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Die Kreuzigung Christi und der beiden Schächer, ein Holzschnitzwerk in der Michaeliskirche zu Zeitz

Die Michaeliskirche zu Zeitz besitzt in dem über der Sakristei befindlichen Bibliothekzimmer ein Holzschnitzwerk, welches der Beachtung der Künstlerwelt in hohem Grade empfohlen zu werden verdient. Dasselbe stellt die Kreuzigung Christi und der beiden Schächer links und rechts von Christus vor, und besteht in einem durch kräftige Glieder und postamentartige Vorsprünge belebten Untersatz von ungefähr 4 Fuß Breite, auf den Postamenten nachgeahmte Erd- oder Felsenpartien und auf diesen die drei Kreuze in rohen, wild geästelten Baumformen, die letzteren gegen drei Fuß hoch.

 

Auf die Ausarbeitung ist in jeder Hinsicht der größte Fleiß von echter Künstlerhand verwendet; wenn dies schon von dem schön gegliederten Unterbau mit zierlichen Verkröpfungen, von Christo mehr als von den Verbrechern gilt, und von der Natürlichkeit des mit Gras bewachsenen Felsens, sowie von der ungezwungenen Form der zu Kreuzen hergerichteten und auf der Überblattung zusammengenagelten Baumstämmen, so gilt dieses vornehmlich von den drei menschlichen Figuren. Die Richtigkeit und Wahrheit der Zeichnung in den Gliedern, des Muskelwesens bei der durch die Annagelung und Aufhängung notwendigerweise sich darstellenden Verrenkung, wobei sich die Äußerung des dabei empfundenen Schmerzes so herrlich ausdrückt, ist unvergleichlich schön und des Studiums wohl wert. Christus in ruhiger Ergebung, im Gebet zu Gott und um Vergebung der Sünden der Welt den himmlischen Vater anrufend; der jugendliche Schächer, Christo zur Rechten, in bußfertiger Reue, ringend mittels des gefesselten Körpers und stöhnend um Vergebung flehend; der ältere, bärtige Schächer, Christo zur Linken, im Kontrast hiergegen, zwar auch ringend, jedoch nur, um sich von seiner Fesselung zu befreien, gesenkten Hauptes, mit mürrischem, verstocktem Gesicht vor sich hin starrend.

 

Die Figuren sind aus besonderen Holzstücken geschnitzt und mittels kräftig gekuppter Nägel befestigt. Jedenfalls war das Ganze ursprünglich unangestrichen, wie jeder Künstler verfahren würde; doch scheint in späterer Zeit eine dem Stoff entsprechende Malerei beliebt gewesen zu sein, von welcher im Lauf der Jahre viel verblichen ist. Es wäre gut, wenn die ganze Farbe verschwunden wäre, um die der feinen Zeichnung hinderliche Dicke des Anstrichs, zumal bei Figuren in solch kleinem Maßstab, wieder zu entfernen; jedoch sind noch Stellen damit versehen und kleine Fleckchen ersichtlich, welche einer photographischen Abbildung nicht ohne Nachteil sind. Nichts desto weniger lohnt die letztere und ist von dem geschickten hiesigen Photographen Wiegand sehr gelungen ausgeführt worden.

 

Was nun den Namen des Verfertigers anlangt, so steht zwar auf dem mit Ölfarbe angestrichenen Postament:

 

„Johann Opfermann — Anno 1685.“

 

Doch will mir hieraus nicht unbedingt hervorgehen, dass dieses der Name des Anfertigers und 1685 die Zeit der Entstehung sei. Indem dieses mit weißer Ölfarbe auf grauem Ölfarbengrund nicht gerade künstlerisch geschehen und gleichzeitig etwas prahlend für den Beschauer nach vorn gerichtet ist, will mir umso mehr aus der Vorzüglichkeit der Arbeit an dem Kunstwerk der Schluss verzeihlich erscheinen, dass das Schnitzwerk vielleicht fast 200 Jahre früher, nämlich in der Zeit vom Jahr 1470–1540 gefertigt sein möchte[A]. Auch ist mir von einem Johann Opfermann, Anno 1685 als Bildhauer wirkend, nichts bekannt; möglich auch, dass es der Geber war, oder der Anstreicher.

 

Schließlich bemerke ich noch zur Vervollständigung dieses Berichtes, dass auf einem flatternden Zettel über Christi Haupt das INRI zu lesen, und am Fuße des Mittelkreuzes ein kleiner, zierlicher Totenkopf auf zwei Knochen liegend und mit einer Schlange, welche sich durch die Augenhöhlen windet, angebracht ist.

Zeitz.

 

Gustav Sommer.

 

Fußnote:

[A] Nach der Photographie zu schließen, fällt die Zeit der Entstehung des Bildwerkes mit der darauf angegebenen Jahreszahl zusammen.  Anm. d. Red.

 


Quelle: Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 13. Jahrgang. Nürnberg, 1866.