuchung der Tabus, die das Butterfass umgaben. Da das Buttern als ein fast alchemistischer Vorgang galt – die Verwandlung von Flüssigem in Festes
–, war der Ort des Geschehens ein geschützter Bezirk. Fremden war der Zutritt oft untersagt, und wer den Raum betrat, musste symbolisch „mithelfen“ (kurz den Stößel führen), um das Unglück
abzuwenden. Die Bezeichnungen für das Fass selbst waren in manchen Regionen mit Euphemismen belegt, um keine bösen Geister anzulocken.
Die Etymologie von Wörtern wie „Anhexen“ oder „Abstellen“ im Kontext der Milchwirtschaft zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber der Umwelt saß. Man glaubte an den „Milchdiebstahl“ durch Hexen,
die angeblich aus der Ferne den Rahm im Fass verderben konnten. Um dies zu verhindern, wurden in das Holz des Fasses oft Schutzzeichen eingekerbt – Kreuze, Pentagramme oder Runen –, die fester
Bestandteil der „Sache“ waren. Das Butterfass war somit ein hybrides Objekt: Es musste sowohl mechanisch einwandfrei funktionieren (die Dauben mussten dicht sein) als auch symbolisch „dicht“
gegenüber magischen Angriffen sein. Die Sachkultur integrierte den Aberglauben als eine Form der präventiven Wartung.
Materielle Relikte des Glaubens: Bauopfer und Einlagen
Die Sachforschung förderte Erstaunliches über das Innenleben und die Aufstellung der Fässer zutage. In vielen alten Gehöften fand man unter dem Standplatz des Butterfasses kleine Depots –
sogenannte Bauopfer –, bestehend aus Münzen, Salz oder Haaren des Viehs. Diese Funde korrespondieren mit der terminologischen Untersuchung von Begriffen wie „Segen“ oder „Gedeihen“, die im
bäuerlichen Dialekt sowohl das materielle Gelingen als auch den göttlichen Schutz meinten.
Auch die Reinigung des Fasses war ein ritueller Akt. Man nutzte nicht nur heißes Wasser, sondern oft Aufgüsse aus Brennnesseln oder anderen „abwehrenden“ Pflanzen, deren Namen in der bäuerlichen
Fachsprache oft auf ihre magische Reinigungsfunktion hindeuteten. Das Butterfass blieb bis zur Einführung der industriellen Zentrifuge ein Symbol für die Prekarität des bäuerlichen Wohlstands.
Wer die Geschichte dieses Geräts über seine Wörter und seine materielle Beschaffenheit liest, erkennt eine Welt, in der Handwerk und Magie unlösbar miteinander verwoben waren. Die technische
Beherrschung der Natur war ohne die rituell-sprachliche Absicherung des Prozesses im damaligen Verständnis undenkbar.
Quellennachweis:
Primärquelle: Wörter und Sachen: Kulturhistorische Zeitschrift für Sprach- und Sachforschung, Band 5 (1913), S. 211–240 (Beiträge zur Milchwirtschaft und Volkskunde).
Ergänzende Literatur: Hanns Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (Stichwort: Butter, Butterfass).
Kontext: Heide Nixdorff, Zur Typologie und Geschichte der Butterfässer.
